Shaun Tan: Zikade

illustriert von: Shaun Tan, erschienen bei: Aladin, ab 5 Jahren

Vielfaltskriterien:

Ausbeutung von menschlichen Arbeitskräften, Kapitalismuskritik, Unmenschlichkeit

KIMI-Faktor:

Die Ausbeutung eines kleinen Angestellten spricht dem Protagonisten das Menschsein ab.

Inhalt:

Zikade ist ein graugekleideter Büroangestellter. Täglich wird seine Arbeitszeit mit einem Barcode erfasst. Seit siebzehn Jahren ist er nicht befördert worden und wird mies bezahlt. Zikade lebt im Bürogebäude, er kann sich nichts anderes leisten. Er ist fleißig, leise, macht Überstunden, ist immer freundlich. Behandelt wird er schlecht. Eine Geschichte, die in düsteren eindringlichen Bildern erzählt wird, fast ohne Worte und wenn, dann sind diese abgehackt: „Tack Tack Tack!“, als würde Zikade ein ganzer Satz nicht zugestanden werden. Am Ende macht er eine Verwandlung durch und wendet sich von den Menschen ab.

Jurystimme:

„Besser kann man Entmenschlichung durch den Kapitalismus in einem Kinderbuch nicht darstellen.“

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Tanja Székessy: Mio war da

illustriert von: Tanja Székessy, erschienen bei: Klett Kinderbuch, ab 5 Jahren

Vielfaltskriterien:

Herkunft, Familienkonstellationen, soziale Milieus

KIMI-Faktor:

Ein kleiner Stoffpinguin guckt sich unbefangen und vorurteilsfrei ganz unterschiedliche Zuhause von Kindern aus seiner Klasse an. Dabei offenbart sich eine große Vielfalt an Lebensbedingungen und Stimmungen im familiären Zusammenleben.

Inhalt: Mio ist der Stoffpinguin der ersten Klasse. Jeden Tag darf er mit einem anderen Kind nach Hause gehen. Er beschreibt aus seiner Sicht ganz sachlich und unvoreingenommen die unterschiedlichen Verhältnisse. Mal hat er Spaß und wird besungen und unterhalten, mal muss er sich mit dem Kind verstecken, bis der Partner der Mutter aus dem Haus gegangen ist und man mit der Mama inmitten von Bierdosen Fernsehen kann. Es gibt Riesenfamilien mit viel Lärm (nur schade, dass man ihn im Ranzen vergisst) und Kinder, die nachmittags allein sind. Er erlebt Familien jeder Couleur, arme und reiche, große und kleine, lustige und traurige. Mal freut man sich mit Mio, mal leidet man mit ihm.

Jurystimme: „ungezwungen, lebendig, farbenfroh“

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Krystia Basil: Der Himmel ist grenzenlos

illustriert von: Laura Borràs, erschienen bei: minedition, ab 3 Jahren

Vielfaltskriterien:

Familienkonstellationen, politische Gewalt

KIMI-Faktor:

Dieses Buch gibt Kindern den Mut mit auf den Weg, durch die Kraft der Gedanken, Grenzen zu sprengen. Es zeigt, dass es sinnvoll ist, Widersinniges zu hinterfragen und aufzubegehren.

Inhalt: Arturo schaut sich auf Landkarten besonders gerne die dicken Linien an, die zeigen, wo sich zwei Länder treffen – so als würden sich die Länder umarmen. Aber seine Mutter erklärt ihm, dass dies Grenzen sind, die Menschen daran hindern können, in andere Länder zu gelangen. Arturos Vater und sein Bruder sind auf der anderen Seite einer solchen Linie; er kann sie nicht treffen und vermisst sie. Er möchte so gern den Grenzzaun überwinden und träumt davon, sich durch einen Spalt im Zaun zu quetschen, sich unter dem Zaun durchzugraben oder eine Brücke über die Grenzlinie zu finden. Auch über das Meer kann er nicht zu seinem Bruder gelangen, denn er kann nicht schwimmen. Er fragt sich, wozu Grenzen überhaupt da sind, und er träumt von einem Land ohne Grenzen. Irgendwann, diese Gewissheit fühlt er, wird er mit Vater und Bruder wieder vereint sein, denn er hat den Himmel ganz genau angeschaut und dort nicht eine einzige Grenze gefunden. Eine bewegend erzählte und einfühlsam illustrierte Geschichte von einem kleinen Jungen, der nicht versteht, wozu Grenzen gut sein sollen.

Jurystimme:

„Die Freiheit des Himmels steht in Analogie zur Freiheit des eigenen Denkens.“

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Nic Stone: Dear Martin

übersetzt von Karsten Singelmann, 256 Seiten, Rowohlt Rotfuchs, 17,99 Euro, ab 14 

ISBN-10: 349921833X ISBN-13: 978-3499218330

als eBook erhältlich

Vielfaltsmerkmale: Rassismus, Diskriminierung, Ungerechte Justiz

Kimi-Faktor: In Briefen an M. L. King verarbeitet Justyce den alltäglichen erlebten Rassismus, leistet Widerstand stößt an Grenzen und geht dennoch seinen Weg. Ein welches wütend macht, wach rüttelt und dennoch Hoffnung gibt.

Der Schwarze Jugendliche Justyce ist mit seinem Leben zufrieden: er hat hart gearbeitet und es so an eine gute (weiße) private Schule geschafft, er ist unter den Schüler*innen beliebt und hat sogar seinen Wunschstudienplatz an der renommierten Yale Universität sicher. Eines Nachts gerät sein Leben komplett aus den Fugen, als er unschuldig wegen angeblicher Vergewaltigung festgenommen wird. In dieser außerordentlich bedrohlichen Situation findet er Kraft darin, ein Tagebuch zu führen, in dem er Briefe an Martin Luther King schreibt: Was würde der ihm wohl raten? Als es jedoch ein weiteres Opfer brutaler Polizeigewalt gibt, scheint Justyce völlig zu verzweifeln … Eindrücklich schildert Nic Stone, wie Justyce im Dialog mit M.L. King den alltäglichen Rassismus immer bewusster wahrnimmt, dagegen einschreitet, auf Widerstand stößt und dennoch seinen Weg geht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury

Dass man dieses Buch auf jeden Fall gelesen haben sollte und dass da alles drinsteckt, was ein Buch nur haben kann, sind nur zwei, der wirklich begeisterten Kommentare der Jugendjury. Sehr gut gefiel die Covergestaltung, die starke und authentische Sprache und auch die Briefstruktur, in der Justyce’ Gedankenwelt von der Autorin sehr gut nachvollziehbar aufgeschrieben wurde. Verschiedene Sichtweisen werden im Buch kraft- und gefühlvoll erzählt. Mehrheitlich wurde gesagt, dass das spannende Buch sehr zum Nachdenken anregt. Auch oder gerade, weil einige (besonders oft rassistische) Vorurteile hart reproduziert werden, die meisten dieser Kommentare aber direkt in der Geschichte hinterfragt sind. Kritisiert wurde die Übersetzung u.a. für die Benutzung des Wortes ,,Ureinwohner”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury

Ein hochaktuelles empowerndes Buch, das packend von einem höchst brisanten Thema handelt! Realistisch schildert Nic Stone, wie der Schwarze Jugendliche Justyce, der in den USA lebt, zufällig in die Mühlen der rassistischen Polizeigewalt gerät. Die verschiedenen Ebenen, – Zeitungsartikel, Verhörprotokolle und die Briefe, die Justyce an Martin Luther King schreibt – geben dem Buch geben eine besondere Tiefe und weisen auf die fatale Kontinuität der rassistischen Gewalt hin.

Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

übersetzt von Andrea Fischer, 624 Seiten, FISCHER FJB, 18,99 Euro, ab 14 Jahren
Auch als eBook und Hörbuch (Argon Hörbuch) erhältlich

ISBN-10: 9783841440297 ISBN-13: 978-3841440297

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Rassismuskritik, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Die Geschichte präsentiert eine starke und überzeugende Heldin. Ganz selbstverständlich sind alle Protagonist*innen schwarz.
Die Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Rassenhass und Diskriminierung ist authentisch und regelrecht schonungslos.

Inhalt:
Children of Blood and Bone ist der erste Band einer afro-futuristischen Fantasy-Trilogie. Die Hauptprotagonistin, Teenager Zélie Adebola ist eine der Maji – eine Bevölkerungsgruppe die magische Kräfte besitzt. Die Maji werden gesellschaftlich unterdrückt, ausgeschlossen und ihrer magischen Kräfte beraubt. Die Erzählung findet im Königreich Orïsha, einer fiktiven westafrikanischen Gesellschaft statt. Dort leben zwei Gruppen schon sehr lange ungleichberechtigt zusammen.

Der machthungrige König Seran gehört der regierenden Klasse der Kosidáns an. Um Einfluss zu gewinnen, zu behalten und auszuüben versucht Seran die Magie ganz auszurotten. Er lässt nämlich alle Majis, die älter sind als 13 Jahre tötet. Zélie verliert in dieser „Blutnacht“ ihre Mutter. Als die Ausbeutung der Maji zusehends unerträglich wird und Zélie befürchten muss, versklavt zu werden, um die horrenden Abgaben an König Seran und seiner Regierung zahlen zu können, bricht sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tzain und ihrer Freundin Prinzessin Amari, der Tochter des Königs, zu einem lebensgefährlichen Abenteuer auf. Dafür müssen sie gefährliche Abenteuer bestehen, Verrat und Schmerz erleiden.
Zélie will die Magie retten und nach Orïsha zurückholen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:
Das Fantasy-Epos wurde mit großer Begeisterung gelesen und als sehr gut und mitreißend geschrieben eingeschätzt. Dabei beeindruckten nicht nur die an der westafrikanischen Kultur orientierte Fantasiewelt, die starken jugendlichen Hauptfiguren, sowie der immense Spannungsbogen der Geschichte, sondern vor allem die Themen Diskriminierung, die Geschichte der Sklaverei und damit regelrechter Rassenhass, die Adeyemi mit jedem Satz miterzählt. Damit erklärte sich auch der teilweise sehr brutale, manchmal kaum auszuhaltende Verlauf der Geschichte. Im Zusammenhang mit dem Nachwort der Autorin, in dem sie unmittelbare Bezüge zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft, zu #blacklivesmatter, zu racial profiling und zur Polizeigewalt gegen Schwarze aufstellt, wurde dies noch klarer. Fast ein wenig enttäuscht waren die Jugendlichen allerdings wegen des rasanten Cliffhanger-Endes, das alle Leser*innen wirklich sehr abrupt verabschiedet – jetzt wird sehnsüchtig auf Band 2 gewartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Es handelt sich hier um eine vielschichtige und sehr lange Erzählung (623 Seiten). Alle Protagonist*innen sind ganz selbstverständlich Schwarz. Die Nigerianisch-Amerikanische Autorin Tomi Adeyemi nimmt ihre Inspiration aus dem in letzter Zeit mit dem Film „Black Panther“ sehr erfolgreichen Genre des Afro-Futurismus. Sie verleiht ihrer Erzählung Tiefe durch starke literarische Bezüge zu westafrikanischen kulturellen und mythologischen Wissensformen. Sie bezieht sich dabei sozialkritisch und gesellschaftskritisch auf die historische Missachtungsformen und Demütigungen (Rasssismus) die schwarze Menschen und Kollektive erfahren und überleben müssen. Sie bezieht sich auf ihre Ideen und Organisationsformen, die auf Befreiung und Wiederstellung ausgerichtet sind (#BlackLivesMatter Bewegung).
Die Hauptprotagonistin Zélie Adebola ist eine aktionsstarke weibliche Figur. Überhaupt sind es die schwarzen Frauen, die weiblichen Figuren, die in Zélies Welt emanzipative, kollektive Lösungen trotz Traumatisierung und Verlusten suchen und gestalten.
Es ist spannend und berührend, manchmal kaum auszuhalten. Ganz großartige Literatur und eine sehr stark diversitätsgeprägte Erzählung aus unserer Sicht!

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Thomas Engelhardt & Monika Osberghaus: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

illustriert von Susann Hesselbarth, 92 Seiten, Klett Kinderbuch, 14 Euro, ab 8 Jahren


ISBN-10: 3954701863 ISBN-13: 978-3954

701865
Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Das Buch öffnet in kindgerechter Ernsthaftigkeit die Tür ins Gefängnis und beschreibt das Leben “hinter Gittern”. Dabei gibt es authentische Einblicke in die Gefühlswelten der Hauptcharaktere in dieser belastenden Situation.
Sehr realistisch wird die Alleinerziehenden-Familiensituation und die dadurch plötzlich entstehenden Probleme u.a. auch finanzieller Natur erzählt.

Inhalt:
Eine spannende Krimigeschichte endet auch für Kinder im besten Fall damit, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird und die Verantwortlichen im Gefängnis landen. So weit, so gut. Aber dann? Was passiert in einem Gefängnis? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich dort? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen.
Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden.

Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter Janine und besonders ihren Vater Robert, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden Sinas Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits ist “Im Gefängnis” ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Haftzeit und die Wiedereingliederung danach beschreibt. Das ungewöhnliche Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Das Buch wurde recht unterschiedlich aufgenommen: Manchen Kindern gefiel die Erzählebene besser – mit der kindlichen Hauptprotagonistin Sina hatten sie eine Figur, mit der sie sich gut identifizieren und in deren Geschichte sie sich leicht hinein fühlen konnten. Andere waren eher von der Faktenebene mit ihren Schautafeln und Sachinformationen gefesselt. Einige Kinder fanden den Wechsel zwischen Nach- und Erzählebene allerdings ein wenig verwirrend.
Allgemein fanden die Kinder die Thematik sehr spannend, denn sie wussten vorher kaum etwas über den Alltag in einem Gefängnis und wie sich dieser auf eine Familie und somit eben auch auf das Leben vieler Kinder auswirken kann.

Das sagt die Erwachsene-Jury:
Erzählendes Kinderbuch und Sachbuch in einem, hier gelingt den Autor*innen ein großer Wurf! Aus der Kinderperspektive wird einfühlsam geschildert, wie es Sina damit geht, dass ihr Papa für einige Jahre ins Gefängnis muss, worunter sie leidet und was ihr Freude und Zuversicht gibt. Dabei bleibt die ethische Diskussion über den vom Vater begangenen Raubüberfall und seine Spielsucht außen vor. Damit wäre das Buch sicherlich überfrachtet gewesen. Die ansprechenden, in hellen Tönen gehaltenen Illustrationen im Comic Stil tragen dazu bei, dass der Inhalt nicht zu schwer und bedrückend wirkt. Altersgerecht und sehr informativ wird Wissen zum Thema präsentiert, das sicherlich auch für einige Erwachsene interessant ist.