Jeane Willis: Sternenstaub – Glaub an dich und du findest den Weg zu den Sternen

illustriert von: Briony May Smith, erschienen bei: Loewe, ab 4 Jahren

Vielfaltsmerkmale: 
Geschwisterleben, Entstehungsgeschichte, Individualität, Berufe im Zusammenhang mit Genderrollen 

Der KIMI-Faktor:
Das Buch thematisiert Neid zwischen Geschwistern und weckt bei den Leserinnen und Lesern die Neugierde, die Entstehung der Welt zu verstehen. Kinder lernen beim Lesen, dass alle Menschen denselben Ursprung haben, dabei jedoch einzigartig sind.

Inhalt:
Anfangs berichtet Insa, eine angehende Astronautin, dass ihr Vater sie auf diesen Weg gebracht hat, der ihr als Kind erklärt hat, dass alle Menschen aus Sternenstaub bestehen. Seither will sie Astronautin werden. Kunterbunte Illustrationenfolgen, die Insa als Kind darstellen. Sie erzählt von ihrer Schwester, die in der Familie oft als Stern bezeichnet wird, da sie manche Dinge besser kann als Insa, zum Beispiel einen Schal zu stricken. Ihr Opa gesellt sich zur neidvollen Insa und tröstet sie. Er zeigt ihr den Sternenhimmel und erklärt die Entstehung der Welt mit Monden, Meeren, Planeten und mit Tieren und dass alles aus demselben Material besteht: Sternenstaub. Jedes Kind wird früher oder später wie ein Stern strahlen, aber jeder auf seine eigene Art. Insa vergisst diese Geschichte nie wieder.


Jurystimme:

„Das Buch vermittelt das Thema von Geschwisterneid und Konkurrenz auf herzerwärmende Art und in beeindruckender Farbpracht und spricht jedem Kind Mut zu, die Welt zu entdecken und seine individuellen Stärken zu finden. Der Zusammenhang zwischen der Einleitung und den folgenden Illustrationen ist allerdings nicht optimal gewählt. So ist die Erwähnung des Astronautenvaters zu Beginn verwirrend, da es darauffolgend der Opa ist, welcher die Sternenstaubgeschichte erzählt.“

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Jutta Nymphius: Sigurd und die starken Frauen – Eine Wikingergeschichte

illustriert von: Volker Fredrich, erschienen bei: Tulipan, ab 4 Jahren

Vielfaltskriterien:

Geschlechterrollen, Geschlechteridentität

KIMI-Faktor:

Dieses Bilderbuch beinhaltet eine gesellschaftliche Utopie: Unabhängig vom Geschlecht wäre die Welt eine bessere, wenn jede*r ihre/seine Neigungen und Fähigkeiten leben könnte. Das Buch stellt Rollenbilder auf den Kopf und führt sie so ad absurdum.

Inhalt: Verkehrte Welt bei den Wikingern: Die Männer machen die Feld- und Hausarbeit, ziehen die Kinder groß und bleiben zuhause, wenn die Frauen aufs Meer hinausfahren und Abenteuer erleben und mit reicher Beute nach Hause zurückkehren. Als die Frauen mal wieder unterwegs sind, tauchen Berserker auf und überfallen das Dorf. Die listigen Männer aber klauen ihnen ihre Waffen und vertreiben sie damit. Mit dadurch gestärktem Selbstbewusstsein sagen sie ihren Frauen bei deren Rückkehr, dass sie auch mal die Welt sehen wollen! Bei einer ehrlichen Aussprache kommt heraus, dass manche Männer gern kochen und sich um die Kinder kümmern, manche Frauen allerdings würden das auch gern machen. Am Ende darf dann jede*r das machen, was sie/er am liebsten möchte und was sie/er am besten kann.

Jurystimme: „Dieses Buch sollte Grundlage jeder Geschlechterdebatte werden.“

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Jochen Till: Sei ein Mädchen

illustriert von: Raimund Frey, erschienen bei: Tulipan, ab 4 Jahren

Vielfaltsmerkmale:

Geschlecht, Geschlechterrollen und -zuschreibungen, Empowerment

Der KIMI-Faktor:

Provokant und humorvoll räumt das Buch mit Vorurteilen gegenüber Mädchen auf. Durch die Widersprüchlichkeit in Wort und Bild und deren Direktheit wird die Betrachterin bzw. der Betrachter angeregt, die eigenen Vorstellungen zu reflektieren. Das Buch fordert gleichermaßen Kinder wie Erwachsene auf, Geschlechterrollen und -zuschreibungen kritisch zu hinterfragen. Die Illustrationen bilden sehr unterschiedliche Mädchen ab und greifen nebenbei Themen wie sexuelle Orientierung, Gefühle und Liebe auf. Ein Buch, das auf direkte und witzige Art und Weise für die Thematik sensibilisiert.

Inhalt: Mädchen gehen gerne shoppen, lieben Pferde, verstehen nichts von Technik und mögen Puppen? Pustekuchen! In diesem Buch werden über 25 Klischees gegenüber Mädchen durch den Kakao gezogen. Unter jeder Illustration ist ein Vorurteil in einem kurzen Satz benannt. Dabei stehen Bild und Text ostentativ im Widerspruch zueinander. So konterkariert das Bild eines pupsenden und rülpsenden Mädchens die Aussage „Mädchen sind wohlerzogen“. Dabei geht es um Vielfalt: Unter dem Vorurteil „Mädchen stehen auf Jungs“ zeigt die Illustration zwei Mädchen, die einen Jungen anschmachten und zwei Mädchen, die nur Augen für sich haben. So ist die Aufforderung „Sei ein Mädchen!“ letztlich der Aufruf dazu, so zu sein wie man möchte und den eigenen Weg zu gehen. Dieses Buch ist keine typische Geschichte bei dem bspw. eine Protagonistin die Hauptrolle spielt, hier sind es die vielen verschiedenen Mädchentypen, die Mädchen darin bestärken, sie selbst zu sein.

Jury-Stimme: „Dieses Buch widmet sich auf humorvolle direkte Weise den weiblichen Rollenzuschreibungen.“

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Stephan Kalinski & lian Botterill: Schneewittchen und die sieben Zwerge: A Modern Retelling

illustriert von: Claudia Piras, erschienen bei: Instinctively Limited Verlag, ab 6 Jahren

Vielfaltskriterien:

Geschlechterrollen, starke Mädchen, Mut, Freundschaft, PoC

KIMI-Faktor:

Auf ganz neue Weise ein altes Märchen erzählt. Endlich weg von den Klischees und Geschlechterzuschreibungen, die in fast allen Märchen vertreten sind.

Inhalt: In dieser Version von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ wurden die typischen Merkmale von Schneewittchen getauscht. Schönheit steht nicht im Fokus, sondern der Mut und die Aufrichtigkeit. Auch die sieben Zwerge sehen nicht alle fast gleich aus. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und die Kinder stärkt. Wir müssen uns endlich nicht mehr entscheiden, ob wir den Märchenzauber im Kinderzimmer weglassen aufgrund der darin vorhandenen altmodischen Klischees.

Jurystimmen:

Lotta (3,7 Jahre), „Ich will auch die Mutigste sein!“

„Endlich fühle ich mich wohl beim Vorlesen eines Märchens.“

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Eymard Toledo: Juju und Jojô

illustriert von: Eymard Toledo, erschienen bei: Baobab Books, ab 5 Jahren

Vielfaltsmerkmale:

People of Color, Kulturen und Herkunft erfahrbar machen, Umwelt, Umweltbewusstsein, Verhältnis zur Natur, Geschlechterzuschreibungen

Der Kimi-Faktor:

Im Buch werden Mensch und Natur, die Entfremdung voneinander, der Zwiespalt sowie ihre unbestreitbare Zusammengehörigkeit und Abhängigkeit in der Stadt deutlich. Das zeigt sich, wenn Juju gezielt dort Insekten sucht, wo ihre Schwester nach Süßigkeiten schaut oder wenn Menschen sich einerseits über den Lärm der Insekten beschweren und andererseits den Lärm der Autos nicht wahrnehmen. Oder wenn ersichtlich wird, dass sich sowohl die Insekten als auch Menschen zu einem einzelnen Baum hingezogen fühlen. Das Buch mit seiner ruhigen Sprache und seinen detailreichen Collagen schafft es, in einer herrlich unaufgeregten Stimmung gleich mehrere Themen wie Urbanität, Insektensterben und Freundschaft über Generationen hinweg anzusprechen. Gleichzeitig wird eine kleine Insektenkunde von mehr als zehn Insekten gegeben. Des Weiteren wird eine Liebe für die sonst so vernachlässigten Tiere geweckt sowie der Fokus auf die lediglich in Brasilien wachsende Baumstammkirsche gelenkt. Ebenso wird deutlich, dass es nicht viel braucht, um auch in der Stadt Kindern Naturerfahrungen zu ermöglichen: Manchmal reicht schon eine einzige Pflanze, wie uns Juju eindrucksvoll zeigt.

Inhalt:

Zunächst zeichnet diese ungewöhnliche Großstadtgeschichte ein ruhiges Bild einer brasilianischen Stadt am Sonntagmorgen. Die Zwillingsschwestern Juju und Jojô wohnen in dem kleinsten Haus, das einst das größte gewesen ist. Weit und breit gibt es eng beieinander stehende Hochhäuser. Nur ein Jabuticababaum scheint das letzte Stück Natur zu sein in dieser Stadt. Juju interessiert sich dabei für jedes Krabbeltier, das auf und um den Baum lebt, auch wenn das einige Menschen merkwürdig finden. Die Leidenschaft für Insekten teilt sie jedoch mit der ältesten Bewohnerin des Hauses, die im fünften Stock direkt über den Schwestern wohnt. Mit ihr verbindet sie eine Freundschaft. Beide setzen sich für die Tiere ein, was in mehreren Alltagsbeobachtungen deutlich wird. Juju beobachtet die verschiedenen Insekten wie Bienen, Stabheuschrecken und Ameisen ganz genau. Unter der Woche ist es laut und gedrängt in der Stadt, die Insekten nimmt man dann kaum wahr. Die Protagonistin begleitet ihre Mutter am Samstagmorgen zur Arbeit im dicht gedrängten Bus und rettet mithilfe ihres Glases mit Schraubdeckel eine Wespe, die beinahe von anderen Menschen totgeschlagen worden wäre. Für Juju ist klar: Sie wird Insektenforscherin! Am Ende folgt ein Glossar über die im Buch vorkommenden Insekten mit Informationen zur Lebensweise und ihrer Bedeutung sowie eine Erläuterung der Autorin zu eigenen in die Geschichte eingeflossenen Kindheitserinnerungen.

Jurystimme:

„Insekten mag ich eigentlich nicht, jetzt schon bisschen.“ Julika, 3 Jahre

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Constanze von Kitzing: Ich bin anders als du – Ich bin wie du

illustriert von: Constanze von Kitzing, erschienen bei: Carlsen, ab 3 Jahren

Vielfaltsmerkmale:
Vorurteile hinterfragen, Geschlechterzuschreibungen, Identität

Der Kimi-Faktor:
Constanze von Kitzing ist mit „Ich bin anders als du – Ich bin wie du“ ein kluges Pappbilderbuch gelungen, das sowohl den Kleinsten als auch älteren Kindern und Erwachsenen einen Spiegel vorhält. Das Wendebuch gibt ein gutes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Es nähert sich einmal über die Gemeinsamkeiten und einmal über die Unterschiede, jedoch nicht über die zunächst offensichtlichen. So gelingt es dem Buch mit unseren Vorurteilen zu spielen und diese auf liebevolle Weise zu hinterfragen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen.

Inhalt:

Ein Pappbilderbuch mit ganz viel Inhalt! Hier begegnet uns eine Vielzahl an Kindern mit einer Vielfalt an Körperformen, Familienkonstellationen und Interessen. Das Buch ist zum Wenden. Dabei gehören stets zwei Doppelseiten zusammen. Zum Beispiel sieht man auf einem Bild zwei Kinder mit Lockenköpfen und den Satzbeginn „Ich bin wie du, weil…“. Auf der nächsten Seite folgt die Auflösung, welche nichts mit der Frisur zu tun hat: „…wir gerne teilen.“ Bei „Ich bin anders als du“ wird dieses Prinzip ebenso aufgegriffen. So sieht man beispielsweise den Satzanfang „Ich bin anders als du, weil…“ mit einem Jungen und einem Mädchen. Beim Umblättern folgt dann die Auflösung: „ich mit rechts male und du mit links“. Diese Überraschungsmomente durchziehen das gesamte Buch. Sie spielen mit den eigenen Erwartungen und Vorurteilen und zeigen auf: Vielfalt ist so viel mehr als die Stereotypen in unseren Köpfen. In der Mitte des Buches folgt die gemeinsame Erkenntnis: „Ich bin ich!“.

Jurystimme:

„Ein Buch, welches bereits die Kleinsten begeistert und ermuntert, genau hinzusehen.“

Buch z.Z. vergriffen. Ab 09.07.20 wieder verfügbar!

Frauke Angel: Disco

illustriert von: Julia Dürr, erschienen bei: Jungbrunnen, ab 4 Jahre

Vielfaltskriterien:

Geschlechtliche Rollenbilder, Vorurteile, Toleranz

KIMI-Faktor: Dies Bilderbuch ermutigt Kinder und Erwachsene dazu, sich nicht von Stereotypen und Rollenklischees bestimmen und beirren zu lassen, sondern zu dem zu stehen, was ihnen gefällt und was sie mögen, auch wenn es ungewöhnlich ist

Inhalt: Der kleine Junge hat eine neue Freundin, Pina, die findet, dass jeder sich so anziehen darf, wie er möchte. Sie leiht ihm ihr rosa Nachthemd, und am nächsten Morgen erscheinen beide stolz als wunderschöne Discotänzerinnen in ihrer Kita. Das gefällt aber nicht allen, auch nicht der Erzieherin, die sich kritisch äußert, und auch nicht dem Vater eines Freundes, der geradezu empört ist – ein Junge in Rosa geht ja wohl gar nicht!

Der kleine Junge aber lässt sich nicht beirren, und Pina sowieso nicht. Wieso soll das denn „schwul“ sein, als Junge rosa zu mögen, und was soll das überhaupt heißen? Wenn es bedeutet, dass man dann Männer liebt, trifft das auf den Jungen zu, denn schließlich liebt er seinen Papa, aber Moment: Knutschen möchte er ihn dann doch nicht! Am Ende gibt es dann eine Party in der Kita, auf der jeder das tragen darf, was er will, und ganz viel Glitzer noch dazu. Knappe lakonische Texte; und in der Unbekümmertheit der Kinder liegt der Schlüssel zur Überwindung alter Muster und Stereotype.

Jurystimme: „Ein freches fröhliches Buch zu einem wichtigen Thema.“

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Sonja Danowski: Das Theater von nebenan

illustriert von: Sonja Danowski, erschienen bei: Bohem, ab 3 Jahren

Vielfaltskriterien:

Freundschaft, Geschlechterrollen, Wertschätzung, Distanz und Annäherung

KIMI-Faktor:

Das Buch schafft durch Sprache und Bilder fühlbare Distanz, weshalb es sich lohnt, genau mit diesem Buch Empathie zu lernen, die eigenen Wünsche zu erforschen und Abstand zu sich selbst zu gewinnen.

Inhalt:

Die Geschwister Pia und Pablo lieben das Puppentheater. Ihre Handpuppen sind kleine Kunstwerke, liebevoll bemalt und gekleidet. Jede Puppe hat einen Namen und bringt bestimmte Eigenschaften mit. Die wichtigsten Handpuppen in diesem Buch sind die Gärtnerin Linda, der Zwerg Zucchino und der Koch Estragon. Als die Geschwister den neuen Nachbarsjungen Ricky kennenlernen, wendet Pablo seinem großen Hobby den Rücken zu. Ricky mag keine Puppen und spielt lieber mit Autos. Dass Pablo keine Zeit mehr für das Puppentheater und für seine Schwester hat, stimmt Pia traurig. Aber es ändert sich alles, als Ricky krank wird. „Das Theater von nebenan“ verknüpft verschiedene Kinder-Themen: Das (Rollen-)Spiel wird zu einem zentralen Ereignis, durch das Freundschaften entstehen. Dabei wird das Vorurteil aufgegriffen, dass Puppen nur etwas für Mädchen seien und Autos für Jungs. Im Schlüsselmoment ändert sich diese Sichtweise und Ricky beginnt, das Puppentheater wertzuschätzen. Die Bilder erinnern an Bühnenbilder.

Jurystimme: Lena (6) „Manchmal möchte ich wie meine Puppe sein.“

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Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8 Jahren
Auch als eBook erhältlich.

ISBN-10: 3407823525 ISBN-13: 978-3407823526

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Armut, Mobbing, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Das Buch beschäftigt sich u.a. mit dem in der Kinderliteratur oft vernachlässigten Thema Armut und zeigt den jungen Leser*innen konstruktiv, wie man mit Armutssituationen umgehen kann. Dabei bleibt es authentisch und realistisch: Es gibt keine “Erlösung” aus, sondern einen guten Umgang mit der Situation. Außerdem zeigt es, dass auch Jungs-Charaktere, die nicht den üblichen Klischee-Merkmalen “stark, durchsetzungsfähig, laut” entsprechen, tolle Kinderbuchhauptcharaktere sein können, mit denen man sich gerne identifiziert.
Das Thema Trennung der Eltern wird realitätsnah und nicht probematiserend behandelt.

Inhalt:
Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut.
Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant.

Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen – und das Auto ist auch kaputt.
Aber Antons Mutter findet eine Lösung für das Ferien-Dilemma: Zu Fuß sind sie zusammen mit Meerschwein unterwegs zum nächsten Campingplatz. Als der ausgebucht ist, zelten sie kurzerhand (unerlaubt) wild im Wald, was immer wieder zu aufregenden Situationen führt. Anton lernt im Wald ein Mädchen kennen, das auch einiges an innerem Ballast mit sich herum trägt.
Obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde – und schließlich rettet Anton dem Mädchen sogar das Leben. Und dann ist plötzlich das Meerschweinchen verschwunden und Antons Mutter kommt vom Einkaufen nicht mehr zurück… Eine ungewöhnliche und actionreiche Sommergeschichte, die Kindern Mut macht.
Anton wird in diesen Ferien, die so unschön begannen, selbstbewusster und stärker – ohne sich dabei zum Superhelden zu entwickeln. Anton bleibt Anton, aber fängt an, sein Potential auszuschöpfen.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 
Die Kinderjury fand es etwas Besonderes, dass ein ängstlicher, ruhiger Junge sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen anfreundet. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern.
Kinder, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit dem Hauptcharakter identifizieren.
Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

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Nikola Huppertz & Tobias Krejtschi: Meine Mutter, die Fee

36 Seiten, Tulipan, 15 Euro, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Psychische Erkrankung, Geschlechterrollen

ISBN-10: 9783864293696 ISBN-13: 978-3864293696

Der KIMI-Faktor:
Das Buch versucht ein für junge Kinder schwer greifbares Thema fassbar zu machen: Depression. Obwohl etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen ist – und damit auch viele Eltern – findet das Thema in Kinder- und Jugendbüchern viel zu selten statt.
Die Rolle des Vaters ist sehr spannend. Körperlich sehr groß und stark gezeichnet, widerspricht sein Handeln vielen üblichen Geschlechterklischees: Er macht den Haushalt, pflegt die Mutter, ist sehr sanft und sensibel und immer für die Tochter da.

Inhalt:
Es ist die Geschichte des Mädchens Fridi, das erleben muss, dass die Mutter immer stärker an einer Depression leidet und sich verändert.
Schon das erste großflächige Bild des Buches zeigt, wie schwer diese Geschichte ist: Die Mutter liegt geschwächt im Nachthemd auf dem Sofa, abgewandt, Fridi

steht in der Tür und schaut hilflos zu ihrer Mutter – die unendlich weit weg erscheint. Der Text unterstreicht den inneren Kampf des Kindes – die “Anderen” sagen: “Fridi, deine Mutter ist verrückt”. Aber Fridi will ihre Mutter nicht verrückt finden.
Und dann gibt es auch die Momente der Nähe – Fridi und die Mama schauen sich Bücher an, die Mama liest Gedichte vor, spielt für ihr Kind Querflöte.
Aber die ganze Zeit bleibt ein latent ungutes Gefühl – symbolisch angedeutet durch immer mehr vertrocknende Blumen im Hintergrund. Und die für ein Kinderbuch ungewöhnlichen Bilder, die an den Wänden der Wohnung hängen: Böcklins “Toteninsel”, der “Wanderer über dem Nebelmeer” von Caspar David Friedrich und die „Abendlandschaft mit zwei Männern“. Auch die gedämpfte Farbgebung und der leichte Grauschleier, der die großflächigen Illustrationen überzieht, unterstreichen die melancholische Stimmung, die in der Familie herrscht. Als die Mutter sich immer mehr zurückzieht und auch ihre Musikschüler*innen vor der Tür stehen lässt, wandelt sich Fridis Stimmung in Wut: “Du bist ja doch verrückt! (…) Geh weg!”
Da tritt der Vater ins Bild: Ein großer, sehr stark wirkender Papa, ein echter Held. Auf den ersten Blick – auf den zweiten ist er sehr sensibel, übernimmt die Hausarbeiten, versorgt die Mutter. Der Vater erklärt Fridi, dass die Mutter eine Fee sei. Und nun ahnt man auch, was die angedeuteten Flügel, die die Mutter von Anfang an trägt, zu bedeuten haben.
Aber für Fridi ist ihre Mutter keine Fee, denn ihrer Ansicht nach sind Feen schön, und das sei die Mutter mit ihrem Nachthemd und den verstrubbelten Haaren nicht.
Der Zustand der Mutter verschlechtert sich zusehens, sie verlässt das Bett nicht mehr, liest nichts, redet nicht, hört “der Erde beim Rauschen zu”.
Der Vater versucht seiner Tochter zu erklären, dass die Mutter nun für einige Zeit fort muss – offensichtlich in eine Klinik. Er nennt das “die Welt der Feen”.
Bevor sich die Mutter auf “die Reise macht”, geht Fridi noch einmal zu ihr – und aus den angedeuteten Flügeln sind nun echte Feenflügel geworden. Die Mutter spielt nun noch einmal auf der Flöte und Fridi sieht: Ihre Mama ist tatsächlich eine Fee.
Schließlich ist die Mutter fort – und Fridi fürchtet, dass sie nicht wiederkommt. Auf der letzten Doppelseite sieht man ein sehr inniges, zärtliches Vater-Tochter-Bild.
Der Vater versichert, dass die Mama wieder nach Hause kommen wird – und Fridi fällt ein, “dass eine Fee für immer zu den Menschen gehört, denen sie sich zu erkennen gibt”, wie auch das Familienbild aus glücklichen Tagen auf der Kommode beweist.

Das sagt die Kinder-Jury:
Fridi als Heldin des Buches wurde sehr gemocht.
Einige Kinder waren irritiert darüber, dass die Mutter eine Fee ist. Sie diskutierten heftig darüber, ob das wirklich sein könne, ob ihre Flügel „echt” seien und was das alles bedeute.
Insgesamt war das Thema “psychische Erkrankung” eines Elternteils in dieser Form neu für die Kinder und es ergaben sich viele Fragen und Diskussionen.
Für andere Kinder war der Vater die interessantere Figur, die physisch sehr stark wirkend eine große Gefühlstiefe und Zärtlichkeit bietet. Und damit ganz anders ist als so große, starke Männerfiguren in anderen Büchern.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die Geschichte ist sehr poetisch und berührend – die Illustrationen unterstreichen das wunderschön.
Der innere Konflikt von Fridi – das Bild der Mutter zu bewahren, sie nicht als “Verrückte” sehen zu wollen, aber dann der Zusammenbruch der heilen Welt, Wut, Enttäuschung, Angst vor Verlust – wird sehr authentisch und überzeugend dargestellt.
Aus unserer Sicht wäre es allerdings notwendig, dass Fridi neben der tröstenden Erklärung, dass die Mutter eine Fee sei, doch auch eine sachlich richtige, altersangemessene Begründung für den Seelenzustand ihrer Mutter erhält.
Die Thematik hat manches Kita-Kind überfordert: Möglicherweise ist dieses Buch eher für Kinder im Grundschulalter empfehlenswert.

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