Janet Clark u.a.: Wut: Eine Anthologie

erschienen bei: Loewe, ab 12 Jahren

Vielfaltsmerkmale:

inter- bzw. transkulturelle /interreligiösen Lebenswirklichkeiten, People of Color, Armutserfahrungen, Wertevielfalt, Menschenrechte, Frauenrechte, Erfahrungen mit Trauma, Krankheit, Tod, Politische Einstellungen, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Berufe im Zusammenhang mit Genderrollen, Geschlecht, Geschlechterrollen, vielfältige Gender-Identitäten (LGBTIQ), sexuelle Orientierung, Geschlechterzuschreibungen, Kulturen und Herkunft erfahrbar machen (Essen, Begrüßungen, Tanzen, Gewohnheiten, Bräuche, Musik, Feste, Rituale, Kleidung)

KIMI-Faktor:

Wut ist ein Jugendbuch, das aus vielen Kurzgeschichten unterschiedlicher Autor*innen besteht. Jede dieser Geschichten zeigt einen anderen Blick auf Wut, auf Hass, auf die eigenen Gefühle. Die Kapitel sind gefüllt von starken Emotionen und durch die clevere Aufteilung in eben diese Kapitel ist es Leser*innen möglich, nach einem das Buch zuzuklappen und zu verarbeiten.

Inhalt: Was verleitet Menschen, ihrer Wut auf diese Weise Ausdruck zu verleihen? Wann schlägt Wut in Hass um? Wann gelingt es, dass aus Wut Mut wird? 13 AutorInnen, YouTuber*innen und Songtexter*innen erzählen in dieser Anthologie von der Wut, einem Gefühl, das die Vernunft zu vertreiben versucht und doch die Kraft zur Veränderung hat. Wut ist ein zentraler Begriff des jungen 21. Jahrhunderts: „Wutbürger*innen“ tragen ihre Wut auf die Straße oder wählen „Protestparteien“, Jugendliche demonstrieren aus Wut über den Klimawandel. Wütende Bauern treffen auf wütende Tierschützer*innen. Häufig resultiert die Wut aus Angst vor dem, was fremd ist. Manchmal hilft Wut aber auch, verkrustete Strukturen oder Tabus aufzubrechen, wie die #MeTooDebatte zeigt. Und gerade junge Menschen suchen oft Wege, mit ihrer Wut umzugehen. Wut hat viele Farben und Formen. Diese Sammlung von Kurzgeschichten, Songtexten, Berichten und Bildern versucht, möglichst viele davon einzufangen.

Jurystimme: „Durch eine starke Sprache, ob in Prosa, Lyrik, Bildern, fiktionalen Geschichten oder Nacherzählungen eigener Erlebnisse ist das Buch sehr vielfältig und trifft jeden auf seine eigene Weise.“

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Dashka Slater: Bus 57

erschienen bei: Loewe, ab 14 Jahren

Vielfaltsmerkmale:

Vielfältige Gender-Identitäten, Erfahrung mit Armut in der Familie, People of Color, soziale Disparitäten

KIMI-Faktor:

Der Jugendroman beleuchtet soziale Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe, Probleme im Justiz- und Gesundheitssystem und die Akzeptanz von gender-queeren Menschen. Und obwohl er in Kalifornien spielt und die beschriebenen Umstände nicht eins zu eins auf alle Gesellschaften übertragen werden können, besitzt vieles darin auch hierzulande Relevanz und regt zur Reflexion über die eigene Gesellschaft an.

Inhalt: Sasha und Richard leben beide in der selben Stadt, aber in zwei sehr unterschiedlichen Welten. Sasha ist weiß, gender-queer und besucht eine Privatschule. Richard ist schwarz, aus einer sozial schwächeren Familie und ist schon öfters mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Der einzige Berührungspunkt, den die beiden Jugendlichen haben, ist die Fahrt im Bus 57, während der etwas passiert, das das Leben aller Beteiligten gründlich verändert: Richard fühlt sich durch Sashas exzentrische Erscheinung provoziert und zündet dessen Rock an. Sasha landet im Krankenhaus, Richard im Knast.

Jurystimme:

‚‚Es gibt kein schwarzweiß, es gibt viele Nuancen dazwischen, was Hautfarbe, Sexualität und Moral angeht.’’

„Ich wusste gar nicht, wie viele Begriffe es für Gender und Geschlechtszugehörigkeit gibt. Ich habe das erste Mal neu über meine Sexualität nachgedacht.“

„Brauchen wir wirklich neue Personalpronomen für Menschen, die weder sie noch er sind?“

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Dayan Kodua: Odo

illustriert von: Robby Krüger, erschienen bei: Gratitude Verlag, ab 6 Jahren

Vielfaltskriterien:

People of Color, inter- bzw. transkulturelle/interreligiöse Lebenswirklichkeiten, Armutserfahrungen im kindlichen/familiären Alltag, Kulturen und Herkunft erfahrbar machen

KIMI-Faktor:

Die Geschichte gibt schwarzen Kindern Raum sich mit Odo zu identifizieren. Und da sie als ‚‚normales‘‘ afrikanisches Kind beschrieben wird, das mit Freunden spielt und zur Schule geht, erleben Leser*innen mit einem ähnlichen Hintergrund eine positive Repräsentation ihrer eigenen Person.

Inhalt: Es gibt viele Kinder, die gerne mit Puppen spielen, Odo ist eines von ihnen. Am liebsten spielt sie mit den selbst gebastelten Mangopuppen ihrer Mutter. Als die Sechsjährige eines Tages auf der Geburtstagsparty ihrer Freundin Afia zum ersten Mal eine schwarze Babypuppe sieht, ist sie hin und weg. Sie wünscht sich ebenfalls so eine Puppe, aber ihre Mutter kann es sich nicht leisten. Odo ist tieftraurig. Aber nach einem Gespräch mit dem Stammesältesten ist sie motiviert und hofft, dass ihr die Bemühungen in der Schule und ihre Gebete zu einer schwarzen Puppe verhelfen. Deshalb ist die Enttäuschung groß, als sich ihr Wunsch zu ihrem siebten Geburtstag nicht erfüllt. Ihre Party genießen sie und ihre Freundinnen trotzdem, vor allem aber die Muffins, die Odos Mutter gebacken hat. Die Muffins kommen so gut an, dass Odo die Idee kommt, diese zu verkaufen, um die Lebenssituation des Muttertochtergespanns zu verbessern. Anfangs ist die Mutter kritisch, doch zu ihrer Überraschung entpuppt sich die Idee als großer Erfolg. Mit jedem verkauften Muffin kommen sie ihrem Ziel ein Stück näher.

Jurystimme: „Solche Bücher hätte ich als Kind gebraucht, um mich normaler zu fühlen.“ (Ana, 20 Jahre)

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Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8 Jahren
Auch als eBook erhältlich.

ISBN-10: 3407823525 ISBN-13: 978-3407823526

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Armut, Mobbing, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Das Buch beschäftigt sich u.a. mit dem in der Kinderliteratur oft vernachlässigten Thema Armut und zeigt den jungen Leser*innen konstruktiv, wie man mit Armutssituationen umgehen kann. Dabei bleibt es authentisch und realistisch: Es gibt keine “Erlösung” aus, sondern einen guten Umgang mit der Situation. Außerdem zeigt es, dass auch Jungs-Charaktere, die nicht den üblichen Klischee-Merkmalen “stark, durchsetzungsfähig, laut” entsprechen, tolle Kinderbuchhauptcharaktere sein können, mit denen man sich gerne identifiziert.
Das Thema Trennung der Eltern wird realitätsnah und nicht probematiserend behandelt.

Inhalt:
Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut.
Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant.

Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen – und das Auto ist auch kaputt.
Aber Antons Mutter findet eine Lösung für das Ferien-Dilemma: Zu Fuß sind sie zusammen mit Meerschwein unterwegs zum nächsten Campingplatz. Als der ausgebucht ist, zelten sie kurzerhand (unerlaubt) wild im Wald, was immer wieder zu aufregenden Situationen führt. Anton lernt im Wald ein Mädchen kennen, das auch einiges an innerem Ballast mit sich herum trägt.
Obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde – und schließlich rettet Anton dem Mädchen sogar das Leben. Und dann ist plötzlich das Meerschweinchen verschwunden und Antons Mutter kommt vom Einkaufen nicht mehr zurück… Eine ungewöhnliche und actionreiche Sommergeschichte, die Kindern Mut macht.
Anton wird in diesen Ferien, die so unschön begannen, selbstbewusster und stärker – ohne sich dabei zum Superhelden zu entwickeln. Anton bleibt Anton, aber fängt an, sein Potential auszuschöpfen.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 
Die Kinderjury fand es etwas Besonderes, dass ein ängstlicher, ruhiger Junge sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen anfreundet. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern.
Kinder, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit dem Hauptcharakter identifizieren.
Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

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Julie Völk: Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh

32 Seiten, Gerstenberg, 16,95 Euro, ab 4 Jahren

ISBN-10: 9783836956697 ISBN-13: 978-3836956697

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, People of Color, Inklusion, vielfältige Körperformen, verschiedene Altersstufen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Die Charaktere, die man mehr oder weniger bei ihrer Morgenroutine und auf dem Weg zur Schule sieht, sind ausgesprochen vielfältig dargestellt, es gibt People of Color, Menschen mit unterschiedlichsten Körperformen, einen Erwachsenen mit Rollator, einen mit Gehstock, ein Kind im Rollstuhl. Es gibt Menschen jeden Alters.

Inhalt:
Ein Buch ganz ohne Text: Farbenfrohe Buntstiftzeichnungen illustrieren den morgendlichen Schulweg zweier Geschwister, die unterwegs Schulkamerad*innen abholen oder treffen. Wir sehen immer wieder, wie sich die verschiedenen Kinder von ihren Eltern verabschieden und zu den anderen Kindern stoßen. Viele Häuser sind offen

und zeigen vielfältige Wohn- und Lebenssituationen: Es gibt Kinder, die in einer Fischerhütte wohnen, andere leben auf einem (idealisiert dargestellten) Bauernhof oder in einem Zirkuswagen. Ein Mensch (oder eine Meerjungfrau?) mit Rollator sitzt auf einem Plumpsklo, in einer KFZ-Werkstatt gibt es frei laufende Krokodile, im Birkenwald verstecken sich Zwerge, sogar die Litfaßsäule wird von einem Mann bewohnt. Es gibt Menschen verschiedenen Alters, arm und wohlhabend – auch ein obdachloser Mensch ist zu finden.
Kinder und Erwachsene sind vielfältig dargestellt, wir begegnen kleinen und großen, jungen und alten, dicken und dünnen Menschen verschiedener Hauttöne. Ein Kind benutzt einen Rollstuhl. Allerdings bleibt offen, wie es dieses Kind in die Schule schafft – am Eingang gibt es weder eine Rampe noch einen Fahrstuhl!


Das sagt die Kinder-Jury:
Den Kindern machte das Buch großen Spaß, sie haben auf den Seiten immer wieder etwas Neues entdeckt. Sie haben die verschiedenen Bewegungen der Kinder nachgemacht und viel erzählt über ihre eigene Morgenroutine, Berufe der Eltern usw. Es gab einige Situationen, mit denen sie sich in dem Buch identifizieren konnten.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Im Buch wird Vielfalt auf beiläufige Art und Weise positiv dargestellt.
Noch schöner wäre es gewesen, wenn weitere Behinderungsformen gezeigt würden und Barrierefreiheit mitgedacht worden wäre. Außerdem fehlen veilfältige Familienkonzepte.

Malala Yousafzai & Kerascoët: Malalas magischer Stift

übersetzt von Elisa Martins, 48 Seiten, NordSüd, 16 Euro, ab 5 Jahren


ISBN-10: 3314104413 ISBN-13: 978-3314104411


Vielfaltmerkmale:
Klassismus, Armut, People of Color, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Das Buch schafft es, harte Realität mit fantastischen Elementen zu kombinieren – so sind die Themen Armut, Krieg, Geschlechterdiskriminierung an sich sehr schwer für Kinder, in dem Zusammenspiel mit Malalas magischem Stift aber zu ertragen.

Inhalt:
Malala Yousafzai ist mittlerweile weltbekannt als Aktivistin für die Rechte von Kindern, besonders für die von Mädchen.
In diesem Buch erzählt sie in Ich-Form von ihrer Kindheit in Pakistan. Sie erinnert sich, wie sie sich, angeregt durch eine Fernsehserie, einen magischen Stift wünschte, um eine friedvolle Welt zu schaffen ohne Unterdrückung und Ausbeutung.

Erschrocken erkennt Malala, dass in ihrem Land nicht alle Mädchen zur Schule gehen können, sondern stattdessen für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen müssen.
Mit der Herrschaft der Taliban ändert sich auch Malalas Leben. Viele ihrer Mitschülerinnen wagen es nun nicht mehr, zur Schule zu gehen.
Malala entdeckt ihren tatsächlichen magischen Stift: Sie schreibt einen Blog über ihre Angst, über ihre Leidenschaft fürs Lernen und über die Gewalt der Taliban gegen die Menschen. „Ich sprach für all die Mädchen in meinem Tal, die nicht für sich selbst sprechen konnten.“ Weltweit werden Menschen auf sie aufmerksam. Sie wird zu einem Symbol des Widerstands. Ungebrochen kämpft Malala weiter, sie ist überzeugt: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.“
Die Illustrationen des Buches sind comic-artig und lassen die Betrachtenden einen realistischen Einblick in Malalas Welt und Umgebung in Pakistan gewinnen – auch die Armut mancher Menschen wird ungeschönt dargestellt. Die mit dem magischen Stift gezeichneten Wünsche heben sich Bronzefarben von den Illustrationen ab – so vermischen sich auf schöne Weise Wirklichkeit und Wunschdenken.
Auf den letzten Seiten des Buches gibt es ein Nachwort von Malala und eine kurze Biografie, in der auch das Attentat der Taliban auf sie beschrieben wird – im Bilderbuchbereich wird dieses Detail nur angedeutet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Für die Kinder war schwer nachzuvollziehen, dass Mädchen nicht das Recht haben, zur Schule zu gehen. Einige fanden die „bösen Männer“ sehr angsteinflößend, sie konnten nicht verstehen, wieso sie „keiner einsperrt“. Die angesprochenen Themen Armut, Hunger, Krieg, Diskriminierung sind sehr komplex für diese Altersgruppe.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die beeindruckende Geschichte eines heldenhaften Mädchens wurde von dem Künstlerpaar Kerascoët zauberhaft illustriert.
Malalas herausragende Tapferkeit inspiriert. Sie beweist, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit möglich ist. Dieses Buch macht Mut, sich einzusetzen für eine gerechtere Welt, im Großen und im Kleinen.
Möglicherweise ist das Buch eher für Kinder im Grundschulalter geeignet.

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Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben

übersetzt von Anja Hansen-Schmidt, 224 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

ISBN-10: 9783423640411 ISBN-13: 978-3423640411

als eBook (dtv/Reihe Hanser) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Vielfaltsmerkmale: Rassismus, Armut, Diskriminierung, Häusliche Gewalt

Kimi-Faktor: Kraftvoll und spannend weckt das Buch Widerstandsgeist und Solidarität.

Ghost ist schnell. Das rettete ihm in seiner Kindheit das Leben, als er vor seinem Vater davonrannte, der ihn und seine Mutter erschießen wollte. Der Gedanke, Laufsport zu betreiben, kam ihm nie in den Sinn. Zufällig gerät er jedoch in die Aufnahmeprüfung einer Laufmannschaft und der Trainer überzeugt ihn, dem Team beizutreten. Bis dahin war Ghosts Leben vor allem eins: schwierig. Seine Mutter und er haben wenig Geld, in der Schule wird er wegen seiner Klamotten ausgelacht und er reagiert darauf, indem er Mist baut. Durch den Einfluss des Trainers verändert sich Ghosts ganzes Leben und das Laufen beginnt ihm zu gefallen. Überraschenderweise findet er Halt bei den anderen neuen Mitgliedern der Mannschaft. Lu, Patty, Sunny und Ghost unterstützen sich gegenseitig und schon bald steht der erste Wettkampf an. Ghost geht in seinem neuen Mannschaftstrikot an die Startlinie, seine Mutter sitzt stolz im Publikum und Ghost möchte jetzt nur noch eins: Gewinnen!

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Dass die jugendlichen Protagonist*innen krasse Schicksäle erfahren, war ein erstes Fazit aus der Jugendjury. Die einschneidenden Erfahrungen von Patina und Ghost berührten und ihre Geschichten wurden von den Jugendlichen gerne verfolgt. Es fiel ihnen nicht schwer, mit den beiden Protagonisten mitzufühlen. Trotz der vielen schweren Themen, die beide Bücher enthalten, empfanden die Jugendlichen Reynolds’ Schreibstil als einfach und gut zu lesen. Die Schicksäle von Ghost und Patina über den Laufsport zu verbinden ist ungewöhnlich. Es bleibt spannend, welche Geschichten sich hinter den anderen beiden neuen Mannschaftsmitgliedern verbergen. Auch von außen überzeugte Jason Reynolds’ Reihe die Jugendjury: Eine coole Covergestaltung, die super zum Inhalt passt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die ersten beiden Bände dieser Trilogie überzeugen durch die flotte Sprache und die vielschichtigen Porträts der Charaktere. Reynolds gelingt es, authentisch die Perspektive Schwarzer Jugendlicher aus der den USA wiederzugeben, die alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen leben. Anschaulich vermittelt das Buch ihre Sorgen und Kämpfe, aber auch ihre Hoffnungen. Spannend und mit einer Prise Humor erzählen die beiden Bände auch von Widerstandsgeist und der Kraft der Solidarität.

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Corinna Fuchs: Die Bunte Bande – Das gestohlene Fahrrad

illustriert von Uli Velte & Igor Dolinger, 60 Seiten, Carlsen, 24 Euro, ab 7 Jahren

ISBN-10: 355106699X ISBN-13: 978-3551066992

Vielfaltmerkmale:
Inklusion, Charakter of Color, Armut, Brailleschrift, Leichte Sprache

Der KIMI-Faktor:
Das Buch versucht keine Leser*innen auszuschließen und richtet sich an eine weit gefächerte Zielgruppe: Die Geschichte kann in Alltagssprache, in Leichter Sprache und in Brailleschrift gelesen werden.
Die Handlung ist leicht zu verstehen – auch wenn wenig Deutschkenntnisse bestehen: Eine Freundschaftsgeschichte, in der zusammen für einen Freund eingestanden wird.
Die Charaktere sind recht vielfältig: Es gibt einen schwarzen Protagonisten und einen im Rollstuhl.
Zudem wird das Thema Armut aufgegriffen.

Inhalt:
Eigentlich wollten die Freund*innen der Bunten Bande die Räume des Jugendzentrums ihres Stadtteils bunt bemalen. Ben, der auch oft ins Jugendzentrum kommt, soll mitmachen, weil er besonders gut zeichnen kann. Aber plötzlich lässt er sich nicht mehr sehen. Henry, Tessa, Leo, Tom und Jule wundern sich. Als sie erfahren, dass Bens Fahrrad geklaut wurde und seine Familie kein Geld für ein neues hat, fassen sie einen

Plan: Sie wollen Ben mit vereinten Kräften helfen. Zum Sommerfest des Jugendzentrums nutzen sie ihre Talente und bekommen schließlich tatsächlich genügend Geld zusammen, um Ben ein gebrauchtes Fahrrad im Internet ersteigern zu können.
Das Fahrrad wird noch gemeinsam verschönert – mit Aufklebern, Fahrradkorb und Hupe. Ben kann sein Glück kaum fassen – und so sind die Freund*innen wieder vereint und können weiter die Wände des Jugendzentrums bemalen.

Das Buch versammelt drei verschiedene Lesearten: Alltagssprache, Leichte Sprache und Brailleschrift. Darüber hinaus berücksichtigt die Gestaltung des Buches in Schriftgröße, Farbgebung und Illustrationen die unterschiedlichen Bedürfnisse, Kommunikationsmöglichkeiten und Lesekompetenzen von Kindern mit Lernschwierigkeiten, Sehbehinderung oder mit geringen Deutschkenntnissen. 

Das sagt die Kinder-Jury:
So ein Buch hatten die Kinder noch nicht gesehen! Dreimal die gleiche Geschichte anders erzählt, das sorgte anfangs bei einigen Kindern für Irritation – stieß dann aber direkt auch auf großes Interesse und weckte Redebedarf. Der Geschichtenverlauf, die Unterschiede im erzählten Text und in der Gestaltung wurden neugierig untersucht. In der Jury waren nur sehende Kinder, die zum Teil sogar zum allerersten Mal mit Brailleschrift in Kontakt kamen – eine Einschätzung auf dieser Ebene war nicht möglich. Auch waren nur wenige Kinder mit eingeschränkten Deutschkenntnissen in der Jury. Diese haben die verschiedenen Textvarianten besonders im lesenden Vergleich genutzt. Im Sinne eines Perspektivwechsels, eines sich Hineindenkens und -fühlens in ungewohnte Lebensumstände, kam der Aufbau bzw. die Dreiteilung des Buches sehr gut und auch nachhaltig bei den Kindern an. 
Die Story und die Illustrationen wurden als “Schulbuchgeschichte” bezeichnet und eines fiel auf: “Ganz schön wenig Mädchen gibt es da.”

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Das Buch hat eine großartige Vorbildfunktion als inklusives Kinderbuch. Durch die besondere Konstruktion des Buches kann es gleichzeitig von sehenden Kindern in Alltagssprache und Leichter Sprache, als auch von blinden Kindern in Brailleschrift gelesen werden. Durch die Integration all dieser Sprachen (sowie die dazugehörigen Erklärungen) ermöglicht es Eltern und Pädagog*innen, über Vielfalt von Kindern und ihre unterschiedlichen Zugänge zur Welt der Geschichten ins Gespräch zu kommen.
Die Vielfalt von Kindern spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der „Bunten Bande“ wider – hier gibt es dann doch auch einige Klischees: Natürlich ist der schwarze Charakter musikalisch und das Mädchen kann prima Schminken.
Insgesamt wirkt die Geschichte vom pädagogischen Willen geprägt und könnte etwas mehr Tiefgang und Spannung vertragen.
Zusammenfassend muss klar gesagt werden: Das Buch funktioniert! Bitte mehr Bücher in diesem Format.  

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David Arnold: Herzdenker

übersetzt von Ulrich Thiele, 376 Seiten, Arena Verlag, 17 Euro, ab 12

ISBN-10: 9783401603711 ISBN-13: 978-3401603711

als eBook erhältlich

Vielfaltsmerkmale: Armut, Ausgrenzung, Behinderung, Familienformen, Gender, Klassismus, Rassismus

Kimi-Faktor: In diesem bewegenden Jugendroman geht es um viel mehr – um Liebe und Trauer, um Zugehörigkeit, Ausgrenzung, gewaltvolle Lebensverhältnisse, Solidarität und Respekt.

Herzdenker erzählt die Geschichte der Helden des Hungers, einer Clique, bei der die beiden Hauptpersonen Vic, ein Junge mit dem Möbius-Syndrom und Mad, die als Waise mit ihrer dementen Großmutter beim gewalttätigen Onkel lebt, im Mittelpunkt stehen. Aus ihren Perspektiven berichten sie abwechselnd und in Rückblenden vom Kennenlernen, vom Zusammenhalt und von der gegenseitigen Unterstützung, die sie in der Gruppe erfahren. In dieser Wahlfamilie, die von Baz, einer Art jugendlicher Vaterfigur, zusammengehalten wird, fühlen sie sich aufgehoben und uneingeschränkt respektiert, was besonders für Vic eine wunderbare Erst-Erfahrung ist. Anrührend und vor allem spannend wird so erzählt, wie sich die Helden des Hungers um Vic und die Urne seines Vaters versammeln, dessen letzte Wünsche erfüllt werden wollen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Auch wenn Covergestaltung und Klappentext auf den ersten Blick nur wenig Anklang fanden – und wieder einmal die Frage, warum orientiert man sich nicht mehr am Original -, wurde die Geschichte von Vic, Mad und den Helden des Hungers für einige Jurymitglieder doch noch zu einem echten Lieblingsbuch. Die Sprache des mehrstimmig erzählten Jugendromans ist – wenn auch manchmal etwas klischeehaft in ihren Darstellungen – abwechslungsreich, dabei schön, witzig, philosophisch und respektvoll. Alle Protagonist*innen sind auf ihre verschiedenartige Weise gleichwertig, was den liebevollen Zusammenhalt der Wahlfamilie widerspiegelt. Ihre verschiedenen Sichtweisen sind gut beschrieben, die Erzählwechsel aber durchaus komplex und manchmal auch ein wenig verwirrend. Zum Ende wird es immer spannender mit unerwartetem Schluss!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine Clique Jugendlicher steht im Zentrum dieses außergewöhnlichen Buches. In ihrer Gemeinschaft finden die Jugendlichen, die alle auf die eine oder andere Art Außenseiter*innen sind, Solidarität und Mitgefühl. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um einen spannend geschriebenen Krimi, einer der Jugendlichen soll einen Mord begangen haben.


Thomas Engelhardt & Monika Osberghaus: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

illustriert von Susann Hesselbarth, 92 Seiten, Klett Kinderbuch, 14 Euro, ab 8 Jahren


ISBN-10: 3954701863 ISBN-13: 978-3954

701865
Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Das Buch öffnet in kindgerechter Ernsthaftigkeit die Tür ins Gefängnis und beschreibt das Leben “hinter Gittern”. Dabei gibt es authentische Einblicke in die Gefühlswelten der Hauptcharaktere in dieser belastenden Situation.
Sehr realistisch wird die Alleinerziehenden-Familiensituation und die dadurch plötzlich entstehenden Probleme u.a. auch finanzieller Natur erzählt.

Inhalt:
Eine spannende Krimigeschichte endet auch für Kinder im besten Fall damit, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird und die Verantwortlichen im Gefängnis landen. So weit, so gut. Aber dann? Was passiert in einem Gefängnis? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich dort? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen.
Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden.

Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter Janine und besonders ihren Vater Robert, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden Sinas Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits ist “Im Gefängnis” ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Haftzeit und die Wiedereingliederung danach beschreibt. Das ungewöhnliche Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Das Buch wurde recht unterschiedlich aufgenommen: Manchen Kindern gefiel die Erzählebene besser – mit der kindlichen Hauptprotagonistin Sina hatten sie eine Figur, mit der sie sich gut identifizieren und in deren Geschichte sie sich leicht hinein fühlen konnten. Andere waren eher von der Faktenebene mit ihren Schautafeln und Sachinformationen gefesselt. Einige Kinder fanden den Wechsel zwischen Nach- und Erzählebene allerdings ein wenig verwirrend.
Allgemein fanden die Kinder die Thematik sehr spannend, denn sie wussten vorher kaum etwas über den Alltag in einem Gefängnis und wie sich dieser auf eine Familie und somit eben auch auf das Leben vieler Kinder auswirken kann.

Das sagt die Erwachsene-Jury:
Erzählendes Kinderbuch und Sachbuch in einem, hier gelingt den Autor*innen ein großer Wurf! Aus der Kinderperspektive wird einfühlsam geschildert, wie es Sina damit geht, dass ihr Papa für einige Jahre ins Gefängnis muss, worunter sie leidet und was ihr Freude und Zuversicht gibt. Dabei bleibt die ethische Diskussion über den vom Vater begangenen Raubüberfall und seine Spielsucht außen vor. Damit wäre das Buch sicherlich überfrachtet gewesen. Die ansprechenden, in hellen Tönen gehaltenen Illustrationen im Comic Stil tragen dazu bei, dass der Inhalt nicht zu schwer und bedrückend wirkt. Altersgerecht und sehr informativ wird Wissen zum Thema präsentiert, das sicherlich auch für einige Erwachsene interessant ist.