Corinna Fuchs: Die Bunte Bande – Das gestohlene Fahrrad

illustriert von Uli Velte & Igor Dolinger, 60 Seiten, Carlsen, 24 Euro, ab 7 Jahren

ISBN-10: 355106699X ISBN-13: 978-3551066992

Vielfaltmerkmale:
Inklusion, Charakter of Color, Armut, Brailleschrift, Leichte Sprache

Der KIMI-Faktor:
Das Buch versucht keine Leser*innen auszuschließen und richtet sich an eine weit gefächerte Zielgruppe: Die Geschichte kann in Alltagssprache, in Leichter Sprache und in Brailleschrift gelesen werden.
Die Handlung ist leicht zu verstehen – auch wenn wenig Deutschkenntnisse bestehen: Eine Freundschaftsgeschichte, in der zusammen für einen Freund eingestanden wird.
Die Charaktere sind recht vielfältig: Es gibt einen schwarzen Protagonisten und einen im Rollstuhl.
Zudem wird das Thema Armut aufgegriffen.

Inhalt:
Eigentlich wollten die Freund*innen der Bunten Bande die Räume des Jugendzentrums ihres Stadtteils bunt bemalen. Ben, der auch oft ins Jugendzentrum kommt, soll mitmachen, weil er besonders gut zeichnen kann. Aber plötzlich lässt er sich nicht mehr sehen. Henry, Tessa, Leo, Tom und Jule wundern sich. Als sie erfahren, dass Bens Fahrrad geklaut wurde und seine Familie kein Geld für ein neues hat, fassen sie einen

Plan: Sie wollen Ben mit vereinten Kräften helfen. Zum Sommerfest des Jugendzentrums nutzen sie ihre Talente und bekommen schließlich tatsächlich genügend Geld zusammen, um Ben ein gebrauchtes Fahrrad im Internet ersteigern zu können.
Das Fahrrad wird noch gemeinsam verschönert – mit Aufklebern, Fahrradkorb und Hupe. Ben kann sein Glück kaum fassen – und so sind die Freund*innen wieder vereint und können weiter die Wände des Jugendzentrums bemalen.

Das Buch versammelt drei verschiedene Lesearten: Alltagssprache, Leichte Sprache und Brailleschrift. Darüber hinaus berücksichtigt die Gestaltung des Buches in Schriftgröße, Farbgebung und Illustrationen die unterschiedlichen Bedürfnisse, Kommunikationsmöglichkeiten und Lesekompetenzen von Kindern mit Lernschwierigkeiten, Sehbehinderung oder mit geringen Deutschkenntnissen. 

Das sagt die Kinder-Jury:
So ein Buch hatten die Kinder noch nicht gesehen! Dreimal die gleiche Geschichte anders erzählt, das sorgte anfangs bei einigen Kindern für Irritation – stieß dann aber direkt auch auf großes Interesse und weckte Redebedarf. Der Geschichtenverlauf, die Unterschiede im erzählten Text und in der Gestaltung wurden neugierig untersucht. In der Jury waren nur sehende Kinder, die zum Teil sogar zum allerersten Mal mit Brailleschrift in Kontakt kamen – eine Einschätzung auf dieser Ebene war nicht möglich. Auch waren nur wenige Kinder mit eingeschränkten Deutschkenntnissen in der Jury. Diese haben die verschiedenen Textvarianten besonders im lesenden Vergleich genutzt. Im Sinne eines Perspektivwechsels, eines sich Hineindenkens und -fühlens in ungewohnte Lebensumstände, kam der Aufbau bzw. die Dreiteilung des Buches sehr gut und auch nachhaltig bei den Kindern an. 
Die Story und die Illustrationen wurden als “Schulbuchgeschichte” bezeichnet und eines fiel auf: “Ganz schön wenig Mädchen gibt es da.”

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Das Buch hat eine großartige Vorbildfunktion als inklusives Kinderbuch. Durch die besondere Konstruktion des Buches kann es gleichzeitig von sehenden Kindern in Alltagssprache und Leichter Sprache, als auch von blinden Kindern in Brailleschrift gelesen werden. Durch die Integration all dieser Sprachen (sowie die dazugehörigen Erklärungen) ermöglicht es Eltern und Pädagog*innen, über Vielfalt von Kindern und ihre unterschiedlichen Zugänge zur Welt der Geschichten ins Gespräch zu kommen.
Die Vielfalt von Kindern spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der „Bunten Bande“ wider – hier gibt es dann doch auch einige Klischees: Natürlich ist der schwarze Charakter musikalisch und das Mädchen kann prima Schminken.
Insgesamt wirkt die Geschichte vom pädagogischen Willen geprägt und könnte etwas mehr Tiefgang und Spannung vertragen.
Zusammenfassend muss klar gesagt werden: Das Buch funktioniert! Bitte mehr Bücher in diesem Format.  

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Sayantani DasGupta: Das Geheimnis des Schlangenkönigs

übersetzt von Gabriele Haefs, 320 Seiten, Carlsen, 15 Euro, ab 11

ISBN-10: 3551553769 ISBN-13: 978-3551553768

Als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Silberfisch) erhältlich

Vielseitigkeitsmerkmal: Familien mit Adoptiv- oder Pflegekindern, Menschen mit Fluchterfahrungen

Kimi-Faktor: Das Buch zeigt eine Abenteuerreise, eine geflohene Prinzessin kehrt in ihr Reich zurück und sagt  ihrem leiblichen Vater die Meinung.
Der Hauptcharakter Kiranmala tritt die Reise an um ihre Adoptiveltern zu suchen. Es wird auf das Thema Adoption, Bedeutung Adoptiveltern in der Kindheit eingegangen.

Kiranmala lebt in New Jersey, wo ihre Eltern einen kleinen Laden für indische Lebensmittel betreiben. An ihrem 12. Geburtstag sind ihre Eltern urplötzlich verschwunden, stattdessen stehen zwei seltsame Jungen vor der Tür, die sich als Prinzen aus einer magischen Welt vorstellen und das Mädchen dorthin abholen wollen. Damit nicht genug, ein Rakhoshi taucht auf, ein riesiger Dämon aus ebendieser Fantasiewelt, der sich wütend sabbernd auf die Jagd nach den drei Kindern macht. Auf fliegenden Pferden beginnt nun eine gefährliche Reise, auf der Kiranmala große Abenteuer besteht, neue Freund*innen findet und Fantastisches über ihre Herkunft und Familie erfährt – denn auch sie ist nicht weniger als eine Prinzessin. Die rasante und überaus humorvolle Geschichte verbindet gekonnt einen zeitgenössischen Erzählton mit indischen und westbengalischen Mythen. An den ersten Band der Abenteuer um Kiranmala und ihre magische Familie schließen sich ein Glossar sowie Erklärungen zum mythologischen Ursprung der Geschichte an. 

Das sagt die Kinder-Jury:

Dank des farbenfrohen und auffälligen Covers haben alle Kinder der Jury extrem neugierig auf diesen Titel reagiert, verspricht er doch schon von Außen abenteuerlichen Lesespaß. Begeistert waren die Kinder auch nach der Lektüre, die spannend und mit viel Wortwitz erzählte Geschichte der mutigen Prinzessin Kiranmala hatte alle in ihren Bann gezogen. Besonders die detailliert beschriebenen Figuren aus der Welt der indischen und westbengalischen Märchen, von denen sich die Autorin inspirieren ließ und die, für die Kinder komplett neu waren, sind sehr gut angekommen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein Fantasy-Abenteuer mit einer weiblichen Hauptperson und Gestalten aus der indisch-bengalischen Mythologie, mit viel Humor erzählt! Ein spannendes Abenteuer jagt das nächste – mancher oder manchem Leser*in mag das manchmal schon fast zu schnell gehen.   

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Kerascoët : Mein Weg mit Vanessa

40 Seiten, Aladin, 14,95 Euro, ab 3 Jahren

ISBN-10: 3848901536 ISBN-13: 9783848901531

Vielfaltmerkmale:
Mobbing, Hauttöne, People of Color

Der KIMI-Faktor:
Ein wichtiges Thema für Kinder: Mobbing. Das Buch zeigt in spielerischer Ernsthaftigkeit, wie man gegen Mobbing aktiv werden kann – und dass es wichtig ist, füreinander einzustehen.
Die beiden Hauptcharaktere sind Mädchen of Color – das gibt es selten. Die restlichen Kinder im Buch haben vielfältige Hauttöne und die Lehrerin ist schwarz.

Inhalt:
Neuanfänge sind nicht immer leicht. Das erlebt auch Vanessa, die nach einem Umzug neu in die Schulklasse kommt. Keine*r ihrer Mitschüler*innen kümmert sich um sie. In der Turnhalle sitzt sie weit entfernt von der Basketball spielenden Kindergruppe. Und auch ihren Heimweg tritt sie allein an. Unterwegs wird ein Junge gemein zu ihr und Vanessa läuft weinend nach Hause.

Aber ein Mädchen hat den Vorfall beobachtet und fühlt sichtlich mit Vanessa. Sie erzählt anderen Kindern davon – und alle sind betroffen. Den ganzen restlichen Tag denkt das Mädchen darüber nach, was sie tun könnte. Beide Mädchen finden diese Nacht kaum Schlaf. Morgens hat das Mädchen die rettende Idee: Sie holt die Vanessa Zuhause ab. Gemeinsam gehen sie zur Schule. Unterwegs stoßen immer mehr Kinder zu ihnen, der Übeltäter steht beschämt mit rotem Kopf am Rand der immer größer werdenden Kindermenge – und schließlich ist das neue Mädchen in die Gemeinschaft aufgenommen.

Ganz ohne Worte wird erzählt, wie Kinder gegen Mobbing einschreiten. Außer dem Mädchen Vanessa, das neu in die Schule kommt, hat keines der Kinder einen Namen.

Das sagt die Kinder-Jury:
Aufmerksam haben die Kinder das Buch angeguckt. Sie fragen nach, weshalb das Mädchen allein nach Hause geht, während die anderen Kinder als Gruppe gehen. Die Mobbingsituation hat sie empört: „Das ist nicht nett, dass er gemein zu dem Mädchen ist!“.
Das Buch eignete sich sehr gut, um das Thema Mobbing zu besprechen. Dass es keinen Text gibt, lässt viel Raum für eigene Interpretationen und Erlebnisberichte der Kinder.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Eindringlich zeigen die Autor*innen, wie man Mobbing begegnen kann: Angefangen bei der Ausgrenzung und der Verletztheit des Mädchens, über die Betroffenheit der Beobachterin bis hin zur gelungenen Intervention. Die dargestellten Kinder sind vielfältig in Bezug auf Hauttöne und Körperformen, die beiden Hauptpersonen – Vanessa und das beobachtende Mädchen – sind People of Color. Wirklich selten in Kinderbüchern: Eine schwarze Heldin, die als einzige einen Namen hat.
Begleitmaterial zum Umgang mit Mobbing und Ungerechtigkeit auf der letzten Seite rundet das Buch ab.

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Pénélope Bagieu: Unerschrocken 2 – Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

Posted on 9. Mai 2019 by Suse Eich Bauer

übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher, Reprodukt, 168 Seiten, 24 Euro

ISBN-10: 3956401425 ISBN-13: 978-3956401428

Vielfaltsmerkmale: People of Coulor, Feminismus, Gender

Kimi-Faktor: Im Comic-Strich werden eine Reihe starker Frauen, die trotz vielerlei Widerstände ihren Weg gegangen sind, portraitiert.

Wie schon im ersten Band von “Unerschrocken” erzählt die französische Comicautorin und Zeichnerin Pénélope Bagieu auch hier in kurzen Graphic Novel Episoden die Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen, die sich mit viel Eigensinn, Mut und Durchsetzungsvermögen in patriarchal geprägten Gesellschaften behaupteten und unerschrocken ihre Ziele durchsetzten. Die Auswahl ist global gesetzt und reicht wieder von historischen Persönlichkeiten wie der wohl ersten US-amerikanischen Undercover-Journalistin Nelly Bly bis zur zeitgenössischen afghanischen Rapperin Sonita Alizadeh. Pénélope Bagieu gelingt es dabei erneut einerseits spannend und mitreißend mit viel Wort- und Bildwitz zu erzählen. Andererseits wird sie, gleichwohl verdichtet und auf Eckpunkte der Biographien beschränkt, den dramatischen, oft von Gewalt und Diskriminierung geprägten und politisch sehr gehaltvollen Themen gerecht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Graphicnovel-Band kam bei den Jugendlichen sehr gut an. Teilweise kannten sie bereits Band 1 und waren nun gespannt auf neue Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen. Sehr schön fand die Jury die coole Gestaltung in Comic-Form. Besonders inspirierend war die Lektüre, weil hier starke Frauen dargestellt werden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Mit luftigem Strich und pointierten Sätzen porträtiert Pénélope Bagieu eine Reihe starker Frauen, die trotz vielerlei Widerstände ihren Weg gegangen sind. Viele davon sind heute in Vergessenheit geraten. Aus unserer Sicht konzentriert sich die Auswahl allerdings doch etwas sehr auf weiße Frauen der Mittelschicht. Hier gilt es in Zukunft den Blick zu weiten und noch mehr bisher unbekannte Persönlichkeiten zu entdecken. Ein Buch, das nicht nur Mädchen Mut macht, die eigenen Interessen und Leidenschaften zu verwirklichen!

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Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

übersetzt von Andrea Fischer, 624 Seiten, FISCHER FJB, 18,99 Euro, ab 14 Jahren
Auch als eBook und Hörbuch (Argon Hörbuch) erhältlich

ISBN-10: 9783841440297 ISBN-13: 978-3841440297

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Rassismuskritik, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Die Geschichte präsentiert eine starke und überzeugende Heldin. Ganz selbstverständlich sind alle Protagonist*innen schwarz.
Die Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Rassenhass und Diskriminierung ist authentisch und regelrecht schonungslos.

Inhalt:
Children of Blood and Bone ist der erste Band einer afro-futuristischen Fantasy-Trilogie. Die Hauptprotagonistin, Teenager Zélie Adebola ist eine der Maji – eine Bevölkerungsgruppe die magische Kräfte besitzt. Die Maji werden gesellschaftlich unterdrückt, ausgeschlossen und ihrer magischen Kräfte beraubt. Die Erzählung findet im Königreich Orïsha, einer fiktiven westafrikanischen Gesellschaft statt. Dort leben zwei Gruppen schon sehr lange ungleichberechtigt zusammen.

Der machthungrige König Seran gehört der regierenden Klasse der Kosidáns an. Um Einfluss zu gewinnen, zu behalten und auszuüben versucht Seran die Magie ganz auszurotten. Er lässt nämlich alle Majis, die älter sind als 13 Jahre tötet. Zélie verliert in dieser „Blutnacht“ ihre Mutter. Als die Ausbeutung der Maji zusehends unerträglich wird und Zélie befürchten muss, versklavt zu werden, um die horrenden Abgaben an König Seran und seiner Regierung zahlen zu können, bricht sie gemeinsam mit ihrem Bruder Tzain und ihrer Freundin Prinzessin Amari, der Tochter des Königs, zu einem lebensgefährlichen Abenteuer auf. Dafür müssen sie gefährliche Abenteuer bestehen, Verrat und Schmerz erleiden.
Zélie will die Magie retten und nach Orïsha zurückholen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:
Das Fantasy-Epos wurde mit großer Begeisterung gelesen und als sehr gut und mitreißend geschrieben eingeschätzt. Dabei beeindruckten nicht nur die an der westafrikanischen Kultur orientierte Fantasiewelt, die starken jugendlichen Hauptfiguren, sowie der immense Spannungsbogen der Geschichte, sondern vor allem die Themen Diskriminierung, die Geschichte der Sklaverei und damit regelrechter Rassenhass, die Adeyemi mit jedem Satz miterzählt. Damit erklärte sich auch der teilweise sehr brutale, manchmal kaum auszuhaltende Verlauf der Geschichte. Im Zusammenhang mit dem Nachwort der Autorin, in dem sie unmittelbare Bezüge zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft, zu #blacklivesmatter, zu racial profiling und zur Polizeigewalt gegen Schwarze aufstellt, wurde dies noch klarer. Fast ein wenig enttäuscht waren die Jugendlichen allerdings wegen des rasanten Cliffhanger-Endes, das alle Leser*innen wirklich sehr abrupt verabschiedet – jetzt wird sehnsüchtig auf Band 2 gewartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Es handelt sich hier um eine vielschichtige und sehr lange Erzählung (623 Seiten). Alle Protagonist*innen sind ganz selbstverständlich Schwarz. Die Nigerianisch-Amerikanische Autorin Tomi Adeyemi nimmt ihre Inspiration aus dem in letzter Zeit mit dem Film „Black Panther“ sehr erfolgreichen Genre des Afro-Futurismus. Sie verleiht ihrer Erzählung Tiefe durch starke literarische Bezüge zu westafrikanischen kulturellen und mythologischen Wissensformen. Sie bezieht sich dabei sozialkritisch und gesellschaftskritisch auf die historische Missachtungsformen und Demütigungen (Rasssismus) die schwarze Menschen und Kollektive erfahren und überleben müssen. Sie bezieht sich auf ihre Ideen und Organisationsformen, die auf Befreiung und Wiederstellung ausgerichtet sind (#BlackLivesMatter Bewegung).
Die Hauptprotagonistin Zélie Adebola ist eine aktionsstarke weibliche Figur. Überhaupt sind es die schwarzen Frauen, die weiblichen Figuren, die in Zélies Welt emanzipative, kollektive Lösungen trotz Traumatisierung und Verlusten suchen und gestalten.
Es ist spannend und berührend, manchmal kaum auszuhalten. Ganz großartige Literatur und eine sehr stark diversitätsgeprägte Erzählung aus unserer Sicht!

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Constanze von Kitzing: Unsere große bunte Welt

36 Seiten, Carlsen, 10 Euro, ab 2 Jahren

ISBN-10: 3551171408 ISBN-13: 978-3551171405

Vielfaltmerkmale:
People of Color

Der KIMI-Faktor:
Das Buch zeigt Alltagssituationen, mit denen sich viele Kinder identifizieren können. Die Darstellung der Charaktere ist dabei divers bezogen auf Hautfarben: Auf einer Doppelseite gibt eine schwarze Familie, in Gruppensituationen gibt es oft Kinder mit unterschiedlichen Hauttönen.

Inhalt:
Das Buch besteht aus einer Sammlung von Alltagssituationen ohne zusammenhängende Geschichte und ist eher als Sachbuch zu sehen.
Es geht ums Vorlesen, Waschen, Kochen und vieles mehr – alltägliche Momente, die Kinder kennen und in denen sie sich selbst wiederfinden können.

Meistens besteht eine Doppelseite aus einer Alltagssituation und zeigt außerdem dazu passende Gegenstände: Zum Beispiel beim Thema Waschen finden die Betrachter*innen einen Föhn, eine Haarbürste, ein Waschbecken usw.
Jede Doppelseite regt dazu an, mit den Kindern über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen und sich auszutauschen.
Auf der letzten Doppelseite steht eine Kindergruppe mit einigen Vielfaltmerkmalen Arm in Arm: “Wir sind Freunde und halten zusammen.”

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten beim Betrachten des Buches viel zu erzählen, weil sie mit eigenen Erfahrungen andocken konnten. Auch um neue Wörter zu lernen ist das Buch gut geeignet. Die letzte Seite, auf der viele unterschiedliche Kinder abgebildet sind, fand großen Anklang.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die Bilder regen zum Erzählen an, denn die meisten Situationen sind aus dem Alltag der Kinder gewählt. Die Figuren sind unterschiedlich divers. Auf einigen Seiten haben Kinder unterschiedliche Hauttöne und Augenfarben und sind unterschiedlich alt.
Leider hält die Autorin den Aspekt der Vielfalt nicht im ganzen Buch durch: Auf einigen Seiten, auf denen Gruppenaktivitäten zu sehen sind, finden sich ausschließlich weiße Menschen. Außerdem fehlen Vielfaltsmerkmale wie Behinderung oder diverse Familienformen ganz.
Es gibt kaum Darstellungen von Kindern oder Erwachsenen, die genderneutral sind: Die meisten Mädchen haben lange Haare oder typisch mädchenhafte Kleidung – so wie die meisten Jungen kurze Haare und typische Jungenkleidung tragen.
Es gibt keine männlichen Erwachsenen – gerade bei der Kita-Doppelseite hätte ein Erzieher gut getan.

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Marguerite Abouet & Mathieu Sapin: Akissi. Auf die Katzen, fertig, los!

übersetzt von Ulrich Pröfrock, 96 Seiten, Reprodukt, 18 Euro

ISBN-10: 3956401581 ISBN-13: 978-3956401589

Vielfaltsmerkmale: People of Colour, Genderrollen

KIMI-Faktor: Ganz selbstverständlich selbstbewusst ist Akissi. Neugierig, witzig und frech gestaltet sie ihren Alltag westafrikanischen Metropole Abidjan.

Akissi lebt mit ihren Eltern, ihrem großen Bruder Fofana und ihrer großen Schwester Victorine in der ivorischen Metropole Abidjan. Was sie hier alles erlebt, wird in 14 kurzen Comic-Geschichten erzählt: Akissi verfolgt gemeine Katzen, die ihr den Fisch für Tante Victo abgeluchst haben, macht sich große Sorgen, als ihre kleiner Affe Bubu verschwindet und findet heraus, dass sich Bandwürmer hervorragend eignen um ihren Bruder zu ärgern. Sie holt sich Läuse bei einer Freundin um in Zukunft eine praktische Kurzhaarfrisur tragen zu können und versucht die kleine Maus, die eines Nachts im Kinderzimmer auftaucht, als Kuscheltier zu adoptieren. Nicht immer geht es gut aus für Akissi, doch davon lässt sie sich nicht beirren. Auch wenn ihre Mama ab und an mit dem Kopf schüttelt und ihr Bruder sich manchmal wünscht, seine kleine Schwester irgendwo zu verlieren: Akissi geht ihren Weg. 

Das sagt die Kinder-Jury:

„Das ist so witzig!“, war die einhellige Meinung der Kinder nach der Lektüre. Das Lesen der Comic-Strips machte den Kindern großen Spaß und sie fanden es toll, in dem Buch viele verschiedene Geschichten über Akissi zu finden. Auch die kolorierten Zeichnungen von Mathieu Sapin wurden positiv hervorgehoben. Sehr bemerkenswert fanden die Kinder, dass alle Personen in der Geschichte Schwarz sind und die Geschichten den Alltag eines Kindes an der Elfenbeinküste zeigen. Die Kinder konnten sich nicht erinnern, dies aus anderen Büchern zu kennen. Besondere Freude kam auch bei der Wahl der Hauptfigur auf: Akissi ist ein Mädchen – und zwar ein freches Mädchen, das sich nichts sagen lässt! 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Das ist rar auf dem hiesigen Buchmarkt: Akissi, sozusagen “die kleine Schwester” der erfolgreichen Comic Serie Aya aus Youpogon, ein äußerst witziger Comic angesiedelt am Stadtrand der westafrikanischen Metropole Abidjan! Akissi ist ein aktionsstarkes, ein unabhängiges und entscheidungsmutiges „anarchistisches“ kleines Schwarzes Mädchen. Kreativ und unerschrocken händelt Akissi die Herausforderungen ihres Alltags und gewährt uns einen authentischen Einblick in das Leben einer ivorischen Mittelschichtsfamilie. Akissi ist super chaotisch und dennoch selbstbewusst. Sie hat kein Interesse, dass andere über sie reden oder bestimmen. Weder ihren etwas größeren Bruder Fofana, noch seine Runde von gleichaltrigen Jungen – die sie zu klein finden, um mit ihr in der Nachbarschaft herumzuziehen, noch die Erwachsenen Zuhause und in der Schule sollen bestimmen, was Akissi nicht machen kann – sie will viel lieber mitmischen! In den kurzen Episoden des Kindercomics sprüht Akissi geradezu vor Ideen, die meisten davon können aber als ‚folgenreich’ bezeichnet werden. Akissi handelt dabei solidarisch, in vielen Fällen kurzsichtig. Sie wirkt jedes Mal erneut eiskalt von ihren Fehlern und deren Konsequenzen erwischt. Akissi und ihre Mutter handeln beide auf ihre je eigene Art humorvoll. Ihr Umgang mit der Aushandlung von Freiräumen für Akissi, aber auch mit den Konsequenzen von Akissis Aktionen ist augenzwinkernd partnerinschaftlich. Insgesamt ist die Kinderwelt, in der Akissi sich selbst und ihre Umgebung handelnd erschließt, sehr stark geprägt von intensiven, gemeinsamen Aushandlungen unter den Kindern selbst. Es ist eine Welt voller selbstverwalteter Kinderfreundschaften. Sowohl die Mädchen als auch die Jungs, sowohl kleinere als auch ältere Kinder werden aushandlungsstark gezeichnet. Sie bringen ihre Vorstellungen, Ideen und Wünsche ein und streiten gegebenenfalls darüber, wie sich diese umsetzen lassen. Viele Rezensionen im europäischen Raum bezeichnen Akissis Lebenswelt als „Dorf“, respektive „Village“. Dabei zeigt Akissi selbst im Glossar am Ende des Comics auf die Landkarte. Sie zeigt auf Abidjan mit ihrer gewohnten eindringlichen Ansprache: „GENAU HIER! HIER WOHNE ICH!“. Das macht die Vielschichtigkeit dieser Graphic Novel aus, sie ist tiefgründig und durchdacht, ohne belehrend zu wirken. Sie zeigt Möglichkeiten auf anstatt sie vorzuschreiben. Sie ist „unapologetically African“, ganz selbstverständlich und selbstbewusst afrikanisch. Eine wunderschöne und kraftvolle Darstellung einer facettenreichen Normalität in afrikanischen Gesellschaften.

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