Elisenda Roca: Meine Freunde, das Glück und ich

illustriert von Rocio Bonilla, erschienen bei Ellermann, ab 3 Jahren

Vielfaltskriterien: Familienkonstellationen, PoC, Behinderung

KIMI-Faktor: Ein Bilderbuch aus dem Katalanischen, das positiv und Mut machendeine vielfältige Gesellschaft zeigt.

Inhalt: Violetta und ihr Hund Struppi zeigen uns ihr Viertel: Kinder mit ganz unterschiedlichem äußeren Erscheinungsbild– wie PoC, Asiat*innen, Nord- und Südeuropäer*innen – leben in diversen Familienformen zusammen, zum Beispiel mit zwei Müttern oder zwei Vätern, bei einem alleinerziehendem Elternteil oder auch als Adoptivkind. Gemeinsam bereiten sie ein großes Nachbarschaftsfest vor. Erst auf der letzten Seite stellt sich Violetta vor, die das Downsyndrom hat.

Jurystimme: „Dieses Buch will von einer bunten und mannigfaltigen Gemeinschaft erzählen, in der ein gutes Leben möglich ist.“

Katharina Schöde: Hey, Milla! Mein geheimer Wünschesommer

illustriert von Lisa Hänsch, erschienen bei Loewe, ab 8 Jahren

Vielfaltskriterien: LRS, Familienkonstellationen, Verlust, Trauer

KIMI-Faktor: Guter Einblick in das kindliche Leben mit LRS, sowie plausible Darstellung der Konflikte zwischen Vater und Tochter, Onkel und Vater und den Schülern untereinander. Außerdem ist es gut zu lesen durch mit Comicelementen und Bilder.

Inhalt: Milla (offiziell Emilia) ist eigentlich guter Dinge: Sie kommt gut mit ihrem Papa aus, hat einen lieben Hund und eine beste Freundin, ist äußerst fantasievoll und erfindet ständig Geschichten – nur das Lesen und Schreiben macht ihr große Schwierigkeiten – die Buchstaben verwandeln sich vor ihren Augen in böse Ameisen, die herumwuseln und sie verhöhnen. Millas Probleme mit dem Lesen bescheren ihr in der Eisdiele ein Rote-Bete-Chili Eis (sah so schön rosa aus), weil sie die Schilder nicht lesen kann; auch die Wegweiser nicht. Lehrerin und Mitschüler*innen sind nicht verständnisvoll. Deswegen ist ihre Versetzung gefährdet und ihr droht die ‚Idiotenklasse‘ – offiziell der Förderunterricht.

Jurystimme: „Das ist ein Buch, was Kinder lesen sollten.“

Zanib Mian: Planet Omar: Nichts als Ärger

Illustriert von Nasaya Mafaridik, erschienen bei Loewe, ab 8 Jahren

Vielfaltskriterien: Interkulturalität, Familienkonstellationen, Muslimische Familien, Islam, Migration, Religion

KIMI-Faktor: Mit Humor schafft dieses Buch einen kindlichen, muslimischen Superhelden, der seinen Alltag mit unvoreingenommener Naivität preisgibt.

Inhalt: Omar ist 9 Jahre alt, lebt in London und hat viel Ärger: Mit seiner Fantasie gerät er ständig in irgendeinen Schlamassel. Seine große Schwester und ein Mitschüler nerven ihn. Zum Glück aber gibt es einen Mitschüler, der sein Freund wird und ihm beisteht. Man erhält Einblicke in das Leben einer modernen muslimischen Familie; beide Eltern sind Wissenschaftler*innen und arbeiten viel. Es gibt drei Geschwister und es wird viel Wert auf die Einhaltung der Traditionen gelegt. So erfahren Leser*innen beispielsweise, dass man 5 Mal am Tag beten muss und wie diese Gebete heißen.

Jurystimme: „Ein besonderes Buch, das neben Action und Spannung auch viel Informationen über den Alltag muslimischer Familien gewährt. Solche Literatur brauchen wir! Denn so lernen Kulturen sich vorurteilsfrei kennen.“

Stimme der Autorin: „I wrote these books because I think books are a good way to create intercultural empathy trough stories and perhaps a little bit of humor”, so die Autorin Zanib Mian in einem Videostatement über ihre Schreibintention bezüglich der Planet Omar-Reihe (Zanib Mian, 2020). Sie erläutert weiter, dass es ihr als pakistanischstämmiger Muslima wichtig sei, zum interkulturellen Verständnis beizutragen, da dies die Grundlage für die Entwicklung für Empathie sei (ebd.).

Yaroslava Black: Zug der Fischer

illustriert von Ulrike Jänichen, erschienen bei Carlsen, ab 5 Jahren

Vielfaltskriterien: Eurowaisen, Familienkonstellationen

KIMI-Faktor: Der Journalist Keno Verseck appelliert an die Emigrations- und Immigrationsländer, wirtschaftlich enger zusammenzurücken und dafür zu sorgen, dass der Arbeitsmarkt in den osteuropäischen Ländern gestärkt wird. Das größte Problem jedoch sei die Ignoranz der Situation seitens der Europäischen Union, die es hinnimmt, dass Millionen Kinder ohne Eltern aufwachsen müssen.

Inhalt: Marika wächst in Brusturiv in der Ukraine auf. Die Bewohner Brusturivs „kennen sich alle wie eine große Familie. Wenn jemand Geld vergessen oder vertrunken hat, zahlt immer einer für den anderen in Not.“ Im Sommer geht sie Blaubeeren in den Karpaten sammeln, um sie anschließend auf dem Mark zu verkaufen. Wenn sie alle Beeren verkauft, und viel spart, kann sie sich auch eine Kleinigkeit für sich selbst kaufen. Irgendwann wird sie die Harry Potter – Bücher lesen, denn der ist – so wie Marika – ohne Eltern aufgewachsen. Nur sind ihre Eltern nicht tot, sondern in einem anderen Land, um dort Geld zu verdienen. Manchmal schicken sie ihr per Western Union Geldscheine, damit sie sich warme Kleider und Kuhfutter oder etwas für Großmutter kaufen kann. Das ist in Brusturiv keine Seltenheit, viele Kinder aus ihrer Schule leben bei ihren Großeltern oder kommen bei anderen Verwandten oder Nachbarn unter. Die Kinder vermissen ihre Eltern natürlich, aber hier fehlt es schlicht und einfach an Arbeit. „Marika hat unter ihrem Kissen alle Briefe der Mutter liegen, zwei Lebenszeichen pro Jahr: einmal zum Geburtstag und einmal zu Weihnachten“. Auch dieses Weihnachten kommt Marikas Mutter nicht nach Hause, aber sie hat wieder einige Dollar-Scheine geschickt. Am Fluss stößt sie auf die anderen Kinder im Dorf, die ebenfalls Scheine von ihren Eltern bekommen haben. Zusammen bemalen sie ihre Scheine mit dem Jesuskind und der Heiligen Maria und versehen sie mit einer Botschaft an ihre Eltern. Dann lassen sie die blauen Geldnoten in den Fluss fallen. „Sobald die Scheine das Wasser berühren, verwandeln sie sich in blau glänzende Fische und schwimmen davon, schwimmen zum Meer, nach Italien, in die müden Hände der Mütter“. „Komm zurück!“, steht auf Marikas Schein, denn ohne ihre Eltern ist Christus’ Geburt nur ein ganz gewöhnlicher Tag.

Jurystimme: „Zug der Fische“ ist eines der wichtigsten Kinderbücher, das ich bislang gelesen habe. Es beleuchtet ein Thema, das kaum Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft erhält und doch so gravierend für viele Familien und die gesamte Europäische Union ist.“

Anne Rickert: Das Gute Daran: Bei Mama und bei Papa

illustriert von Sabine Heine, erschienen bei Tyrolia, ab 3 Jahren

Vielfaltskriterien: Familienkonstellationen, Scheidung

KIMI-Faktor: Das Bilderbuch zeigt mit Humor und Einfühlungsvermögen, wie es für ein Kind sein kann, wenn die Eltern getrennt leben.

Inhalt: Die Eltern des kleinen Jungen leben getrennt. Deshalb hat er jetzt zwei Kinderzimmer und lebt in zwei Welten. In beiden ist er fest verwurzelt. Mama holt ihn früh vom Kindergarten ab, Papa spät. Bei Mama gibt es zum Abendessen Grießbrei mit Kirschkompott, bei Papa wird gegrillt. Mit Mama fährt er in die Berge zum Wandern, mit Papa sitzt er am Meer im Strandkorb. Bei Mama wird gekuschelt, bei Papa spielt er mit den Legosteinen. Doch manchmal vermisst er das jeweils andere Elternteil. Dann trösten ihn Mama oder Papa und versuchen ihn auf andere Gedanken zu bringen. So lebt er in zwei unterschiedlichen Welten, die gelegentlich auch Zerrissenheit bedeuten. Das Buch ist ein Begleiter für Familien, die sich viel-leicht selbst gerade in einem Scheidungsprozess befinden.

Jurystimme: „Ein einfühlsames Bilderbuch, das mit etwas Humor ein sehr trauriges und ernstes Thema anspricht: Scheidung. Es zeigt, dass trotz einer Trennung der Eltern Kinder Geborgenheit erfahren können, auch wenn das Gefühl der Zerrissen-heit nicht ausbleibt.“