Ted van Lieshout: Sehr kleine Liebe

Illustriert von Brigitte Püls, erschienen bei Susanna Rieder Verlag, ab 14 Jahren

Vielfaltskriterien:

Sexueller Missbrauch an Minderjährigen

 

KIMI-Faktor:

Das Buch erzählt poetisch und leise. Der sexuelle Missbrauch wird fast übersehen, aber wenn er einem bewusst wird, dann schneiden die Worte ins Herz und nehmen einem den Atem. Sexueller Missbrauch an Minderjährigen ist sexueller Missbrauch und darf nicht passieren. Wenn doch, dann sind die Beteiligten Opfer und Täter – wenn sie sich dazu machen oder machen lassen.

Ohne Selbstmitleid oder Schuldzuweisungen zeigt der Autor, dass Missbrauch nicht zwangsläufig zur Zerstörung führen muss. Missbrauch kann man überleben. Menschen mit Missbrauchserfahrungen sind nicht verloren. Das leuchtet ein, ist aber doch eine sehr mutige Position.

 

Inhalt:

In Gedichten und Briefen erzählt Ted von seiner Freundschaft zu Herrn M., die irgendwann weiter geht, als eine Freundschaft zwischen einem Jungen und einem erwachsenen Mann gehen darf. Doch worum genau es geht, wird den Leser*innen in den ersten Gedichten noch gar nicht ganz klar.

Berührung: Ich war ein Junge, doch nicht länger war ich mir allein. Auch Ihnen musste ich sein um zu dulden, dass sie mich anrührten. Dass Sie an mir sich rührten. Sie rührten mich an. Sehen Sie, Sie berührten mich.

Anfangs ist es nur ein etwas eigenartiges Gefühl, das einen beim Lesen überkommt. Erst in den Briefen, die sich Herr M. und Ted 25 Jahre später schreiben, wird klar, was man zuvor erahnt hat: Die beiden haben eine ungleiche und doch von beiden Seiten gewollte Beziehung geführt, eine Beziehung, die beiden Partnern gut getan hat – dem einen körperlich und dem anderen psychisch. Missbrauch wird im Buch als Bedürfnis dargestellt, dass nicht missbrauchen heißt, sondern die Folge einer Sehnsucht nach Berührung ist. Missbrauch wird dargestellt als eine Form von Liebe und Aufmerksamkeit. Das auszusprechen, ist mutig.

„Als ich ein Junge war, bin ich einem Mann begegnet. Er schenkte mir Aufmerksamkeit und damit das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Das gefiel mir. Als er mehr von mir wollte, fand ich, er hätte das auch verdient. Als Belohnung sozusagen. Aber eigentlich ist er zu weit gegangen. Darum bin ich eines Tages gegangen und nicht wiedergekommen.“ Der Autor gibt dem Leser / der Leserin eine neue Sichtweise auf Missbrauch. Missbrauch schadet, das ist unbestritten. Aber, was Beschädigte in ihrem Leben daraus machen, das liegt bei Ihnen selbst.

Im Buch heißt es: „Ich konnte und wollte es nicht vergessen. Ob ich dadurch einen Schaden davongetragen habe, lässt sich nur schwer sagen, aber wenn dem so ist, dann bedeutet das noch nicht, dass ich diesen Schaden rückgängig gemacht haben will. Alles, was mir widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, ist nun mal Teil meiner Existenz, Teil der Person, die ich geworden bin – und das lasse ich mir nicht mehr abnehmen.

 

Jurystimme:

„Das Buch klingt lange nach.“

„Dieses Buch vergesse ich nicht“