KIMI 2018 – die ausgezeichneten Bücher

Die erste Siegel-Verleihung

Zum ersten Mal wurde am Donnerstag, den 9. Mai 2019 das KIMI-Siegel für Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur bei einem Festakt in der Werkstatt der Kulturen verliehen.

Das Grußwort zur Veranstaltung sprach Margit Gottstein, Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung beim Berliner Senat, die betonte, wie wichtig das KIMI-Siegel sei und dass es sich eigentlich um eine “überfällige Initiative” handele, um Menschen in ihren Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Die Veranstaltung wurde mit viel Verve und wunderbar kurzweilig moderiert von der Schauspielerin Joana Adu-Gyamfi und Tim Gailus, bekannt aus Timster auf Kika. Über 150 geladene Gäste, darunter Multiplikator*innen aus der pädagogischen Arbeit, Buchhandel und Verlagswesen kamen zur feierlichen Preisverleihung in die Werkstatt der Kulturen nach Berlin.

Aus der Vielzahl an Neuerscheinungen aus dem Jahr 2018 wurden insgesamt 40 Bücher ausgewählt, die Geschichten in vielfältiger, diskriminierungssensibler Weise erzählen bzw. darstellen. Zu den Kategorien gehören das Bilderbuch, das erzählende Kinderbuch und das Jugendbuch. Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit Diskriminierungserfahrungen als Teil der Jurys ist ein wichtiger und entscheidender Aspekt im Konzept des KIMI-Siegels – viele Mitglieder der Jurys nahmen am Festakt teil.

“Wir sind sehr glücklich, dass aus der Idee zum einem Festival für Diversität in Kinderbüchern im Jahr 2018 das KIMI Siegel entstanden ist”, betont Gabriele Koné (ISTA/Fachstelle Kinderwelten), “Damit wird jährlich im Bereich Kinder-und Jugendliteratur ein sichtbares Zeichen für Diversität gesetzt. Wir möchten damit für das Thema sensibilisieren, aber auch zu mehr vielfältiger Literatur verhelfen.”

Alle ausgezeichneten Bücher gibt es hier zum Download als PDF: KIMI-Siegel-Bücher.

Das KIMI-Plakat liegt den kommenden Ausgaben unserer Medienpartner BÜCHERmagazin, Eselsohr und BuchMarkt bei.

Jutta Wilke: Stechmückensommer

208 Seiten, Knesebeck Verlag, 15 Euro, ab 12

ISBN-10: 3957281059 ISBN-13: 978-3957281050

Vielseitigkeitsmerkmal: Menschen mit Behinderungen, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Wertevielfalt

Kimi-Faktor: Der spannende Roman präsentiert eine abenteuerliche  Reise dreier Teenager  die mit ihren verschiedenen körperlichen Handycaps  ins Ungewisse aufbrechen und sich dabei ihrer Gefühle und Werte bewusst werden und  gegenseitig zeigen. Sie gehen gemeinsam durch dick und dünn. Auf ihrer Reise spielte es keine Rolle  welche körperlichen Probleme jeder hat. So wurde auch das Merkmal  Kind mit Down Syndrom  wunderschön in den Roman eingebunden.

„Eine Made ist weiß. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal. Sie können mich nennen, wie sie wollen. Ich höre sowieso nicht hin. Eigentlich heiße ich Madeleine. Ich bin fast vierzehn.“

Madeleine soll eigentlich ihre Zeit im Ferienlager in Schweden genießen. Aber auch dort kann sie nicht von ihren Erfahrungen in der Schule und ihrer Familie abschalten. In der Schule wird sie gemobbt, weil sie nicht ins typische Mädchenbild passt. Als sie auf einem Ausflug zufällig von dem Teenager Julian entführt wird, weil der einen VW-Bus brauchte, um ans Nordkap zu kommen, geht ihre Reise los. Mit Vincent, einem Jungen mit Down-Syndrom, nimmt das Abenteuer richtig Fahrt auf. Ein spannender Road-Trip durch Schweden, der so abrupt beginnt, wie er endet.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

In sehr schöner und verdichteter Sprache werden in diesem spannenden Roadmovie die Konflikte von drei Jugendlichen einfühlsam beschrieben. Verschiedene Vorurteile, z. B. Fatshaming und gegen geistig behinderte Menschen, werden benannt, aber hinterfragt und erklärt. Dabei fanden die Jugendlichen der Jury diese, wenn auch realistisch, doch teilweise in zu extremer diskriminierender Sprache reproduziert. Da den Vorurteilen und Diskriminierungen aber stets unmittelbar und auch von den Betroffenen selbstbewusst gekontert und widersprochen wurde, sodass sie in den Situationen ausgeräumt wurden, hat sich die Jury dennoch für das Siegel zum Buch entschieden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine nicht alltägliche Ausgangslage: Drei Jugendliche, die alle in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen, treffen in der schwedischen Wildnis aufeinander und schlagen sich mit viel Kreativität und Courage durch. Verständlich, dass dabei gewisse Regeln nicht immer eingehalten werden können. Die gemeinsame Reise wird auch zu einer Art Entwicklungsprozess. Denn die Jugendlichen hegen zu Beginn durchaus Vorurteile gegeneinander und lernen im weiteren Verlauf, dass diese den eigenen Blick einengen und die andere Person verletzen. Indem es ihnen gelingt, die eigenen Vorurteile aufzulösen, können sie Vertrauen zueinander aufbauen und die Herausforderungen meistern, die ihnen begegnen. Ohne moralischen Zeigefinger führt das Buch einfühlsam vor Augen, dass jede Person, ungeachtet ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer psychischen Verfasstheit, Stärken und Fähigkeiten hat.

Ein großartiger Einblick in die Gefühlswelt eines Mädchens, das nicht in die Erwartung anderer Menschen passt. Außerdem eine spannende Reise dreier Teenager, die sich selbst suchen und ganz nebenbei die Bedeutung von Freundschaft entdecken. Nicht zuletzt schafft es das Buch auch noch, eine Hauptfigur mit Down-Syndrom zu haben, ohne sie deswegen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr davon.

Eine nicht alltägliche Ausgangslage: Drei Jugendliche, die alle in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen, treffen in der schwedischen Wildnis aufeinander und schlagen sich mit viel Kreativität und Courage durch. Verständlich, dass dabei gewisse Regeln nicht immer eingehalten werden können. Die gemeinsame Reise wird auch zu einer Art Entwicklungsprozess. Denn die Jugendlichen hegen zu Beginn durchaus Vorurteile gegeneinander und lernen im weiteren Verlauf, dass diese den eigenen Blick einengen und die andere Person verletzen. Indem es ihnen gelingt, die eigenen Vorurteile aufzulösen, können sie Vertrauen zueinander aufbauen und die Herausforderungen meistern, die ihnen begegnen. Ohne moralischen Zeigefinger führt das Buch einfühlsam vor Augen, dass jede Person, ungeachtet ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer psychischen Verfasstheit, Stärken und Fähigkeiten hat.

Ein großartiger Einblick in die Gefühlswelt eines Mädchens, das nicht in die Erwartung anderer Menschen passt. Außerdem eine spannende Reise dreier Teenager, die sich selbst suchen und ganz nebenbei die Bedeutung von Freundschaft entdecken. Nicht zuletzt schafft es das Buch auch noch, eine Hauptfigur mit Down-Syndrom zu haben, ohne sie deswegen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr davon.

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Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon typisch Mädchen? (Band 2)

übersetzt von Nina Frey, 416 Seiten, dtv, 10,95 Euro, ab 14

ISBN-10: 3423718013 ISBN-13: 978-3423718011

Rezension: Sandra Niebuhr-Siebert

Vielfaltmerkmale:
Diskriminierung von Geschlechtern, insbesondere des weiblichen Geschlechts

KIMI-Faktor:
Das Buch zeigt den täglich gelebten Sexismus, besonders den am weiblichen Geschlecht. Diese ständigen, vielen kleinen Beschädigungen, die marginalisiert, verinnerlicht und übersehen werden. Gegen die uns die Kraft fehlt, sie anzusprechen, der Mut gegen sie vorzugehen, weil Themen von Sexismus (oft nur noch) müde belächelt werden, noch bevor sie ausgesprochen sind.

Dieses Buch sensibilisiert für die vielen, vielen kleinen Sexismus-Attacken im Alltag, macht Mut sie anzusprechen und gibt Kraft, sich zu (wieder) wehren.

Inhalt:

Lottie geht im letzten Jahr zur Highschool und ist entsetzt vom Sexismus, der ihr immer wieder im Alltag begegnet: Ihr auf der Straße hinterherpfeifende Lastwagenmänner; kleine Mädchen, die in süße rosa-rüschige Kleidchen gesteckt werden, in denen sie kaum spielen und sich noch weniger bewegen können; empfundene Scham für wachsende Brüste und Körperbehaarung, die nur bei Jungs und Männern, aber nicht bei Mädchen und Frauen sprießen darf. Tampon-Werbung, die gegen Geruchsbelästigung und für Sauberkeit wirbt, als wäre Menstruationsblut dreckig und geruchsbelästigend. Körperempfindungen, die Mädchen und Frauen und mir immer das Gefühl geben, nicht zu genügen, weil alle Welt insbesondere weibliche Körper photoshopt und weiß, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat, der aber mit dem eigenen nichts zu tun hat. Mädchen, die ihre Hintern abfotografieren und sich der Größe nach sortieren lassen; das empfundene Misstrauen gegen Frauen, die schlau und hübsch sind. Die Beschimpfungen „Schlampe und Hure“ für Mädchen, die sich gern verlieben und sich in der Liebe ausprobieren wollen und im starken Kontrast zu den gefeierten männlichen „Supercheckern“ stehen… Lottie beschließt etwas zu unternehmen: vier Wochen lang wird sie auf jede sexuell diskriminierende Situation mithilfe einer Hupe aufmerksam machen. Unterstützt wird sie dabei von den Spinster Girls Evie und Amber, ihren Freundinnen, mit denen sie den Spinster Club gegründet hat: Normale Mädchen, die stark sind, sich nichts sagen lassen und trotzdem gern küssen.

Um noch mehr Aufmerksamkeit auf Lotties Aktion zu lenken, ist Will, ein Schulkamerad, als Kameramann dabei. Dieser kann mit Feminismus nicht viel anfangen, gibt er zumindest vor. Die von ihm im Internet veröffentlichten Clips verhelfen Lottie über Nacht zu landesweiter Bekanntheit. Die Aktion ist erfolgreich, macht Lottie aber auch zu schaffen, weil riesige Gebirge von Frauenhass vor ihren Augen wachsen. Zudem ist sie verwirrt, da sie Gefühle für Will entwickelt. Als ob das alles nicht schon genug wäre, steht auch noch das Vorstellungsgespräch an der Cambridge Universität an. Auf dieses Gespräch bereitet sie sich seit Jahren vor. Doch jetzt ist sie sich gar nicht mehr so sicher, welchen Weg sie eigentlich gehen möchte.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Große Begeisterungsstürme für die Spinster Girls! Der erste Titel dieser Trilogie wurde von der Jury bereits heiß geliebt. Die Idee, jeden Band aus der Sicht eines der Spinster Girls zu erzählen, kam bei den Jugendlichen gut an und es fiel ihnen leicht, sich in die beiden Mädchen hineinzuversetzen. Nicht nur der Schreibstil gefiel, auch das große verbindende Thema der Reihe „Feminismus“ wurde gut in die Geschichten integriert und regte die Leser*innen oftmals zum Nachdenken an. Während der zweite Teil vielen die Augen in Bezug auf Alltagssexismus öffnete, bot der erste Band zudem eine realistisch anmutende Darstellung des Themas Zwangserkrankung und schnitt das Thema Integration in der Gesellschaft an. Auch die Cover überzeugten die Jury auf ganzer Linie: coole Covergestaltung und treffende Titelformulierungen. Der dritte Band wird sehnlichst erwartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

In diesem Band steht das Mädchen Lottie von den Spinstergirls im Mittelpunkt, die mutig und kraftvoll den Kampf gegen den alltäglichen Sexismus aufnimmt. Natürlich sind ihre Spinster Freund*innen auch dabei. Lottie ist lebendig und steckt ihre Leser*innen an über die eigenen Erfahrungen nachzudenken. Das Buch öffnet Augen und gibt Kraft, sich als Mädchen und Frau stark zu fühlen, so stark, dass sich unausgesprochene eigene Erfahrungen wie Heuchelei anfühlen. Dass Lottie sich verliebt, macht sie noch sympathischer, dass sie mit ihren Gefühlen zu Will hadert, macht das Feminismusdilemma überdeutlich: „Wann bin ich, ich? Wann bin ich Frau? Wann werde ich in der Rolle der Frau diskriminiert?“  Dieses Buch schenkt Gefühle, Mut, Kraft, öffnet Augen und gibt Denkanstöße. Ich jedenfalls habe nun meine Trillerpfeife dabei.

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Jason Reynolds: Patina. Was ich liebe und was ich hasse

übersetzt von Anja Hansen-Schmidt, 256 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook (dtv/Reihe Hanser) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

ISBN-10: 3423640421 ISBN-13: 978-3423640428

Vielfaltmerkmale: People of Color, soziale Benachteiligung

Der KIMI-Faktor: Die Hauptfigur der spannend erzählten Coming-of-Age-Geschichte ist ein heranwachsendes Schwarzes Mädchen, das früh Verantwortung für seine Familie übernehmen muss. Patinas Ängste und Sorgen stehen dabei beispielhaft für die Unsicherheiten sozial benachteiligter Jugendlicher und People of Color.

Patina rennt. Sie rennt für ihre Mutter, die durch eine Diabeteserkrankung beide Beine verlor. Nicht der erste Schicksalsschlag, den Patina erleben musste. Zuvor verstarb bereits ihr Vater und da ihre Mutter sich nun auch nicht mehr um die beiden Töchter kümmern kann, leben Patina und ihre kleine Schwester bei ihrem Onkel und ihrer Tante. Diese geben ihnen ein liebevolles Zuhause und ihre Mutter besuchen sie regelmäßig. Dennoch fällt es Patty schwer, die Verantwortung für ihre kleine Schwester abzugeben. Auch in der neuen Schule fühlt sie sich fremd und bleibt auf sich gestellt. Nur in ihrem Laufteam fühlt sie sich wohl. Durch ihren großen Ehrgeiz steht sie sich jedoch auch hier im Weg und vergisst dabei sogar ihre Mannschaft. Ihr Trainer bringt sie schließlich dazu, am Staffellauf teilzunehmen – eine Sportart, bei der man sich auf andere verlassen muss.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

: Dass die jugendlichen Protagonist*innen krasse Schicksäle erfahren, war ein erstes Fazit aus der Jugendjury. Die einschneidenden Erfahrungen von Patina und Ghost berührten und ihre Geschichten wurden von den Jugendlichen gerne verfolgt. Es fiel ihnen nicht schwer, mit den beiden Protagonisten mitzufühlen. Trotz der vielen schweren Themen, die beide Bücher enthalten, empfanden die Jugendlichen Reynolds‘ Schreibstil als einfach und gut besbar. Die Schicksale von Ghost und Patina über den Laufsport zu verbinden ist ungewöhnlich. Es bleibt spannend, welche Geschichten sich hinter den anderen beiden neuen Mannschaftsmitgliedern verbergen. Auch von außen überzeugte Jason Reynolds‘ Reihe die Jugendjury: Eine coole Covergestaltung, die super zum Inhalt passt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die ersten beiden Bände dieser vierteiligen Reihe überzeugen durch die flotte Sprache und die vielschichtigen Porträts der Charaktere. Reynolds gelingt es, authentisch die Perspektive Schwarzer Jugendlicher aus der den USA wiederzugeben, die alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen leben. Anschaulich vermittelt das Buch ihre Sorgen und Kämpfe, aber auch ihre Hoffnungen. Spannend und mit einer Prise Humor erzählen die beiden Bände auch von Widerstandsgeist und der Kraft der Solidarität. Patinas Geschichte zeigt den Leser*innen, dass es sich lohnt, Vorurteilen und Klischees zu misstrauen. Freundschaften können unerwartet über ethnische und soziale Trennlinien hinweg entstehen – und dann wird die „blonde Langhaarzicke“ zur überraschenden Mitstreiterin…

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Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären

Posted on 9. Mai 2019 by Suse Eich Bauer

übersetzt von Ulrike Brauns, 288 Seiten, Dressler, 16 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

ISBN-10: 3791500988 ISBN-13: 978-3791500980

Vielfaltsmerkmale: Wertevielfalt, Toleranz, Religionen, Glauben, Geschlechterrollen, Homosexualität

Kimi-Faktor: Dieses Buch erzählt sanft, poetisch und eindrücklich, dass es immer mehrere richtige und oft doch sehr unterschiedliche Denkweisen über ein und dieselbe Sache gibt. So lässt sich letztlich nicht bestimmen, welche Sichtweisen richtig oder falsch sind. Es geht deshalb alleinig darum, auszuhandeln, auf welche Weise wir in Gesellschaften zusammenleben können.

Sheherazade, deine Worte verändern die Welt! Sie ist 17, lebt in Dänemark, ein Mädchen und die einzige Muslima an ihrer Schule. Sie hat es schwer und ihre Mutter feste Pläne für die Zukunft ihrer Tochter. Zudem wird die Mutter von Tag zu Tag religiöser. Ihr Vater leidet an den Erinnerungen an die Schrecken des Krieges und der Flucht. Schließlich muss er ins Krankenhaus. Das einzige, was Sheherazade hilft zu leben, sind ihre eigenen Worte, ihre Texte, die sie kunstvoll-provokativ mit Bildern verwebt. Und dann ist da zum Glück auch noch Thea. Als zunehmend Vertraute zeigt sie Sheherazade neue Blickwinkel auf das Leben. Und plötzlich hat sie keine Lust mehr zu schweigen, sondern möchte endlich für ihren Willen und ihre Freiheit einstehen. Sprachlich brillant erzählt und angereichert mit collagehaften Bildern einer mutigen Protagonistin.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Kein leichter Einstieg für so manche Leser*in in der Jury, da der Beginn der Geschichte als recht zäh und langweilig erlebt wurde. Dann aber nimmt sie deutlich Fahrt auf und löste starke Gefühle aus: viel Mitgefühl für Sheherezades schwierige Familiensituation, aber auch Wut über die Ungerechtigkeiten, die sie erlebt. Eine empowernde Geschichte, die eventuell Mädchen in ähnlichen Situationen Mut macht, freier zu sein. Besonders das zine-artige Layout bzw. die tagebuchartigen Illustrationen kamen gut an.

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Pénélope Bagieu: Unerschrocken 2 – Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

Posted on 9. Mai 2019 by Suse Eich Bauer

übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher, Reprodukt, 168 Seiten, 24 Euro

ISBN-10: 3956401425 ISBN-13: 978-3956401428

Vielfaltsmerkmale: People of Coulor, Feminismus, Gender

Kimi-Faktor: Im Comic-Strich werden eine Reihe starker Frauen, die trotz vielerlei Widerstände ihren Weg gegangen sind, portraitiert.

Wie schon im ersten Band von “Unerschrocken” erzählt die französische Comicautorin und Zeichnerin Pénélope Bagieu auch hier in kurzen Graphic Novel Episoden die Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen, die sich mit viel Eigensinn, Mut und Durchsetzungsvermögen in patriarchal geprägten Gesellschaften behaupteten und unerschrocken ihre Ziele durchsetzten. Die Auswahl ist global gesetzt und reicht wieder von historischen Persönlichkeiten wie der wohl ersten US-amerikanischen Undercover-Journalistin Nelly Bly bis zur zeitgenössischen afghanischen Rapperin Sonita Alizadeh. Pénélope Bagieu gelingt es dabei erneut einerseits spannend und mitreißend mit viel Wort- und Bildwitz zu erzählen. Andererseits wird sie, gleichwohl verdichtet und auf Eckpunkte der Biographien beschränkt, den dramatischen, oft von Gewalt und Diskriminierung geprägten und politisch sehr gehaltvollen Themen gerecht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Graphicnovel-Band kam bei den Jugendlichen sehr gut an. Teilweise kannten sie bereits Band 1 und waren nun gespannt auf neue Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen. Sehr schön fand die Jury die coole Gestaltung in Comic-Form. Besonders inspirierend war die Lektüre, weil hier starke Frauen dargestellt werden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Mit luftigem Strich und pointierten Sätzen porträtiert Pénélope Bagieu eine Reihe starker Frauen, die trotz vielerlei Widerstände ihren Weg gegangen sind. Viele davon sind heute in Vergessenheit geraten. Aus unserer Sicht konzentriert sich die Auswahl allerdings doch etwas sehr auf weiße Frauen der Mittelschicht. Hier gilt es in Zukunft den Blick zu weiten und noch mehr bisher unbekannte Persönlichkeiten zu entdecken. Ein Buch, das nicht nur Mädchen Mut macht, die eigenen Interessen und Leidenschaften zu verwirklichen!

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Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton

übersetzt von Conny Lösch, 256 Seiten, Antje Kunstmann, 18 Euro, ab 12

ISBN-10: 3956142314 ISBN-13: 978-3956142314

als eBook verfügbar

Vielfaltsmerkmale: Sexisimus, Rassismus

Kimi-Faktor: Es sind aber vor allem die extrem resilienten und aktionsstarken Schwarzen Frauen- und Mädchenfiguren aller Generationen, die letztlich den Weg aus den engen Handlungsräumen dieser (ökonomisch) de-privilegierten Lebensumstände weisen.

Lemar genannt „Liccle Bit“ oder „Bit“ ist vierzehn Jahre alt. Er ist der zweitkleinste in seinem Jahrgang, daher kommt sein Kosename. Seine Geschichte erzählt Lemar aus der Ich-Perspektive. Er lebt mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Elaine, seinem Neffen Jerome (Elaines Kind), seiner Mutter und seiner Oma in einer Hochhaussiedlung in Crongton, einem (fiktiven) eher ärmeren Viertel Londons. Mit seinen besten Freunden McKay und Jonah streift Lemar durch die Nachbarschaft zwischen Schule, Spielplatz und ihren jeweiligen Wohnungen. Sie versuchen dabei gemeinsam, Sinn aus ihrem zugleich als langweilig und extrem stressvoll erlebtem Alltag zu machen. „Liccle Bit“ muss nämlich versuchen, eine Reihe zusammenhängender konflikthafter Bedingungen einigermaßen unbeschadet zu bewältigen. Sein Schwager, der Vater seines Neffens, ist der zurecht gefürchtete Anführer einer Bande aus South Crongton, die in einer eskalierenden Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Bande aus North Crongton verwickelt ist. Es gibt Tote. „Liccle Bit“, Jonah und McKay erfahren immer über die Medien von den Toten in ihrer Nachbarschaft und sind wie magisch davon angezogen zu den Tatorten zu gehen und aus der unmittelbaren Nähe die Ereignisse zu beobachten und zu diskutieren.

„Liccle Bit“ gelingt es immer weniger den Anwerbeversuchen von Manjaro zu widerstehen. Manjaro scheint ihm und seinen Freunden geradezu aufzulauern. Schließlich gibt er Manjaros Bedrängen nach, nicht zuletzt weil er wenig Geld hat und Manjaro ihn mit „finanzieller Sicherheit” locken kann. „Liccle Bit“ beginnt kleine „Erledigungen“ für Manjaro zu übernehmen. Seine Handlungsräume erweitern sich dadurch zwar finanziell, ihm wird aber schnell klar, dass er Manjaros Einfluss nicht mehr entkommen kann. Er kann also nicht mehr alleine, ohne zu fragen, über seine Freizeit bestimmen. Er ist jetzt jederzeit auf Abruf. Manjaro macht ihm zudem klar, dass ein Ausstieg nahezu unmöglich ist. Er bekommt mit, mit welchen Mitteln Manjaro sich an denjenigen rächt, die seine Anweisungen missachten. Er sitzt also ganz schön in der Falle. Wie auf parallel laufenden Schienen entfaltet sich diese eine Konfliktlinie mit Manjaro und die konflikthafte Auseinandersetzung mit einer unerwiderten Liebe zu Venetia.

Er ist schon sehr lange in eine Klassenkameradin Venetia unglücklich verliebt. Venetia lebt in einem noch heruntergekommeneren Teil seines Viertels. Venetia wird anfangs fast nur über ihr Aussehen definiert (sie ist das schönste Mädchen der Schule, allerdings in der sexistischen Fassung). Nach und nach erfahren aber die Leser*innen über Venetias Träume und über ihre Zielstrebigkeit. Venetia ist Hochleistungssportlerin. Sie hat große Pläne. Sie will studieren, aber vor allem will sie endlich dem Viertel Crongton entkommen. Elaine, „Liccle Bits“ Schwester hat auch große Pläne. Sie war – bevor sie schwanger wurde, auf einem guten Weg zum Studium. Elaine ist eine hoch intelligente, durchsetzungsstarke junge Frau. Dann traf sie Manjaro. Durch „Liccle Bits“ Erzählungen wird den Lesenden irgendwann tatsächlich klar, warum Elaine sich Manjaro geöffnet hat. Manjaro ist auf seinem folgenreichen Weg als Anführer der Bande von South Crongton gestrandet, aber auch er hat eine vielschichtige Geschichte. Sie erweckt Gefühle von Empathie, Verzweiflung, aber auch Abgegessenheit. Überhaupt ist das die Stärke und die Erzählkraft dieses Werkes, dass die Handlungsgründe von mehrfachmarginalisierten und stigmatisierten -jungen- Menschen, ihren Familien und Communities nachvollziehbarer wie nachfühlbar werden, zum mitverzweifeln einladen. „Liccle Bit“ und Elaine geraten aneinander, aber es ist dennoch Elaine die „Liccle Bit“ aus dem Schlamassel hilft, ihn beschützt, ihn auffängt und dann doch schnell wieder zum „Business as Usual“ switched. Es sind fragile aber resiliente Banden, die diese Anti-Held*innen knüpfen, solidarisch, abgeklärt – in Teilen abgebrüht, in Teilen in einer Weichheit und Zerbrechlichkeit dargelegt, die unglaublich berührend ist.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Jugendroman über Lemar, seine Familie und Freundschaften wurde zwiespältig von der Jugendjury aufgenommen. Einerseits erzählt er glaubwürdig und eingebettet in eine spannende Gangstergeschichte die schwierige Lebenssitutation vieler Jugendlicher, die in sogenannten sozialen Brennpunkten zuhause sind. Das kann ein Vorbild sein, für Personen, die zum Beispiel in ähnlichen Verhältnissen wohnen. Außerdem kann es diese Leute repräsentieren und ist dadurch wichtig, weil sehr selten im Jugendbuch zu finden. Dazu trägt sicher auch die verwendete (Jugend)Sprache bei. Hier liegt aber andererseits auch ein Problem, nämlich die sehr diskriminierende Beschreibung von Frauen durch männliche Protagonisten. Dabei kommen mehrheitlich starke weibliche Protagonistinnen vor, die allesamt als Vorbilder für jugendliche Leser*innen fungieren können. Neugierig sind die Jugendlichen durchaus auf die Fortsetzung der Geschichten aus Crongton in Band 2 und 3 mit einem jeweils anderen Fokus der Protagonist*innen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Es war unglaublich schwer die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Es ist eine Erzählung, die ein wenig braucht, um die Lesenden „hineinzulassen“. Dann ist da noch die ziemlich harte, graphische Sprache, die oft vor allem Frauen- und Mädchenkörper sexistisch und rassistisch objektiviert. Aber auch der Hautprotagonist ist objektiviert als Mensch afrikanischer Herkunft, als Schwarzes Kind, als männlicher Schwarzer Jugendlicher, als Teil einer Jamaikanisch-diasporischen Familie. Seine Gran spricht Jamaican-Patois; darin wird „little“ wenn sie einen Bob Marley Hit beim Kochen singt zu „liccle“. Es sind aber vor allem die extrem resilienten und aktionsstarken Schwarzen Frauen- und Mädchenfiguren aller Generationen, die letztlich den Weg aus den engen Handlungsräumen dieser (ökonomisch) de-privilegierten Lebensumstände weisen. Elaine ist nämlich noch gefürchteter als Manjaro (Spoiler-Alert)! Sie scheut sich vor keiner körperlichen Auseinandersetzung, ganz im Gegenteil! Venetia hat einen durchdachten Plan ihren Handlungsraum zu erweitern und aus dem Viertel endlich rauszukommen. Mum ist die finanzielle Sicherheit der ganzen multigenerationalen Bande. Gran hält alle miteinander verbunden, sie genießt dabei, zu besonderen Gelegenheiten, ein Glas Wein oder Rum (Spoiler Alert). Sie ist diejenige, die „Liccle Bits“ Talent zu zeichnen nährt und ihn dazu ermutigt, das von Venetia beauftragte Portrait zu zeichnen. Diese Verbindungen, in denen trotz allen äußeren Druckfaktoren Überleben möglich ist und organisch initiiert wird, machen letztlich den Gehalt dieses Einblickes in die alltäglichen, jugendkulturellen Handlungen von mehrfachmarginalisierten, Jugendlichen-of-Color, in urbanen Kontexten, aus.

Es war unglaublich schwer die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Es ist eine Erzählung, die ein wenig braucht, um die Lesenden „hineinzulassen“. Dann ist da noch die ziemlich harte, graphische Sprache, die oft vor allem Frauen- und Mädchenkörper sexistisch und rassistisch objektiviert. Aber auch der Hautprotagonist ist objektiviert als Mensch afrikanischer Herkunft, als Schwarzes Kind, als männlicher Schwarzer Jugendlicher, als Teil einer Jamaikanisch-diasporischen Familie. Seine Gran spricht Jamaican-Patois; darin wird „little“ wenn sie einen Bob Marley Hit beim Kochen singt zu „liccle“. Elaine ist noch gefürchteter als Manjaro (Spoiler-Alert)! Sie scheut sich vor keiner körperlichen Auseinandersetzung, ganz im Gegenteil! Venetia hat einen durchdachten Plan ihren Handlungsraum zu erweitern und aus dem Viertel endlich rauszukommen. Mum ist die finanzielle Sicherheit der ganzen multigenerationalen Bande. Gran hält alle miteinander verbunden, sie genießt dabei, zu besonderen Gelegenheiten, ein Glas Wein oder Rum (Spoiler Alert). Sie ist diejenige, die „Liccle Bits“ Talent zu zeichnen nährt und ihn dazu ermutigt, das von Venetia beauftragte Portrait zu zeichnen. Diese Verbindungen, in denen trotz allen äußeren Druckfaktoren Überleben möglich ist und organisch initiiert wird, machen letztlich den Gehalt dieses Einblickes in die alltäglichen, jugendkulturellen Handlungen von mehrfachmarginalisierten, Jugendlichen-of-Color, in urbanen Kontexten, aus.

Der Autor selbst weist identitätsstiftende Anteile auf, die ihn mit seinen Figuren verbindet. Alex Wheatle entfaltet diese vielschichtigen Bedeutungsebenen aus dem Inneren der Marginalisierungserfahrung heraus. Er nahm an den Revolten von Brixton der 1980er Jahre teil. Er wurde infolgedessen vier Monate inhaftiert. Er wuchs zum Teil in öffentlichen Einrichtungen der Jugendhilfe auf. Die Intensität dieser ‚eingebetteten’ Perspektive tut seiner Erzählung gut! Es ist sein erster Jugendroman und es ist der Auftakt zu einer Reihe von inzwischen insgesamt vier Romanen aus ‚Crongton’. Es lohnt sich die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Danach konnte ich das Buch nämlich gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Übersetzung ist leider nicht rassismuskritisch. Das ist ein großes Manko.

Es war unglaublich schwer die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Es ist eine Erzählung, die ein wenig braucht, um die Lesenden „hineinzulassen“. Dann ist da noch die ziemlich harte, graphische Sprache, die oft vor allem Frauen- und Mädchenkörper sexistisch und rassistisch objektiviert. Aber auch der Hautprotagonist ist objektiviert als Mensch afrikanischer Herkunft, als Schwarzes Kind, als männlicher Schwarzer Jugendlicher, als Teil einer Jamaikanisch-diasporischen Familie. Seine Gran spricht Jamaican-Patois; darin wird „little“ wenn sie einen Bob Marley Hit beim Kochen singt zu „liccle“. Es sind aber vor allem die extrem resilienten und aktionsstarken Schwarzen Frauen- und Mädchenfiguren aller Generationen, die letztlich den Weg aus den engen Handlungsräumen dieser (ökonomisch) de-privilegierten Lebensumstände weisen. Elaine ist nämlich noch gefürchteter als Manjaro (Spoiler-Alert)! Sie scheut sich vor keiner körperlichen Auseinandersetzung, ganz im Gegenteil! Venetia hat einen durchdachten Plan ihren Handlungsraum zu erweitern und aus dem Viertel endlich rauszukommen. Mum ist die finanzielle Sicherheit der ganzen multigenerationalen Bande. Gran hält alle miteinander verbunden, sie genießt dabei, zu besonderen Gelegenheiten, ein Glas Wein oder Rum (Spoiler Alert). Sie ist diejenige, die „Liccle Bits“ Talent zu zeichnen nährt und ihn dazu ermutigt, das von Venetia beauftragte Portrait zu zeichnen. Diese Verbindungen, in denen trotz allen äußeren Druckfaktoren Überleben möglich ist und organisch initiiert wird, machen letztlich den Gehalt dieses Einblickes in die alltäglichen, jugendkulturellen Handlungen von mehrfachmarginalisierten, Jugendlichen-of-Color, in urbanen Kontexten, aus.

Der Autor selbst weist identitätsstiftende Anteile auf, die ihn mit seinen Figuren verbindet. Alex Wheatle entfaltet diese vielschichtigen Bedeutungsebenen aus dem Inneren der Marginalisierungserfahrung heraus. Er nahm an den Revolten von Brixton der 1980er Jahre teil. Er wurde infolgedessen vier Monate inhaftiert. Er wuchs zum Teil in öffentlichen Einrichtungen der Jugendhilfe auf. Die Intensität dieser ‚eingebetteten’ Perspektive tut seiner Erzählung gut! Es ist sein erster Jugendroman und es ist der Auftakt zu einer Reihe von inzwischen insgesamt vier Romanen aus ‚Crongton’. Es lohnt sich die ersten 20 – 25 Seiten durchzuhalten! Danach konnte ich das Buch nämlich gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Übersetzung ist leider nicht rassismuskritisch. Das ist ein großes Manko.

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Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon normal? (Band 1)

übersetzt von Nina Frey, 416 Seiten, dtv, 10,95 Euro, ab 14

als eBook erhältlich

ISBN-10: 3423717971 ISBN-13: 978-3423717977

Vielfaltsmerkmale: Leben mit einer psychischen Störung, Sexismus, Freundschaft, Identität

Kimi-Faktor: Das Buch sensibilisiert für den Umgang mit psychischen Störungen und zeigt, dass es nicht an Aufklärung, sondern eher an Distanzlosigkeit mangelt. Vorschnell werden Störungszuschreibungen vorgenommen, die ernsthafte Erkrankungen maginalisieren.

“Spinster Girls – Was ist schon normal” ist das erste Buch einer dreiteiligen Reihe, in der jeweils eine von drei Freundinnen die Hauptrolle spielt. In Band 1 ist das Evie. Sie möchte endlich ein “normales” Teenagerleben führen. Daran war bisher nicht zu denken, aufgrund einer Zwangsstörung ist ihr Leben komplett aus den Fugen geraten. Was das heißt? Evie hat mit dem Essen aufgehört, weil sie glaubte, dass in Lebensmitteln krankmachende Erreger stecken. Egal was sie anfassen musste, überall fasste sie in Krankmachendes. Eine kurze Erlösung war das sich Waschen. Immer und immer wieder. Jetzt können die Medikamente jedoch langsam abgesetzt werden und Evie freut sich darauf, sich zurück ins Leben zu stürzen. Auf ihre beste Freundin muss sie dabei jedoch verzichten: Jane hat nur noch Augen für ihren neuen Freund. Zum Glück trifft Evie da bei ihrem ersten Date (das sich als Katastrophe herausstellt!) auf Amber und Lottie. Genervt von den ganzen Jungsproblemen gründen sie den Spinster Club: Hier diskutieren sie über feministische Themen und machen sich gegenseitig stark. Dabei diskutieren sie heftig u.a. auch darüber, ob heterosexuelles Verlieben kompatibel sein können mit Feminismus, und wenn ja, was bedeutet das konkret? Von ihrer Krankheit erzählt Evie ihren neuen Freundinnen jedoch nichts – auch nicht, als es zu einem Rückfall kommt. Der über alles stehende Wunsch nicht aus der Norm zu fallen hindert Evie daran, sich ihrer Familie und ihren Freundinnen anzuvertrauen und bringt sie an ihre Grenzen. Nach und nach lernt Evie mit ihren negativen Gedanken umzugehen, lernt ihre Gedankenwelt selbst zu steuern, unterstützt durch ihre Familie, ihre Freundinnen und ihre Therapeutin, einen für sie machbaren Weg zu finden. Am Ende stellt Evie fest: Was ist denn eigentlich schon normal? Was das Buch auch zeigt, ist, dass der Umgang mit psychischen Erkrankungen gegenwärtig teilweise respektlos ist. So sind Menschen in unserer Gesellschaft zwar über einige psychische Krankheiten gut aufgeklärt, aber Wörter wie Zwangsstörung oder Panikattake werden maginalisiert und verharmlost, wenn sich Jede*r, die gern Ordnung hält und Angst vor einem Referat als „Zwangi“ oder als Mensch mit einer Panikattacke bezeichnet.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Große Begeisterungsstürme für die Spinster Girls! Die ersten beiden Titel dieser Trilogie wurden von der Jury heiß geliebt. Die Idee, in jedem Band aus der Sicht eines der Spinster Girls zu erzählen kam bei den Jugendlichen gut an und es fiel ihnen leicht, sich in die beiden Mädchen hineinzuversetzen. Nicht nur der Schreibstil gefiel, auch das große verbindende Thema der Reihe „Feminismus“ wurde gut in die Geschichten integriert und regte die Leser*innen oftmals zum Nachdenken an. Während der zweite Teil vielen die Augen in Bezug auf Alltagssexismus öffnete, bot der erste Band zudem eine realistisch anmutende Darstellung des Themas Zwangserkrankung und schnitt das Thema Integrierung in der Gesellschaft an. Auch die Cover überzeugten die Jury auf ganzer Linie: Coole Covergestaltung und treffende Titelformulierungen. Der dritte Band wird sehnlichst erwartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft durchaus noch immer tabuisiert. Der Autorin gelingt es, einen Jugendroman zu schreiben, in dem Evies Zwangsstörung einfühlsam und nicht überpräsent thematisiert wird. Evie steht vor der gleichen Herausforderung wie alle Jugendlichen: das Finden einer eigenen Identität, das Bedürfnis nach Freundschaft und die Sehnsucht nach Liebe. Durch das Lesen dieses Buches bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, ein Jugendleben irgendwo zwischen scheinbarer Normalität und psychischer Erkrankung zu führen und eine Zwangsstörung neben allen sonstigen Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zu meistern. Die flotte Sprache und humorvolle Szenen lockern das Buch auf und beweisen, dass auch tabuisierte Themen spannend erzählt werden können.

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