KIMI 2018 – die ausgezeichneten Bücher

Die erste Siegel-Verleihung

Zum ersten Mal wurde am Donnerstag, den 9. Mai 2019 das KIMI-Siegel für Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur bei einem Festakt in der Werkstatt der Kulturen verliehen.

Das Grußwort zur Veranstaltung sprach Margit Gottstein, Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung beim Berliner Senat, die betonte, wie wichtig das KIMI-Siegel sei und dass es sich eigentlich um eine “überfällige Initiative” handele, um Menschen in ihren Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Die Veranstaltung wurde mit viel Verve und wunderbar kurzweilig moderiert von der Schauspielerin Joana Adu-Gyamfi und Tim Gailus, bekannt aus Timster auf Kika. Über 150 geladene Gäste, darunter Multiplikator*innen aus der pädagogischen Arbeit, Buchhandel und Verlagswesen kamen zur feierlichen Preisverleihung in die Werkstatt der Kulturen nach Berlin.

Aus der Vielzahl an Neuerscheinungen aus dem Jahr 2018 wurden insgesamt 40 Bücher ausgewählt, die Geschichten in vielfältiger, diskriminierungssensibler Weise erzählen bzw. darstellen. Zu den Kategorien gehören das Bilderbuch, das erzählende Kinderbuch und das Jugendbuch. Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit Diskriminierungserfahrungen als Teil der Jurys ist ein wichtiger und entscheidender Aspekt im Konzept des KIMI-Siegels – viele Mitglieder der Jurys nahmen am Festakt teil.

“Wir sind sehr glücklich, dass aus der Idee zum einem Festival für Diversität in Kinderbüchern im Jahr 2018 das KIMI Siegel entstanden ist”, betont Gabriele Koné (ISTA/Fachstelle Kinderwelten), “Damit wird jährlich im Bereich Kinder-und Jugendliteratur ein sichtbares Zeichen für Diversität gesetzt. Wir möchten damit für das Thema sensibilisieren, aber auch zu mehr vielfältiger Literatur verhelfen.”

Alle ausgezeichneten Bücher gibt es hier zum Download als PDF: KIMI-Siegel-Bücher.

Das KIMI-Plakat liegt den kommenden Ausgaben unserer Medienpartner BÜCHERmagazin, Eselsohr und BuchMarkt bei.

Nikola Huppertz & Tobias Krejtschi: Meine Mutter, die Fee

36 Seiten, Tulipan, 15 Euro, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Psychische Erkrankung, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Das Buch versucht ein für junge Kinder schwer greifbares Thema fassbar zu machen: Depression. Obwohl etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen ist – und damit auch viele Eltern – findet das Thema in Kinder- und Jugendbüchern viel zu selten statt.
Die Rolle des Vaters ist sehr spannend. Körperlich sehr groß und stark gezeichnet, widerspricht sein Handeln vielen üblichen Geschlechterklischees: Er macht den Haushalt, pflegt die Mutter, ist sehr sanft und sensibel und immer für die Tochter da.

Inhalt:
Es ist die Geschichte des Mädchens Fridi, das erleben muss, dass die Mutter immer stärker an einer Depression leidet und sich verändert.
Schon das erste großflächige Bild des Buches zeigt, wie schwer diese Geschichte ist: Die Mutter liegt geschwächt im Nachthemd auf dem Sofa, abgewandt, Fridi

steht in der Tür und schaut hilflos zu ihrer Mutter – die unendlich weit weg erscheint. Der Text unterstreicht den inneren Kampf des Kindes – die “Anderen” sagen: “Fridi, deine Mutter ist verrückt”. Aber Fridi will ihre Mutter nicht verrückt finden.
Und dann gibt es auch die Momente der Nähe – Fridi und die Mama schauen sich Bücher an, die Mama liest Gedichte vor, spielt für ihr Kind Querflöte.
Aber die ganze Zeit bleibt ein latent ungutes Gefühl – symbolisch angedeutet durch immer mehr vertrocknende Blumen im Hintergrund. Und die für ein Kinderbuch ungewöhnlichen Bilder, die an den Wänden der Wohnung hängen: Böcklins “Toteninsel”, der “Wanderer über dem Nebelmeer” von Caspar David Friedrich und die „Abendlandschaft mit zwei Männern“. Auch die gedämpfte Farbgebung und der leichte Grauschleier, der die großflächigen Illustrationen überzieht, unterstreichen die melancholische Stimmung, die in der Familie herrscht. Als die Mutter sich immer mehr zurückzieht und auch ihre Musikschüler*innen vor der Tür stehen lässt, wandelt sich Fridis Stimmung in Wut: “Du bist ja doch verrückt! (…) Geh weg!”
Da tritt der Vater ins Bild: Ein großer, sehr stark wirkender Papa, ein echter Held. Auf den ersten Blick – auf den zweiten ist er sehr sensibel, übernimmt die Hausarbeiten, versorgt die Mutter. Der Vater erklärt Fridi, dass die Mutter eine Fee sei. Und nun ahnt man auch, was die angedeuteten Flügel, die die Mutter von Anfang an trägt, zu bedeuten haben.
Aber für Fridi ist ihre Mutter keine Fee, denn ihrer Ansicht nach sind Feen schön, und das sei die Mutter mit ihrem Nachthemd und den verstrubbelten Haaren nicht.
Der Zustand der Mutter verschlechtert sich zusehens, sie verlässt das Bett nicht mehr, liest nichts, redet nicht, hört “der Erde beim Rauschen zu”.
Der Vater versucht seiner Tochter zu erklären, dass die Mutter nun für einige Zeit fort muss – offensichtlich in eine Klinik. Er nennt das “die Welt der Feen”.
Bevor sich die Mutter auf “die Reise macht”, geht Fridi noch einmal zu ihr – und aus den angedeuteten Flügeln sind nun echte Feenflügel geworden. Die Mutter spielt nun noch einmal auf der Flöte und Fridi sieht: Ihre Mama ist tatsächlich eine Fee.
Schließlich ist die Mutter fort – und Fridi fürchtet, dass sie nicht wiederkommt. Auf der letzten Doppelseite sieht man ein sehr inniges, zärtliches Vater-Tochter-Bild.
Der Vater versichert, dass die Mama wieder nach Hause kommen wird – und Fridi fällt ein, “dass eine Fee für immer zu den Menschen gehört, denen sie sich zu erkennen gibt”, wie auch das Familienbild aus glücklichen Tagen auf der Kommode beweist.

Das sagt die Kinder-Jury:
Fridi als Heldin des Buches wurde sehr gemocht.
Einige Kinder waren irritiert darüber, dass die Mutter eine Fee ist. Sie diskutierten heftig darüber, ob das wirklich sein könne, ob ihre Flügel „echt” seien und was das alles bedeute.
Insgesamt war das Thema “psychische Erkrankung” eines Elternteils in dieser Form neu für die Kinder und es ergaben sich viele Fragen und Diskussionen.
Für andere Kinder war der Vater die interessantere Figur, die physisch sehr stark wirkend eine große Gefühlstiefe und Zärtlichkeit bietet. Und damit ganz anders ist als so große, starke Männerfiguren in anderen Büchern.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die Geschichte ist sehr poetisch und berührend – die Illustrationen unterstreichen das wunderschön.
Der innere Konflikt von Fridi – das Bild der Mutter zu bewahren, sie nicht als “Verrückte” sehen zu wollen, aber dann der Zusammenbruch der heilen Welt, Wut, Enttäuschung, Angst vor Verlust – wird sehr authentisch und überzeugend dargestellt.
Aus unserer Sicht wäre es allerdings notwendig, dass Fridi neben der tröstenden Erklärung, dass die Mutter eine Fee sei, doch auch eine sachlich richtige, altersangemessene Begründung für den Seelenzustand ihrer Mutter erhält.
Die Thematik hat manches Kita-Kind überfordert: Möglicherweise ist dieses Buch eher für Kinder im Grundschulalter empfehlenswert.

Julie Völk: Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh

32 Seiten, Gerstenberg, 16,95 Euro, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, People of Color, Inklusion, Körperformen, verschiedene Altersstufen, Armut

Der KIMI-Faktor:
Die Charaktere, die man mehr oder weniger bei ihrer Morgenroutine und auf dem Weg zur Schule sieht, sind ausgesprochen vielfältig dargestellt, es gibt People of Color, Menschen mit unterschiedlichsten Körperformen, einen Erwachsenen mit Rollator, einen mit Gehstock, ein Kind im Rollstuhl. Es gibt Menschen jeden Alters.

Inhalt:
Ein Buch ganz ohne Text: Farbenfrohe Buntstiftzeichnungen illustrieren den morgendlichen Schulweg zweier Geschwister, die unterwegs Schulkamerad*innen abholen oder treffen. Wir sehen immer wieder, wie sich die verschiedenen Kinder von ihren Eltern verabschieden und zu den anderen Kindern stoßen. Viele Häuser sind offen

und zeigen vielfältige Wohn- und Lebenssituationen: Es gibt Kinder, die in einer Fischerhütte wohnen, andere leben auf einem (idealisiert dargestellten) Bauernhof oder in einem Zirkuswagen. Ein Mensch (oder eine Meerjungfrau?) mit Rollator sitzt auf einem Plumpsklo, in einer KFZ-Werkstatt gibt es frei laufende Krokodile, im Birkenwald verstecken sich Zwerge, sogar die Litfaßsäule wird von einem Mann bewohnt. Es gibt Menschen verschiedenen Alters, arm und wohlhabend – auch ein obdachloser Mensch ist zu finden.
Kinder und Erwachsene sind vielfältig dargestellt, wir begegnen kleinen und großen, jungen und alten, dicken und dünnen Menschen verschiedener Hauttöne. Ein Kind benutzt einen Rollstuhl. Allerdings bleibt offen, wie es dieses Kind in die Schule schafft – am Eingang gibt es weder eine Rampe noch einen Fahrstuhl!


Das sagt die Kinder-Jury:
Den Kindern machte das Buch großen Spaß, sie haben auf den Seiten immer wieder etwas Neues entdeckt. Sie haben die verschiedenen Bewegungen der Kinder nachgemacht und viel erzählt über ihre eigene Morgenroutine, Berufe der Eltern usw. Es gab einige Situationen, mit denen sie sich in dem Buch identifizieren konnten.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Im Buch wird Vielfalt auf beiläufige Art und Weise positiv dargestellt.
Noch schöner wäre es gewesen, wenn weitere Behinderungsformen gezeigt würden und Barrierefreiheit mitgedacht worden wäre. Außerdem fehlen veilfältige Familienkonzepte.

Pija Lindenbaum: Pudel mit Pommes

übersetzt von Kerstin Behnken, 32 Seiten, Oetinger, 15 Euro, ab 4 

Drei große Hunde und der kleine Wauwau leben auf einer Insel. Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen: Kartoffeln, einen Pool, schönes Wetter.  Doch dann bleibt der Regen aus und irgendwann gibt es kaum mehr Kartoffeln und auch aus dem Wasserhahn kommen nur noch ein paar Tropfen. Die Hunde entschließen sich dazu, die Insel in einem Boot zu verlassen. Es ist eine gefährliche Überfahrt, die sie fast mit dem Leben bezahlen. Doch sie haben Glück, völlig erschöpft erreichen sie eine Insel, auf der drei Pudel leben. Dort gibt es alles im Überfluss: Kartoffeln, ein großes Haus, Wasser. Doch einer der Pudel möchte die drei Geflüchteten nicht aufnehmen und vor allem den eigenen Reichtum nicht mit ihnen teilen. So riecht es zwar wunderbar nach Pommes, doch die drei Neuankömmlinge bekommen nur eine kleine Kartoffel und müssen draußen im Zelt schlafen. Zum Glück entscheiden die zwei „netten Pudel“, sich mit den Neuen anzufreunden. Am Ende gibt der „blöde Pudel“ seine störrische Haltung auf und es entsteht eine neue Gemeinschaft.

Das sagt die Kinder-Jury:

„Vielleicht sollten die Blöden auf die Netten hören und nicht die Netten auf die Blöden“ kommentiert Anna das Buch. Sehr interessiert und aufmerksam hörten die Kinder zu, stellten Fragen und kommentierten. Das Schicksal des kleinen Hundes berührte sie sehr und sie waren erleichtert, dass er nicht gestorben war. Auch die Ungerechtigkeit im Buch nahmen sie wahr. Ayla empört sich: „Der Hund lässt sie nicht rein, obwohl das Haus so groß ist und sie so viele Kartoffeln haben!“ Die Frage, ob sie das Buch für die Gruppe haben wollten, bejahten alle. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die Geschichte erinnert an die Fluchtgeschichten vieler Menschen, die in kleinen Schlauchbooten über das Mittelmeer kamen, um eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder zu finden. Anhand der drei Hunde wird die Not sehr gut deutlich und auch ihre Entscheidung, ihr Zuhause zu verlassen, ist gut nachvollziehbar. Warum sich der „blöde Pudel“ am Ende anders entschieden und die drei Neuen aufgenommen hat, wird hingegen nicht so richtig verständlich. Ob es sinnvoll ist, das Thema „Flucht“ anhand von Tieren darzustellen, damit sich Kinder vielleicht besser in die Not anderer einfühlen können, kann diskutiert werden. 

Jan von Holleben & Jörg Isermeyer & Arne Jørgen Kjosbakken: Meine wilde Wut

30 Seiten, Beltz & Gelberg,  12,95 €, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Kinder of Color

Der KIMI-Faktor:
Das Buch setzt sich mit kindlichen Gefühlen rund um das Thema Wut auseinander – und wertet dabei nicht.
Die Charaktere sind recht vielfältig, es gibt Kinder of Color.
Mädchen werden als aktive Charaktere gezeigt. Auf das Klischee “Mädchen sind zickig” wurde verzichtet.

Inhalt:
Schon das Cover stellt „Wut“ anschaulich dar: wir sehen ein Kind mit wütendem Gesicht, aus dem Kopf lodern verschiedene Gegenstände in Gelb und Rot. Die folgenden Seiten zeigen fantasievolle Fotomontagen von Kindern verschiedener Hauttöne in typischen Situationen, die wütend machen (können): beim Streit um einen Teddybären, wenn etwas nicht gelingt, weil es zu schwer ist oder wenn Papas Aufmerksamkeit beim Handy liegt und nicht beim Kind.

Assoziative Texte laden dazu ein, mit Kindern über Wutanfälle ins Gespräch zu kommen. Ob dieses Fotobuch bewusst aus dicker Pappe produziert ist, damit es auch kindliche Wutanfälle aushält?

Das sagt die Kinder-Jury:
Die Reaktionen auf das Buch waren sehr unterschiedlich: Einigen Kinder haben vor allem die Bilder gefallen, sie konnten sich mit den dargestellten Emotionen identifizieren, haben die Verhaltensweisen nachgeahmt – stampften mit dem Fuß, guckten grimmig – und wollten das Buch unbedingt für die Kita anschaffen.
Andere Kindern viel es schwer, einen Zugang zum Buch zu finden, weil die Texte für sie nicht verständlich waren und sich ihnen der übertragene Wortsinn nicht erschlossen hat. Die Bildbetrachtung ohne den Text hat dann aber auch diese Kinder zu Gesprächen über Gefühle angeregt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die Fotos sind sehr ausdrucksvoll und stark, es gibt gleich viel männlich wie weiblich zu lesende Charaktere und es gibt Kinder of Color – leider fehlen Kinder mit weiteren Vielfaltsmerkmalen. Auch beim Thema Geschlechterrollen hätten sich die Macher ruhig mehr trauen können: Ein Mädchen wird mit zerdeppertem rosa Geschirr gezeigt, ein Junge mit Autos, Lichtschwert, technischen Geräten und groben Arbeitshandschuhen. Mädchen haben lange Haare, tragen rosa oder rot-geringelte Kleidchen oder T-Shirts, Jungs tragen typische Jungenkleidung.
Es gibt keine Kinder, deren Geschlecht nicht eindeutig zuzuordnen ist.
Die Texte haben uns zum Teil ratlos zurückgelassen: “Hunger brennt, Wut raucht, wenn Mama nicht rennt, Kind faucht.” Muss Mama jetzt rennen?
Nicht nachvollziehbar für uns ist das Gedicht „Die fliegende Roberta“ am Ende des Buches. Hier wird der Versuch unternommen, das Gedicht „Der fliegende Robert“ aus dem Struwwelpeter“ umzudeuten in einen Akt der Befreiung. Dies ist immer problematisch, weil auf diese Weise auch das ursprüngliche Setting mit all seinen negativen Implikationen wieder ins Bewusstsein gerufen wird.
Vielleicht wäre das Buch ohne Text sogar besser und Kinder könnten den Situationen Worte aus eigener Erfahrung geschöpft schenken.

Malala Yousafzai & Kerascoët: Malalas magischer Stift

übersetzt von Elisa Martins, 48 Seiten, NordSüd, 16 Euro, ab 5

Malala Yousafzai ist mittlerweile weltbekannt als Aktivistin für die Rechte von Kindern, besonders für die von Mädchen. In diesem Buch erzählt sie in Ich-Form von ihrer Kindheit in Pakistan. Sie erinnert sich, wie sie sich, angeregt durch eine Fernsehserie, einen magischen Stift wünschte, um eine friedvolle Welt zu schaffen ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Mit der Herrschaft der Taliban ändert sich auch Malalas Leben. Viele ihrer Mitschülerinnen wagen es nun nicht mehr, zur Schule zu gehen. Malala entdeckt ihren magischen Stift: Sie schreibt einen Blog über ihre Angst, über ihre Leidenschaft fürs Lernen und über die Gewalt der Taliban gegen die Menschen. „Ich sprach für all die Mädchen in meinem Tal, die nicht für sich selbst sprechen konnten.“ Weltweit werden Menschen auf sie aufmerksam. Sie wird zu einem Symbol des Widerstands. 2012 überlebt sie ein Attentat der Taliban und migriert schließlich mit ihrer Familie nach England. Ungebrochen kämpft Malala seitdem weiter, sie ist überzeugt: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.“ 2014 erhielt Malala den Friedensnobelpreis als jüngste Preisträgerin. Seit 2017 ist sie Friedensbotschafterin der UNO.

Das sagt die Kinder-Jury:

Für die Kinder war schwer nachzuvollziehen, dass Mädchen nicht das Recht haben, zur Schule zu gehen. Einige fanden die „bösen Männer“ sehr angsteinflößend, sie konnten nicht verstehen, wieso sie „keiner einsperrt“. Die angesprochenen Themen Armut, Hunger, Krieg, Diskriminierung sind sehr komplex für diese Altersgruppe.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die beeindruckende Geschichte eines heldenhaften Mädchens wurde von dem Künstlerpaar Kerascoët zauberhaft illustriert. Auch wenn wir vielleicht weit entfernt sind von der herausragenden Tapferkeit Malalas, kann uns ihre Tapferkeit anspornen. Sie beweist, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit möglich ist. Dieses Buch macht Mut, sich einzusetzen für eine gerechtere Welt, im Großen und im Kleinen. Möglicherweise ist das Buch eher für Kinder im Grundschulalter geeignet.

Jenny Westin Verona & Jesύs Verona: Kalle und Elsa. Ein Sommerabenteuer

32 Seiten, Bohem, 16,95 Euro 

Kalle und Elsa fahren zusammen mit Elsas Eltern an den Strand. Dort wollen sie das tiefste Loch der Welt graben. „Wir bauen eine Falle!“ freut sich Elsa. Sie finden die beste Stelle für die Falle und fangen an zu graben. Die beiden überlegen, welche Tiere sie fangen möchten und die Seite wird bevölkert von einem Löwen, einem Katzenhai und einem Seelöwen. Sie erleben wilde Abenteuer im Meer, bauen am Strand eine Burg aus Sand, Seeigeln und Meeresanemonen und wehren sich gegen den Tintenfisch mit den tausend Armen, der ihre meterhohe Burg zerstören will. Doch als Elsa Kalle aus Versehen weh tut, weint Kalle und Elsa rennt weg. Mit Hilfe des Seehunds, der Kalle tröstet, überwinden sie diese schwierige Situation und Elsa kann sich bei Kalle entschuldigen. Und in der Falle fangen sie am Ende der Geschichte wirklich etwas. 

Im Buch geht es um starke Kinder, die beiden handeln eigeninitiativ, die Erwachsenen spielen kaum eine Rolle. Die Kinder sind divers in Bezug auf Hauttöne und Geschlechterrollen: Elsa ist mutig und initiativ, Kalle darf weinen und sich trösten lassen.  

Das sagt die Kinder-Jury:

Der dreijährige Julian hört aufmerksam zu und sagt auf die Frage, wie er das Buch findet: „Die Seite mit dem Tintenfisch und den Hai mag ich nicht. Ich habe Angst.“ Trotzdem möchte er das Buch für seine Kindergruppe haben, sein Freund Amadou auch. Sie verstehen noch nicht, dass die Bilder die Phantasie von Elsa und Kalle wiederspiegeln und glauben, alles passiert genauso, wie es im Buch steht. 

Alle Kinder hörten konzentriert zu und haben die Geschichte verstanden. Der Text wurde von einigen Kolleg*innen ins Türkische übersetzt, damit es die Kinder mit türkischer Erstsprache besser verstehen können. Doch allein die Bilder sind sehr sprachanregend und die Kinder haben viel dazu erzählt. Einige Mädchen sind enttäuscht, weil „Elsa“ nicht die Eisprinzessin von Walt Disney ist. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein Kinderbuch, in dem Vielfalt beiläufig auftaucht, ohne problematisiert zu werden. Beide Protagonist*innen haben unterschiedliche Hauttöne, auch die Geschlechterrollen sind nicht stereotyp. Im Vordergrund steht ein Tag am Strand, wir erleben die Perspektive der Kinder, in der Wirklichkeit und Phantasie verschwimmen. Die detailreichen, farbenprächtigen Illustrationen machen Lust, das Buch anzugucken und regen dazu an, ins Gespräch zu kommen. 

Baptiste Paul & Jacqueline Alcántara: Das Spiel

übersetzt von Thomas Bodmer, 32 Seiten, NordSüd, 15 Euro, ab 4 

Von der Einbandgestaltung bis zur letzten Seite ist dieses Buch in Bewegung. In kräftigen Farben gezeichnet rennen Kinder einem Ball hinterher, Kühe stehen auf der Weide, selbst gebastelte Tore werden aufgestellt. Mädchen und Jungen spielen mit vollem Körpereinsatz auf einer Wiese Fußball. Die Kinder sind ein gutes Team, auch als der Regen einsetzt und die Wiese in Schlamm verwandelt, spielen sie weiter, bis die Mütter zum Abendessen rufen. Die Illustratorin setzt mit kräftigem und bewegtem Pinselstrich die Geschichte, die auf einer der karibischen Inseln spielt, um. Der Text sowie einzelne Wörter wirken wie in die Bilder „hineingeworfen“ und unterstützen so die Bewegung der Geschichte. Deutsche und kreolische Wörter stehen nebeneinander und werden miteinander gelesen, so dass ganz nebenbei in beiden Sprachen gelesen wird. „Shoo! Weg da!“ ruft ein Kind den Kühen zu und „Annou ale! Los!“ rufend, schiebt ein anderes die Ziege zur Seite. 

Dieses Bilderbuch zeigt: es braucht nicht viel, um einen guten Tag zu haben. Freund*innen, einen Ball und Platz zum Spielen. Die Geschichte lässt eine*n mitfiebern. Es spielen Kinder unterschiedlichen Alters, Mädchen und Jungen. Das Geschlecht ist nicht wichtig, es wird nicht genannt. Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es nicht viele zweisprachige Bücher mit der französisch-kreolischen Sprache. Manche Wörter klingen vertraut und erinnern an französische, englische oder türkische Wörter. Im Glossar finden sich ein Text des Autors über seine Kindheit auf einer der karibischen Inseln, die Aussprache der Wörter und die deutsche Übersetzung. 

Das sagt die Kinderjury: 

Alle Kinder waren begeistert von dem Buch! „Wir sind in die Halle gegangen, als es geregnet hat. Wir haben nicht draußen weitergespielt.“ sagt Ella, 4 Jahre alt. Die anderen erzählen vom Fußball spielen und sind aufmerksam dabei. Sie lassen sich von den Ausrufen anstecken und gemeinsam rufen wir: „Vini! Komm!“ und lernen „Bol“ – Ball, „Soulye“ – „Schuhe“, Goal – Tor.“ 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein wunderbares Buch, eindrucksvoll illustriert. Ein Buch vor allem auch zum gemeinsam Angucken. Jede*r im Buch kann mitspielen, es geht weniger um Gewinnen als um Freude an der Bewegung, was allen deutlich anzusehen ist. Besonders gut hat uns auch gefallen, dass Wörter aus dem französischen Patois in den Text eingefügt sind, einer Sprache, die sonst im hiesigen Kinderbuch nicht auftaucht. 

Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze

übersetzt von Thomas Bodmer, 44 Seiten, NordSüd, 15 Euro, ab 4

Eine Katze geht durch die Welt. Das Kind sieht die Katze mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten. Es sieht die Katze so, wie wohl die meisten Menschen das Tier sehen. Aber wie sieht die Katze für die verschiedenen Tiere aus? Für die Schlange erscheint sie in grellbunten Farben, das Stinktier sieht sie schwarz-weiß. Auch Hund, Fuchs, Fisch und Maus sehen die Katze ganz unterschiedlich. Mal gefährlich, mal dick, von oben ganz klein oder riesengroß von unten gesehen. Es hängt wohl von der eigenen Perspektive ab, wie sie gesehen wird, von der Beschaffenheit der Augen und davon, ob sie eine Gefahr darstellt oder als Nahrungsquelle dient.

Der Text wiederholt sich und regt so zum Mitsprechen an. Die Abbildung der Katze, die aus den verschiedenen Ansichten der Tiere und des Kindes zusammengesetzt ist, regt zum genauen Nachschauen an, welchen Teil die verschiedenen Tiere gesehen haben. Am Ende werden alle Tiere nochmals aufgezählt. Und die Katze sieht sich selbst im See nochmal auf eine andere Weise. 

Das sagt die Kinderjury: 

Das Buch kam bei den 4-jährigen gut an. Anfangs war für sie nicht so einfach zu verstehen, warum die Katze immer anders aussieht. Als sie es dann verstanden hatten, machte es ihnen viel Freude, das jeweilige Bild der Katze ganz genau zu betrachten. Auch beschrieben sie die Bilder genau. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Großflächig und farbenfroh illustriert der Autor, wie verschieden ein und das gleiche „Ding“ wahrgenommen werden kann und regt zum Nachdenken und Philosophieren über unterschiedliche Perspektiven und Realitäten an. Abhängig von der eigenen Verfasstheit erscheint das Gegenüber unterschiedlich. Und jede Sicht ist richtig. 

Rüdiger Hansen & Raingard Knauer: Leon und Jelena – ein Name für den Fisch

32 Seiten, Bertelsmann Stiftung, 3 Euro, auch als e-Book erhältlich

Eines der zahlreichen Büchlein zu Partizipation in Kindertagesstätten, die Rüdiger Hansen und Raingard Knauer in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung herausgeben. Diesmal stehen die Kinder vor der Frage, welchen Namen der neue Fisch bekommen soll, den die Pädagog*in fürs Aquarium gekauft hat. Die Kinder haben viele Vorschläge, aber welcher davon ist der beste? In der Kinderkonferenz entscheiden sie sich dafür, das arabische Wort für Fisch „samak“ zu nehmen, damit die beiden neu zugewanderten Kinder aus Syrien eine Erinnerung an ihre Heimat haben.

Das sagt die Kinder-Jury:

Die Kinder waren sehr begeistert vom Büchlein. Sara gefielen besonders die bunten Farben, während Bilya mit leuchtenden Augen auf ein schwarzhaariges Kind zeigte: „Das bin ich – und das ist Hatice!“. Aufmerksam hörten die Kinder zu. Der Satz aus dem Buch: „Samak ist das arabische Wort für Fisch“ stieß auf besonderes Interesse und wurde von ihnen eifrig kommentiert. Die Kinder erzählten, was Fisch in ihren Familiensprachen Urdu, Italienisch, Russisch, Bulgarisch bedeutet, nannten die entsprechenden Wörter und versuchten sie nachzusprechen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Leicht verständlich wird anhand einer alltäglichen Situation gezeigt, wie Partizipation auch mit jungen Kindern gelingen kann. Die bunten Illustrationen ergänzen den Text. Die abgebildeten Kinder sind vielfältig in Bezug auf Hauttöne, ein Kind trägt eine Brille, die Mutter der neuzugewanderten Kinder ein Kopftuch. Weitere sichtbare Vielfaltsaspekte gibt es nicht. Kritisch anzumerken ist, dass die neuzugewanderten Kinder als „syrische Kinder“ bezeichnet werden, obwohl ihr Lebensmittelpunkt in Deutschland ist. Auf diese Weise wird ihre Zugehörigkeit unnötigerweise in Frage gestellt.