Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8 Jahren
Auch als eBook erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Armut, Mobbing, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Das Buch beschäftigt sich u.a. mit dem in der Kinderliteratur oft vernachlässigten Thema Armut und zeigt den jungen Leser*innen konstruktiv, wie man mit Armutssituationen umgehen kann. Dabei bleibt es authentisch und realistisch: Es gibt keine “Erlösung” aus, sondern einen guten Umgang mit der Situation. Außerdem zeigt es, dass auch Jungs-Charaktere, die nicht den üblichen Klischee-Merkmalen “stark, durchsetzungsfähig, laut” entsprechen, tolle Kinderbuchhauptcharaktere sein können, mit denen man sich gerne identifiziert.
Das Thema Trennung der Eltern wird realitätsnah und nicht probematiserend behandelt.

Inhalt:
Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut.
Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant.

Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen – und das Auto ist auch kaputt.
Aber Antons Mutter findet eine Lösung für das Ferien-Dilemma: Zu Fuß sind sie zusammen mit Meerschwein unterwegs zum nächsten Campingplatz. Als der ausgebucht ist, zelten sie kurzerhand (unerlaubt) wild im Wald, was immer wieder zu aufregenden Situationen führt. Anton lernt im Wald ein Mädchen kennen, das auch einiges an innerem Ballast mit sich herum trägt.
Obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde – und schließlich rettet Anton dem Mädchen sogar das Leben. Und dann ist plötzlich das Meerschweinchen verschwunden und Antons Mutter kommt vom Einkaufen nicht mehr zurück… Eine ungewöhnliche und actionreiche Sommergeschichte, die Kindern Mut macht.
Anton wird in diesen Ferien, die so unschön begannen, selbstbewusster und stärker – ohne sich dabei zum Superhelden zu entwickeln. Anton bleibt Anton, aber fängt an, sein Potential auszuschöpfen.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 
Die Kinderjury fand es etwas Besonderes, dass ein ängstlicher, ruhiger Junge sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen anfreundet. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern.
Kinder, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit dem Hauptcharakter identifizieren.
Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

Jutta Wilke: Stechmückensommer

208 Seiten, Knesebeck Verlag, 15 Euro, ab 12

Vielseitigkeitsmerkmal: Menschen mit Behinderungen, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Wertevielfalt

Kimi-Faktor: Der spannende Roman präsentiert eine abenteuerliche  Reise dreier Teenager  die mit ihren verschiedenen körperlichen Handycaps  ins Ungewisse aufbrechen und sich dabei ihrer Gefühle und Werte bewusst werden und  gegenseitig zeigen. Sie gehen gemeinsam durch dick und dünn. Auf ihrer Reise spielte es keine Rolle  welche körperlichen Probleme jeder hat. So wurde auch das Merkmal  Kind mit Down Syndrom  wunderschön in den Roman eingebunden.

„Eine Made ist weiß. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal. Sie können mich nennen, wie sie wollen. Ich höre sowieso nicht hin. Eigentlich heiße ich Madeleine. Ich bin fast vierzehn.“

Madeleine soll eigentlich ihre Zeit im Ferienlager in Schweden genießen. Aber auch dort kann sie nicht von ihren Erfahrungen in der Schule und ihrer Familie abschalten. In der Schule wird sie gemobbt, weil sie nicht ins typische Mädchenbild passt. Als sie auf einem Ausflug zufällig von dem Teenager Julian entführt wird, weil der einen VW-Bus brauchte, um ans Nordkap zu kommen, geht ihre Reise los. Mit Vincent, einem Jungen mit Down-Syndrom, nimmt das Abenteuer richtig Fahrt auf. Ein spannender Road-Trip durch Schweden, der so abrupt beginnt, wie er endet.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

In sehr schöner und verdichteter Sprache werden in diesem spannenden Roadmovie die Konflikte von drei Jugendlichen einfühlsam beschrieben. Verschiedene Vorurteile, z. B. Fatshaming und gegen geistig behinderte Menschen, werden benannt, aber hinterfragt und erklärt. Dabei fanden die Jugendlichen der Jury diese, wenn auch realistisch, doch teilweise in zu extremer diskriminierender Sprache reproduziert. Da den Vorurteilen und Diskriminierungen aber stets unmittelbar und auch von den Betroffenen selbstbewusst gekontert und widersprochen wurde, sodass sie in den Situationen ausgeräumt wurden, hat sich die Jury dennoch für das Siegel zum Buch entschieden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine nicht alltägliche Ausgangslage: Drei Jugendliche, die alle in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen, treffen in der schwedischen Wildnis aufeinander und schlagen sich mit viel Kreativität und Courage durch. Verständlich, dass dabei gewisse Regeln nicht immer eingehalten werden können. Die gemeinsame Reise wird auch zu einer Art Entwicklungsprozess. Denn die Jugendlichen hegen zu Beginn durchaus Vorurteile gegeneinander und lernen im weiteren Verlauf, dass diese den eigenen Blick einengen und die andere Person verletzen. Indem es ihnen gelingt, die eigenen Vorurteile aufzulösen, können sie Vertrauen zueinander aufbauen und die Herausforderungen meistern, die ihnen begegnen. Ohne moralischen Zeigefinger führt das Buch einfühlsam vor Augen, dass jede Person, ungeachtet ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer psychischen Verfasstheit, Stärken und Fähigkeiten hat.

Ein großartiger Einblick in die Gefühlswelt eines Mädchens, das nicht in die Erwartung anderer Menschen passt. Außerdem eine spannende Reise dreier Teenager, die sich selbst suchen und ganz nebenbei die Bedeutung von Freundschaft entdecken. Nicht zuletzt schafft es das Buch auch noch, eine Hauptfigur mit Down-Syndrom zu haben, ohne sie deswegen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr davon.

Eine nicht alltägliche Ausgangslage: Drei Jugendliche, die alle in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen, treffen in der schwedischen Wildnis aufeinander und schlagen sich mit viel Kreativität und Courage durch. Verständlich, dass dabei gewisse Regeln nicht immer eingehalten werden können. Die gemeinsame Reise wird auch zu einer Art Entwicklungsprozess. Denn die Jugendlichen hegen zu Beginn durchaus Vorurteile gegeneinander und lernen im weiteren Verlauf, dass diese den eigenen Blick einengen und die andere Person verletzen. Indem es ihnen gelingt, die eigenen Vorurteile aufzulösen, können sie Vertrauen zueinander aufbauen und die Herausforderungen meistern, die ihnen begegnen. Ohne moralischen Zeigefinger führt das Buch einfühlsam vor Augen, dass jede Person, ungeachtet ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer psychischen Verfasstheit, Stärken und Fähigkeiten hat.

Ein großartiger Einblick in die Gefühlswelt eines Mädchens, das nicht in die Erwartung anderer Menschen passt. Außerdem eine spannende Reise dreier Teenager, die sich selbst suchen und ganz nebenbei die Bedeutung von Freundschaft entdecken. Nicht zuletzt schafft es das Buch auch noch, eine Hauptfigur mit Down-Syndrom zu haben, ohne sie deswegen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr davon.

Astrid Frank: Uli Unsichtbar

illustriert von Regina Kehn, 96 Seiten, Verlag Urachhaus, 14 Euro, ab 7 Jahren
Auch als E-Book erhältlich 

Vielfaltskriterien: Geschlechterrollen, Wertevielfalt, Mobbing

Der Kimi- Faktor:
Die Geschichte erzählt jungen Leser˟innen wie man sich fühlt, wenn man aus einer Gruppe ausgeschlossen und gemobbt wird und weist nachdrücklich darauf hin, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat so zu sein, wie er ist.
Ganz selbstverständlich und nebenbei wird erzählt, dass auch Jungs nicht der üblichen klischeehaften Geschlechterrolle „stark, durchsetzungsfähig, laut“ entsprechen müssen, sondern Mädchen genauso gut die Beschützerinposition einnehmen können.
Außerdem wird in diesem Buch das Thema Wertevermittlung und Recht in Form von Umgangsregeln in der Schulklasse empathisch und konstruktiv bearbeitet.

Inhalt:
Uli zieht mit seinen Eltern in eine neue Stadt. Er ist vor allem traurig, seine Großeltern nun nicht mehr regelmäßig sehen zu können. Doch es sind große Ferien und im neuen Wohnhaus findet er rasch Anschluss an die Nachbarskinder, mit denen er einen wunderbaren Sommer im Freibad verbringt. Eigentlich ist es doch gar nicht so schlecht im neuen Zuhause – bis die Schule beginnt. Denn als er sich dort seiner neuen Schulklasse vorstellt, verhaspelt er sich stotternd vor lauter Aufregung bei seinem Namen und wird von allen nur noch U-u-uli gerufen.

Auch die Schwimmbadfreundschaften erweisen sich als wenig hilfreich und Uli wird mit jedem Tag mehr zum gemobbten Außenseiter. Bis ein Mädchen – ebenfalls mit dem Namen Uli – neu in die Klasse kommt und sich mutig auf seine Seite stellt.

Das sagt die Kinder-Jury:
Das Cover hat den Kindern sehr gut gefallen, weil es viele verschiedenartige Kinder zeigt und das Thema „Ausgrenzung“ bereits darstellt bzw. vorab auf die Thematik vorbereitet. Die Geschichte des schüchternen Uli ist spannend erzählt und bildet die Wirklichkeit und vor allem die Dynamik einer Gruppe, die sich gegen eine*n Einzelne*n stellt gut ab. Die Auflösung des Konfliktes und auch das dem Buch beiliegende Poster, das die neuen Regeln zum gemeinsamen Umgang in Ulis Klassengruppe auflistet, kannten einige Kinder so ähnlich aus ihrem Schulalltag. Insofern empfanden sie ihre Lebensrealität glaubwürdig wieder gespiegelt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Ein Buch zu einem wichtigen Thema. Glaubwürdig wird die Gruppendynamik, die für Mobbing charakteristisch ist, dargestellt. Wünschenswert wäre gewesen, der Bewältigung und dem Prozess der Aufarbeitung am Ende mehr Raum zu geben. Nützlich ist das beigefügte Plakat mit Regeln, die dazu beitragen können, Mobbing zu verhindern.

Iben Akerlie: Lars, mein Freund

übersetzt von Ina Kronenberger, 256 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 12,95 Euro, ab 10

auch als eBook erhältlich

Vielseitigkeitsmerkmal: Menschen mit Behinderungen, Mobbing, Wertevielfalt

Kimi-Faktor:  Ein wichtiges Thema für Kinder: Mobbing. Das Buch zeigt in spielerischer  Ernsthaftigkeit  welche Konsequenzen Mobbing haben kann und wie  wichtig es  ist, füreinander einzustehen. Einer der Hauptcharaktere hat das Down- Syndrom. Er zeigt seinen Mitschülern wie toll es sein kann  das Leben aus einer anderen Perspektive  zu sehen.

Amanda liebt Adam, der in ihre Klasse geht, aber Adam liebt Amanda nicht. Und als wäre  das nicht schon peinlich genug bekommt Amanda von ihrer Lehrerin   eine ganz besondere Aufgabe zu geteilt:  Sie soll doch bitte Patin des neuen Schüler Lars werden, der das Down Syndrom hat.  Amanda ist  entsetzt über ihrer Aufgabe. Nicht weil sie Vorurteile quälen,  nicht weil  Lars ihr komisch vor kommt  und unsympathisch ist.  Nein, sie hat Angst bei ihren Mitschülern deswegen nicht mehr zu den Coolen zu gehören und aus ihrer Clique zu fliegen. Zwar hat sie eine tolle, beste Freundin, aber eben nur diese und sie sehnt sich nach der Anerkennung der großen Gruppe. Bei Lars zu Hause sind Amanda und er  beste Freunde, in der Schule jedoch ignoriert Amanda Lars.  Als  in der Klasse über Lars geredet wird, muss Amanda sich entscheiden.  Wird sie zu Ihm halten? Bleiben  Lars und Amanda  Freunde oder kommt es zu einem  Vertrauensbruch?

Das sagt die Kinder-Jury:

Die Kinder hatten bisher noch keine Bücher mit behinderten Protagonist*innen gelesen. Für alle war es der erste literarische Kontakt mit dem Thema. Dies gab in der Bewertung den großen Ausschlag für das KIMI-Siegel. Einige Kinder kannten aber wohl Kinder mit Downsyndrom aus ihrem Schulalltag und fanden das Setting alltagsnah und überzeugend nacherzählt. Insofern meinten sie, dass sich das Buch gut zum Einstieg in die Thematik eignet. Einhellig wurde der Geschichte gute Lesbarkeit und große Spannung bescheinigt. Gespalten waren die Meinungen zu Amanda. Ihren Zwiespalt und erst recht ihren „Verrat“ an Lars konnten einige überhaupt nicht nachvollziehen. Für Diskussion war gesorgt! Für Irritation sorgte auch das Cover – warum wurde nicht das Gesicht des Jungen gezeigt

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Amandas Unsicherheit und Ihre Zerissenheit lässt sich beim Lesen gut nachvollziehen. Schade ist allerdings, dass viel über Lars gesprochen wird, er selbst aber nur am Rande aktiv auftritt. Dadurch wirkt die Geschichte etwas einseitig, auch wenn sie viele spannende Momente zu bieten hat.