Beatrice Alemagna: Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte

übersetzt von Anja Kootz, 46 Seiten, Beltz & Gelberg, 14,95 Euro, ab 5 Jahren

ISBN-10: 9783407823816 ISBN-13: 978-3407823816

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Der*die Held*in des Buches ist keinem eindeutigen Geschlecht zuzuordnen – und dieses Buch beweist, dass das Geschlecht eines Charakters gar keine Rolle spielen muss bei einer überzeugenden Geschichte.
Die Mutter des Kindes ist berufstätig, muss auch im Urlaub arbeiten und hat somit keine Zeit für das Kind – eine Lebensrealität, die vielen Familien entspricht.
Das Buch lässt offen, ob die Eltern des Kindes getrennt sind – oder der Vater einfach gerade woanders ist und bietet hier vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Sehr sensibel wird beschrieben, wie das Kind seinen Papa vermisst – aber auch die schöne Vertrautheit zwischen Mutter und Kind am Ende des Tages.
Das Thema Unterhaltungselektronik wird aufgegriffen – der Zwiespalt zwischen Erwachsenen und Kindern, wenn die Erwachsenen dem Kind Spielekonsole, Handy o.ä. verbieten, aber selbst am Computer sitzen. Und was Schönes passieren kann, wenn die Spielekonsole plötzlich verloren geht und die Augen sich für die Natur öffnen.

Inhalt:
Ist es nicht furchtbar langweilig, wenn man in den Ferien ist und es den ganzen Tag regnet? Papa ist nicht da und Mama arbeitet die ganze Zeit am Computer. Was bleibt dem Kind da anderes übrig, als auf der Mini-Spielekonsole Marsmännchen zu töten? Obwohl die Mutter selbst am Computer sitzt, möchte sie nicht, dass das Kind stundenlang vor dem Gerät sitzt und nimmt ihr das Spiel weg. Heimlich holt sich das Kind die Konsole zurück und verschwindet nach Draußen. Am Teich passiert es dann:

Die Konsole landet unwiederbringlich im Wasser! Und fast wie von selbst öffnen sich dem Kind die Schätze der Natur: es wühlt in der Erde und spürt Körnchen und Wurzeln, es trinkt den Regen, führt Fantasie-Gespräche mit Schnecken, sammelt bunte Steine, erlebt kleine Abenteuer und kehrt schließlich patschnass ins Haus zurück. Bei einer heißen Tasse Schokolade sehen wir das Kind und die Mama beieinander sitzen. „Es brauchte nur das. Sonst nichts. An diesem magischen, unglaublichen Tag voller Nichts.“
Auf großflächigen Bildern begleiten wir das Kind auf seiner Entdeckungsreise durch den Wald. Seine leuchtend orange Jacke sticht deutlich aus den erdigen Tönen der Natur hervor. Ganz nah kommen wir dabei dem Kind in seinem sinnlichen Naturerleben, das die Geschichte als Ich-Erzähler*in mit uns teilt. Und auch wir lernen dabei, dass es nur den genauen Blick braucht, um die interessanten Dinge zu entdecken, die uns umgeben

Das sagt die Kinder-Jury:
Vielen Kindern hat das Buch sehr gut gefallen, für sie waren Bilder und Text sehr sprachanregend. Sie hatten viele Ideen, was das Kind machen könnte, nachdem die Spielekonsole ins Wasser gefallen ist. Andere Kinder haben nur schwer Zugang zum Buch gefunden und fragten, wo der Vater sei – waren aber an den Bildern interessiert.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Das Buch ist optisch anregend durch das Farbenspiel: Kind in knalligem Orange und Umgebung in Erdtönen. Der Titel lässt Fragen im Kopf entstehen „Warum sollte man ein Buch über einen Tag machen, an dem fast nichts passierte“? Man bekommt Lust, zu erfahren, was das soll.
Ganz nebenbei kann man das Thema Trennung der Eltern erahnen – und den Schmerz des Kindes darüber, dass der Vater nicht da ist.
Auch nicht selbstverständlich in vielen Bilderbüchern: Die Mutter ist berufstätig und muss auch im Urlaub am Computer arbeiten. Das entspricht gerade in Ein-Elter-Familien oft der Lebensrealität.
Nicht viele Kinderbücher haben Held*innen, die eine Brille tragen. Auch ist das Kind von seinem Äußeren her und im Dialog mit der Mutter keinem Geschlecht zu zuordnen.
Das Buch erzählt eine stimmige und überzeugende Geschichte, in der verschiedene, durchaus schmerzhafte Kindeserfahrungen eingewoben wurden: Vermissen eines Elternteils und das Erleben, dass der anwesende Elternteil keine Zeit hat und arbeiten muss, obwohl man zusammen in den Ferien ist.

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Marguerite Abouet & Mathieu Sapin: Akissi. Auf die Katzen, fertig, los!

übersetzt von Ulrich Pröfrock, 96 Seiten, Reprodukt, 18 Euro

ISBN-10: 3956401581 ISBN-13: 978-3956401589

Vielfaltsmerkmale: People of Colour, Genderrollen

KIMI-Faktor: Ganz selbstverständlich selbstbewusst ist Akissi. Neugierig, witzig und frech gestaltet sie ihren Alltag westafrikanischen Metropole Abidjan.

Akissi lebt mit ihren Eltern, ihrem großen Bruder Fofana und ihrer großen Schwester Victorine in der ivorischen Metropole Abidjan. Was sie hier alles erlebt, wird in 14 kurzen Comic-Geschichten erzählt: Akissi verfolgt gemeine Katzen, die ihr den Fisch für Tante Victo abgeluchst haben, macht sich große Sorgen, als ihre kleiner Affe Bubu verschwindet und findet heraus, dass sich Bandwürmer hervorragend eignen um ihren Bruder zu ärgern. Sie holt sich Läuse bei einer Freundin um in Zukunft eine praktische Kurzhaarfrisur tragen zu können und versucht die kleine Maus, die eines Nachts im Kinderzimmer auftaucht, als Kuscheltier zu adoptieren. Nicht immer geht es gut aus für Akissi, doch davon lässt sie sich nicht beirren. Auch wenn ihre Mama ab und an mit dem Kopf schüttelt und ihr Bruder sich manchmal wünscht, seine kleine Schwester irgendwo zu verlieren: Akissi geht ihren Weg. 

Das sagt die Kinder-Jury:

„Das ist so witzig!“, war die einhellige Meinung der Kinder nach der Lektüre. Das Lesen der Comic-Strips machte den Kindern großen Spaß und sie fanden es toll, in dem Buch viele verschiedene Geschichten über Akissi zu finden. Auch die kolorierten Zeichnungen von Mathieu Sapin wurden positiv hervorgehoben. Sehr bemerkenswert fanden die Kinder, dass alle Personen in der Geschichte Schwarz sind und die Geschichten den Alltag eines Kindes an der Elfenbeinküste zeigen. Die Kinder konnten sich nicht erinnern, dies aus anderen Büchern zu kennen. Besondere Freude kam auch bei der Wahl der Hauptfigur auf: Akissi ist ein Mädchen – und zwar ein freches Mädchen, das sich nichts sagen lässt! 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Das ist rar auf dem hiesigen Buchmarkt: Akissi, sozusagen “die kleine Schwester” der erfolgreichen Comic Serie Aya aus Youpogon, ein äußerst witziger Comic angesiedelt am Stadtrand der westafrikanischen Metropole Abidjan! Akissi ist ein aktionsstarkes, ein unabhängiges und entscheidungsmutiges „anarchistisches“ kleines Schwarzes Mädchen. Kreativ und unerschrocken händelt Akissi die Herausforderungen ihres Alltags und gewährt uns einen authentischen Einblick in das Leben einer ivorischen Mittelschichtsfamilie. Akissi ist super chaotisch und dennoch selbstbewusst. Sie hat kein Interesse, dass andere über sie reden oder bestimmen. Weder ihren etwas größeren Bruder Fofana, noch seine Runde von gleichaltrigen Jungen – die sie zu klein finden, um mit ihr in der Nachbarschaft herumzuziehen, noch die Erwachsenen Zuhause und in der Schule sollen bestimmen, was Akissi nicht machen kann – sie will viel lieber mitmischen! In den kurzen Episoden des Kindercomics sprüht Akissi geradezu vor Ideen, die meisten davon können aber als ‚folgenreich’ bezeichnet werden. Akissi handelt dabei solidarisch, in vielen Fällen kurzsichtig. Sie wirkt jedes Mal erneut eiskalt von ihren Fehlern und deren Konsequenzen erwischt. Akissi und ihre Mutter handeln beide auf ihre je eigene Art humorvoll. Ihr Umgang mit der Aushandlung von Freiräumen für Akissi, aber auch mit den Konsequenzen von Akissis Aktionen ist augenzwinkernd partnerinschaftlich. Insgesamt ist die Kinderwelt, in der Akissi sich selbst und ihre Umgebung handelnd erschließt, sehr stark geprägt von intensiven, gemeinsamen Aushandlungen unter den Kindern selbst. Es ist eine Welt voller selbstverwalteter Kinderfreundschaften. Sowohl die Mädchen als auch die Jungs, sowohl kleinere als auch ältere Kinder werden aushandlungsstark gezeichnet. Sie bringen ihre Vorstellungen, Ideen und Wünsche ein und streiten gegebenenfalls darüber, wie sich diese umsetzen lassen. Viele Rezensionen im europäischen Raum bezeichnen Akissis Lebenswelt als „Dorf“, respektive „Village“. Dabei zeigt Akissi selbst im Glossar am Ende des Comics auf die Landkarte. Sie zeigt auf Abidjan mit ihrer gewohnten eindringlichen Ansprache: „GENAU HIER! HIER WOHNE ICH!“. Das macht die Vielschichtigkeit dieser Graphic Novel aus, sie ist tiefgründig und durchdacht, ohne belehrend zu wirken. Sie zeigt Möglichkeiten auf anstatt sie vorzuschreiben. Sie ist „unapologetically African“, ganz selbstverständlich und selbstbewusst afrikanisch. Eine wunderschöne und kraftvolle Darstellung einer facettenreichen Normalität in afrikanischen Gesellschaften.

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