Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8 Jahren
Auch als eBook erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Armut, Mobbing, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Das Buch beschäftigt sich u.a. mit dem in der Kinderliteratur oft vernachlässigten Thema Armut und zeigt den jungen Leser*innen konstruktiv, wie man mit Armutssituationen umgehen kann. Dabei bleibt es authentisch und realistisch: Es gibt keine “Erlösung” aus, sondern einen guten Umgang mit der Situation. Außerdem zeigt es, dass auch Jungs-Charaktere, die nicht den üblichen Klischee-Merkmalen “stark, durchsetzungsfähig, laut” entsprechen, tolle Kinderbuchhauptcharaktere sein können, mit denen man sich gerne identifiziert.
Das Thema Trennung der Eltern wird realitätsnah und nicht probematiserend behandelt.

Inhalt:
Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut.
Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant.

Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen – und das Auto ist auch kaputt.
Aber Antons Mutter findet eine Lösung für das Ferien-Dilemma: Zu Fuß sind sie zusammen mit Meerschwein unterwegs zum nächsten Campingplatz. Als der ausgebucht ist, zelten sie kurzerhand (unerlaubt) wild im Wald, was immer wieder zu aufregenden Situationen führt. Anton lernt im Wald ein Mädchen kennen, das auch einiges an innerem Ballast mit sich herum trägt.
Obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde – und schließlich rettet Anton dem Mädchen sogar das Leben. Und dann ist plötzlich das Meerschweinchen verschwunden und Antons Mutter kommt vom Einkaufen nicht mehr zurück… Eine ungewöhnliche und actionreiche Sommergeschichte, die Kindern Mut macht.
Anton wird in diesen Ferien, die so unschön begannen, selbstbewusster und stärker – ohne sich dabei zum Superhelden zu entwickeln. Anton bleibt Anton, aber fängt an, sein Potential auszuschöpfen.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 
Die Kinderjury fand es etwas Besonderes, dass ein ängstlicher, ruhiger Junge sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen anfreundet. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern.
Kinder, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit dem Hauptcharakter identifizieren.
Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

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Karuna Riazi: Paheli. Spiel um alles oder nichts

übersetzt von Cornelia Panzacchi, Thienemann, 288 Seiten, 14,99 Euro, ab 10 Jahren

Vielfaltmerkmale:
People of Color, religiöse Lebenswirklichkeiten

Der KIMI-Faktor:
Der spannende Fantasy-Roman präsentiert als Heldin ein starkes muslimisches Mädchen, das einen Hijab trägt und Person of Color ist.

Inhalt:
Was für ein Abenteuer! Das Brettspiel, das Farah ihrem jüngeren Bruder Ahmad zum Geburtstag schenkt, entpuppt sich als Zauberwerk: Plötzlich verschwindet Ahmad ins Spielfeld! Farah und ihren Freund*innen bleibt nur ein kurzer Augenblick des Zögerns, dann springen sie hinterher und landen in einer märchenhaften Stadt voller Sanddünen, Türme und Paläste. Farah genießt bengalische Köstlichkeiten und Mondlicht, das man aus Flaschen

trinken kann. Um die Stadt wieder verlassen zu können, müssen die Freund*innen drei schier unlösbare Herausforderungen bestehen. Wer verliert, ist für immer darin gefangen. Gleichzeitig müssen sie auch noch unbedingt Ahmad finden. Ob ihnen das gelingt? Dabei ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Geheimnisvolle Sagengestalten bewohnen die Stadt und es gibt sogar eine mysteriöse Verbindung zu Farahs Lieblingstante. Der Mut und der Zusammenhalt der Kinder werden auf eine harte Probe gestellt, doch mit viel Schläue und Witz besiegen sie den Fluch, unter dem die Stadt leidet.
Ein Tanz zwischen den Welten, Kulturen, eine Einladung zur Überschreitung von eigenen Grenzen.
Die Farahs Familie ist muslimisch, stammt aus Bangladesh und lebt in New York. Die bengalischen Begriffe, die immer wieder ins Buch eingestreut sind, sind in einem Glossar am Ende des Buches erklärt.

Das sagt die Kinder-Jury:
Leseglück auf Umwegen! Der Titel und das Cover sind in der deutschen Ausgabe leider irreführend: Es wirkt, als handele sich die Geschichte ausschließlich von einem Mädchen. Das Cover der englischen Originalausgabe gefiel Jungen wie Mädchen deutlich besser, weil es drei verschiedene Kinder zeigt und damit dem Inhalt besser entspricht. Nach der Lektüre waren die Kinder entsprechend allesamt überrascht – und begeistert: Die Geschichte bietet eine abwechslungsreiche Handlung und Spannung pur, sowie durch die sehr unterschiedlich angelegten Charaktere der Kinder ein hohes Identifikationspotential.
Das Lesen mit Hilfe des bengalischen Glossars war sehr interessant!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Eine spannende Fantasy-Geschichte, in der eine Gruppe von Kindern unterschiedlicher Charaktere und Fähigkeiten abenteuerliche Herausforderungen bewältigen muss. Farah und ihr Bruder sind People of Color. Kritisch anzumerken ist aus unserer Sicht, dass Farahs jüngerer Bruder Symptome von ADHS zeigt, was aber im weiteren Verlauf der Geschichte nicht weiter aufgenommen wird und die Eltern Farah viel Verantwortung für ihren Bruder übertragen. Auch wenn Farah im gesamten Verlauf der abenteuerlichen Geschichte aktiv und ihr Charakter nicht einer mädchenhaften Klischeedarstellung entspricht, so treten in ihrem Verhältnis zum Bruder doch die üblich weiblich gelesenen Verhaltensweisen zutage: Ausgleichend, deeskalierend, mit schlechtem Gewissen, weil sie das Gefühl hat, den Bruder im Stich zu lassen. Wir denken, der Charakter Farah hätte das Zeug dazu gehabt, übliche Geschlechterrollen zu verlassen.
Besonders gut hat uns gefallen, dass es am Ende eine nachvollziehbare Erklärung für den “bösen” Gegenspieler gibt. Schade, dass das Cover der deutschen Ausgabe so exotisierend ist, ebenso wie das altertümliche Setting der “orientalischen” Stadt.  

Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal muss man einfach verduften

176 Seiten, Carlsen, 12 Euro, ab 10 Jahren

Auch als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Hörbuch Hamburg) erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, Familienkonzept, gegen Adultismus

Der KIMI-Faktor:
Die Geschichte ist ein klares Signal gegen Adultismus: Erwachsene üben Entscheidungsmacht aus gegenüber Kindern – und liegen damit jedes Mal falsch. Die beiden kindlichen Hauptcharaktere beschließen, sich gegen die Vorschriften und Pläne des Schaffners, der Polizei, der Fast-Food-Verkäuferin usw. zu verhalten – und treffen in den meisten Fällen gut überlegte eigene Entscheidungen. Natürlich ist das Buch eine fantasievolle Geschichte und keine Tatsachenbeschreibung und manche Situation wäre im wahren Leben möglicherweise weniger glimpflich verlaufen: Dabei bleibt es trotzdem ein Mut-Mach-Buch für Kinder, Verbote und Gebote von Erwachsenen zu hinterfragen.
Geschlechterklischees werden ganz selbstverständlich über den Haufen geworfen: Jola ist die mutige Draufgängerin, Finn eher sensibel und zurückhaltend.
Auch verschiedene Familienkonzepte werden sehr authentisch beschrieben, Finns Eltern sind getrennt, Jolas Eltern sind verheiratet und wenden bei ihrer Tochter einen strengen Erziehungsstil an, was Jola immer wieder erzählt, negativ sieht und in Frage stellt.
Menschen mit Migrationshintergrund dürfen in einer Geschichte in und um Berlin nicht fehlen: So stammt Jolas Familie ursprünglich aus Polen und der Freund von Finns Mama heisst Mukhtar – und lässt einen möglichen Migrationshintergrund erahnen, ohne dass dies zum Thema gemacht wird.

Inhalt:
Der neunjährige Finn pendelt zwischen den Wohnorten seiner getrennt lebenden Eltern – zwischen Berlin und einem brandenburgischen Dorf. Zum ersten Mal soll er die Strecke allein mit dem Zug fahren. Ein bisschen mulmig ist Finn schon, aber eigentlich freut er sich, dass Papa ihm zutraut, die Bahnfahrt alleine zu schaffen. Und was soll auch schon passieren: Papa setzt ihn in den Zug und Mama wird ihn Berlin Hauptbahnhof am Bahnsteig abholen.
Aber dann geht eben alles doch gehörig schief: Auf der Fahrt

wird er von dem sonderbaren Mitreisenden „Hackmack“ in ein Gespräch verwickelt, der Finn schließlich seinen Rücksack klaut: Mit allem, was Finn benötigt – der Fahrkarte, dem Handy, Papas Spezialstullen gegen plötzlichen Hunger und noch mehr.
Als der verzweifelte Finn vom Schaffner kontrolliert wird, wirft dieser Finn aus dem Zug und übergibt ihn der Polizei. Als das Polizeiauto in einen Unfall verwickelt wird, lernt Finn die zehnjährige Jola kennen, die ihm den Rat gibt, es sei besser zu “verduften”.
Und jetzt nimmt die Geschichte so richtig Fahrt auf und wird zur abenteuerlichen Roadnovel: Finn und Jola hauen ab und machen sich gemeinsam auf den Weg in die “Tzitti”.
Sie verstecken sich in einem Müllcontainer, fahren Traktor, bis der Diesel ausgeht, schlafen im Wald, treffen auf einen Wolf und Motorrad-Rocker – und schließlich bekommen sie sogar Finns Rucksack zurück und es gibt ein tolles Happy End in Berlin.
Rasant, komisch, aber durchaus tiefgründig. Es stellt sich heraus, dass wahr ist, was viele Kinder schon immer vermuten: Es sind schon hauptsächlich die Erwachsenen, die die Probleme bereiten und falsche Entscheidungen treffen.
Jola und Finn sind keineswegs überzogenene Held*infiguren, sondern einfach zwei Kinder, die den Mut haben oder sich nehmen, den Aufgaben und Problemen, die sich ihnen stellen, den Kampf anzusagen. Dabei ist Jola durchaus die mutigere von den beiden und Finn eher zurückhaltend und nachdenklich.
Ein Roman, der die Leser*innen in die Freiheit mitnimmt.

Das sagt die Kinder-Jury:
Mit was für großer Begeisterung wurde dieses Buch gelesen! Noch beim Nacherzählen und Austauschen wurde viel gelacht. Die Kinder fanden die Geschichte von Jola und Finn spannend und vor allem lustig erzählt. Sie konnten sich sowohl in die selbstbewusste und abenteuerlustige Jola, als auch in den etwas schüchternen Finn gut hineinversetzen. Dass dies so gar nicht den gängigen Geschlechterrollen und Klischees entspricht, nahmen die Kinder ganz selbstverständlich an. Martin Musers erzählerische Beiläufigkeit machte es den Kindern leicht, dies wie auch andere Vielfaltsaspekte als die normalste Sache der Welt bzw. einfach die alltäglichen Lebensumstände anderer Kinder anzusehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Mit viel Situationskomik wird der abenteuerliche Roadtrip zweier Kinder erzählt. Von den Erwachsenen anfangs im Stich gelassen, setzen sie sich couragiert über Verbotenes hinweg und meistern so knifflige Situationen. Unterwegs treffen sie immer wieder für sie auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Menschen, die ihnen selbstverständlich zur Seite stehen. Ein Kinderbuch voll Witz, das zeigt, dass sich ein gewisses Maß an Chuzpe bewährt und dass ein kreativer Umgang mit Regeln durchaus sinnvoll sein kann. Ganz selbstverständlich wird hier mit Geschlechterklischees gespielt, wenn Jola den Ton angibt und Finn sich noch überwinden muss, den Mut für manche schwierige Situation zu entwickeln.

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Malala Yousafzai & Kerascoët: Malalas magischer Stift

übersetzt von Elisa Martins, 48 Seiten, NordSüd, 16 Euro, ab 5 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Klassismus, Armut, People of Color, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Das Buch schafft es, harte Realität mit fantastischen Elementen zu kombinieren – so sind die Themen Armut, Krieg, Geschlechterdiskriminierung an sich sehr schwer für Kinder, in dem Zusammenspiel mit Malalas magischem Stift aber zu ertragen.

Inhalt:
Malala Yousafzai ist mittlerweile weltbekannt als Aktivistin für die Rechte von Kindern, besonders für die von Mädchen.
In diesem Buch erzählt sie in Ich-Form von ihrer Kindheit in Pakistan. Sie erinnert sich, wie sie sich, angeregt durch eine Fernsehserie, einen magischen Stift wünschte, um eine friedvolle Welt zu schaffen ohne Unterdrückung und Ausbeutung.

Erschrocken erkennt Malala, dass in ihrem Land nicht alle Mädchen zur Schule gehen können, sondern stattdessen für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen müssen.
Mit der Herrschaft der Taliban ändert sich auch Malalas Leben. Viele ihrer Mitschülerinnen wagen es nun nicht mehr, zur Schule zu gehen.
Malala entdeckt ihren tatsächlichen magischen Stift: Sie schreibt einen Blog über ihre Angst, über ihre Leidenschaft fürs Lernen und über die Gewalt der Taliban gegen die Menschen. „Ich sprach für all die Mädchen in meinem Tal, die nicht für sich selbst sprechen konnten.“ Weltweit werden Menschen auf sie aufmerksam. Sie wird zu einem Symbol des Widerstands. Ungebrochen kämpft Malala weiter, sie ist überzeugt: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.“
Die Illustrationen des Buches sind comic-artig und lassen die Betrachtenden einen realistischen Einblick in Malalas Welt und Umgebung in Pakistan gewinnen – auch die Armut mancher Menschen wird ungeschönt dargestellt. Die mit dem magischen Stift gezeichneten Wünsche heben sich Bronzefarben von den Illustrationen ab – so vermischen sich auf schöne Weise Wirklichkeit und Wunschdenken.
Auf den letzten Seiten des Buches gibt es ein Nachwort von Malala und eine kurze Biografie, in der auch das Attentat der Taliban auf sie beschrieben wird – im Bilderbuchbereich wird dieses Detail nur angedeutet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Für die Kinder war schwer nachzuvollziehen, dass Mädchen nicht das Recht haben, zur Schule zu gehen. Einige fanden die „bösen Männer“ sehr angsteinflößend, sie konnten nicht verstehen, wieso sie „keiner einsperrt“. Die angesprochenen Themen Armut, Hunger, Krieg, Diskriminierung sind sehr komplex für diese Altersgruppe.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die beeindruckende Geschichte eines heldenhaften Mädchens wurde von dem Künstlerpaar Kerascoët zauberhaft illustriert.
Malalas herausragende Tapferkeit inspiriert. Sie beweist, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit möglich ist. Dieses Buch macht Mut, sich einzusetzen für eine gerechtere Welt, im Großen und im Kleinen.
Möglicherweise ist das Buch eher für Kinder im Grundschulalter geeignet.

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Jenny Westin Verona & Jesύs Verona: Kalle und Elsa. Ein Sommerabenteuer

32 Seiten, Bohem, 16,95 Euro, ab 3 Jahren

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Geschlechterrollen, vielfältige Körperformen

KIMI-Faktor:
In dem Buch geht es um starke Kinder, die beiden handeln eigeninitiativ, die Erwachsenen spielen kaum eine Rolle. Die Kinder sind divers in Bezug auf Hauttöne und Geschlechterrollen: Elsa ist mutig und initiativ, Kalle darf weinen und sich trösten lassen.

Inhalt:
Kalle und Elsa fahren zusammen mit Elsas Eltern an den Strand. Dort wollen sie das tiefste Loch der Welt graben. „Wir bauen eine Falle!“ freut sich Elsa. Sie finden die beste Stelle für die Falle und fangen an zu graben. Die beiden überlegen, welche Tiere sie fangen möchten und die Seite wird fantasievoll bevölkert von einem Löwen, einem Katzenhai und einem Seelöwen.

Sie erleben wilde Abenteuer im Meer: Bauen am Strand eine Burg aus Sand, Seeigeln und Seeanemonen und wehren sich gegen den Tintenfisch mit den tausend Armen, der ihre meterhohe Burg zerstören will. Doch als Elsa Kalle aus Versehen weh tut, weint Kalle und Elsa rennt weg. Mit Hilfe des Seehunds, der Kalle tröstet, überwinden sie diese schwierige Situation und Elsa kann sich bei Kalle entschuldigen – und die gemeinsamen Abenteuer können weitergehen.

Das sagt die Kinder-Jury:
Alle Kinder hörten konzentriert zu und haben die Geschichte verstanden. Der Text wurde von einigen Kolleg*innen ins Türkische übersetzt, damit es die Kinder mit türkischer Erstsprache besser verstehen können. Doch allein die Bilder sind sehr sprachanregend und die Kinder haben viel dazu erzählt. 
Der dreijährige Julian hört aufmerksam zu und sagt auf die Frage, wie er das Buch findet: „Die Seite mit dem Tintenfisch und den Hai mag ich nicht. Ich habe Angst.“ Trotzdem möchte er das Buch für seine Kindergruppe haben, sein Freund Amadou auch. Sie verstehen noch nicht, dass die Bilder die Phantasie von Elsa und Kalle widerspiegeln. Sie glauben, dass alles genauso passiert, wie es im Buch steht. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Ein Kinderbuch, in dem Vielfalt beiläufig auftaucht, ohne problematisiert zu werden. Beide Protagonist*innen haben unterschiedliche Hauttöne, auch die Geschlechterrollen sind nicht stereotyp. Im Vordergrund steht ein Tag am Strand, wir erleben die Perspektive der Kinder, in der Wirklichkeit und Phantasie verschwimmen. Die detailreichen, farbenprächtigen Illustrationen machen Lust, das Buch anzugucken und regen dazu an, ins Gespräch zu kommen. 

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Baptiste Paul & Jacqueline Alcántara: Das Spiel

übersetzt von Thomas Bodmer, 32 Seiten, NordSüd, 15 Euro, ab 4 

Vielfaltsmerkmale: Gelebte, lebendige Mehrsprachigkeit im gemeinsamen freundschaftlichen Alltag der Kinder

Kimi-Faktor: Mehrsprachige Bücher, die Sprachmischungen als gelebte selbstverständliche Sprachpraxis zeigen

Von der Einbandgestaltung bis zur letzten Seite ist dieses Buch in Bewegung. In kräftigen Farben gezeichnet rennen Kinder einem Ball hinterher, Kühe stehen auf der Weide, selbst gebastelte Tore werden aufgestellt. Mädchen und Jungen spielen mit vollem Körpereinsatz auf einer Wiese Fußball. Die Kinder sind ein gutes Team, auch als der Regen einsetzt und die Wiese in Schlamm verwandelt, spielen sie weiter, bis die Mütter zum Abendessen rufen. Die Illustratorin setzt mit kräftigem und bewegtem Pinselstrich die Geschichte, die auf einer der karibischen Inseln spielt, um. Der Text sowie einzelne Wörter wirken wie in die Bilder „hineingeworfen“ und unterstützen so die Bewegung der Geschichte. Deutsche und kreolische Wörter stehen nebeneinander und werden miteinander gelesen, so dass ganz nebenbei in beiden Sprachen gelesen wird. „Shoo! Weg da!“ ruft ein Kind den Kühen zu und „Annou ale! Los!“ rufend, schiebt ein anderes die Ziege zur Seite. 

Dieses Bilderbuch zeigt: es braucht nicht viel, um einen guten Tag zu haben. Freund*innen, einen Ball und Platz zum Spielen. Die Geschichte lässt eine*n mitfiebern. Es spielen Kinder unterschiedlichen Alters, Mädchen und Jungen. Das Geschlecht ist nicht wichtig, es wird nicht genannt. Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es nicht viele zweisprachige Bücher mit der französisch-kreolischen Sprache. Manche Wörter klingen vertraut und erinnern an französische, englische oder türkische Wörter. Im Glossar finden sich ein Text des Autors über seine Kindheit auf einer der karibischen Inseln, die Aussprache der Wörter und die deutsche Übersetzung. 

Das sagt die Kinderjury: 

Alle Kinder waren begeistert von dem Buch! „Wir sind in die Halle gegangen, als es geregnet hat. Wir haben nicht draußen weitergespielt.“ sagt Ella, 4 Jahre alt. Die anderen erzählen vom Fußball spielen und sind aufmerksam dabei. Sie lassen sich von den Ausrufen anstecken und gemeinsam rufen wir: „Vini! Komm!“ und lernen „Bol“ – Ball, „Soulye“ – „Schuhe“, Goal – Tor.“ 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein wunderbares Buch, eindrucksvoll illustriert. Ein Buch vor allem auch zum gemeinsamen Angucken. Jede*r im Buch kann mitspielen, es geht weniger um Gewinnen als um Freude an der Bewegung, was allen deutlich anzusehen ist. Besonders gut hat uns auch gefallen, dass Wörter aus dem französischen Patois in den Text eingefügt sind, einer Sprache, die sonst im hiesigen Kinderbuch nicht auftaucht. 

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Sayantani DasGupta: Das Geheimnis des Schlangenkönigs

übersetzt von Gabriele Haefs, 320 Seiten, Carlsen, 15 Euro, ab 11

Als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Silberfisch) erhältlich

Vielseitigkeitsmerkmal: Familien mit Adoptiv- oder Pflegekindern, Menschen mit Fluchterfahrungen

Kimi-Faktor: Das Buch zeigt eine Abenteuerreise, eine geflohene Prinzessin kehrt in ihr Reich zurück und sagt  ihrem leiblichen Vater die Meinung.
Der Hauptcharakter Kiranmala tritt die Reise an um ihre Adoptiveltern zu suchen. Es wird auf das Thema Adoption, Bedeutung Adoptiveltern in der Kindheit eingegangen.

Kiranmala lebt in New Jersey, wo ihre Eltern einen kleinen Laden für indische Lebensmittel betreiben. An ihrem 12. Geburtstag sind ihre Eltern urplötzlich verschwunden, stattdessen stehen zwei seltsame Jungen vor der Tür, die sich als Prinzen aus einer magischen Welt vorstellen und das Mädchen dorthin abholen wollen. Damit nicht genug, ein Rakhoshi taucht auf, ein riesiger Dämon aus ebendieser Fantasiewelt, der sich wütend sabbernd auf die Jagd nach den drei Kindern macht. Auf fliegenden Pferden beginnt nun eine gefährliche Reise, auf der Kiranmala große Abenteuer besteht, neue Freund*innen findet und Fantastisches über ihre Herkunft und Familie erfährt – denn auch sie ist nicht weniger als eine Prinzessin. Die rasante und überaus humorvolle Geschichte verbindet gekonnt einen zeitgenössischen Erzählton mit indischen und westbengalischen Mythen. An den ersten Band der Abenteuer um Kiranmala und ihre magische Familie schließen sich ein Glossar sowie Erklärungen zum mythologischen Ursprung der Geschichte an. 

Das sagt die Kinder-Jury:

Dank des farbenfrohen und auffälligen Covers haben alle Kinder der Jury extrem neugierig auf diesen Titel reagiert, verspricht er doch schon von Außen abenteuerlichen Lesespaß. Begeistert waren die Kinder auch nach der Lektüre, die spannend und mit viel Wortwitz erzählte Geschichte der mutigen Prinzessin Kiranmala hatte alle in ihren Bann gezogen. Besonders die detailliert beschriebenen Figuren aus der Welt der indischen und westbengalischen Märchen, von denen sich die Autorin inspirieren ließ und die, für die Kinder komplett neu waren, sind sehr gut angekommen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein Fantasy-Abenteuer mit einer weiblichen Hauptperson und Gestalten aus der indisch-bengalischen Mythologie, mit viel Humor erzählt! Ein spannendes Abenteuer jagt das nächste – mancher oder manchem Leser*in mag das manchmal schon fast zu schnell gehen.   

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David Arnold: Herzdenker

übersetzt von Ulrich Thiele, 376 Seiten, Arena Verlag, 17 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Herzdenker erzählt die Geschichte der Helden des Hungers, einer Clique, bei der die beiden Hauptpersonen Vic, ein Junge mit dem Möbius-Syndrom und Mad, die als Waise mit ihrer dementen Großmutter beim gewalttätigen Onkel lebt, im Mittelpunkt stehen. Aus ihren Perspektiven berichten sie abwechselnd und in Rückblenden vom Kennenlernen, vom Zusammenhalt und von der gegenseitigen Unterstützung, die sie in der Gruppe erfahren. In dieser Wahlfamilie, die von Baz, einer Art jugendlicher Vaterfigur, zusammengehalten wird, fühlen sie sich aufgehoben und uneingeschränkt respektiert, was besonders für Vic eine wunderbare Erst-Erfahrung ist. Anrührend und vor allem spannend wird so erzählt, wie sich die Helden des Hungers um Vic und die Urne seines Vaters versammeln, dessen letzte Wünsche erfüllt werden wollen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Auch wenn Covergestaltung und Klappentext auf den ersten Blick nur wenig Anklang fanden – und wieder einmal die Frage, warum orientiert man sich nicht mehr am Original -, wurde die Geschichte von Vic, Mad und den Helden des Hungers für einige Jurymitglieder doch noch zu einem echten Lieblingsbuch. Die Sprache des mehrstimmig erzählten Jugendromans ist – wenn auch manchmal etwas klischeehaft in ihren Darstellungen – abwechslungsreich, dabei schön, witzig, philosophisch und respektvoll. Alle Protagonist*innen sind auf ihre verschiedenartige Weise gleichwertig, was den liebevollen Zusammenhalt der Wahlfamilie widerspiegelt. Ihre verschiedenen Sichtweisen sind gut beschrieben, die Erzählwechsel aber durchaus komplex und manchmal auch ein wenig verwirrend. Zum Ende wird es immer spannender mit unerwartetem Schluss!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine Clique Jugendlicher steht im Zentrum dieses außergewöhnlichen Buches. In ihrer Gemeinschaft finden die Jugendlichen, die alle auf die eine oder andere Art Außenseiter*innen sind, Solidarität und Mitgefühl. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um einen spannend geschriebenen Krimi, einer der Jugendlichen soll einen Mord begangen haben. Dabei geht es in diesem bewegenden Jugendroman um viel mehr – um Liebe und Trauer, um Zugehörigkeit, Ausgrenzung, gewaltvolle Lebensverhältnisse, Solidarität und Respekt.


Jennifer Mathieu: Moxie. Zeit zurückzuschlagen

übersetzt von Alice Jakubeit, 352 Seiten, Arctis Verlag, 16 Euro, ab 14

auch als eBook (Arctis Verlag) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Moxie, ein anderes Wort für Courage. Für so eine Mischung aus Mut und Wut!“ Und Vivian ist so richtig sauer, denn in ihrer texanischen Heimatstadt scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein – zumindest was die Gleichstellung von Mädchen und Jungen an ihrer Highschool angeht. Aber sie traut sich nicht, gegen die Missstände vorzugehen. Schließlich ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter ein zurückhaltendes Mädchen und kein Riot-Grrrl, oder doch? Was kann sie schon gegen die ewig sexistischen Kommentare der Jungs tun, die ungestört Outfits und Ansichten der Mädchen bewerten, wenn noch nicht einmal Grapschen für das Lehrpersonal ein Problem ist, „weil er das doch bestimmt nicht so gemeint hat“? Inspiriert von der Vergangenheit ihrer Mutter beginnt sie anonym feministische Flugblätter zu verteilen. Damit legt sie den Grundstein zu nicht weniger als einer Revolution, denn mit der Wut wächst der Zusammenhalt der Mädchen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Tatsächlich musste einige Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Juryteam von der Lektüre des Titels zu überzeugen. Mehrheitlich ging das Interesse gen Null, da das pinke, mit Sternchen verzierte Cover als nicht ansprechend empfunden wurde. Zwar erschließt sich diese Auswahl bei der Lektüre. Aber unter Umständen ist das eben zu spät, nämlich dann, wenn das Buch erst gar nicht zur Hand genommen wurde. Was sehr schade wäre, denn einmal begonnen, wurde das Buch mit sehr großer Begeisterung gelesen. Auch wenn die Jurymitglieder die Geschehnisse aus dem eigenen Schulalltag in der geschilderten Drastik nicht kannten, fanden sie diese doch realistisch, glaubwürdig und vor allem mitreißend beschrieben. Es wurde lebhaft mit der zu Beginn sehr schüchternen Vivian mitgefiebert und ihr mehr Mut gewünscht. Als sehr empowernd wurde das Zusammenwachsen und zunehmende für einander Einstehen der Mädchen in der Schule gelesen. Kritisiert wurde die Übersetzung des Jugendromans für die Benutzung des Wortes “Farbige”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Inspiriert von der US-amerikanischen feministischen Riot Grrrl Bewegung der 1990 beginnt Viviane den Kampf gegen den an ihrer Highschool herrschenden Sexismus. Anschaulich werden die Auf- und Abs der Gefühle der Protagonistin und ihrer Freund*innen und Mitkämpfer*innen geschildert. Positiv ist auch, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Viviane und Seth ohne Kitsch und Genderstereotype auskommt. Ein rundum empfehlenswertes, spannendes Buch!

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Luzie Loda: PS: Es gibt Lieblingseis

44 Seiten, Marta Press, 16 Euro

Vielfaltmerkmale: Intersexualität, Freundschaft

Der KIMI-Faktor: Das Buch sensibilisiert für Intersexualität sowie Geschlechtsstereotype und macht geschlechtliche Vielfalt sichtbar. Es zeigt behutsam Facetten der alltäglichen Diskriminierung der dualen Geschlechterpraxis.

Bella erlebt ihre Einschulung und die ersten Wochen dieses neuen Lebensabschnittes mit Höhen und Tiefen. Bella ist intergeschlechtlich, das heißt, Bella hat „sowohl etwas von einem Mädchen als auch von einem Jungen.“ Die Kinder in Bellas Klasse demonstrieren, als sie im Sportunterricht den Sportarten geschlechterstereotyp zugewiesen werden. Seitdem kann jedes Kind die Sportart wählen, die es am liebsten mag. Bella weiß nicht, auf welche Toilette er in der Schule gehen soll und ist sehr traurig. Die liebevollen Eltern machen sich auch Sorgen. Dieses Problem von vielen intergeschlechtlichen Kindern ist sehr realistisch dargestellt und wird von der Autorin auch nicht aufgelöst. Bella hat jedoch einen tollen Papa, der in der Klasse spannende Fragen zum Thema Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten der Kinder stellt. Und Bella freut sich riesig über eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier von einem neuen Freund.

Das sagt die Kinder-Jury:

Einige Kinder haben aufmerksam und konzentriert zugehört, andere fanden den Text zu lang und vermissten mehr und größere Bilder. In den Gesprächen mit den Kindern wurde deutlich, dass sie die Thematik des Buches, die Intergeschlechtlichkeit, nicht auf Anhieb verstanden haben. Denn bis dahin hatte keines der Kinder bewussten Kontakt mit intergeschlechtlichen Menschen. Insbesondere deshalb ist dieses Buch so wichtig. Für die pädagogische Arbeit ist zudem die Handreichung von QEERFORMAT sehr hilfreich. Denn QUEERFORMAT hat in Zusammenarbeit mit Ev-Blaine Matthigack von der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen – OII Germany e. V. eine Unterrichtshandreichung zum Thema Intergeschlechtlichkeit für die Grundschule erstellt, die sich auf dieses Buch bezieht. Diese Handreichung kann online hier abgerufen werden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Das Buch ‚PS: es gibt Lieblingseis‘ ist sehr gut geeignet, um mit jüngeren Kindern über das Thema Intergeschlechtlichkeit zu sprechen. Darüber hinaus streift es andere Themen, wie die Einschulung, beginnende Freund*innenschaften in einem neuen Umfeld und die Zusammenarbeit von Eltern mit Bildungseinrichtungen. ‚PS: es gibt Lieblingseis‘ hat ein Vorwort von Lucie Veith von Intersexuelle Menschen e.V. sowie Anregungen, um mit Kindern über das Buch und Intergeschlechlichkeit zu sprechen von der Berliner Bildungsintiative QUEERFORMAT.

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