Jutta Wilke: Stechmückensommer

208 Seiten, Knesebeck Verlag, 15 Euro, ab 12

„Eine Made ist weiß. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal. Sie können mich nennen, wie sie wollen. Ich höre sowieso nicht hin. Eigentlich heiße ich Madeleine. Ich bin fast vierzehn.“

Madeleine soll eigentlich ihre Zeit im Ferienlager in Schweden genießen. Aber auch dort kann sie nicht von ihren Erfahrungen in der Schule und ihrer Familie abschalten. In der Schule wird sie gemobbt, weil sie nicht ins typische Mädchenbild passt. Als sie auf einem Ausflug zufällig von dem Teenager Julian entführt wird, weil der einen VW-Bus brauchte, um ans Nordkap zu kommen, geht ihre Reise los. Mit Vincent, einem Jungen mit Down-Syndrom, nimmt das Abenteuer richtig Fahrt auf. Ein spannender Road-Trip durch Schweden, der so abrupt beginnt, wie er endet.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

In sehr schöner und verdichteter Sprache werden in diesem spannenden Roadmovie die Konflikte von drei Jugendlichen einfühlsam beschrieben. Verschiedene Vorurteile, z. B. Fatshaming und gegen geistig behinderte Menschen, werden benannt, aber hinterfragt und erklärt. Dabei fanden die Jugendlichen der Jury diese, wenn auch realistisch, doch teilweise in zu krass diskriminierender Sprache reproduziert. Da den Vorurteilen und Diskriminierungen aber stets unmittelbar und auch von den Betroffenen selbstbewusst gekontert und widersprochen wurde, sodass sie in den Situationen ausgeräumt wurden, hat sich die Jury dennoch für das Siegel zum Buch entschieden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine nicht alltägliche Ausgangslage: Drei Jugendliche, die alle in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen, treffen in der schwedischen Wildnis aufeinander und schlagen sich mit viel Kreativität und Courage durch. Verständlich, dass dabei gewisse Regeln nicht immer eingehalten werden können. Die gemeinsame Reise wird auch zu einer Art Entwicklungsprozess. Denn die Jugendlichen hegen zu Beginn durchaus Vorurteile gegeneinander und lernen im weiteren Verlauf, dass diese den eigenen Blick einengen und die andere Person verletzen. Indem es ihnen gelingt, die eigenen Vorurteile aufzulösen, können sie Vertrauen zueinander aufbauen und die Herausforderungen meistern, die ihnen begegnen. Ohne moralischen Zeigefinger führt das Buch einfühlsam vor Augen, dass jede Person, ungeachtet ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer psychischen Verfasstheit, Stärken und Fähigkeiten hat.

Ein großartiger Einblick in die Gefühlswelt eines Mädchens, das nicht in die Erwartung anderer Menschen passt. Außerdem eine spannende Reise dreier Teenager, die sich selbst suchen und ganz nebenbei die Bedeutung von Freundschaft entdecken. Nicht zuletzt schafft es das Buch auch noch, eine Hauptfigur mit Down-Syndrom zu haben, ohne sie deswegen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr davon.

Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon typisch Mädchen? (Band 2)

übersetzt von Nina Frey, 416 Seiten, dtv, 10,95 Euro, ab 14

Lottie ist entsetzt vom Sexismus, der ihr immer wieder im Alltag begegnet. Sie beschließt etwas zu unternehmen: vier Wochen lang wird sie auf jede sexuell diskriminierende Situation mithilfe einer Hupe aufmerksam machen. Unterstützt wird sie dabei natürlich von den Spinster Girls. Um noch mehr Aufmerksamkeit auf Lotties Aktion zu lenken, ist Will als Kameramann dabei. Dieser kann mit Feminismus nicht viel anfangen, möchte jedoch Filmemacher werden. Die von ihm im Internet veröffentlichten Clips verhelfen Lottie über Nacht zu landesweiter Bekanntheit. Die Aktion verlangt trotz des großen Erfolges einiges von Lottie ab. Sie ist verwirrt, da sie plötzlich Gefühle für Will entwickelt. Als ob das alles nicht schon genug wäre, steht auch noch das Vorstellungsgespräch an der Cambridge Universität an. Auf dieses Gespräch bereitet sie sich seit Jahren vor. Doch jetzt ist sie sich gar nicht mehr so sicher, welchen Weg sie eigentlich gehen möchte.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Große Begeisterungsstürme für die Spinster Girls! Die ersten beiden Titel dieser Trilogie wurden von der Jury heiß geliebt. Die Idee, jeden Band aus der Sicht eines der Spinster Girls zu erzählen, kam bei den Jugendlichen gut an und es fiel ihnen leicht, sich in die beiden Mädchen hineinzuversetzen. Nicht nur der Schreibstil gefiel, auch das große verbindende Thema der Reihe „Feminismus“ wurde gut in die Geschichten integriert und regte die Leser*innen oftmals zum Nachdenken an. Während der zweite Teil vielen die Augen in Bezug auf Alltagssexismus öffnete, bot der erste Band zudem eine realistisch anmutende Darstellung des Themas Zwangserkrankung und schnitt das Thema Integration in der Gesellschaft an. Auch die Cover überzeugten die Jury auf ganzer Linie: coole Covergestaltung und treffende Titelformulierungen. Der dritte Band wird sehnlichst erwartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

In diesem Band steht ein anderes Mädchen der Spinster Girls im Fokus: hier ist es Lottie, die den Kampf gegen den alltäglichen Sexismus aufnimmt. Natürlich sind auch die Freund*innen dabei. Der Handlungsverlauf war aus unserer Sicht in diesem Band nicht immer völlig überzeugend, und auch die Liebesgeschichte zwischen Lottie und Will wirkte etwas konstruiert. Dennoch ein wichtiges Buch, das Denkanstöße gibt!

Jason Reynolds: Patina. Was ich liebe und was ich hasse

übersetzt von Anja Hansen-Schmidt, 256 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook (dtv/Reihe Hanser) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Patina rennt. Sie rennt für ihre Mutter, die durch eine Diabeteserkrankung beide Beine verlor. Nicht der erste Schicksalsschlag, den Patina erleben musste. Zuvor verstarb bereits ihr Vater und da ihre Mutter sich nun auch nicht mehr um die beiden Töchter kümmern kann, leben Patina und ihre kleine Schwester bei ihrem Onkel und ihrer Tante. Diese geben ihnen ein liebevolles Zuhause und ihre Mutter besuchen sie regelmäßig. Dennoch fällt es Patty schwer, die Verantwortung für ihre kleine Schwester abzugeben. Auch in der neuen Schule fühlt sie sich fremd und bleibt auf sich gestellt. Nur in ihrem Laufteam fühlt sie sich wohl. Durch ihren großen Ehrgeiz steht sie sich jedoch auch hier im Weg und vergisst dabei sogar ihre Mannschaft. Ihr Trainer bringt sie schließlich dazu, am Staffellauf teilzunehmen – eine Sportart, bei der man sich auf andere verlassen muss.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Dass die jugendlichen Protagonist*inen krasse Schicksäle erfahren, war ein erstes Fazit aus der Jugendjury. Die einschneidenden Erfahrungen von Patina und Ghost berührten und ihre Geschichten wurden von den Jugendlichen gerne verfolgt. Es fiel ihnen nicht schwer, mit den beiden Protagonisten mitzufühlen. Trotz der vielen schweren Themen, die beide Bücher enthalten, empfanden die Jugendlichen Reynolds‘ Schreibstil als einfach und gut zu lesen. Die Schicksäle von Ghost und Patina über den Laufsport zu verbinden ist ungewöhnlich. Es bleibt spannend, welche Geschichten sich hinter den anderen beiden neuen Mannschaftsmitgliedern verbergen. Auch von außen überzeugte Jason Reynolds‘ Reihe die Jugendjury: Eine coole Covergestaltung, die super zum Inhalt passt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die ersten beiden Bände dieser Trilogie überzeugen durch die flotte Sprache und die vielschichtigen Porträts der Charaktere. Reynolds gelingt es, authentisch die Perspektive Schwarzer Jugendlicher aus der den USA wiederzugeben, die alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen leben. Anschaulich vermittelt das Buch ihre Sorgen und Kämpfe, aber auch ihre Hoffnungen. Spannend und mit einer Prise Humor erzählen die beiden Bände auch von Widerstandsgeist und der Kraft der Solidarität.

Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben

übersetzt von Anja Hansen-Schmidt, 224 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook (dtv/Reihe Hanser) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Ghost ist schnell. Das rettete ihm in seiner Kindheit das Leben, als er vor seinem Vater davonrannte, der ihn und seine Mutter erschießen wollte. Der Gedanke, Laufsport zu betreiben, kam ihm nie in den Sinn. Zufällig gerät er jedoch in die Aufnahmeprüfung einer Laufmannschaft und der Trainer überzeugt ihn, dem Team beizutreten. Bis dahin war Ghosts Leben vor allem eins: schwierig. Seine Mutter und er haben wenig Geld, in der Schule wird er wegen seiner Klamotten ausgelacht und er reagiert darauf, indem er Mist baut. Durch den Einfluss des Trainers verändert sich Ghosts ganzes Leben und das Laufen beginnt ihm zu gefallen. Überraschenderweise findet er Halt bei den anderen neuen Mitgliedern der Mannschaft. Lu, Patty, Sunny und Ghost unterstützen sich gegenseitig und schon bald steht der erste Wettkampf an. Ghost geht in seinem neuen Mannschaftstrikot an die Startlinie, seine Mutter sitzt stolz im Publikum und Ghost möchte jetzt nur noch eins: Gewinnen!

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Dass die jugendlichen Protagonist*innen krasse Schicksäle erfahren, war ein erstes Fazit aus der Jugendjury. Die einschneidenden Erfahrungen von Patina und Ghost berührten und ihre Geschichten wurden von den Jugendlichen gerne verfolgt. Es fiel ihnen nicht schwer, mit den beiden Protagonisten mitzufühlen. Trotz der vielen schweren Themen, die beide Bücher enthalten, empfanden die Jugendlichen Reynolds’ Schreibstil als einfach und gut zu lesen. Die Schicksäle von Ghost und Patina über den Laufsport zu verbinden ist ungewöhnlich. Es bleibt spannend, welche Geschichten sich hinter den anderen beiden neuen Mannschaftsmitgliedern verbergen. Auch von außen überzeugte Jason Reynolds’ Reihe die Jugendjury: Eine coole Covergestaltung, die super zum Inhalt passt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die ersten beiden Bände dieser Trilogie überzeugen durch die flotte Sprache und die vielschichtigen Porträts der Charaktere. Reynolds gelingt es, authentisch die Perspektive Schwarzer Jugendlicher aus der den USA wiederzugeben, die alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen leben. Anschaulich vermittelt das Buch ihre Sorgen und Kämpfe, aber auch ihre Hoffnungen. Spannend und mit einer Prise Humor erzählen die beiden Bände auch von Widerstandsgeist und der Kraft der Solidarität.

Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären

übersetzt von Ulrike Brauns, 288 Seiten, Dressler, 16 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Sheherazade, deine Worte verändern die Welt! Sie ist 17, lebt in Dänemark, ein Mädchen und die einzige Muslima an ihrer Schule. Sie hat es schwer und ihre Mutter feste Pläne für die Zukunft ihrer Tochter. Zudem wird die Mutter von Tag zu Tag religiöser. Ihr Vater leidet an den Erinnerungen an die Schrecken des Krieges und der Flucht. Schließlich muss er ins Krankenhaus. Das einzige, was Sheherazade hilft zu leben, sind ihre eigenen Worte, ihre Texte, die sie kunstvoll-provokativ mit Bildern verwebt. Und dann ist da zum Glück auch noch Thea. Als zunehmend Vertraute zeigt sie Sheherazade neue Blickwinkel auf das Leben. Und plötzlich hat sie keine Lust mehr zu schweigen, sondern möchte endlich für ihren Willen und ihre Freiheit einstehen. Sprachlich brillant erzählt und angereichert mit collagehaften Bildern einer mutigen Protagonistin.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Kein leichter Einstieg für so manche Leser*in in der Jury, da der Beginn der Geschichte als recht zäh und langweilig erlebt wurde. Dann aber nimmt sie deutlich Fahrt auf und löste starke Gefühle aus: viel Mitgefühl für Sheherezades schwierige Familiensituation, aber auch Wut über die Ungerechtigkeiten, die sie erlebt. Eine empowernde Geschichte, die eventuell Mädchen in ähnlichen Situationen Mut macht, freier zu sein. Besonders das zine-artige Layout bzw. die tagebuchartigen Illustrationen kamen gut an.

David Arnold: Herzdenker

übersetzt von Ulrich Thiele, 376 Seiten, Arena Verlag, 17 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Herzdenker erzählt die Geschichte der Helden des Hungers, einer Clique, bei der die beiden Hauptpersonen Vic, ein Junge mit dem Möbius-Syndrom und Mad, die als Waise mit ihrer dementen Großmutter beim gewalttätigen Onkel lebt, im Mittelpunkt stehen. Aus ihren Perspektiven berichten sie abwechselnd und in Rückblenden vom Kennenlernen, vom Zusammenhalt und von der gegenseitigen Unterstützung, die sie in der Gruppe erfahren. In dieser Wahlfamilie, die von Baz, einer Art jugendlicher Vaterfigur, zusammengehalten wird, fühlen sie sich aufgehoben und uneingeschränkt respektiert, was besonders für Vic eine wunderbare Erst-Erfahrung ist. Anrührend und vor allem spannend wird so erzählt, wie sich die Helden des Hungers um Vic und die Urne seines Vaters versammeln, dessen letzte Wünsche erfüllt werden wollen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Auch wenn Covergestaltung und Klappentext auf den ersten Blick nur wenig Anklang fanden – und wieder einmal die Frage, warum orientiert man sich nicht mehr am Original -, wurde die Geschichte von Vic, Mad und den Helden des Hungers für einige Jurymitglieder doch noch zu einem echten Lieblingsbuch. Die Sprache des mehrstimmig erzählten Jugendromans ist – wenn auch manchmal etwas klischeehaft in ihren Darstellungen – abwechslungsreich, dabei schön, witzig, philosophisch und respektvoll. Alle Protagonist*innen sind auf ihre verschiedenartige Weise gleichwertig, was den liebevollen Zusammenhalt der Wahlfamilie widerspiegelt. Ihre verschiedenen Sichtweisen sind gut beschrieben, die Erzählwechsel aber durchaus komplex und manchmal auch ein wenig verwirrend. Zum Ende wird es immer spannender mit unerwartetem Schluss!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine Clique Jugendlicher steht im Zentrum dieses außergewöhnlichen Buches. In ihrer Gemeinschaft finden die Jugendlichen, die alle auf die eine oder andere Art Außenseiter*innen sind, Solidarität und Mitgefühl. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um einen spannend geschriebenen Krimi, einer der Jugendlichen soll einen Mord begangen haben. Dabei geht es in diesem bewegenden Jugendroman um viel mehr – um Liebe und Trauer, um Zugehörigkeit, Ausgrenzung, gewaltvolle Lebensverhältnisse, Solidarität und Respekt.


Jennifer Mathieu: Moxie. Zeit zurückzuschlagen

übersetzt von Alice Jakubeit, 352 Seiten, Arctis Verlag, 16 Euro, ab 14

auch als eBook (Arctis Verlag) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Moxie, ein anderes Wort für Courage. Für so eine Mischung aus Mut und Wut!“ Und Vivian ist so richtig sauer, denn in ihrer texanischen Heimatstadt scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein – zumindest was die Gleichstellung von Mädchen und Jungen an ihrer Highschool angeht. Aber sie traut sich nicht, gegen die Missstände vorzugehen. Schließlich ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter ein zurückhaltendes Mädchen und kein Riot-Grrrl, oder doch? Was kann sie schon gegen die ewig sexistischen Kommentare der Jungs tun, die ungestört Outfits und Ansichten der Mädchen bewerten, wenn noch nicht einmal Grapschen für das Lehrpersonal ein Problem ist, „weil er das doch bestimmt nicht so gemeint hat“? Inspiriert von der Vergangenheit ihrer Mutter beginnt sie anonym feministische Flugblätter zu verteilen. Damit legt sie den Grundstein zu nicht weniger als einer Revolution, denn mit der Wut wächst der Zusammenhalt der Mädchen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Tatsächlich musste einige Überzeugungsarbeit geleistet werden, um das Juryteam von der Lektüre des Titels zu überzeugen. Mehrheitlich ging das Interesse gen Null, da das pinke, mit Sternchen verzierte Cover als nicht ansprechend empfunden wurde. Zwar erschließt sich diese Auswahl bei der Lektüre. Aber unter Umständen ist das eben zu spät, nämlich dann, wenn das Buch erst gar nicht zur Hand genommen wurde. Was sehr schade wäre, denn einmal begonnen, wurde das Buch mit sehr großer Begeisterung gelesen. Auch wenn die Jurymitglieder die Geschehnisse aus dem eigenen Schulalltag in der geschilderten Drastik nicht kannten, fanden sie diese doch realistisch, glaubwürdig und vor allem mitreißend beschrieben. Es wurde lebhaft mit der zu Beginn sehr schüchternen Vivian mitgefiebert und ihr mehr Mut gewünscht. Als sehr empowernd wurde das Zusammenwachsen und zunehmende für einander Einstehen der Mädchen in der Schule gelesen. Kritisiert wurde die Übersetzung des Jugendromans für die Benutzung des Wortes “Farbige”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Inspiriert von der US-amerikanischen feministischen Riot Grrrl Bewegung der 1990 beginnt Viviane den Kampf gegen den an ihrer Highschool herrschenden Sexismus. Anschaulich werden die Auf- und Abs der Gefühle der Protagonistin und ihrer Freund*innen und Mitkämpfer*innen geschildert. Positiv ist auch, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Viviane und Seth ohne Kitsch und Genderstereotype auskommt. Ein rundum empfehlenswertes, spannendes Buch!

Nic Stone: Dear Martin

übersetzt von Karsten Singelmann, 256 Seiten, Rowohlt Rotfuchs, 17,99 Euro, ab 14 

als eBook erhältlich

Der Schwarze Jugendliche Justyce ist mit seinem Leben zufrieden: er hat hart gearbeitet und es so an eine gute (weiße) private Schule geschafft, er ist unter den Schüler*innen beliebt und hat sogar seinen Wunschstudienplatz an der renommierten Yale Universität sicher. Eines Nachts gerät sein Leben komplett aus den Fugen, als er unschuldig wegen angeblicher Vergewaltigung festgenommen wird. In dieser außerordentlich bedrohlichen Situation findet er Kraft darin, ein Tagebuch zu führen, in dem er Briefe an Martin Luther King schreibt: Was würde der ihm wohl raten? Als es jedoch ein weiteres Opfer brutaler Polizeigewalt gibt, scheint Justyce völlig zu verzweifeln … Eindrücklich schildert Nic Stone, wie Justyce im Dialog mit M.L. King den alltäglichen Rassismus immer bewusster wahrnimmt, dagegen einschreitet, auf Widerstand stößt und dennoch seinen Weg geht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury

Dass man dieses Buch auf jeden Fall gelesen haben sollte und dass da alles drinsteckt, was ein Buch nur haben kann, sind nur zwei, der wirklich begeisterten Kommentare der Jugendjury. Sehr gut gefiel die Covergestaltung, die starke und authentische Sprache und auch die Briefstruktur, in der Justyce’ Gedankenwelt von der Autorin sehr gut nachvollziehbar aufgeschrieben wurde. Verschiedene Sichtweisen werden im Buch kraft- und gefühlvoll erzählt. Mehrheitlich wurde gesagt, dass das spannende Buch sehr zum Nachdenken anregt. Auch oder gerade, weil einige (besonders oft rassistische) Vorurteile hart reproduziert werden, die meisten dieser Kommentare aber direkt in der Geschichte hinterfragt sind. Kritisiert wurde die Übersetzung u.a. für die Benutzung des Wortes ,,Ureinwohner”.

Das sagt die Erwachsenen-Jury

Ein hochaktuelles empowerndes Buch, das packend von einem höchst brisanten Thema handelt! Realistisch schildert Nic Stone, wie der Schwarze Jugendliche Justyce, der in den USA lebt, zufällig in die Mühlen der rassistischen Polizeigewalt gerät. Die verschiedenen Ebenen, – Zeitungsartikel, Verhörprotokolle und die Briefe, die Justyce an Martin Luther King schreibt – geben dem Buch geben eine besondere Tiefe und weisen auf die fatale Kontinuität der rassistischen Gewalt hin.

Eric Bell: Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken

übersetzt von André Mumot, 304 Seiten, FISCHER Sauerländer, 14 Euro, ab 12

Als eBook erhältlich

Schon seit einiger Zeit hat Alan ein Geheimnis: Er ist in einen seiner Mitschüler verliebt. Scham und Verunsicherung halten ihn davon ab, offen mit der Situation umzugehen. Dazu kommt regelrechte Angst vor dem aggressiven Vater und nicht zuletzt vor dem hinterhältigen, älteren Bruder. Genau der ist es aber, der längst im Bilde ist und Alan nun genussvoll vor die Wahl stellt: sieben extrem herausfordernde Aufgaben zu lösen oder aber ein ungewolltes Outing zu erleben. Und Alan nimmt an … Eric Bell erzählt einfühlsam und mit großer Spannung, wie der Junge mit Hilfe seiner Freunde nicht nur die schwierigen Aufgaben meistert, sondern auch einen Weg findet, öffentlich zu seinen Gefühlen zu stehen.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Alan Coles Geschichte ist als das beeindruckend spannende Coming-Out eines stark unter Druck gesetzten Jungen von der Jury gelesen worden. Seine Gefühlswelt ist sehr gut nachvollziehbar beschrieben und auch die Veränderungen in den Beziehungen zu seinen Freunden, final auch zu seinem Bruder, wurden sehr gemocht. Die Meinungen gingen dennoch auseinander: einige waren von Alan Coles Weg so richtig mitgerissen – andere sind ihn eher mitgegangen. Gut möglich wäre, dass dies an den fehlenden positiv besetzten weiblichen Figuren lag. Keine der weiblichen Figuren wurde gemocht – weder die auffallend unsympathisch gezeichneten Mitschülerinnen noch die ausgesprochen schwache Mutter erweckten viele Sympathien. Ob das an der vorwiegend weiblichen Sicht der Jugendjury lag, ist schwer zu sagen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Gekonnt packt Eric Bell eine ganze Anzahl “schwieriger” Themen in dieses Buch: familiäre Gewalt, Mobbing, Coming-Out. Dabei gelingt es ihm, anschaulich und nachvollziehbar Alans Gefühle und seinen Reifungsprozess auf eine Weise zu schildern, die nicht mitnimmt und nicht zuletzt Mut macht, sich gegen unfaires Verhalten zu wehren. Nur angerissen wurden die Ursachen für das jeweilige Verhalten der Eltern und des Bruders – hier wäre aus unserer Sicht etwas mehr Hintergrund wünschenswert gewesen.



Pénélope Bagieu: Unerschrocken 2 – Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher, Reprodukt, 168 Seiten, 24 Euro

Wie schon im ersten Band von “Unerschrocken” erzählt die französische Comicautorin und Zeichnerin Pénélope Bagieu auch hier in kurzen Graphic Novel Episoden die Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen, die sich mit viel Eigensinn, Mut und Durchsetzungsvermögen in patriarchal geprägten Gesellschaften behaupteten und unerschrocken ihre Ziele durchsetzten. Die Auswahl ist global gesetzt und reicht wieder von historischen Persönlichkeiten wie der wohl ersten US-amerikanischen Undercover-Journalistin Nelly Bly bis zur zeitgenössischen afghanischen Rapperin Sonita Alizadeh. Pénélope Bagieu gelingt es dabei erneut einerseits spannend und mitreißend mit viel Wort- und Bildwitz zu erzählen. Andererseits wird sie, gleichwohl verdichtet und auf Eckpunkte der Biographien beschränkt, den dramatischen, oft von Gewalt und Diskriminierung geprägten und politisch sehr gehaltvollen Themen gerecht.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Der Graphicnovel-Band kam bei den Jugendlichen sehr gut an. Teilweise kannten sie bereits Band 1 und waren nun gespannt auf neue Lebensgeschichten von außergewöhnlichen Frauen. Sehr schön fand die Jury die coole Gestaltung in Comic-Form. Besonders inspirierend war die Lektüre, weil hier starke Frauen dargestellt werden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Mit luftigem Strich und pointierten Sätzen porträtiert Pénélope Bagieu eine Reihe starker Frauen, die trotz vielerlei Widerstände ihren Weg gegangen sind. Viele davon sind heute in Vergessenheit geraten. Aus unserer Sicht konzentriert sich die Auswahl allerdings doch etwas sehr auf weiße Frauen der Mittelschicht. Hier gilt es in Zukunft den Blick zu weiten und noch mehr bisher unbekannte Persönlichkeiten zu entdecken. Ein Buch, das nicht nur Mädchen Mut macht, die eigenen Interessen und Leidenschaften zu verwirklichen!