Pénélope Bagieu: Unerschrocken 2 – Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher, Reprodukt, 168 Seiten, 24 Euro

Wie schon im ersten Band von “Unerschrocken” erzählt die französische Comicautorin und Zeichnerin Pénélope Bagieu auch hier in kurzen Graphic Novel Episoden die Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen, die sich mit viel Eigensinn, Mut und Durchsetzungsvermögen in patriarchal geprägten Gesellschaften behaupteten und unerschrocken ihre Ziele durchsetzten. Die Auswahl ist global gesetzt und reicht wieder von historischen Persönlichkeiten wie der wohl ersten US-amerikanischen Undercover-Journalistin Nelly Bly bis zur zeitgenössischen afghanischen Rapperin Sonita Alizadeh. Pénélope Bagieu gelingt es dabei erneut einerseits spannend und mitreißend mit viel Wort- und Bildwitz zu erzählen. Andererseits wird sie, gleichwohl verdichtet und auf Eckpunkte der Biographien beschränkt, den dramatischen, oft von Gewalt und Diskriminierung geprägten und politisch sehr gehaltvollen Themen gerecht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Graphicnovel-Band kam bei den Jugendlichen sehr gut an. Teilweise kannten sie bereits Band 1 und waren nun gespannt auf neue Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen. Sehr schön fand die Jury die coole Gestaltung in Comic-Form. Besonders inspirierend war die Lektüre, weil hier starke Frauen dargestellt werden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Mit luftigem Strich und pointierten Sätzen porträtiert Pénélope Bagieu eine Reihe starker Frauen, die trotz vielerlei Widerstände ihren Weg gegangen sind. Viele davon sind heute in Vergessenheit geraten. Aus unserer Sicht konzentriert sich die Auswahl allerdings doch etwas sehr auf weiße Frauen der Mittelschicht. Hier gilt es in Zukunft den Blick zu weiten und noch mehr bisher unbekannte Persönlichkeiten zu entdecken. Ein Buch, das nicht nur Mädchen Mut macht, die eigenen Interessen und Leidenschaften zu verwirklichen!


Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton

übersetzt von Conny Lösch, 256 Seiten, Antje Kunstmann, 18 Euro, ab 12

als eBook verfügbar

Lemar genannt „Liccle Bit“ oder „Bit“ ist vierzehn Jahre alt. Er ist der zweitkleinste in seinem Jahrgang, daher kommt sein Kosename. Seine Geschichte erzählt Lemar aus der Ich-Perspektive. Er lebt mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Elaine, seinem Neffen Jerome (Elaines Kind), seiner Mutter und seiner Oma in einer Hochhaussiedlung in Crongton, einem (fiktiven) eher ärmeren Viertel Londons. Mit seinen besten Freunden McKay und Jonah streift Lemar durch die Nachbarschaft zwischen Schule, Spielplatz und ihren jeweiligen Wohnungen. Sie versuchen dabei gemeinsam, Sinn aus ihrem zugleich als langweilig und extrem stressvoll erlebtem Alltag zu machen. „Liccle Bit“ muss nämlich versuchen, eine Reihe zusammenhängender konflikthafter Bedingungen einigermaßen unbeschadet zu bewältigen. Sein Schwager, der Vater seines Neffens, ist der zurecht gefürchtete Anführer einer Bande aus South Crongton, die in einer eskalierenden Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Bande aus North Crongton verwickelt ist. Es gibt Tote. „Liccle Bit“, Jonah und McKay erfahren immer über die Medien von den Toten in ihrer Nachbarschaft und sind wie magisch davon angezogen zu den Tatorten zu gehen und aus der unmittelbaren Nähe die Ereignisse zu beobachten und zu diskutieren.

„Liccle Bit“ gelingt es immer weniger den Anwerbeversuchen von Manjaro zu widerstehen. Manjaro scheint ihm und seinen Freunden geradezu aufzulauern. Schließlich gibt er Manjaros Bedrängen nach, nicht zuletzt weil er wenig Geld hat und Manjaro ihn mit „finanzieller Sicherheit” locken kann. „Liccle Bit“ beginnt kleine „Erledigungen“ für Manjaro zu übernehmen. Seine Handlungsräume erweitern sich dadurch zwar finanziell, ihm wird aber schnell klar, dass er Manjaros Einfluss nicht mehr entkommen kann. Er kann also nicht mehr alleine, ohne zu fragen, über seine Freizeit bestimmen. Er ist jetzt jederzeit auf Abruf. Manjaro macht ihm zudem klar, dass ein Ausstieg nahezu unmöglich ist. Er bekommt mit, mit welchen Mitteln Manjaro sich an denjenigen rächt, die seine Anweisungen missachten. Er sitzt also ganz schön in der Falle. Wie auf parallel laufenden Schienen entfaltet sich diese eine Konfliktlinie mit Manjaro und die konflikthafte Auseinandersetzung mit einer unerwiderten Liebe zu Venetia.

Er ist schon sehr lange in eine Klassenkameradin Venetia unglücklich verliebt. Venetia lebt in einem noch heruntergekommeneren Teil seines Viertels. Venetia wird anfangs fast nur über ihr Aussehen definiert (sie ist das schönste Mädchen der Schule, allerdings in der sexistischen Fassung). Nach und nach erfahren aber die Leser*innen über Venetias Träume und über ihre Zielstrebigkeit. Venetia ist Hochleistungssportlerin. Sie hat große Pläne. Sie will studieren, aber vor allem will sie endlich dem Viertel Crongton entkommen. Elaine, „Liccle Bits“ Schwester hat auch große Pläne. Sie war – bevor sie schwanger wurde, auf einem guten Weg zum Studium. Elaine ist eine hoch intelligente, durchsetzungsstarke junge Frau. Dann traf sie Manjaro. Durch „Liccle Bits“ Erzählungen wird den Lesenden irgendwann tatsächlich klar, warum Elaine sich Manjaro geöffnet hat. Manjaro ist auf seinem folgenreichen Weg als Anführer der Bande von South Crongton gestrandet, aber auch er hat eine vielschichtige Geschichte. Sie erweckt Gefühle von Empathie, Verzweiflung, aber auch Abgegessenheit. Überhaupt ist das die Stärke und die Erzählkraft dieses Werkes, dass die Handlungsgründe von mehrfachmarginalisierten und stigmatisierten -jungen- Menschen, ihren Familien und Communities nachvollziehbarer wie nachfühlbar werden, zum mitverzweifeln einladen. „Liccle Bit“ und Elaine geraten aneinander, aber es ist dennoch Elaine die „Liccle Bit“ aus dem Schlamassel hilft, ihn beschützt, ihn auffängt und dann doch schnell wieder zum „Business as Usual“ switched. Es sind fragile aber resiliente Banden, die diese Anti-Held*innen knüpfen, solidarisch, abgeklärt – in Teilen abgebrüht, in Teilen in einer Weichheit und Zerbrechlichkeit dargelegt, die unglaublich berührend ist.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Jugendroman über Lemar, seine Familie und Freundschaften wurde zwiespältig von der Jugendjury aufgenommen. Einerseits erzählt er glaubwürdig und eingebettet in eine spannende Gangstergeschichte die schwierige Lebenssitutation vieler Jugendlicher, die in sogenannten sozialen Brennpunkten zuhause sind. Das kann ein Vorbild sein, für Personen, die zum Beispiel in ähnlichen Verhältnissen wohnen. Außerdem kann es diese Leute repräsentieren und ist dadurch wichtig, weil sehr selten im Jugendbuch zu finden. Dazu trägt sicher auch die verwendete (Jugend)Sprache bei. Hier liegt aber andererseits auch ein Problem, nämlich die sehr diskriminierende Beschreibung von Frauen durch männliche Protagonisten. Dabei kommen mehrheitlich starke weibliche Protagonistinnen vor, die allesamt als Vorbilder für jugendliche Leser*innen fungieren können. Neugierig sind die Jugendlichen durchaus auf die Fortsetzung der Geschichten aus Crongton in Band 2 und 3 mit einem jeweils anderen Fokus der Protagonist*innen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Es war unglaublich schwer die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Es ist eine Erzählung, die ein wenig braucht, um die Lesenden „hineinzulassen“. Dann ist da noch die ziemlich harte, graphische Sprache, die oft vor allem Frauen- und Mädchenkörper sexistisch und rassistisch objektiviert. Aber auch der Hautprotagonist ist objektiviert als Mensch afrikanischer Herkunft, als Schwarzes Kind, als männlicher Schwarzer Jugendlicher, als Teil einer Jamaikanisch-diasporischen Familie. Seine Gran spricht Jamaican-Patois; darin wird „little“ wenn sie einen Bob Marley Hit beim Kochen singt zu „liccle“. Es sind aber vor allem die extrem resilienten und aktionsstarken Schwarzen Frauen- und Mädchenfiguren aller Generationen, die letztlich den Weg aus den engen Handlungsräumen dieser (ökonomisch) de-privilegierten Lebensumstände weisen. Elaine ist nämlich noch gefürchteter als Manjaro (Spoiler-Alert)! Sie scheut sich vor keiner körperlichen Auseinandersetzung, ganz im Gegenteil! Venetia hat einen durchdachten Plan ihren Handlungsraum zu erweitern und aus dem Viertel endlich rauszukommen. Mum ist die finanzielle Sicherheit der ganzen multigenerationalen Bande. Gran hält alle miteinander verbunden, sie genießt dabei, zu besonderen Gelegenheiten, ein Glas Wein oder Rum (Spoiler Alert). Sie ist diejenige, die „Liccle Bits“ Talent zu zeichnen nährt und ihn dazu ermutigt, das von Venetia beauftragte Portrait zu zeichnen. Diese Verbindungen, in denen trotz allen äußeren Druckfaktoren Überleben möglich ist und organisch initiiert wird, machen letztlich den Gehalt dieses Einblickes in die alltäglichen, jugendkulturellen Handlungen von mehrfachmarginalisierten, Jugendlichen-of-Color, in urbanen Kontexten, aus.

Der Autor selbst weist identitätsstiftende Anteile auf, die ihn mit seinen Figuren verbindet. Alex Wheatle entfaltet diese vielschichtigen Bedeutungsebenen aus dem Inneren der Marginalisierungserfahrung heraus. Er nahm an den Revolten von Brixton der 1980er Jahre teil. Er wurde infolgedessen vier Monate inhaftiert. Er wuchs zum Teil in öffentlichen Einrichtungen der Jugendhilfe auf. Die Intensität dieser ‚eingebetteten’ Perspektive tut seiner Erzählung gut! Es ist sein erster Jugendroman und es ist der Auftakt zu einer Reihe von inzwischen insgesamt vier Romanen aus ‚Crongton’. Es lohnt sich die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Danach konnte ich das Buch nämlich gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Übersetzung ist leider nicht rassismuskritisch. Das ist ein großes Manko.

Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

übersetzt von Andrea Fischer, 624 Seiten, FISCHER FJB, 18,99 Euro, ab 14 Jahren
Auch als eBook und Hörbuch (Argon Hörbuch) erhältlich

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Rassismuskritik, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Die Geschichte präsentiert eine starke und überzeugende Heldin. Ganz selbstverständlich sind alle Protagonist*innen schwarz.
Die Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Rassenhass und Diskriminierung ist authentisch und regelrecht schonungslos.

Inhalt:
Children of Blood and Bone ist der erste Band einer afro-futuristischen Fantasy-Trilogie. Die Hauptprotagonistin, Teenager Zélie Adebola ist eine der Maji – eine Bevölkerungsgruppe die magische Kräfte besitzt. Die Maji werden gesellschaftlich unterdrückt, ausgeschlossen und ihrer magischen Kräfte beraubt. Die Erzählung findet im Königreich Orïsha, einer fiktiven westafrikanischen Gesellschaft statt. Dort leben zwei Gruppen schon sehr lange ungleichberechtigt zusammen.

Der machthungrige König Seran gehört der regierenden Klasse der Kosidáns an. Um Einfluss zu gewinnen, zu behalten und auszuüben versucht Seran die Magie ganz auszurotten. Er lässt nämlich alle Majis, die älter sind als 13 Jahre tötet. Zélie verliert in dieser „Blutnacht“ ihre Mutter. Als die Ausbeutung der Maji zusehends unerträglich wird und Zélie befürchten muss, versklavt zu werden, um die horrenden Abgaben an König Seran und seiner Regierung zahlen zu können, bricht sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tzain und ihrer Freundin Prinzessin Amari, der Tochter des Königs, zu einem lebensgefährlichen Abenteuer auf. Dafür müssen sie gefährliche Abenteuer bestehen, Verrat und Schmerz erleiden.
Zélie will die Magie retten und nach Orïsha zurückholen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:
Das Fantasy-Epos wurde mit großer Begeisterung gelesen und als sehr gut und mitreißend geschrieben eingeschätzt. Dabei beeindruckten nicht nur die an der westafrikanischen Kultur orientierte Fantasiewelt, die starken jugendlichen Hauptfiguren, sowie der immense Spannungsbogen der Geschichte, sondern vor allem die Themen Diskriminierung, die Geschichte der Sklaverei und damit regelrechter Rassenhass, die Adeyemi mit jedem Satz miterzählt. Damit erklärte sich auch der teilweise sehr brutale, manchmal kaum auszuhaltende Verlauf der Geschichte. Im Zusammenhang mit dem Nachwort der Autorin, in dem sie unmittelbare Bezüge zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft, zu #blacklivesmatter, zu racial profiling und zur Polizeigewalt gegen Schwarze aufstellt, wurde dies noch klarer. Fast ein wenig enttäuscht waren die Jugendlichen allerdings wegen des rasanten Cliffhanger-Endes, das alle Leser*innen wirklich sehr abrupt verabschiedet – jetzt wird sehnsüchtig auf Band 2 gewartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Es handelt sich hier um eine vielschichtige und sehr lange Erzählung (623 Seiten). Alle Protagonist*innen sind ganz selbstverständlich Schwarz. Die Nigerianisch-Amerikanische Autorin Tomi Adeyemi nimmt ihre Inspiration aus dem in letzter Zeit mit dem Film „Black Panther“ sehr erfolgreichen Genre des Afro-Futurismus. Sie verleiht ihrer Erzählung Tiefe durch starke literarische Bezüge zu westafrikanischen kulturellen und mythologischen Wissensformen. Sie bezieht sich dabei sozialkritisch und gesellschaftskritisch auf die historische Missachtungsformen und Demütigungen (Rasssismus) die schwarze Menschen und Kollektive erfahren und überleben müssen. Sie bezieht sich auf ihre Ideen und Organisationsformen, die auf Befreiung und Wiederstellung ausgerichtet sind (#BlackLivesMatter Bewegung).
Die Hauptprotagonistin Zélie Adebola ist eine aktionsstarke weibliche Figur. Überhaupt sind es die schwarzen Frauen, die weiblichen Figuren, die in Zélies Welt emanzipative, kollektive Lösungen trotz Traumatisierung und Verlusten suchen und gestalten.
Es ist spannend und berührend, manchmal kaum auszuhalten. Ganz großartige Literatur und eine sehr stark diversitätsgeprägte Erzählung aus unserer Sicht!

Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon normal? (Band 1)

übersetzt von Nina Frey, 416 Seiten, dtv, 10,95 Euro, ab 14

als eBook erhältlich

“Spinster Girls – Was ist schon normal” ist das erste Buch einer dreiteiligen Reihe, in der jeweils eine von drei Freundinnen die Hauptrolle spielt. In Band 1 ist das Evie. Sie möchte endlich ein “normales” Teenagerleben führen. Daran war bisher nicht zu denken, aufgrund einer Zwangsstörung ist ihr Leben komplett aus den Fugen geraten. Jetzt können die Medikamente jedoch langsam abgesetzt werden und Evie freut sich darauf, sich zurück ins Leben zu stürzen. Auf ihre beste Freundin muss sie dabei jedoch verzichten: Jane hat nur noch Augen für ihren neuen Freund. Zum Glück trifft Evie da bei ihrem ersten Date (das sich als Katastrophe herausstellt!) auf Amber und Lottie. Genervt von den ganzen Jungsproblemen gründen sie den Spinster Club: Hier diskutieren sie über feministische Themen und machen sich gegenseitig stark. Dabei diskutieren sie heftig u.a. auch darüber, ob heterosexuelles Verlieben kompatibel sein kann mit Feminismus, und wenn ja, was bedeutet das konkret? Von ihrer Krankheit erzählt Evie ihren neuen Freundinnen jedoch nichts – auch nicht, als es zu einem Rückfall kommt. Der über alles stehende Wunsch nicht aus der Norm zu fallen hindert Evie daran, sich ihrer Familie und ihren Freundinnen anzuvertrauen und bringt sie an ihre Grenzen. Nach und nach lernt Evie mit ihren negativen Gedanken umzugehen und, unterstützt durch ihre Familie, ihre Freundinnen und ihre Therapeutin, einen für sie machbaren Weg zu finden. Am Ende stellt Evie fest: Was ist denn eigentlich schon normal?

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Große Begeisterungsstürme für die Spinster Girls! Die ersten beiden Titel dieser Trilogie wurden von der Jury heiß geliebt. Die Idee, in jedem Band aus der Sicht eines der Spinster Girls zu erzählen kam bei den Jugendlichen gut an und es fiel ihnen leicht, sich in die beiden Mädchen hineinzuversetzen. Nicht nur der Schreibstil gefiel, auch das große verbindende Thema der Reihe „Feminismus“ wurde gut in die Geschichten integriert und regte die Leser*innen oftmals zum Nachdenken an. Während der zweite Teil vielen die Augen in Bezug auf Alltagssexismus öffnete, bot der erste Band zudem eine realistisch anmutende Darstellung des Themas Zwangserkrankung und schnitt das Thema Integrierung in der Gesellschaft an. Auch die Cover überzeugten die Jury auf ganzer Linie: Coole Covergestaltung und treffende Titelformulierungen. Der dritte Band wird sehnlichst erwartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert. Der Autorin gelingt es, einen Jugendroman zu schreiben, in dem Evies Zwangsstörung einfühlsam und nicht überpräsent thematisiert wird. Evie steht vor der gleichen Herausforderung wie alle Jugendlichen: das Finden einer eigenen Identität, das Bedürfnis nach Freundschaft und die Sehnsucht nach Liebe. Durch das Lesen dieses Buches bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, ein Jugendleben irgendwo zwischen scheinbarer Normalität und psychischer Erkrankung zu führen und eine Zwangsstörung neben allen sonstigen Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zu meistern. Die flotte Sprache und humorvolle Szenen lockern das Buch auf und beweisen, dass auch tabuisierte Themen spannend erzählt werden können.

Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer

übersetzt von Birgitt Kollmann, 288 Seiten, dtv / Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Crow hat ihr ganzes bisheriges Leben auf einer winzigen Insel verbracht. Sie wurde, nur wenige Stunden jung, in einem lecken kleinen Boot an den Strand einer Insel, die Cape Cod in Massachusetts vorgelagert ist, angespült. Osh, der einzige und dazu noch sehr ungewöhnliche Bewohner der Insel, hat sie gerettet. Bei ihm ist Crow aufgewachsen. Geholfen hat die couragierte und liebevolle Miss Maggie von der Nachbarinsel. Eine kleine Wahlfamilie, denn alle anderen haben sich von dem Mädchen ferngehalten. Crow hat schon früh als junges Kind gespürt, dass die Menschen auf den anderen Inseln, wenn sie ihr begegnen, in ihren Gesprächen verstummen, sie mit seltsamen Blicken anschauen und körperlich Abstand halten. Manche haben sogar Gegenstände, die Crow berührt, mit einem Lappen rein gewischt. Zunehmend wächst in Crow der Drang, zu wissen, woher sie stammt und warum man sie fortgeschickt hat. Sie beginnt nach ihrer Herkunft zu forschen. Als eines Nachts ein Feuer auf einer vermeintlich menschenleeren Nachbarinsel aufscheint, steigen in Crow gestochen scharf all die unausgesprochenen Fragen nach ihrer Herkunft auf. Stück für Stück fügt sie das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen und begreift, was Familie wirklich bedeutet. Herzlich und gefühlvoll begleiten Leser*innen Crow bei der Suche nach sich selbst.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Die einerseits zurückhaltende und andererseits auch geheimnisvolle Covergestaltung des Titels ist auf Anhieb sehr gut angekommen. Sie deckt sich mit den Leseerlebnissen, denn auch der Erzählton des historisch verorteten Buches wurde sowohl als sehr ruhig und emotional gut nachvollziehbar, passagenweise aber auch sehr spannend beschrieben. In Crows Lebens- und Gefühlswelten konnte sich die Jugendlichen-Jury sehr gut hineinversetzen, da sie schön und detailliert beschrieben waren. Die verschiedenen Vielfaltsaspekte, wie Crows dunkler Hautton und ihre Wahlfamilie werden sehr beiläufig erwähnt und sind Thema, ohne im Fokus der Geschichte zu stehen. Schade und ein wenig störend fanden die Jugendlichen, wie oft Crow sich anhören muss, dass sie zu unerfahren für dies und zu jung für das ist – umso besser, dass sie sich durchsetzt und ihren Weg findet!

Das sagt die Erwachsenen-Jury: 

Einfühlsam und spannend erzählt Lauren Wolk die berührende Geschichte von Crow, die als Findelkind bei einem Außenseiter auf einer kleinen Insel des Elisabeth Archipels aufwächst und Ausgrenzung und Diskriminierung erfährt. Ihre Suche nach ihrer Herkunft und Identität ist auch für Erwachsene nachvollziehbar und interessant dargestellt. Mit einer Kombination aus Entwicklungsroman und Abenteuergeschichte, basierend auf historisch verbrieften Elementen der Elisabeth Inseln, die vielen Leser*innen wahrscheinlich unbekannt sind, gelingt der Autorin ein bewegender Jugendroman über ein starkes PoC-Mädchen und die Bedeutung von liebevollen Beziehungen.