Julie Völk: Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh

32 Seiten, Gerstenberg, 16,95 Euro, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, People of Color, Inklusion, vielfältige Körperformen, verschiedene Altersstufen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Die Charaktere, die man mehr oder weniger bei ihrer Morgenroutine und auf dem Weg zur Schule sieht, sind ausgesprochen vielfältig dargestellt, es gibt People of Color, Menschen mit unterschiedlichsten Körperformen, einen Erwachsenen mit Rollator, einen mit Gehstock, ein Kind im Rollstuhl. Es gibt Menschen jeden Alters.

Inhalt:
Ein Buch ganz ohne Text: Farbenfrohe Buntstiftzeichnungen illustrieren den morgendlichen Schulweg zweier Geschwister, die unterwegs Schulkamerad*innen abholen oder treffen. Wir sehen immer wieder, wie sich die verschiedenen Kinder von ihren Eltern verabschieden und zu den anderen Kindern stoßen. Viele Häuser sind offen

und zeigen vielfältige Wohn- und Lebenssituationen: Es gibt Kinder, die in einer Fischerhütte wohnen, andere leben auf einem (idealisiert dargestellten) Bauernhof oder in einem Zirkuswagen. Ein Mensch (oder eine Meerjungfrau?) mit Rollator sitzt auf einem Plumpsklo, in einer KFZ-Werkstatt gibt es frei laufende Krokodile, im Birkenwald verstecken sich Zwerge, sogar die Litfaßsäule wird von einem Mann bewohnt. Es gibt Menschen verschiedenen Alters, arm und wohlhabend – auch ein obdachloser Mensch ist zu finden.
Kinder und Erwachsene sind vielfältig dargestellt, wir begegnen kleinen und großen, jungen und alten, dicken und dünnen Menschen verschiedener Hauttöne. Ein Kind benutzt einen Rollstuhl. Allerdings bleibt offen, wie es dieses Kind in die Schule schafft – am Eingang gibt es weder eine Rampe noch einen Fahrstuhl!


Das sagt die Kinder-Jury:
Den Kindern machte das Buch großen Spaß, sie haben auf den Seiten immer wieder etwas Neues entdeckt. Sie haben die verschiedenen Bewegungen der Kinder nachgemacht und viel erzählt über ihre eigene Morgenroutine, Berufe der Eltern usw. Es gab einige Situationen, mit denen sie sich in dem Buch identifizieren konnten.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Im Buch wird Vielfalt auf beiläufige Art und Weise positiv dargestellt.
Noch schöner wäre es gewesen, wenn weitere Behinderungsformen gezeigt würden und Barrierefreiheit mitgedacht worden wäre. Außerdem fehlen veilfältige Familienkonzepte.

Jenny Westin Verona & Jesύs Verona: Kalle und Elsa. Ein Sommerabenteuer

32 Seiten, Bohem, 16,95 Euro, ab 3 Jahren

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Geschlechterrollen, vielfältige Körperformen

KIMI-Faktor:
In dem Buch geht es um starke Kinder, die beiden handeln eigeninitiativ, die Erwachsenen spielen kaum eine Rolle. Die Kinder sind divers in Bezug auf Hauttöne und Geschlechterrollen: Elsa ist mutig und initiativ, Kalle darf weinen und sich trösten lassen.

Inhalt:
Kalle und Elsa fahren zusammen mit Elsas Eltern an den Strand. Dort wollen sie das tiefste Loch der Welt graben. „Wir bauen eine Falle!“ freut sich Elsa. Sie finden die beste Stelle für die Falle und fangen an zu graben. Die beiden überlegen, welche Tiere sie fangen möchten und die Seite wird fantasievoll bevölkert von einem Löwen, einem Katzenhai und einem Seelöwen.

Sie erleben wilde Abenteuer im Meer: Bauen am Strand eine Burg aus Sand, Seeigeln und Seeanemonen und wehren sich gegen den Tintenfisch mit den tausend Armen, der ihre meterhohe Burg zerstören will. Doch als Elsa Kalle aus Versehen weh tut, weint Kalle und Elsa rennt weg. Mit Hilfe des Seehunds, der Kalle tröstet, überwinden sie diese schwierige Situation und Elsa kann sich bei Kalle entschuldigen – und die gemeinsamen Abenteuer können weitergehen.

Das sagt die Kinder-Jury:
Alle Kinder hörten konzentriert zu und haben die Geschichte verstanden. Der Text wurde von einigen Kolleg*innen ins Türkische übersetzt, damit es die Kinder mit türkischer Erstsprache besser verstehen können. Doch allein die Bilder sind sehr sprachanregend und die Kinder haben viel dazu erzählt. 
Der dreijährige Julian hört aufmerksam zu und sagt auf die Frage, wie er das Buch findet: „Die Seite mit dem Tintenfisch und den Hai mag ich nicht. Ich habe Angst.“ Trotzdem möchte er das Buch für seine Kindergruppe haben, sein Freund Amadou auch. Sie verstehen noch nicht, dass die Bilder die Phantasie von Elsa und Kalle widerspiegeln. Sie glauben, dass alles genauso passiert, wie es im Buch steht. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Ein Kinderbuch, in dem Vielfalt beiläufig auftaucht, ohne problematisiert zu werden. Beide Protagonist*innen haben unterschiedliche Hauttöne, auch die Geschlechterrollen sind nicht stereotyp. Im Vordergrund steht ein Tag am Strand, wir erleben die Perspektive der Kinder, in der Wirklichkeit und Phantasie verschwimmen. Die detailreichen, farbenprächtigen Illustrationen machen Lust, das Buch anzugucken und regen dazu an, ins Gespräch zu kommen. 

Baptiste Paul & Jacqueline Alcántara: Das Spiel

übersetzt von Thomas Bodmer, 32 Seiten, NordSüd, 15 Euro, ab 4 

Von der Einbandgestaltung bis zur letzten Seite ist dieses Buch in Bewegung. In kräftigen Farben gezeichnet rennen Kinder einem Ball hinterher, Kühe stehen auf der Weide, selbst gebastelte Tore werden aufgestellt. Mädchen und Jungen spielen mit vollem Körpereinsatz auf einer Wiese Fußball. Die Kinder sind ein gutes Team, auch als der Regen einsetzt und die Wiese in Schlamm verwandelt, spielen sie weiter, bis die Mütter zum Abendessen rufen. Die Illustratorin setzt mit kräftigem und bewegtem Pinselstrich die Geschichte, die auf einer der karibischen Inseln spielt, um. Der Text sowie einzelne Wörter wirken wie in die Bilder „hineingeworfen“ und unterstützen so die Bewegung der Geschichte. Deutsche und kreolische Wörter stehen nebeneinander und werden miteinander gelesen, so dass ganz nebenbei in beiden Sprachen gelesen wird. „Shoo! Weg da!“ ruft ein Kind den Kühen zu und „Annou ale! Los!“ rufend, schiebt ein anderes die Ziege zur Seite. 

Dieses Bilderbuch zeigt: es braucht nicht viel, um einen guten Tag zu haben. Freund*innen, einen Ball und Platz zum Spielen. Die Geschichte lässt eine*n mitfiebern. Es spielen Kinder unterschiedlichen Alters, Mädchen und Jungen. Das Geschlecht ist nicht wichtig, es wird nicht genannt. Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es nicht viele zweisprachige Bücher mit der französisch-kreolischen Sprache. Manche Wörter klingen vertraut und erinnern an französische, englische oder türkische Wörter. Im Glossar finden sich ein Text des Autors über seine Kindheit auf einer der karibischen Inseln, die Aussprache der Wörter und die deutsche Übersetzung. 

Das sagt die Kinderjury: 

Alle Kinder waren begeistert von dem Buch! „Wir sind in die Halle gegangen, als es geregnet hat. Wir haben nicht draußen weitergespielt.“ sagt Ella, 4 Jahre alt. Die anderen erzählen vom Fußball spielen und sind aufmerksam dabei. Sie lassen sich von den Ausrufen anstecken und gemeinsam rufen wir: „Vini! Komm!“ und lernen „Bol“ – Ball, „Soulye“ – „Schuhe“, Goal – Tor.“ 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein wunderbares Buch, eindrucksvoll illustriert. Ein Buch vor allem auch zum gemeinsam Angucken. Jede*r im Buch kann mitspielen, es geht weniger um Gewinnen als um Freude an der Bewegung, was allen deutlich anzusehen ist. Besonders gut hat uns auch gefallen, dass Wörter aus dem französischen Patois in den Text eingefügt sind, einer Sprache, die sonst im hiesigen Kinderbuch nicht auftaucht. 

Kerascoët : Mein Weg mit Vanessa

40 Seiten, Aladin, 14,95 Euro, ab 3 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Mobbing, Hauttöne, People of Color

Der KIMI-Faktor:
Ein wichtiges Thema für Kinder: Mobbing. Das Buch zeigt in spielerischer Ernsthaftigkeit, wie man gegen Mobbing aktiv werden kann – und dass es wichtig ist, füreinander einzustehen.
Die beiden Hauptcharaktere sind Mädchen of Color – das gibt es selten. Die restlichen Kinder im Buch haben vielfältige Hauttöne und die Lehrerin ist schwarz.

Inhalt:
Neuanfänge sind nicht immer leicht. Das erlebt auch Vanessa, die nach einem Umzug neu in die Schulklasse kommt. Keine*r ihrer Mitschüler*innen kümmert sich um sie. In der Turnhalle sitzt sie weit entfernt von der Basketball spielenden Kindergruppe. Und auch ihren Heimweg tritt sie allein an. Unterwegs wird ein Junge gemein zu ihr und Vanessa läuft weinend nach Hause.

Aber ein Mädchen hat den Vorfall beobachtet und fühlt sichtlich mit Vanessa. Sie erzählt anderen Kindern davon – und alle sind betroffen. Den ganzen restlichen Tag denkt das Mädchen darüber nach, was sie tun könnte. Beide Mädchen finden diese Nacht kaum Schlaf. Morgens hat das Mädchen die rettende Idee: Sie holt die Vanessa Zuhause ab. Gemeinsam gehen sie zur Schule. Unterwegs stoßen immer mehr Kinder zu ihnen, der Übeltäter steht beschämt mit rotem Kopf am Rand der immer größer werdenden Kindermenge – und schließlich ist das neue Mädchen in die Gemeinschaft aufgenommen.

Ganz ohne Worte wird erzählt, wie Kinder gegen Mobbing einschreiten. Außer dem Mädchen Vanessa, das neu in die Schule kommt, hat keines der Kinder einen Namen.

Das sagt die Kinder-Jury:
Aufmerksam haben die Kinder das Buch angeguckt. Sie fragen nach, weshalb das Mädchen allein nach Hause geht, während die anderen Kinder als Gruppe gehen. Die Mobbingsituation hat sie empört: „Das ist nicht nett, dass er gemein zu dem Mädchen ist!“.
Das Buch eignete sich sehr gut, um das Thema Mobbing zu besprechen. Dass es keinen Text gibt, lässt viel Raum für eigene Interpretationen und Erlebnisberichte der Kinder.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Eindringlich zeigen die Autor*innen, wie man Mobbing begegnen kann: Angefangen bei der Ausgrenzung und der Verletztheit des Mädchens, über die Betroffenheit der Beobachterin bis hin zur gelungenen Intervention. Die dargestellten Kinder sind vielfältig in Bezug auf Hauttöne und Körperformen, die beiden Hauptpersonen – Vanessa und das beobachtende Mädchen – sind People of Color. Wirklich selten in Kinderbüchern: Eine schwarze Heldin, die als einzige einen Namen hat.
Begleitmaterial zum Umgang mit Mobbing und Ungerechtigkeit auf der letzten Seite rundet das Buch ab.

Kara LaReau: Die unglaublich verrückten Abenteuer der Schnarch-Schwestern

illustriert von Jen Hill, übersetzt von Ingrid Ickler, 176 Seiten, Knesebeck, 13 Euro, ab 10 

Die Zwillingsschwestern Angina und Rauke leben ohne ihre Eltern und verbringen einen komplett unaufgeregten Alltag mit Socken stopfen und aus dem Fester starren, bis sie eines Tages auf das Schiff einer ziemlich zackigen Piratinnen-Bande entführt werden und auf große Fahrt gehen. Der Alltag an Bord ist kein Zuckerschlecken – es heißt vor allem viel Arbeit an Deck und in der Schiffsküche und nett geht es hier auch nicht unbedingt zu. Zum Glück finden sie mit Fetterike und Holzbein-Heidi bald sympathische Verbündete, die ebenfalls keinen so guten Stand bei der restlichen Crew haben. Mit gewitzten Ideen verhelfen die beiden Schwestern den Erwachsenen zu mehr Selbstwertgefühl und wirbeln das Geschehen an Bord gut durcheinander. Damit weht der Wind plötzlich aus einer ganz anderen Richtung und auch die verschwundenen Eltern könnten wieder auftauchen.  

Das sagt die Kinder-Jury:

Nach kurzen Startschwierigkeiten aufgrund der bestens nachvollziehbaren Langeweile zu Beginn entwickelte sich die Geschichte zum regelrechten Renner. Das Gekicher ob der lustigen Namen, der durchaus fiesen Abenteuer und schrägen Illustrationen war groß. Gleichwohl wurde der durchaus ernste Kern um das Thema Mobbing von den Kindern sensibel erfasst. Besonders mochten sie die knapp erklärenden Einführungen in jedes Kapitel und dass die mit positiven Charaktereigenschaften besetzten Protagonistinnen, die aufgrund ihrer Körperformen und -behinderung im Buch Ausgrenzungserfahrungen machen, am Ende der Geschichte siegreich hervorgehen. Und überhaupt ein ganzes Piratinnenschiff – das gab es noch nie! 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein ungewöhnlicher Plot:  Zwei Mädchen, die jahrelang ohne ihre Eltern leben und dann in ein Piratinnenabenteuer stolpern. Erzählt wird ein ernstes Thema in einem besonderen humoristischen Stil – humorige Namen, groteske Situationen und witzige Illustrationen. Auf uns wirkten die Charaktere etwas holzschnittartig und manche Überzeichnungen doch etwas klischeehaft.  

Constanze von Kitzing: Unsere große bunte Welt

36 Seiten, Carlsen, 10 Euro, ab 2 Jahren

Vielfaltmerkmale:
People of Color

Der KIMI-Faktor:
Das Buch zeigt Alltagssituationen, mit denen sich viele Kinder identifizieren können. Die Darstellung der Charaktere ist dabei divers bezogen auf Hautfarben: Auf einer Doppelseite gibt eine schwarze Familie, in Gruppensituationen gibt es oft Kinder mit unterschiedlichen Hauttönen.

Inhalt:
Das Buch besteht aus einer Sammlung von Alltagssituationen ohne zusammenhängende Geschichte und ist eher als Sachbuch zu sehen.
Es geht ums Vorlesen, Waschen, Kochen und vieles mehr – alltägliche Momente, die Kinder kennen und in denen sie sich selbst wiederfinden können.

Meistens besteht eine Doppelseite aus einer Alltagssituation und zeigt außerdem dazu passende Gegenstände: Zum Beispiel beim Thema Waschen finden die Betrachter*innen einen Föhn, eine Haarbürste, ein Waschbecken usw.
Jede Doppelseite regt dazu an, mit den Kindern über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen und sich auszutauschen.
Auf der letzten Doppelseite steht eine Kindergruppe mit einigen Vielfaltmerkmalen Arm in Arm: “Wir sind Freunde und halten zusammen.”

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten beim Betrachten des Buches viel zu erzählen, weil sie mit eigenen Erfahrungen andocken konnten. Auch um neue Wörter zu lernen ist das Buch gut geeignet. Die letzte Seite, auf der viele unterschiedliche Kinder abgebildet sind, fand großen Anklang.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die Bilder regen zum Erzählen an, denn die meisten Situationen sind aus dem Alltag der Kinder gewählt. Die Figuren sind unterschiedlich divers. Auf einigen Seiten haben Kinder unterschiedliche Hauttöne und Augenfarben und sind unterschiedlich alt.
Leider hält die Autorin den Aspekt der Vielfalt nicht im ganzen Buch durch: Auf einigen Seiten, auf denen Gruppenaktivitäten zu sehen sind, finden sich ausschließlich weiße Menschen. Außerdem fehlen Vielfaltsmerkmale wie Behinderung oder diverse Familienformen ganz.
Es gibt kaum Darstellungen von Kindern oder Erwachsenen, die genderneutral sind: Die meisten Mädchen haben lange Haare oder typisch mädchenhafte Kleidung – so wie die meisten Jungen kurze Haare und typische Jungenkleidung tragen.
Es gibt keine männlichen Erwachsenen – gerade bei der Kita-Doppelseite hätte ein Erzieher gut getan.