Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal muss man einfach verduften

176 Seiten, Carlsen, 12 Euro, ab 10 Jahren

Auch als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Hörbuch Hamburg) erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, Familienkonzept, gegen Adultismus

Der KIMI-Faktor:
Die Geschichte ist ein klares Signal gegen Adultismus: Erwachsene üben Entscheidungsmacht aus gegenüber Kindern – und liegen damit jedes Mal falsch. Die beiden kindlichen Hauptcharaktere beschließen, sich gegen die Vorschriften und Pläne des Schaffners, der Polizei, der Fast-Food-Verkäuferin usw. zu verhalten – und treffen in den meisten Fällen gut überlegte eigene Entscheidungen. Natürlich ist das Buch eine fantasievolle Geschichte und keine Tatsachenbeschreibung und manche Situation wäre im wahren Leben möglicherweise weniger glimpflich verlaufen: Dabei bleibt es trotzdem ein Mut-Mach-Buch für Kinder, Verbote und Gebote von Erwachsenen zu hinterfragen.
Geschlechterklischees werden ganz selbstverständlich über den Haufen geworfen: Jola ist die mutige Draufgängerin, Finn eher sensibel und zurückhaltend.
Auch verschiedene Familienkonzepte werden sehr authentisch beschrieben, Finns Eltern sind getrennt, Jolas Eltern sind verheiratet und wenden bei ihrer Tochter einen strengen Erziehungsstil an, was Jola immer wieder erzählt, negativ sieht und in Frage stellt.
Menschen mit Migrationshintergrund dürfen in einer Geschichte in und um Berlin nicht fehlen: So stammt Jolas Familie ursprünglich aus Polen und der Freund von Finns Mama heisst Mukhtar – und lässt einen möglichen Migrationshintergrund erahnen, ohne dass dies zum Thema gemacht wird.

Inhalt:
Der neunjährige Finn pendelt zwischen den Wohnorten seiner getrennt lebenden Eltern – zwischen Berlin und einem brandenburgischen Dorf. Zum ersten Mal soll er die Strecke allein mit dem Zug fahren. Ein bisschen mulmig ist Finn schon, aber eigentlich freut er sich, dass Papa ihm zutraut, die Bahnfahrt alleine zu schaffen. Und was soll auch schon passieren: Papa setzt ihn in den Zug und Mama wird ihn Berlin Hauptbahnhof am Bahnsteig abholen.
Aber dann geht eben alles doch gehörig schief: Auf der Fahrt

wird er von dem sonderbaren Mitreisenden „Hackmack“ in ein Gespräch verwickelt, der Finn schließlich seinen Rücksack klaut: Mit allem, was Finn benötigt – der Fahrkarte, dem Handy, Papas Spezialstullen gegen plötzlichen Hunger und noch mehr.
Als der verzweifelte Finn vom Schaffner kontrolliert wird, wirft dieser Finn aus dem Zug und übergibt ihn der Polizei. Als das Polizeiauto in einen Unfall verwickelt wird, lernt Finn die zehnjährige Jola kennen, die ihm den Rat gibt, es sei besser zu “verduften”.
Und jetzt nimmt die Geschichte so richtig Fahrt auf und wird zur abenteuerlichen Roadnovel: Finn und Jola hauen ab und machen sich gemeinsam auf den Weg in die “Tzitti”.
Sie verstecken sich in einem Müllcontainer, fahren Traktor, bis der Diesel ausgeht, schlafen im Wald, treffen auf einen Wolf und Motorrad-Rocker – und schließlich bekommen sie sogar Finns Rucksack zurück und es gibt ein tolles Happy End in Berlin.
Rasant, komisch, aber durchaus tiefgründig. Es stellt sich heraus, dass wahr ist, was viele Kinder schon immer vermuten: Es sind schon hauptsächlich die Erwachsenen, die die Probleme bereiten und falsche Entscheidungen treffen.
Jola und Finn sind keineswegs überzogenene Held*infiguren, sondern einfach zwei Kinder, die den Mut haben oder sich nehmen, den Aufgaben und Problemen, die sich ihnen stellen, den Kampf anzusagen. Dabei ist Jola durchaus die mutigere von den beiden und Finn eher zurückhaltend und nachdenklich.
Ein Roman, der die Leser*innen in die Freiheit mitnimmt.

Das sagt die Kinder-Jury:
Mit was für großer Begeisterung wurde dieses Buch gelesen! Noch beim Nacherzählen und Austauschen wurde viel gelacht. Die Kinder fanden die Geschichte von Jola und Finn spannend und vor allem lustig erzählt. Sie konnten sich sowohl in die selbstbewusste und abenteuerlustige Jola, als auch in den etwas schüchternen Finn gut hineinversetzen. Dass dies so gar nicht den gängigen Geschlechterrollen und Klischees entspricht, nahmen die Kinder ganz selbstverständlich an. Martin Musers erzählerische Beiläufigkeit machte es den Kindern leicht, dies wie auch andere Vielfaltsaspekte als die normalste Sache der Welt bzw. einfach die alltäglichen Lebensumstände anderer Kinder anzusehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Mit viel Situationskomik wird der abenteuerliche Roadtrip zweier Kinder erzählt. Von den Erwachsenen anfangs im Stich gelassen, setzen sie sich couragiert über Verbotenes hinweg und meistern so knifflige Situationen. Unterwegs treffen sie immer wieder für sie auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Menschen, die ihnen selbstverständlich zur Seite stehen. Ein Kinderbuch voll Witz, das zeigt, dass sich ein gewisses Maß an Chuzpe bewährt und dass ein kreativer Umgang mit Regeln durchaus sinnvoll sein kann. Ganz selbstverständlich wird hier mit Geschlechterklischees gespielt, wenn Jola den Ton angibt und Finn sich noch überwinden muss, den Mut für manche schwierige Situation zu entwickeln.

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David Arnold: Herzdenker

übersetzt von Ulrich Thiele, 376 Seiten, Arena Verlag, 17 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Herzdenker erzählt die Geschichte der Helden des Hungers, einer Clique, bei der die beiden Hauptpersonen Vic, ein Junge mit dem Möbius-Syndrom und Mad, die als Waise mit ihrer dementen Großmutter beim gewalttätigen Onkel lebt, im Mittelpunkt stehen. Aus ihren Perspektiven berichten sie abwechselnd und in Rückblenden vom Kennenlernen, vom Zusammenhalt und von der gegenseitigen Unterstützung, die sie in der Gruppe erfahren. In dieser Wahlfamilie, die von Baz, einer Art jugendlicher Vaterfigur, zusammengehalten wird, fühlen sie sich aufgehoben und uneingeschränkt respektiert, was besonders für Vic eine wunderbare Erst-Erfahrung ist. Anrührend und vor allem spannend wird so erzählt, wie sich die Helden des Hungers um Vic und die Urne seines Vaters versammeln, dessen letzte Wünsche erfüllt werden wollen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Auch wenn Covergestaltung und Klappentext auf den ersten Blick nur wenig Anklang fanden – und wieder einmal die Frage, warum orientiert man sich nicht mehr am Original -, wurde die Geschichte von Vic, Mad und den Helden des Hungers für einige Jurymitglieder doch noch zu einem echten Lieblingsbuch. Die Sprache des mehrstimmig erzählten Jugendromans ist – wenn auch manchmal etwas klischeehaft in ihren Darstellungen – abwechslungsreich, dabei schön, witzig, philosophisch und respektvoll. Alle Protagonist*innen sind auf ihre verschiedenartige Weise gleichwertig, was den liebevollen Zusammenhalt der Wahlfamilie widerspiegelt. Ihre verschiedenen Sichtweisen sind gut beschrieben, die Erzählwechsel aber durchaus komplex und manchmal auch ein wenig verwirrend. Zum Ende wird es immer spannender mit unerwartetem Schluss!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine Clique Jugendlicher steht im Zentrum dieses außergewöhnlichen Buches. In ihrer Gemeinschaft finden die Jugendlichen, die alle auf die eine oder andere Art Außenseiter*innen sind, Solidarität und Mitgefühl. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um einen spannend geschriebenen Krimi, einer der Jugendlichen soll einen Mord begangen haben. Dabei geht es in diesem bewegenden Jugendroman um viel mehr – um Liebe und Trauer, um Zugehörigkeit, Ausgrenzung, gewaltvolle Lebensverhältnisse, Solidarität und Respekt.


Jennifer Mathieu: Moxie. Zeit zurückzuschlagen

übersetzt von Alice Jakubeit, 352 Seiten, Arctis Verlag, 16 Euro, ab 14

auch als eBook (Arctis Verlag) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Moxie, ein anderes Wort für Courage. Für so eine Mischung aus Mut und Wut!“ Und Vivian ist so richtig sauer, denn in ihrer texanischen Heimatstadt scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein – zumindest was die Gleichstellung von Mädchen und Jungen an ihrer Highschool angeht. Aber sie traut sich nicht, gegen die Missstände vorzugehen. Schließlich ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter ein zurückhaltendes Mädchen und kein Riot-Grrrl, oder doch? Was kann sie schon gegen die ewig sexistischen Kommentare der Jungs tun, die ungestört Outfits und Ansichten der Mädchen bewerten, wenn noch nicht einmal Grapschen für das Lehrpersonal ein Problem ist, „weil er das doch bestimmt nicht so gemeint hat“? Inspiriert von der Vergangenheit ihrer Mutter beginnt sie anonym feministische Flugblätter zu verteilen. Damit legt sie den Grundstein zu nicht weniger als einer Revolution, denn mit der Wut wächst der Zusammenhalt der Mädchen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Tatsächlich musste einige Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Juryteam von der Lektüre des Titels zu überzeugen. Mehrheitlich ging das Interesse gen Null, da das pinke, mit Sternchen verzierte Cover als nicht ansprechend empfunden wurde. Zwar erschließt sich diese Auswahl bei der Lektüre. Aber unter Umständen ist das eben zu spät, nämlich dann, wenn das Buch erst gar nicht zur Hand genommen wurde. Was sehr schade wäre, denn einmal begonnen, wurde das Buch mit sehr großer Begeisterung gelesen. Auch wenn die Jurymitglieder die Geschehnisse aus dem eigenen Schulalltag in der geschilderten Drastik nicht kannten, fanden sie diese doch realistisch, glaubwürdig und vor allem mitreißend beschrieben. Es wurde lebhaft mit der zu Beginn sehr schüchternen Vivian mitgefiebert und ihr mehr Mut gewünscht. Als sehr empowernd wurde das Zusammenwachsen und zunehmende für einander Einstehen der Mädchen in der Schule gelesen. Kritisiert wurde die Übersetzung des Jugendromans für die Benutzung des Wortes “Farbige”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Inspiriert von der US-amerikanischen feministischen Riot Grrrl Bewegung der 1990 beginnt Viviane den Kampf gegen den an ihrer Highschool herrschenden Sexismus. Anschaulich werden die Auf- und Abs der Gefühle der Protagonistin und ihrer Freund*innen und Mitkämpfer*innen geschildert. Positiv ist auch, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Viviane und Seth ohne Kitsch und Genderstereotype auskommt. Ein rundum empfehlenswertes, spannendes Buch!

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Nic Stone: Dear Martin

übersetzt von Karsten Singelmann, 256 Seiten, Rowohlt Rotfuchs, 17,99 Euro, ab 14 

als eBook erhältlich

Der Schwarze Jugendliche Justyce ist mit seinem Leben zufrieden: er hat hart gearbeitet und es so an eine gute (weiße) private Schule geschafft, er ist unter den Schüler*innen beliebt und hat sogar seinen Wunschstudienplatz an der renommierten Yale Universität sicher. Eines Nachts gerät sein Leben komplett aus den Fugen, als er unschuldig wegen angeblicher Vergewaltigung festgenommen wird. In dieser außerordentlich bedrohlichen Situation findet er Kraft darin, ein Tagebuch zu führen, in dem er Briefe an Martin Luther King schreibt: Was würde der ihm wohl raten? Als es jedoch ein weiteres Opfer brutaler Polizeigewalt gibt, scheint Justyce völlig zu verzweifeln … Eindrücklich schildert Nic Stone, wie Justyce im Dialog mit M.L. King den alltäglichen Rassismus immer bewusster wahrnimmt, dagegen einschreitet, auf Widerstand stößt und dennoch seinen Weg geht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury

Dass man dieses Buch auf jeden Fall gelesen haben sollte und dass da alles drinsteckt, was ein Buch nur haben kann, sind nur zwei, der wirklich begeisterten Kommentare der Jugendjury. Sehr gut gefiel die Covergestaltung, die starke und authentische Sprache und auch die Briefstruktur, in der Justyce’ Gedankenwelt von der Autorin sehr gut nachvollziehbar aufgeschrieben wurde. Verschiedene Sichtweisen werden im Buch kraft- und gefühlvoll erzählt. Mehrheitlich wurde gesagt, dass das spannende Buch sehr zum Nachdenken anregt. Auch oder gerade, weil einige (besonders oft rassistische) Vorurteile hart reproduziert werden, die meisten dieser Kommentare aber direkt in der Geschichte hinterfragt sind. Kritisiert wurde die Übersetzung u.a. für die Benutzung des Wortes ,,Ureinwohner”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury

Ein hochaktuelles empowerndes Buch, das packend von einem höchst brisanten Thema handelt! Realistisch schildert Nic Stone, wie der Schwarze Jugendliche Justyce, der in den USA lebt, zufällig in die Mühlen der rassistischen Polizeigewalt gerät. Die verschiedenen Ebenen, – Zeitungsartikel, Verhörprotokolle und die Briefe, die Justyce an Martin Luther King schreibt – geben dem Buch geben eine besondere Tiefe und weisen auf die fatale Kontinuität der rassistischen Gewalt hin.

Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton

übersetzt von Conny Lösch, 256 Seiten, Antje Kunstmann, 18 Euro, ab 12

als eBook verfügbar

Lemar genannt „Liccle Bit“ oder „Bit“ ist vierzehn Jahre alt. Er ist der zweitkleinste in seinem Jahrgang, daher kommt sein Kosename. Seine Geschichte erzählt Lemar aus der Ich-Perspektive. Er lebt mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Elaine, seinem Neffen Jerome (Elaines Kind), seiner Mutter und seiner Oma in einer Hochhaussiedlung in Crongton, einem (fiktiven) eher ärmeren Viertel Londons. Mit seinen besten Freunden McKay und Jonah streift Lemar durch die Nachbarschaft zwischen Schule, Spielplatz und ihren jeweiligen Wohnungen. Sie versuchen dabei gemeinsam, Sinn aus ihrem zugleich als langweilig und extrem stressvoll erlebtem Alltag zu machen. „Liccle Bit“ muss nämlich versuchen, eine Reihe zusammenhängender konflikthafter Bedingungen einigermaßen unbeschadet zu bewältigen. Sein Schwager, der Vater seines Neffens, ist der zurecht gefürchtete Anführer einer Bande aus South Crongton, die in einer eskalierenden Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Bande aus North Crongton verwickelt ist. Es gibt Tote. „Liccle Bit“, Jonah und McKay erfahren immer über die Medien von den Toten in ihrer Nachbarschaft und sind wie magisch davon angezogen zu den Tatorten zu gehen und aus der unmittelbaren Nähe die Ereignisse zu beobachten und zu diskutieren.

„Liccle Bit“ gelingt es immer weniger den Anwerbeversuchen von Manjaro zu widerstehen. Manjaro scheint ihm und seinen Freunden geradezu aufzulauern. Schließlich gibt er Manjaros Bedrängen nach, nicht zuletzt weil er wenig Geld hat und Manjaro ihn mit „finanzieller Sicherheit” locken kann. „Liccle Bit“ beginnt kleine „Erledigungen“ für Manjaro zu übernehmen. Seine Handlungsräume erweitern sich dadurch zwar finanziell, ihm wird aber schnell klar, dass er Manjaros Einfluss nicht mehr entkommen kann. Er kann also nicht mehr alleine, ohne zu fragen, über seine Freizeit bestimmen. Er ist jetzt jederzeit auf Abruf. Manjaro macht ihm zudem klar, dass ein Ausstieg nahezu unmöglich ist. Er bekommt mit, mit welchen Mitteln Manjaro sich an denjenigen rächt, die seine Anweisungen missachten. Er sitzt also ganz schön in der Falle. Wie auf parallel laufenden Schienen entfaltet sich diese eine Konfliktlinie mit Manjaro und die konflikthafte Auseinandersetzung mit einer unerwiderten Liebe zu Venetia.

Er ist schon sehr lange in eine Klassenkameradin Venetia unglücklich verliebt. Venetia lebt in einem noch heruntergekommeneren Teil seines Viertels. Venetia wird anfangs fast nur über ihr Aussehen definiert (sie ist das schönste Mädchen der Schule, allerdings in der sexistischen Fassung). Nach und nach erfahren aber die Leser*innen über Venetias Träume und über ihre Zielstrebigkeit. Venetia ist Hochleistungssportlerin. Sie hat große Pläne. Sie will studieren, aber vor allem will sie endlich dem Viertel Crongton entkommen. Elaine, „Liccle Bits“ Schwester hat auch große Pläne. Sie war – bevor sie schwanger wurde, auf einem guten Weg zum Studium. Elaine ist eine hoch intelligente, durchsetzungsstarke junge Frau. Dann traf sie Manjaro. Durch „Liccle Bits“ Erzählungen wird den Lesenden irgendwann tatsächlich klar, warum Elaine sich Manjaro geöffnet hat. Manjaro ist auf seinem folgenreichen Weg als Anführer der Bande von South Crongton gestrandet, aber auch er hat eine vielschichtige Geschichte. Sie erweckt Gefühle von Empathie, Verzweiflung, aber auch Abgegessenheit. Überhaupt ist das die Stärke und die Erzählkraft dieses Werkes, dass die Handlungsgründe von mehrfachmarginalisierten und stigmatisierten -jungen- Menschen, ihren Familien und Communities nachvollziehbarer wie nachfühlbar werden, zum mitverzweifeln einladen. „Liccle Bit“ und Elaine geraten aneinander, aber es ist dennoch Elaine die „Liccle Bit“ aus dem Schlamassel hilft, ihn beschützt, ihn auffängt und dann doch schnell wieder zum „Business as Usual“ switched. Es sind fragile aber resiliente Banden, die diese Anti-Held*innen knüpfen, solidarisch, abgeklärt – in Teilen abgebrüht, in Teilen in einer Weichheit und Zerbrechlichkeit dargelegt, die unglaublich berührend ist.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Jugendroman über Lemar, seine Familie und Freundschaften wurde zwiespältig von der Jugendjury aufgenommen. Einerseits erzählt er glaubwürdig und eingebettet in eine spannende Gangstergeschichte die schwierige Lebenssitutation vieler Jugendlicher, die in sogenannten sozialen Brennpunkten zuhause sind. Das kann ein Vorbild sein, für Personen, die zum Beispiel in ähnlichen Verhältnissen wohnen. Außerdem kann es diese Leute repräsentieren und ist dadurch wichtig, weil sehr selten im Jugendbuch zu finden. Dazu trägt sicher auch die verwendete (Jugend)Sprache bei. Hier liegt aber andererseits auch ein Problem, nämlich die sehr diskriminierende Beschreibung von Frauen durch männliche Protagonisten. Dabei kommen mehrheitlich starke weibliche Protagonistinnen vor, die allesamt als Vorbilder für jugendliche Leser*innen fungieren können. Neugierig sind die Jugendlichen durchaus auf die Fortsetzung der Geschichten aus Crongton in Band 2 und 3 mit einem jeweils anderen Fokus der Protagonist*innen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Es war unglaublich schwer die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Es ist eine Erzählung, die ein wenig braucht, um die Lesenden „hineinzulassen“. Dann ist da noch die ziemlich harte, graphische Sprache, die oft vor allem Frauen- und Mädchenkörper sexistisch und rassistisch objektiviert. Aber auch der Hautprotagonist ist objektiviert als Mensch afrikanischer Herkunft, als Schwarzes Kind, als männlicher Schwarzer Jugendlicher, als Teil einer Jamaikanisch-diasporischen Familie. Seine Gran spricht Jamaican-Patois; darin wird „little“ wenn sie einen Bob Marley Hit beim Kochen singt zu „liccle“. Es sind aber vor allem die extrem resilienten und aktionsstarken Schwarzen Frauen- und Mädchenfiguren aller Generationen, die letztlich den Weg aus den engen Handlungsräumen dieser (ökonomisch) de-privilegierten Lebensumstände weisen. Elaine ist nämlich noch gefürchteter als Manjaro (Spoiler-Alert)! Sie scheut sich vor keiner körperlichen Auseinandersetzung, ganz im Gegenteil! Venetia hat einen durchdachten Plan ihren Handlungsraum zu erweitern und aus dem Viertel endlich rauszukommen. Mum ist die finanzielle Sicherheit der ganzen multigenerationalen Bande. Gran hält alle miteinander verbunden, sie genießt dabei, zu besonderen Gelegenheiten, ein Glas Wein oder Rum (Spoiler Alert). Sie ist diejenige, die „Liccle Bits“ Talent zu zeichnen nährt und ihn dazu ermutigt, das von Venetia beauftragte Portrait zu zeichnen. Diese Verbindungen, in denen trotz allen äußeren Druckfaktoren Überleben möglich ist und organisch initiiert wird, machen letztlich den Gehalt dieses Einblickes in die alltäglichen, jugendkulturellen Handlungen von mehrfachmarginalisierten, Jugendlichen-of-Color, in urbanen Kontexten, aus.

Der Autor selbst weist identitätsstiftende Anteile auf, die ihn mit seinen Figuren verbindet. Alex Wheatle entfaltet diese vielschichtigen Bedeutungsebenen aus dem Inneren der Marginalisierungserfahrung heraus. Er nahm an den Revolten von Brixton der 1980er Jahre teil. Er wurde infolgedessen vier Monate inhaftiert. Er wuchs zum Teil in öffentlichen Einrichtungen der Jugendhilfe auf. Die Intensität dieser ‚eingebetteten’ Perspektive tut seiner Erzählung gut! Es ist sein erster Jugendroman und es ist der Auftakt zu einer Reihe von inzwischen insgesamt vier Romanen aus ‚Crongton’. Es lohnt sich die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Danach konnte ich das Buch nämlich gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Übersetzung ist leider nicht rassismuskritisch. Das ist ein großes Manko.

Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

übersetzt von Andrea Fischer, 624 Seiten, FISCHER FJB, 18,99 Euro, ab 14 Jahren
Auch als eBook und Hörbuch (Argon Hörbuch) erhältlich

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Rassismuskritik, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Die Geschichte präsentiert eine starke und überzeugende Heldin. Ganz selbstverständlich sind alle Protagonist*innen schwarz.
Die Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Rassenhass und Diskriminierung ist authentisch und regelrecht schonungslos.

Inhalt:
Children of Blood and Bone ist der erste Band einer afro-futuristischen Fantasy-Trilogie. Die Hauptprotagonistin, Teenager Zélie Adebola ist eine der Maji – eine Bevölkerungsgruppe die magische Kräfte besitzt. Die Maji werden gesellschaftlich unterdrückt, ausgeschlossen und ihrer magischen Kräfte beraubt. Die Erzählung findet im Königreich Orïsha, einer fiktiven westafrikanischen Gesellschaft statt. Dort leben zwei Gruppen schon sehr lange ungleichberechtigt zusammen.

Der machthungrige König Seran gehört der regierenden Klasse der Kosidáns an. Um Einfluss zu gewinnen, zu behalten und auszuüben versucht Seran die Magie ganz auszurotten. Er lässt nämlich alle Majis, die älter sind als 13 Jahre tötet. Zélie verliert in dieser „Blutnacht“ ihre Mutter. Als die Ausbeutung der Maji zusehends unerträglich wird und Zélie befürchten muss, versklavt zu werden, um die horrenden Abgaben an König Seran und seiner Regierung zahlen zu können, bricht sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tzain und ihrer Freundin Prinzessin Amari, der Tochter des Königs, zu einem lebensgefährlichen Abenteuer auf. Dafür müssen sie gefährliche Abenteuer bestehen, Verrat und Schmerz erleiden.
Zélie will die Magie retten und nach Orïsha zurückholen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:
Das Fantasy-Epos wurde mit großer Begeisterung gelesen und als sehr gut und mitreißend geschrieben eingeschätzt. Dabei beeindruckten nicht nur die an der westafrikanischen Kultur orientierte Fantasiewelt, die starken jugendlichen Hauptfiguren, sowie der immense Spannungsbogen der Geschichte, sondern vor allem die Themen Diskriminierung, die Geschichte der Sklaverei und damit regelrechter Rassenhass, die Adeyemi mit jedem Satz miterzählt. Damit erklärte sich auch der teilweise sehr brutale, manchmal kaum auszuhaltende Verlauf der Geschichte. Im Zusammenhang mit dem Nachwort der Autorin, in dem sie unmittelbare Bezüge zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft, zu #blacklivesmatter, zu racial profiling und zur Polizeigewalt gegen Schwarze aufstellt, wurde dies noch klarer. Fast ein wenig enttäuscht waren die Jugendlichen allerdings wegen des rasanten Cliffhanger-Endes, das alle Leser*innen wirklich sehr abrupt verabschiedet – jetzt wird sehnsüchtig auf Band 2 gewartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Es handelt sich hier um eine vielschichtige und sehr lange Erzählung (623 Seiten). Alle Protagonist*innen sind ganz selbstverständlich Schwarz. Die Nigerianisch-Amerikanische Autorin Tomi Adeyemi nimmt ihre Inspiration aus dem in letzter Zeit mit dem Film „Black Panther“ sehr erfolgreichen Genre des Afro-Futurismus. Sie verleiht ihrer Erzählung Tiefe durch starke literarische Bezüge zu westafrikanischen kulturellen und mythologischen Wissensformen. Sie bezieht sich dabei sozialkritisch und gesellschaftskritisch auf die historische Missachtungsformen und Demütigungen (Rasssismus) die schwarze Menschen und Kollektive erfahren und überleben müssen. Sie bezieht sich auf ihre Ideen und Organisationsformen, die auf Befreiung und Wiederstellung ausgerichtet sind (#BlackLivesMatter Bewegung).
Die Hauptprotagonistin Zélie Adebola ist eine aktionsstarke weibliche Figur. Überhaupt sind es die schwarzen Frauen, die weiblichen Figuren, die in Zélies Welt emanzipative, kollektive Lösungen trotz Traumatisierung und Verlusten suchen und gestalten.
Es ist spannend und berührend, manchmal kaum auszuhalten. Ganz großartige Literatur und eine sehr stark diversitätsgeprägte Erzählung aus unserer Sicht!

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