Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

übersetzt von Andrea Fischer, 624 Seiten, FISCHER FJB, 18,99 Euro, ab 14 Jahren
Auch als eBook und Hörbuch (Argon Hörbuch) erhältlich

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Rassismuskritik, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Die Geschichte präsentiert eine starke und überzeugende Heldin. Ganz selbstverständlich sind alle Protagonist*innen schwarz.
Die Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Rassenhass und Diskriminierung ist authentisch und regelrecht schonungslos.

Inhalt:
Children of Blood and Bone ist der erste Band einer afro-futuristischen Fantasy-Trilogie. Die Hauptprotagonistin, Teenager Zélie Adebola ist eine der Maji – eine Bevölkerungsgruppe die magische Kräfte besitzt. Die Maji werden gesellschaftlich unterdrückt, ausgeschlossen und ihrer magischen Kräfte beraubt. Die Erzählung findet im Königreich Orïsha, einer fiktiven westafrikanischen Gesellschaft statt. Dort leben zwei Gruppen schon sehr lange ungleichberechtigt zusammen.

Der machthungrige König Seran gehört der regierenden Klasse der Kosidáns an. Um Einfluss zu gewinnen, zu behalten und auszuüben versucht Seran die Magie ganz auszurotten. Er lässt nämlich alle Majis, die älter sind als 13 Jahre tötet. Zélie verliert in dieser „Blutnacht“ ihre Mutter. Als die Ausbeutung der Maji zusehends unerträglich wird und Zélie befürchten muss, versklavt zu werden, um die horrenden Abgaben an König Seran und seiner Regierung zahlen zu können, bricht sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tzain und ihrer Freundin Prinzessin Amari, der Tochter des Königs, zu einem lebensgefährlichen Abenteuer auf. Dafür müssen sie gefährliche Abenteuer bestehen, Verrat und Schmerz erleiden.
Zélie will die Magie retten und nach Orïsha zurückholen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:
Das Fantasy-Epos wurde mit großer Begeisterung gelesen und als sehr gut und mitreißend geschrieben eingeschätzt. Dabei beeindruckten nicht nur die an der westafrikanischen Kultur orientierte Fantasiewelt, die starken jugendlichen Hauptfiguren, sowie der immense Spannungsbogen der Geschichte, sondern vor allem die Themen Diskriminierung, die Geschichte der Sklaverei und damit regelrechter Rassenhass, die Adeyemi mit jedem Satz miterzählt. Damit erklärte sich auch der teilweise sehr brutale, manchmal kaum auszuhaltende Verlauf der Geschichte. Im Zusammenhang mit dem Nachwort der Autorin, in dem sie unmittelbare Bezüge zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft, zu #blacklivesmatter, zu racial profiling und zur Polizeigewalt gegen Schwarze aufstellt, wurde dies noch klarer. Fast ein wenig enttäuscht waren die Jugendlichen allerdings wegen des rasanten Cliffhanger-Endes, das alle Leser*innen wirklich sehr abrupt verabschiedet – jetzt wird sehnsüchtig auf Band 2 gewartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Es handelt sich hier um eine vielschichtige und sehr lange Erzählung (623 Seiten). Alle Protagonist*innen sind ganz selbstverständlich Schwarz. Die Nigerianisch-Amerikanische Autorin Tomi Adeyemi nimmt ihre Inspiration aus dem in letzter Zeit mit dem Film „Black Panther“ sehr erfolgreichen Genre des Afro-Futurismus. Sie verleiht ihrer Erzählung Tiefe durch starke literarische Bezüge zu westafrikanischen kulturellen und mythologischen Wissensformen. Sie bezieht sich dabei sozialkritisch und gesellschaftskritisch auf die historische Missachtungsformen und Demütigungen (Rasssismus) die schwarze Menschen und Kollektive erfahren und überleben müssen. Sie bezieht sich auf ihre Ideen und Organisationsformen, die auf Befreiung und Wiederstellung ausgerichtet sind (#BlackLivesMatter Bewegung).
Die Hauptprotagonistin Zélie Adebola ist eine aktionsstarke weibliche Figur. Überhaupt sind es die schwarzen Frauen, die weiblichen Figuren, die in Zélies Welt emanzipative, kollektive Lösungen trotz Traumatisierung und Verlusten suchen und gestalten.
Es ist spannend und berührend, manchmal kaum auszuhalten. Ganz großartige Literatur und eine sehr stark diversitätsgeprägte Erzählung aus unserer Sicht!

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Thomas Engelhardt & Monika Osberghaus: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

illustriert von Susann Hesselbarth, 92 Seiten, Klett Kinderbuch, 14 Euro, ab 8 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Gefühle aus verschiedenen Sichtweisen erfahrbar machen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Das Buch öffnet in kindgerechter Ernsthaftigkeit die Tür ins Gefängnis und beschreibt das Leben “hinter Gittern”. Dabei gibt es authentische Einblicke in die Gefühlswelten der Hauptcharaktere in dieser belastenden Situation.
Sehr realistisch wird die Alleinerziehenden-Familiensituation und die dadurch plötzlich entstehenden Probleme u.a. auch finanzieller Natur erzählt.

Inhalt:
Eine spannende Krimigeschichte endet auch für Kinder im besten Fall damit, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird und die Verantwortlichen im Gefängnis landen. So weit, so gut. Aber dann? Was passiert in einem Gefängnis? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich dort? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen.
Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden.

Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter Janine und besonders ihren Vater Robert, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden Sinas Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits ist “Im Gefängnis” ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Haftzeit und die Wiedereingliederung danach beschreibt. Das ungewöhnliche Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Das Buch wurde recht unterschiedlich aufgenommen: Manchen Kindern gefiel die Erzählebene besser – mit der kindlichen Hauptprotagonistin Sina hatten sie eine Figur, mit der sie sich gut identifizieren und in deren Geschichte sie sich leicht hinein fühlen konnten. Andere waren eher von der Faktenebene mit ihren Schautafeln und Sachinformationen gefesselt. Einige Kinder fanden den Wechsel zwischen Nach- und Erzählebene allerdings ein wenig verwirrend.
Allgemein fanden die Kinder die Thematik sehr spannend, denn sie wussten vorher kaum etwas über den Alltag in einem Gefängnis und wie sich dieser auf eine Familie und somit eben auch auf das Leben vieler Kinder auswirken kann.

Das sagt die Erwachsene-Jury:
Erzählendes Kinderbuch und Sachbuch in einem, hier gelingt den Autor*innen ein großer Wurf! Aus der Kinderperspektive wird einfühlsam geschildert, wie es Sina damit geht, dass ihr Papa für einige Jahre ins Gefängnis muss, worunter sie leidet und was ihr Freude und Zuversicht gibt. Dabei bleibt die ethische Diskussion über den vom Vater begangenen Raubüberfall und seine Spielsucht außen vor. Damit wäre das Buch sicherlich überfrachtet gewesen. Die ansprechenden, in hellen Tönen gehaltenen Illustrationen im Comic Stil tragen dazu bei, dass der Inhalt nicht zu schwer und bedrückend wirkt. Altersgerecht und sehr informativ wird Wissen zum Thema präsentiert, das sicherlich auch für einige Erwachsene interessant ist. 

Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer

Posted on 9. April 2019 by Suse Eich Bauer und Sandra Niebuhr-Siebert

übersetzt von Birgitt Kollmann, 288 Seiten, dtv / Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Vielfaltsmerkmale: Hilfsbereitschaft, Solidarität, Wahlfamilie, Suche nach der eigenen Identität und Herkunft, Erfahrungen von Fremdsein und von der Mehrheit ausgestoßen werden, sich selbst als nicht akzeptiert fühlen

Der Kimi-Faktor: Sensibel wird die Geschichte eines Mädchens erzählt, welches nach ihrer Identität und Herkunft sucht und dabei erkennt, was wirklich zählt: Familie, Zusammenhalt und Freundschaft.

Crow hat ihr ganzes bisheriges Leben auf einer winzigen Insel verbracht. Sie wurde, nur wenige Stunden jung, in einem lecken kleinen Boot an den Strand einer Insel, die Cape Cod in Massachusetts vorgelagert ist, angespült. Osh, ein sehr ungewöhnlicher Bewohner der Insel, hat sie gerettet. Bei ihm wächst Crow auf. Geholfen hat die couragierte und liebevolle Miss Maggie von der Nachbarinsel. Eine kleine Wahlfamilie, denn alle anderen halten sich von dem Mädchen fern. Crow hat schon früh als junges Kind gespürt, dass die Menschen auf den anderen Inseln, wenn sie ihr begegnen, in ihren Gesprächen verstummen, sie mit seltsamen Blicken anschauen und körperlich Abstand halten. Manche reinigen sogar Gegenstände, die Crow berührt, anschließend mit einem Lappen. Zunehmend wächst in Crow der Drang, zu wissen, woher sie stammt und warum man sie fortgeschickt hat und, warum sich so viele Menschen ihr gegenüber so merkwürdig benehmen. Sie beginnt nach ihrer Herkunft zu forschen. Als eines Nachts ein Feuer auf der vermeintlich menschenleeren Nachbarinsel Penikese aufscheint, steigen in Crow gestochen scharf all die unausgesprochenen Fragen nach ihrer Herkunft auf. Stück für Stück fügt sie das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen und begreift, was Familie wirklich bedeutet. Herzlich und gefühlvoll begleiten Leser*innen Crow bei der Suche nach sich selbst. Die Geschichte macht auf die Insel Penikese aufmerksam. Auf der Insel stand von 1905 bis 1921 ein Krankenhaus für an Lepra erkrankte Menschen (heute auch als Morbus Hansen bezeichnet). So auch Crows Eltern, die sie eigentlich Morgan nannten, was so viel bedeutet wie, die auf dem Meer Geborene. Um ihr das Schicksal der Ausgesetzten oder der Waisen zu ersparen, welches viele an Morbus Hansen Erkrankte widerfahren mussten, entschieden sich die todkranken Eltern dazu, sie direkt nach der Geburt in ein Boot zu setzen, in der Hoffnung ihr kleines Mädchen könne ein Leben ohne Ausgrenzung und Stigmatisierung leben.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Die einerseits zurückhaltende und andererseits auch geheimnisvolle Covergestaltung des Titels ist auf Anhieb sehr gut angekommen. Sie deckt sich mit den Leseerlebnissen, denn auch der Erzählton des historisch verorteten Buches wurde sowohl als sehr ruhig und emotional gut nachvollziehbar, passagenweise aber auch sehr spannend beschrieben. In Crows Lebens- und Gefühlswelten konnte sich die Jugendlichen-Jury sehr gut hineinversetzen, da sie schön und detailliert beschrieben waren. Die verschiedenen Vielfaltsaspekte, wie Crows dunkler Hautton und ihre Wahlfamilie werden sehr beiläufig erwähnt und sind Thema, ohne im Fokus der Geschichte zu stehen. Schade und ein wenig störend fanden die Jugendlichen, wie oft Crow sich anhören muss, dass sie zu unerfahren für dies und zu jung für das ist – umso besser, dass sie sich durchsetzt und ihren Weg findet!

Das sagt die Erwachsenen-Jury: 

Einfühlsam und spannend erzählt Lauren Wolk die berührende Geschichte von Crow, die als Findelkind bei einem Außenseiter auf einer kleinen Insel des Elisabeth Archipels aufwächst und Ausgrenzung und Diskriminierung erfährt. Ihre Suche nach ihrer Herkunft und Identität ist auch für Erwachsene nachvollziehbar und interessant dargestellt. Mit einer Kombination aus Entwicklungsroman und Abenteuergeschichte, basierend auf historisch verbrieften Elementen der Elisabeth Inseln, die vielen Leser*innen wahrscheinlich unbekannt sind, gelingt der Autorin ein bewegender Jugendroman über ein starkes PoC-Mädchen und die Bedeutung von liebevollen Beziehungen.

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