Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8 Jahren
Auch als eBook erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Armut, Mobbing, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Das Buch beschäftigt sich u.a. mit dem in der Kinderliteratur oft vernachlässigten Thema Armut und zeigt den jungen Leser*innen konstruktiv, wie man mit Armutssituationen umgehen kann. Dabei bleibt es authentisch und realistisch: Es gibt keine “Erlösung” aus, sondern einen guten Umgang mit der Situation. Außerdem zeigt es, dass auch Jungs-Charaktere, die nicht den üblichen Klischee-Merkmalen “stark, durchsetzungsfähig, laut” entsprechen, tolle Kinderbuchhauptcharaktere sein können, mit denen man sich gerne identifiziert.
Das Thema Trennung der Eltern wird realitätsnah und nicht probematiserend behandelt.

Inhalt:
Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut.
Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant.

Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen – und das Auto ist auch kaputt.
Aber Antons Mutter findet eine Lösung für das Ferien-Dilemma: Zu Fuß sind sie zusammen mit Meerschwein unterwegs zum nächsten Campingplatz. Als der ausgebucht ist, zelten sie kurzerhand (unerlaubt) wild im Wald, was immer wieder zu aufregenden Situationen führt. Anton lernt im Wald ein Mädchen kennen, das auch einiges an innerem Ballast mit sich herum trägt.
Obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde – und schließlich rettet Anton dem Mädchen sogar das Leben. Und dann ist plötzlich das Meerschweinchen verschwunden und Antons Mutter kommt vom Einkaufen nicht mehr zurück… Eine ungewöhnliche und actionreiche Sommergeschichte, die Kindern Mut macht.
Anton wird in diesen Ferien, die so unschön begannen, selbstbewusster und stärker – ohne sich dabei zum Superhelden zu entwickeln. Anton bleibt Anton, aber fängt an, sein Potential auszuschöpfen.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 
Die Kinderjury fand es etwas Besonderes, dass ein ängstlicher, ruhiger Junge sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen anfreundet. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern.
Kinder, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit dem Hauptcharakter identifizieren.
Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

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Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal muss man einfach verduften

176 Seiten, Carlsen, 12 Euro, ab 10 Jahren

Auch als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Hörbuch Hamburg) erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, Familienkonzept, gegen Adultismus

Der KIMI-Faktor:
Die Geschichte ist ein klares Signal gegen Adultismus: Erwachsene üben Entscheidungsmacht aus gegenüber Kindern – und liegen damit jedes Mal falsch. Die beiden kindlichen Hauptcharaktere beschließen, sich gegen die Vorschriften und Pläne des Schaffners, der Polizei, der Fast-Food-Verkäuferin usw. zu verhalten – und treffen in den meisten Fällen gut überlegte eigene Entscheidungen. Natürlich ist das Buch eine fantasievolle Geschichte und keine Tatsachenbeschreibung und manche Situation wäre im wahren Leben möglicherweise weniger glimpflich verlaufen: Dabei bleibt es trotzdem ein Mut-Mach-Buch für Kinder, Verbote und Gebote von Erwachsenen zu hinterfragen.
Geschlechterklischees werden ganz selbstverständlich über den Haufen geworfen: Jola ist die mutige Draufgängerin, Finn eher sensibel und zurückhaltend.
Auch verschiedene Familienkonzepte werden sehr authentisch beschrieben, Finns Eltern sind getrennt, Jolas Eltern sind verheiratet und wenden bei ihrer Tochter einen strengen Erziehungsstil an, was Jola immer wieder erzählt, negativ sieht und in Frage stellt.
Menschen mit Migrationshintergrund dürfen in einer Geschichte in und um Berlin nicht fehlen: So stammt Jolas Familie ursprünglich aus Polen und der Freund von Finns Mama heisst Mukhtar – und lässt einen möglichen Migrationshintergrund erahnen, ohne dass dies zum Thema gemacht wird.

Inhalt:
Der neunjährige Finn pendelt zwischen den Wohnorten seiner getrennt lebenden Eltern – zwischen Berlin und einem brandenburgischen Dorf. Zum ersten Mal soll er die Strecke allein mit dem Zug fahren. Ein bisschen mulmig ist Finn schon, aber eigentlich freut er sich, dass Papa ihm zutraut, die Bahnfahrt alleine zu schaffen. Und was soll auch schon passieren: Papa setzt ihn in den Zug und Mama wird ihn Berlin Hauptbahnhof am Bahnsteig abholen.
Aber dann geht eben alles doch gehörig schief: Auf der Fahrt

wird er von dem sonderbaren Mitreisenden „Hackmack“ in ein Gespräch verwickelt, der Finn schließlich seinen Rücksack klaut: Mit allem, was Finn benötigt – der Fahrkarte, dem Handy, Papas Spezialstullen gegen plötzlichen Hunger und noch mehr.
Als der verzweifelte Finn vom Schaffner kontrolliert wird, wirft dieser Finn aus dem Zug und übergibt ihn der Polizei. Als das Polizeiauto in einen Unfall verwickelt wird, lernt Finn die zehnjährige Jola kennen, die ihm den Rat gibt, es sei besser zu “verduften”.
Und jetzt nimmt die Geschichte so richtig Fahrt auf und wird zur abenteuerlichen Roadnovel: Finn und Jola hauen ab und machen sich gemeinsam auf den Weg in die “Tzitti”.
Sie verstecken sich in einem Müllcontainer, fahren Traktor, bis der Diesel ausgeht, schlafen im Wald, treffen auf einen Wolf und Motorrad-Rocker – und schließlich bekommen sie sogar Finns Rucksack zurück und es gibt ein tolles Happy End in Berlin.
Rasant, komisch, aber durchaus tiefgründig. Es stellt sich heraus, dass wahr ist, was viele Kinder schon immer vermuten: Es sind schon hauptsächlich die Erwachsenen, die die Probleme bereiten und falsche Entscheidungen treffen.
Jola und Finn sind keineswegs überzogenene Held*infiguren, sondern einfach zwei Kinder, die den Mut haben oder sich nehmen, den Aufgaben und Problemen, die sich ihnen stellen, den Kampf anzusagen. Dabei ist Jola durchaus die mutigere von den beiden und Finn eher zurückhaltend und nachdenklich.
Ein Roman, der die Leser*innen in die Freiheit mitnimmt.

Das sagt die Kinder-Jury:
Mit was für großer Begeisterung wurde dieses Buch gelesen! Noch beim Nacherzählen und Austauschen wurde viel gelacht. Die Kinder fanden die Geschichte von Jola und Finn spannend und vor allem lustig erzählt. Sie konnten sich sowohl in die selbstbewusste und abenteuerlustige Jola, als auch in den etwas schüchternen Finn gut hineinversetzen. Dass dies so gar nicht den gängigen Geschlechterrollen und Klischees entspricht, nahmen die Kinder ganz selbstverständlich an. Martin Musers erzählerische Beiläufigkeit machte es den Kindern leicht, dies wie auch andere Vielfaltsaspekte als die normalste Sache der Welt bzw. einfach die alltäglichen Lebensumstände anderer Kinder anzusehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Mit viel Situationskomik wird der abenteuerliche Roadtrip zweier Kinder erzählt. Von den Erwachsenen anfangs im Stich gelassen, setzen sie sich couragiert über Verbotenes hinweg und meistern so knifflige Situationen. Unterwegs treffen sie immer wieder für sie auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Menschen, die ihnen selbstverständlich zur Seite stehen. Ein Kinderbuch voll Witz, das zeigt, dass sich ein gewisses Maß an Chuzpe bewährt und dass ein kreativer Umgang mit Regeln durchaus sinnvoll sein kann. Ganz selbstverständlich wird hier mit Geschlechterklischees gespielt, wenn Jola den Ton angibt und Finn sich noch überwinden muss, den Mut für manche schwierige Situation zu entwickeln.

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Sayantani DasGupta: Das Geheimnis des Schlangenkönigs

übersetzt von Gabriele Haefs, 320 Seiten, Carlsen, 15 Euro, ab 11

Als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Silberfisch) erhältlich

Vielseitigkeitsmerkmal: Familien mit Adoptiv- oder Pflegekindern, Menschen mit Fluchterfahrungen

Kimi-Faktor: Das Buch zeigt eine Abenteuerreise, eine geflohene Prinzessin kehrt in ihr Reich zurück und sagt  ihrem leiblichen Vater die Meinung.
Der Hauptcharakter Kiranmala tritt die Reise an um ihre Adoptiveltern zu suchen. Es wird auf das Thema Adoption, Bedeutung Adoptiveltern in der Kindheit eingegangen.

Kiranmala lebt in New Jersey, wo ihre Eltern einen kleinen Laden für indische Lebensmittel betreiben. An ihrem 12. Geburtstag sind ihre Eltern urplötzlich verschwunden, stattdessen stehen zwei seltsame Jungen vor der Tür, die sich als Prinzen aus einer magischen Welt vorstellen und das Mädchen dorthin abholen wollen. Damit nicht genug, ein Rakhoshi taucht auf, ein riesiger Dämon aus ebendieser Fantasiewelt, der sich wütend sabbernd auf die Jagd nach den drei Kindern macht. Auf fliegenden Pferden beginnt nun eine gefährliche Reise, auf der Kiranmala große Abenteuer besteht, neue Freund*innen findet und Fantastisches über ihre Herkunft und Familie erfährt – denn auch sie ist nicht weniger als eine Prinzessin. Die rasante und überaus humorvolle Geschichte verbindet gekonnt einen zeitgenössischen Erzählton mit indischen und westbengalischen Mythen. An den ersten Band der Abenteuer um Kiranmala und ihre magische Familie schließen sich ein Glossar sowie Erklärungen zum mythologischen Ursprung der Geschichte an. 

Das sagt die Kinder-Jury:

Dank des farbenfrohen und auffälligen Covers haben alle Kinder der Jury extrem neugierig auf diesen Titel reagiert, verspricht er doch schon von Außen abenteuerlichen Lesespaß. Begeistert waren die Kinder auch nach der Lektüre, die spannend und mit viel Wortwitz erzählte Geschichte der mutigen Prinzessin Kiranmala hatte alle in ihren Bann gezogen. Besonders die detailliert beschriebenen Figuren aus der Welt der indischen und westbengalischen Märchen, von denen sich die Autorin inspirieren ließ und die, für die Kinder komplett neu waren, sind sehr gut angekommen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein Fantasy-Abenteuer mit einer weiblichen Hauptperson und Gestalten aus der indisch-bengalischen Mythologie, mit viel Humor erzählt! Ein spannendes Abenteuer jagt das nächste – mancher oder manchem Leser*in mag das manchmal schon fast zu schnell gehen.   

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David Arnold: Herzdenker

übersetzt von Ulrich Thiele, 376 Seiten, Arena Verlag, 17 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Herzdenker erzählt die Geschichte der Helden des Hungers, einer Clique, bei der die beiden Hauptpersonen Vic, ein Junge mit dem Möbius-Syndrom und Mad, die als Waise mit ihrer dementen Großmutter beim gewalttätigen Onkel lebt, im Mittelpunkt stehen. Aus ihren Perspektiven berichten sie abwechselnd und in Rückblenden vom Kennenlernen, vom Zusammenhalt und von der gegenseitigen Unterstützung, die sie in der Gruppe erfahren. In dieser Wahlfamilie, die von Baz, einer Art jugendlicher Vaterfigur, zusammengehalten wird, fühlen sie sich aufgehoben und uneingeschränkt respektiert, was besonders für Vic eine wunderbare Erst-Erfahrung ist. Anrührend und vor allem spannend wird so erzählt, wie sich die Helden des Hungers um Vic und die Urne seines Vaters versammeln, dessen letzte Wünsche erfüllt werden wollen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Auch wenn Covergestaltung und Klappentext auf den ersten Blick nur wenig Anklang fanden – und wieder einmal die Frage, warum orientiert man sich nicht mehr am Original -, wurde die Geschichte von Vic, Mad und den Helden des Hungers für einige Jurymitglieder doch noch zu einem echten Lieblingsbuch. Die Sprache des mehrstimmig erzählten Jugendromans ist – wenn auch manchmal etwas klischeehaft in ihren Darstellungen – abwechslungsreich, dabei schön, witzig, philosophisch und respektvoll. Alle Protagonist*innen sind auf ihre verschiedenartige Weise gleichwertig, was den liebevollen Zusammenhalt der Wahlfamilie widerspiegelt. Ihre verschiedenen Sichtweisen sind gut beschrieben, die Erzählwechsel aber durchaus komplex und manchmal auch ein wenig verwirrend. Zum Ende wird es immer spannender mit unerwartetem Schluss!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine Clique Jugendlicher steht im Zentrum dieses außergewöhnlichen Buches. In ihrer Gemeinschaft finden die Jugendlichen, die alle auf die eine oder andere Art Außenseiter*innen sind, Solidarität und Mitgefühl. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um einen spannend geschriebenen Krimi, einer der Jugendlichen soll einen Mord begangen haben. Dabei geht es in diesem bewegenden Jugendroman um viel mehr – um Liebe und Trauer, um Zugehörigkeit, Ausgrenzung, gewaltvolle Lebensverhältnisse, Solidarität und Respekt.


Jennifer Mathieu: Moxie. Zeit zurückzuschlagen

übersetzt von Alice Jakubeit, 352 Seiten, Arctis Verlag, 16 Euro, ab 14

auch als eBook (Arctis Verlag) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Moxie, ein anderes Wort für Courage. Für so eine Mischung aus Mut und Wut!“ Und Vivian ist so richtig sauer, denn in ihrer texanischen Heimatstadt scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein – zumindest was die Gleichstellung von Mädchen und Jungen an ihrer Highschool angeht. Aber sie traut sich nicht, gegen die Missstände vorzugehen. Schließlich ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter ein zurückhaltendes Mädchen und kein Riot-Grrrl, oder doch? Was kann sie schon gegen die ewig sexistischen Kommentare der Jungs tun, die ungestört Outfits und Ansichten der Mädchen bewerten, wenn noch nicht einmal Grapschen für das Lehrpersonal ein Problem ist, „weil er das doch bestimmt nicht so gemeint hat“? Inspiriert von der Vergangenheit ihrer Mutter beginnt sie anonym feministische Flugblätter zu verteilen. Damit legt sie den Grundstein zu nicht weniger als einer Revolution, denn mit der Wut wächst der Zusammenhalt der Mädchen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Tatsächlich musste einige Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Juryteam von der Lektüre des Titels zu überzeugen. Mehrheitlich ging das Interesse gen Null, da das pinke, mit Sternchen verzierte Cover als nicht ansprechend empfunden wurde. Zwar erschließt sich diese Auswahl bei der Lektüre. Aber unter Umständen ist das eben zu spät, nämlich dann, wenn das Buch erst gar nicht zur Hand genommen wurde. Was sehr schade wäre, denn einmal begonnen, wurde das Buch mit sehr großer Begeisterung gelesen. Auch wenn die Jurymitglieder die Geschehnisse aus dem eigenen Schulalltag in der geschilderten Drastik nicht kannten, fanden sie diese doch realistisch, glaubwürdig und vor allem mitreißend beschrieben. Es wurde lebhaft mit der zu Beginn sehr schüchternen Vivian mitgefiebert und ihr mehr Mut gewünscht. Als sehr empowernd wurde das Zusammenwachsen und zunehmende für einander Einstehen der Mädchen in der Schule gelesen. Kritisiert wurde die Übersetzung des Jugendromans für die Benutzung des Wortes “Farbige”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Inspiriert von der US-amerikanischen feministischen Riot Grrrl Bewegung der 1990 beginnt Viviane den Kampf gegen den an ihrer Highschool herrschenden Sexismus. Anschaulich werden die Auf- und Abs der Gefühle der Protagonistin und ihrer Freund*innen und Mitkämpfer*innen geschildert. Positiv ist auch, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Viviane und Seth ohne Kitsch und Genderstereotype auskommt. Ein rundum empfehlenswertes, spannendes Buch!

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Melba Escobar de Nogales: Das Glück ist ein Fisch. Eine Erzählung aus Kolumbien

illustriert von Elizabeth Builes, übersetzt von Jochen Weber, 112 Seiten, Baobab Books, 15,90 Euro, ab 9

Den Urlaub hatte sich Pedro aber ganz anders vorgestellt! Dabei hatte er sich so auf das Meer gefreut. Und nun erfährt er von seiner Mutter, kaum auf der Insel angekommen, dass seine Eltern ihn angelogen haben: der Vater ist nicht wegen seiner Arbeit nicht mitgeflogen, sondern weil sich seine Eltern getrennt haben. Zutiefst verzweifelt läuft Pedro weg, ans Meer. Nachts wird er von einem alten Schwarzen aufgelesen, einem Außenseiter, der weit weg von den Inselbewohner*innen mit einer äußerst redseligen Papageiendame in einer selbstgebauten Hütte lebt. Wie kommt es, dass der alte Mann Jonny Tay heißt, genauso wie der berühmte Seeräuber? Was ist Fantasie? Was Wirklichkeit? Zum Einschlafen erzählt die Papageiendame Pedro Geschichten von Piraten und sagenhaften Schätzen. Am nächsten Morgen nimmt ihn Jonny Tay mit hinaus aufs Meer und zeigt ihm die faszinierende Unterwasserwelt der Karibik. Pedro fängt seinen ersten Fisch und lernt, dass er stark genug ist, mit der Trennung seiner Eltern klar zu kommen. Und als ihn seine Mutter schließlich nach tagelangem verzweifeltem Suchen findet, ist die Welt vielleicht nicht wieder völlig in Ordnung, aber Pedro kann die veränderte Familiensituation akzeptieren. 

Das sagt die Kinder-Jury:

Eine Geschichte aus Kolumbien mit einem Protagonisten, der auf Mangobäume klettert und Brotfrucht isst. Eine Welt, die weit weg erscheint und trotzdem können sich viele Kinder leicht mit Pedro und seiner Gefühlswelt, wie der Wut über die Trennung der Eltern, identifizieren. Ein Thema, das die Kinder besonders beschäftigte, waren die Vorurteile, welche die Inselbewohner gegen Johnny Tay äußerten und die sich schließlich nicht bewahrheiteten. Begeistert war die Jury auch von der Gestaltung des Buches und den zarten Illustrationen von Elizabeth Buile, die oftmals ganze Seiten im Buch einnehmen und von der Jury als ausgesprochen schön und besonders empfunden wurden. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury: 

Anschaulich wird geschildert, welche Gefühle die Trennung der Eltern bei Pedro auslöst, eine Krisensituation, die einige Kinder und Jugendliche erlebt haben. Rettung wird ihm zuteil durch den Schwarzen Außenseiter Jonny Tay. Diese Konstruktion ist ein beliebtes Stilmittel in der weißen US-amerikanischen Literatur und hat ihren Ursprung in der Verklärung der Sklaverei, wo weiße Sklavenhalter Schwarze gezwungen haben, sich um die weißen Kinder zu kümmern. Dadurch erhält die Geschichte einen negativen Beigeschmack.

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Eric Bell: Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken

übersetzt von André Mumot, 304 Seiten, FISCHER Sauerländer, 14 Euro, ab 12

Als eBook erhältlich

Schon seit einiger Zeit hat Alan ein Geheimnis: Er ist in einen seiner Mitschüler verliebt. Scham und Verunsicherung halten ihn davon ab, offen mit der Situation umzugehen. Dazu kommt regelrechte Angst vor dem aggressiven Vater und nicht zuletzt vor dem hinterhältigen, älteren Bruder. Genau der ist es aber, der längst im Bilde ist und Alan nun genussvoll vor die Wahl stellt: sieben extrem herausfordernde Aufgaben zu lösen oder aber ein ungewolltes Outing zu erleben. Und Alan nimmt an … Eric Bell erzählt einfühlsam und mit großer Spannung, wie der Junge mit Hilfe seiner Freunde nicht nur die schwierigen Aufgaben meistert, sondern auch einen Weg findet, öffentlich zu seinen Gefühlen zu stehen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Alan Coles Geschichte ist als das beeindruckend spannende Coming-Out eines stark unter Druck gesetzten Jungen von der Jury gelesen worden. Seine Gefühlswelt ist sehr gut nachvollziehbar beschrieben und auch die Veränderungen in den Beziehungen zu seinen Freunden, final auch zu seinem Bruder, wurden sehr gemocht. Die Meinungen gingen dennoch auseinander: einige waren von Alan Coles Weg so richtig mitgerissen – andere sind ihn eher mitgegangen. Gut möglich wäre, dass dies an den fehlenden positiv besetzten weiblichen Figuren lag. Keine der weiblichen Figuren wurde gemocht – weder die auffallend unsympathisch gezeichneten Mitschülerinnen noch die ausgesprochen schwache Mutter erweckten viele Sympathien. Ob das an der vorwiegend weiblichen Sicht der Jugendjury lag, ist schwer zu sagen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Gekonnt packt Eric Bell eine ganze Anzahl “schwieriger” Themen in dieses Buch: familiäre Gewalt, Mobbing, Coming-Out. Dabei gelingt es ihm, anschaulich und nachvollziehbar Alans Gefühle und seinen Reifungsprozess auf eine Weise zu schildern, die nicht mitnimmt und nicht zuletzt Mut macht, sich gegen unfaires Verhalten zu wehren. Nur angerissen wurden die Ursachen für das jeweilige Verhalten der Eltern und des Bruders – hier wäre aus unserer Sicht etwas mehr Hintergrund wünschenswert gewesen.

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Thomas Engelhardt & Monika Osberghaus: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

illustriert von Susann Hesselbarth, 92 Seiten, Klett Kinderbuch, 14 Euro, ab 8 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Das Buch öffnet in kindgerechter Ernsthaftigkeit die Tür ins Gefängnis und beschreibt das Leben “hinter Gittern”. Dabei gibt es authentische Einblicke in die Gefühlswelten der Hauptcharaktere in dieser belastenden Situation.
Sehr realistisch wird die Alleinerziehenden-Familiensituation und die dadurch plötzlich entstehenden Probleme u.a. auch finanzieller Natur erzählt.

Inhalt:
Eine spannende Krimigeschichte endet auch für Kinder im besten Fall damit, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird und die Verantwortlichen im Gefängnis landen. So weit, so gut. Aber dann? Was passiert in einem Gefängnis? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich dort? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen.
Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden.

Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter Janine und besonders ihren Vater Robert, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden Sinas Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits ist “Im Gefängnis” ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Haftzeit und die Wiedereingliederung danach beschreibt. Das ungewöhnliche Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Das Buch wurde recht unterschiedlich aufgenommen: Manchen Kindern gefiel die Erzählebene besser – mit der kindlichen Hauptprotagonistin Sina hatten sie eine Figur, mit der sie sich gut identifizieren und in deren Geschichte sie sich leicht hinein fühlen konnten. Andere waren eher von der Faktenebene mit ihren Schautafeln und Sachinformationen gefesselt. Einige Kinder fanden den Wechsel zwischen Nach- und Erzählebene allerdings ein wenig verwirrend.
Allgemein fanden die Kinder die Thematik sehr spannend, denn sie wussten vorher kaum etwas über den Alltag in einem Gefängnis und wie sich dieser auf eine Familie und somit eben auch auf das Leben vieler Kinder auswirken kann.

Das sagt die Erwachsene-Jury:
Erzählendes Kinderbuch und Sachbuch in einem, hier gelingt den Autor*innen ein großer Wurf! Aus der Kinderperspektive wird einfühlsam geschildert, wie es Sina damit geht, dass ihr Papa für einige Jahre ins Gefängnis muss, worunter sie leidet und was ihr Freude und Zuversicht gibt. Dabei bleibt die ethische Diskussion über den vom Vater begangenen Raubüberfall und seine Spielsucht außen vor. Damit wäre das Buch sicherlich überfrachtet gewesen. Die ansprechenden, in hellen Tönen gehaltenen Illustrationen im Comic Stil tragen dazu bei, dass der Inhalt nicht zu schwer und bedrückend wirkt. Altersgerecht und sehr informativ wird Wissen zum Thema präsentiert, das sicherlich auch für einige Erwachsene interessant ist. 

Iben Akerlie: Lars, mein Freund

übersetzt von Ina Kronenberger, 256 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 12,95 Euro, ab 10

auch als eBook erhältlich

Vielseitigkeitsmerkmal: Menschen mit Behinderungen, Mobbing, Wertevielfalt

Kimi-Faktor:  Ein wichtiges Thema für Kinder: Mobbing. Das Buch zeigt in spielerischer  Ernsthaftigkeit  welche Konsequenzen Mobbing haben kann und wie  wichtig es  ist, füreinander einzustehen. Einer der Hauptcharaktere hat das Down- Syndrom. Er zeigt seinen Mitschülern wie toll es sein kann  das Leben aus einer anderen Perspektive  zu sehen.

Amanda liebt Adam, der in ihre Klasse geht, aber Adam liebt Amanda nicht. Und als wäre  das nicht schon peinlich genug bekommt Amanda von ihrer Lehrerin   eine ganz besondere Aufgabe zu geteilt:  Sie soll doch bitte Patin des neuen Schüler Lars werden, der das Down Syndrom hat.  Amanda ist  entsetzt über ihrer Aufgabe. Nicht weil sie Vorurteile quälen,  nicht weil  Lars ihr komisch vor kommt  und unsympathisch ist.  Nein, sie hat Angst bei ihren Mitschülern deswegen nicht mehr zu den Coolen zu gehören und aus ihrer Clique zu fliegen. Zwar hat sie eine tolle, beste Freundin, aber eben nur diese und sie sehnt sich nach der Anerkennung der großen Gruppe. Bei Lars zu Hause sind Amanda und er  beste Freunde, in der Schule jedoch ignoriert Amanda Lars.  Als  in der Klasse über Lars geredet wird, muss Amanda sich entscheiden.  Wird sie zu Ihm halten? Bleiben  Lars und Amanda  Freunde oder kommt es zu einem  Vertrauensbruch?

Das sagt die Kinder-Jury:

Die Kinder hatten bisher noch keine Bücher mit behinderten Protagonist*innen gelesen. Für alle war es der erste literarische Kontakt mit dem Thema. Dies gab in der Bewertung den großen Ausschlag für das KIMI-Siegel. Einige Kinder kannten aber wohl Kinder mit Downsyndrom aus ihrem Schulalltag und fanden das Setting alltagsnah und überzeugend nacherzählt. Insofern meinten sie, dass sich das Buch gut zum Einstieg in die Thematik eignet. Einhellig wurde der Geschichte gute Lesbarkeit und große Spannung bescheinigt. Gespalten waren die Meinungen zu Amanda. Ihren Zwiespalt und erst recht ihren „Verrat“ an Lars konnten einige überhaupt nicht nachvollziehen. Für Diskussion war gesorgt! Für Irritation sorgte auch das Cover – warum wurde nicht das Gesicht des Jungen gezeigt

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Amandas Unsicherheit und Ihre Zerissenheit lässt sich beim Lesen gut nachvollziehen. Schade ist allerdings, dass viel über Lars gesprochen wird, er selbst aber nur am Rande aktiv auftritt. Dadurch wirkt die Geschichte etwas einseitig, auch wenn sie viele spannende Momente zu bieten hat. 

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Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer

übersetzt von Birgitt Kollmann, 288 Seiten, dtv / Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Crow hat ihr ganzes bisheriges Leben auf einer winzigen Insel verbracht. Sie wurde, nur wenige Stunden jung, in einem lecken kleinen Boot an den Strand einer Insel, die Cape Cod in Massachusetts vorgelagert ist, angespült. Osh, der einzige und dazu noch sehr ungewöhnliche Bewohner der Insel, hat sie gerettet. Bei ihm ist Crow aufgewachsen. Geholfen hat die couragierte und liebevolle Miss Maggie von der Nachbarinsel. Eine kleine Wahlfamilie, denn alle anderen haben sich von dem Mädchen ferngehalten. Crow hat schon früh als junges Kind gespürt, dass die Menschen auf den anderen Inseln, wenn sie ihr begegnen, in ihren Gesprächen verstummen, sie mit seltsamen Blicken anschauen und körperlich Abstand halten. Manche haben sogar Gegenstände, die Crow berührt, mit einem Lappen rein gewischt. Zunehmend wächst in Crow der Drang, zu wissen, woher sie stammt und warum man sie fortgeschickt hat. Sie beginnt nach ihrer Herkunft zu forschen. Als eines Nachts ein Feuer auf einer vermeintlich menschenleeren Nachbarinsel aufscheint, steigen in Crow gestochen scharf all die unausgesprochenen Fragen nach ihrer Herkunft auf. Stück für Stück fügt sie das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen und begreift, was Familie wirklich bedeutet. Herzlich und gefühlvoll begleiten Leser*innen Crow bei der Suche nach sich selbst.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Die einerseits zurückhaltende und andererseits auch geheimnisvolle Covergestaltung des Titels ist auf Anhieb sehr gut angekommen. Sie deckt sich mit den Leseerlebnissen, denn auch der Erzählton des historisch verorteten Buches wurde sowohl als sehr ruhig und emotional gut nachvollziehbar, passagenweise aber auch sehr spannend beschrieben. In Crows Lebens- und Gefühlswelten konnte sich die Jugendlichen-Jury sehr gut hineinversetzen, da sie schön und detailliert beschrieben waren. Die verschiedenen Vielfaltsaspekte, wie Crows dunkler Hautton und ihre Wahlfamilie werden sehr beiläufig erwähnt und sind Thema, ohne im Fokus der Geschichte zu stehen. Schade und ein wenig störend fanden die Jugendlichen, wie oft Crow sich anhören muss, dass sie zu unerfahren für dies und zu jung für das ist – umso besser, dass sie sich durchsetzt und ihren Weg findet!

Das sagt die Erwachsenen-Jury: 

Einfühlsam und spannend erzählt Lauren Wolk die berührende Geschichte von Crow, die als Findelkind bei einem Außenseiter auf einer kleinen Insel des Elisabeth Archipels aufwächst und Ausgrenzung und Diskriminierung erfährt. Ihre Suche nach ihrer Herkunft und Identität ist auch für Erwachsene nachvollziehbar und interessant dargestellt. Mit einer Kombination aus Entwicklungsroman und Abenteuergeschichte, basierend auf historisch verbrieften Elementen der Elisabeth Inseln, die vielen Leser*innen wahrscheinlich unbekannt sind, gelingt der Autorin ein bewegender Jugendroman über ein starkes PoC-Mädchen und die Bedeutung von liebevollen Beziehungen.

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