Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8

Als  eBook  erhältlich

Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut. Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut. Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant. Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen und das Auto ist auch kaputt. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet.

Es wird dann doch noch alles gut. Anton und seine Mutter verreisen mit Pünktchen und finden im Wald einen wunderbaren Platz zum Zelten. Sie erleben angenehm ruhige Tage, aber auch aufregende Situationen, in deren Verlauf Anton Abenteuer besteht, ungewöhnliche Bekanntschaften macht und eine neue Freundin findet. Er wird mutiger und selbstbewusster, auch weil seine Mutter ihm Freiheiten zugesteht. Sogar das neue Schuljahr hat seinen Schrecken verloren und Papa holt ihn am ersten Tag auch noch von der Schule ab.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Die zentralen Themen des Buches sind einerseits schwierig, wie die Trennung der Eltern, Mobbing und fehlende finanzielle Möglichkeiten. Andererseits zeigt es aber auch, wie ein etwas vorsichtiger Junge, der es lieber ruhiger mag und Ärger aus dem Weg geht, indem er am liebsten nicht auffällt, und sein Meerschweinchen Pünktchen über alles liebt, seinen Weg findet. Kinder, vor allem Jungen, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit Anton identifizieren. (Kinderwelten)  

Das sagt die Kinder-Jury:

Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 

Ein ängstlicher, ruhiger Junge freundet sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen an. Diese Konstellation ist selten und macht den Titel für die Kinderjury zu einem besonderen Buch. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern. Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

Karuna Riazi: Paheli. Spiel um alles oder nichts

übersetzt von Cornelia Panzacchi, Thienemann, 288 Seiten, 14,99 Euro, ab 10

Was für ein Abenteuer! Das Brettspiel, das Farah ihrem jüngeren Bruder Ahmad zum Geburtstag schenkt, entpuppt sich als Zauberwerk: plötzlich verschwindet Ahmad ins Spielfeld! Farah und ihren Freund*innen bleibt nur ein kurzer Augenblick des Zögerns, dann springen sie hinterher und landen in einer märchenhaften Stadt. Um die Stadt wieder verlassen zu können, müssen die Freund*innen drei schier unlösbare Herausforderungen bestehen. Gleichzeitig müssen sie auch noch unbedingt Ahmad finden… Ob ihnen das gelingt? Dabei ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Geheimnisvolle Sagengestalten bewohnen die Stadt und es gibt sogar eine mysteriöse Verbindung zu Farahs Lieblingstante. Der Mut und der Zusammenhalt der Kinder werden auf eine harte Probe gestellt, doch mit viel Schläue und Witz besiegen sie den Fluch, unter dem die Stadt leidet. Die Familie der Geschwister stammt aus Bangladesh. Die bengalischen Begriffe, die immer wieder ins Buch eingestreut sind, sind in einem Glossar am Ende des Buches erklärt.

Das sagt die Kinder-Jury:

Leseglück auf Umwegen! Gerade die Jungen haben sich vom Cover des Buches überhaupt nicht angesprochen gefühlt und es erforderte einige „Überzeugungsarbeit“. Cover und Titel sind irreführend, denn die Geschichte handelt ja keineswegs von einem Mädchen namens Paheli. Das Cover der englischen Originalausgabe gefiel Jungen wie Mädchen deutlich besser, weil es drei verschiedene Kinder zeigt und damit entspräche es auch dem Inhalt besser. Nach der Lektüre waren die Kinder entsprechend allesamt überrascht – und begeistert: Die Geschichte bietet eine abwechslungsreiche Handlung und Spannung pur, sowie durch die sehr unterschiedlich angelegten Charaktere der Kinder ein hohes Identifikationspotential jenseits üblicher Geschlechterrollen für viele verschiedenartige Kinder – das ist sehr empowernd! Und … das Lesen mit Hilfe des bengalischen Glossars war sehr interessant!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine spannende Fantasy-Geschichte, in der eine Gruppe von Kindern unterschiedlicher Charaktere und Fähigkeiten abenteuerliche Herausforderungen bewältigen muss. Paheli und ihr Bruder sind PoC. Kritisch anzumerken ist aus unserer Sicht, dass der jüngere Bruder Pahelis Symptome von ADHS zeigt, was aber im weiteren Verlauf der Geschichte nicht weiter aufgenommen wird und die Eltern Paheli viel Verantwortung für ihren Bruder übertragen. Besonders gut hat uns gefallen, dass es am Ende eine nachvollziehbare Erklärung für den „bösen“ Gegenspieler gibt. Schade, dass das Cover der deutschen Ausgabe so exotisierend ist, ebenso wie das altertümliche Setting der „orientalischen“ Stadt.  

Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal muss man einfach verduften

176 Seiten, Carlsen, 12 Euro, ab 10

Als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Hörbuch Hamburg) erhältlich

Finn pendelt zwischen den Wohnorten seiner getrennt lebenden Eltern – zwischen Berlin und einem brandenburgischen Dorf. Zum ersten Mal soll er die Strecke allein mit dem Zug fahren. Auf der Fahrt wird er von dem sonderbaren Mitreisenden „Hackmack“ in ein Gespräch verwickelt und um seinen Rucksack beklaut. Als der Schaffner ihn dann um seine Fahrkarte bittet, die – wie soll es anders sein – im gestohlenen Rucksack steckt, wirft er Finn aus dem Zug und übergibt ihn der Polizei. Eine verrückte „Tortour“ von Verwicklungen beginnt. Das Polizeiauto wird in einen Unfall verwickelt, wobei Finn Jola kennenlernt. Zusammen fliehen sie vor Finns Bewachern, zwei komischen Polizeigestalten und versuchen nach Berlin zu kommen. Dabei kapern sie einen alten Traktor, den sie kurzschließen, um damit dann direkt in den Graben zu fahren. Ein nacktes dänisches Ehepaar hilft und plötzlich steht Finn wieder vor Hackmack, der immer noch Finns geklauten Rucksack bei sich trägt… Rasant, komisch, auf einfache Weise tiefgründig. Ein Roman, der die Leser*innen in die Freiheit mitnimmt.

Das sagt die Kinder-Jury:

Mit was für großer Begeisterung wurde dieses Buch gelesen! Noch beim Nacherzählen und Austauschen wurde viel gelacht. Die Kinder fanden die Geschichte von Jola und Finn spannend und vor allem lustig erzählt. Sie konnten sich sowohl in die selbstbewusste und abenteuerlustige Jola, als auch in den etwas schüchterneren Finn gut hineinversetzen. Dass dies so gar nicht den gängigen Geschlechterrollen und Klischees entspricht, nahmen die Kinder ganz selbstverständlich an. Martin Musers erzählerische Beiläufigkeit machte es den Kindern leicht, dies wie auch andere Vielfaltsaspekte als die normalste Sache der Welt bzw. einfach die alltäglichen Lebensumstände anderer Kinder anzusehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Mit viel Situationskomik wird der abenteuerliche Roadtrip zweier Kinder erzählt. Von den Erwachsenen anfangs im Stich gelassen, setzen sie sich couragiert über Verbotenes hinweg und meistern so knifflige Situationen. Unterwegs treffen sie immer wieder für sie auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Menschen, die ihnen selbstverständlich zur Seite stehen. Ein Kinderbuch voll Witz, das zeigt, dass sich ein gewisses Maß an Chuzpe bewährt und dass ein kreativer Umgang mit Regeln durchaus sinnvoll sein kann.

Corinna Fuchs: Die Bunte Bande – Das gestohlene Fahrrad

illustriert von Uli Velte & Igor Dolinger, 60 Seiten, Carlsen, 24 Euro, ab 7

Eigentlich wollten die Freund*innen der Bunten Bande die Räume des Jugendzentrums ihres Stadtteils bunt bemalen. Ben, der auch oft im Jugendzentrum rumhängt, soll mitmachen. Aber Ben kommt am zweiten Tag nicht mehr. Henry, Tessa, Leo, Tom und Jule wundern sich. Als sie erfahren, dass Bens Fahrrad geklaut wurde und seine Familie kein Geld für ein neues hat, fassen sie einen Plan: sie müssen Geld sammeln. Zum Sommerfest des Jugendzentrums nutzen sie ihre Talente und bekommen das Geld tatsächlich zusammen. Sie ersteigern Ben ein Fahrrad im Internet und alle freuen sich, dass sie nun wieder gemeinsam Wände bemalen können. 

Das Buch versammelt drei verschiedene Lesearten: Alltagssprache, Leichte Sprache und Brailleschrift. Darüber hinaus berücksichtigt die Gestaltung des Buches in Schriftgröße, Farbgebung und Illustrationen die unterschiedlichen Bedürfnisse, Kommunikationsmöglichkeiten und Lesekompetenzen von Kindern mit Lernschwierigkeiten, Sehbehinderung oder mit geringen Deutschkenntnissen. 

Das sagt die Kinder-Jury:

So ein Buch hatten die Kinder noch nicht gesehen! Dreimal die gleiche Geschichte anders erzählt, das sorgte anfangs für Irritation, stieß aber direkt auch auf großes Interesse und weckte Redebedarf. Der Geschichtenverlauf, die Unterschiede im erzählten Text und in der Gestaltung wurden neugierig untersucht. In der Jury waren nur sehende Kinder, die zum Teil sogar zum allerersten Mal mit Brailleschrift in Kontakt kamen – eine Einschätzung auf dieser Ebene ist demnach ehrlicher Weise nicht möglich. Auch waren nur wenige Kinder mit eingeschränkten Deutschkenntnissen in der Jury. Diese haben die verschiedenen Textvarianten besonders im lesenden Vergleich genutzt. Im Sinne eines Perspektivwechsels, eines sich Hineindenkens und –fühlens in ungewohnte Lebensumstände kam der Aufbau bzw. die Dreiteilung des Buches sehr gut und auch nachhaltig bei den Kindern an. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Das Buch verdient das KIMI-Siegel, weil es eine großartige Vorbildfunktion als inklusives Kinderbuch hat. Durch die besondere Konstruktion des Buches kann es gleichzeitig von sehenden Kindern in Alltagssprache und leichter Sprache, als auch von blinden Kindern in Brailleschrift gelesen werden. Durch die Integration all dieser Sprachen (sowie die dazugehörigen Erklärungen) ermöglicht es Eltern und Pädagog*innen, über Vielfalt von Kindern und ihre unterschiedlichen Zugänge zur Welt der Geschichten ins Gespräch zu kommen. Die Vielfalt von Kindern spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der „Bunten Bande“ wider. Doch hier zeigt sich auch ein Punkt zur Ausbaufähigkeit: So inklusiv wie das Buch konstruiert ist, so konstruiert ist auch die Geschichte mit ihren Figuren. Die Geschichte ist stark vom pädagogischen Willen und Ziel geprägt, aber es fehlt ihr an Tiefe und Spannung. Ein Plädoyer an alle: mehr Geschichten in diesem Format.  

Sayantani DasGupta: Das Geheimnis des Schlangenkönigs

übersetzt von Gabriele Haefs, 320 Seiten, Carlsen, 15 Euro, ab 11

Als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Silberfisch) erhältlich

 

Kiranmala lebt in New Jersey, wo ihre Eltern einen kleinen Laden für indische Lebensmittel betreiben. An ihrem 12. Geburtstag sind ihre Eltern urplötzlich verschwunden, stattdessen stehen zwei seltsame Jungen vor der Tür, die sich als Prinzen aus einer magischen Welt vorstellen und das Mädchen dorthin abholen wollen. Damit nicht genug, ein Rakhoshi taucht auf, ein riesiger Dämon aus ebendieser Fantasiewelt, der sich wütend sabbernd auf die Jagd nach den drei Kindern macht. Auf fliegenden Pferden beginnt nun eine gefährliche Reise, auf der Kiranmala große Abenteuer besteht, neue Freund*innen findet und Fantastisches über ihre Herkunft und Familie erfährt – denn auch sie ist nicht weniger als eine Prinzessin. Die rasante und überaus humorvolle Geschichte verbindet gekonnt einen zeitgenössischen Erzählton mit indischen und westbengalischen Mythen. An den ersten Band der Abenteuer um Kiranmala und ihre magische Familie schließen sich ein Glossar sowie Erklärungen zum mythologischen Ursprung der Geschichte an. 

Das sagt die Kinder-Jury:

Dank des farbenfrohen und auffälligen Covers haben alle Kinder der Jury extrem neugierig auf diesen Titel reagiert, verspricht er doch schon von außen abenteuerlichen Lesespaß. Begeistert waren die Kinder auch nach der Lektüre, die spannend und mit viel Wortwitz erzählte Geschichte der mutigen Prinzessin Kiranmala hatte alle in ihren Bann gerissen. Besonders die detailliert beschriebenen Figuren aus der Welt der indischen und westbengalischen Märchen, von denen sich die Autorin inspirieren ließ und die für die Kinder komplett neu waren, sind sehr gut angekommen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein Fantasy-Abenteuer mit einer weiblichen Hauptperson und Gestalten aus der indisch-bengalischen Mythologie, mit viel Humor erzählt! Ein spannendes Abenteuer jagt das andere – manchmal geht das allzu schnell, die Handlung wirkt dann etwas beliebig.   

Melba Escobar de Nogales: Das Glück ist ein Fisch. Eine Erzählung aus Kolumbien

illustriert von Elizabeth Builes, übersetzt von Jochen Weber, 112 Seiten, Baobab Books, 15,90 Euro, ab 9

Den Urlaub hatte sich Pedro aber ganz anders vorgestellt! Dabei hatte er sich so auf das Meer gefreut. Und nun erfährt er von seiner Mutter, kaum auf der Insel angekommen, dass seine Eltern ihn angelogen haben: der Vater ist nicht wegen seiner Arbeit nicht mitgeflogen, sondern weil sich seine Eltern getrennt haben. Zutiefst verzweifelt läuft Pedro weg, ans Meer. Nachts wird er von einem alten Schwarzen aufgelesen, einem Außenseiter, der weit weg von den Inselbewohner*innen mit einer äußerst redseligen Papageiendame in einer selbstgebauten Hütte lebt. Wie kommt es, dass der alte Mann Jonny Tay heißt, genauso wie der berühmte Seeräuber? Was ist Fantasie? Was Wirklichkeit? Zum Einschlafen erzählt die Papageiendame Pedro Geschichten von Piraten und sagenhaften Schätzen. Am nächsten Morgen nimmt ihn Jonny Tay mit hinaus aufs Meer und zeigt ihm die faszinierende Unterwasserwelt der Karibik. Pedro fängt seinen ersten Fisch und lernt, dass er stark genug ist, mit der Trennung seiner Eltern klar zu kommen. Und als ihn seine Mutter schließlich nach tagelangem verzweifeltem Suchen findet, ist die Welt vielleicht nicht wieder völlig in Ordnung, aber Pedro kann die veränderte Familiensituation akzeptieren. 

Das sagt die Kinder-Jury:

Eine Geschichte aus Kolumbien mit einem Protagonisten, der auf Mangobäume klettert und Brotfrucht isst. Eine Welt, die weit weg erscheint und trotzdem können sich viele Kinder leicht mit Pedro und seiner Gefühlswelt, wie der Wut über die Trennung der Eltern, identifizieren. Ein Thema, das die Kinder besonders beschäftigte, waren die Vorurteile, welche die Inselbewohner gegen Johnny Tay äußerten und die sich schließlich nicht bewahrheiteten. Begeistert war die Jury auch von der Gestaltung des Buches und den zarten Illustrationen von Elizabeth Buile, die oftmals ganze Seiten im Buch einnehmen und von der Jury als ausgesprochen schön und besonders empfunden wurden. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury: 

Anschaulich wird geschildert, welche Gefühle die Trennung der Eltern bei Pedro auslöst, eine Krisensituation, die einige Kinder und Jugendliche erlebt haben. Rettung wird ihm zuteil durch den Schwarzen Außenseiter Jonny Tay. Diese Konstruktion ist ein beliebtes Stilmittel in der weißen US-amerikanischen Literatur und hat ihren Ursprung in der Verklärung der Sklaverei, wo weiße Sklavenhalter Schwarze gezwungen haben, sich um die weißen Kinder zu kümmern. Dadurch erhält die Geschichte einen negativen Beigeschmack.

Kara LaReau: Die unglaublich verrückten Abenteuer der Schnarch-Schwestern

illustriert von Jen Hill, übersetzt von Ingrid Ickler, 176 Seiten, Knesebeck, 13 Euro, ab 10 

Die Zwillingsschwestern Angina und Rauke leben ohne ihre Eltern und verbringen einen komplett unaufgeregten Alltag mit Socken stopfen und aus dem Fester starren, bis sie eines Tages auf das Schiff einer ziemlich zackigen Piratinnen-Bande entführt werden und auf große Fahrt gehen. Der Alltag an Bord ist kein Zuckerschlecken – es heißt vor allem viel Arbeit an Deck und in der Schiffsküche und nett geht es hier auch nicht unbedingt zu. Zum Glück finden sie mit Fetterike und Holzbein-Heidi bald sympathische Verbündete, die ebenfalls keinen so guten Stand bei der restlichen Crew haben. Mit gewitzten Ideen verhelfen die beiden Schwestern den Erwachsenen zu mehr Selbstwertgefühl und wirbeln das Geschehen an Bord gut durcheinander. Damit weht der Wind plötzlich aus einer ganz anderen Richtung und auch die verschwundenen Eltern könnten wieder auftauchen.  

Das sagt die Kinder-Jury:

Nach kurzen Startschwierigkeiten aufgrund der bestens nachvollziehbaren Langeweile zu Beginn entwickelte sich die Geschichte zum regelrechten Renner. Das Gekicher ob der lustigen Namen, der durchaus fiesen Abenteuer und schrägen Illustrationen war groß. Gleichwohl wurde der durchaus ernste Kern um das Thema Mobbing von den Kindern sensibel erfasst. Besonders mochten sie die knapp erklärenden Einführungen in jedes Kapitel und dass die mit positiven Charaktereigenschaften besetzten Protagonistinnen, die aufgrund ihrer Körperformen und -behinderung im Buch Ausgrenzungserfahrungen machen, am Ende der Geschichte siegreich hervorgehen. Und überhaupt ein ganzes Piratinnenschiff – das gab es noch nie! 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein ungewöhnlicher Plot:  Zwei Mädchen, die jahrelang ohne ihre Eltern leben und dann in ein Piratinnenabenteuer stolpern. Erzählt wird ein ernstes Thema in einem besonderen humoristischen Stil – humorige Namen, groteske Situationen und witzige Illustrationen. Auf uns wirkten die Charaktere etwas holzschnittartig und manche Überzeichnungen doch etwas klischeehaft.  

Thomas Engelhardt & Monika Osberghaus: Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

illustriert von Susann Hesselbarth, 92 Seiten, Klett Kinderbuch, 14 Euro, ab 8

Eine spannende Krimigeschichte endet auch für Kinder im besten Fall damit, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird und die Verantwortlichen im Gefängnis landen. So weit, so gut. Aber dann? Was passiert in einem Gefängnis? Wie sieht es dort aus? Wie lebt es sich dort? Diesen Fragen sind Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt in monatelangen Recherchen und Interviews nachgegangen. Ein erzählendes Sachbuch ist entstanden. Erzählend, denn es geht einerseits um Sina, ihre Mutter und besonders ihren Vater, der einen Raubüberfall begangen hat und dafür einsitzen muss. Abwechselnd werden ihre Sicht auf die Dinge, ihre Gefühle, die großen Nöte wie die kleinen Freuden geschildert. Andererseits handelt es sich um ein Sachbuch, denn immer wieder gesellt sich zur besonderen Familiengeschichte eine Faktenebene, die anschaulich und nichts beschönigend, dennoch kindgerecht den Weg vom Verbrechen, über das Gerichtsverfahren, die Haftzeit und die Wiedereingliederung danach beschreibt. Das ungewöhnliche Thema ist sachlich wie emotional genau und detailreich ausgeleuchtet.

Das sagt die Kinder-Jury:

Das Buch wurde recht unterschiedlich aufgenommen: Manchen Kindern gefiel die Erzählebene besser. Denn mit Sina hatten sie dort eine Figur, mit der sie sich gut identifizieren und in deren Geschichte sie sich leicht hinein fühlen konnten. Andere waren eher von der Faktenebene mit ihren Schautafeln und Sachinformationen gefesselt. Einige Kinder fanden den Wechsel der Erzähleben aber auch ein wenig verwirrend. Interessant und lehrreich war es für alle Kinder ganz unabhängig von den Erzähl-Ebenen. Denn sie wussten vorher kaum etwas über den Alltag in einem Gefängnis und wie sich dieser auf eine Familie und somit eben auch auf das Leben vieler Kinder auswirken kann.

Das sagt die Erwachsene-Jury:

Erzählendes Kinderbuch und Sachbuch in einem, hier gelingt den Autor*innen ein großer Wurf! Aus der Kinderperspektive wird einfühlsam geschildert, wie es Sina damit geht, dass ihr Papa für einige Jahre ins Gefängnis muss, worunter sie leidet und was ihr Freude und Zuversicht gibt. Dabei bleibt die ethische Diskussion über den vom Vater begangenen Raubüberfall und seine Spielsucht außen vor. Damit wäre das Buch sicherlich überfrachtet gewesen. Die ansprechenden, in hellen Tönen gehaltenen Illustrationen im Comic Stil tragen dazu bei, dass der Inhalt nicht zu schwer und bedrückend wirkt. Altersgerecht und sehr informativ wird Wissen zum Thema präsentiert, das sicherlich auch für einige Erwachsene interessant ist. 

Astrid Frank: Uli Unsichtbar

illustriert von Regina Kehn, 96 Seiten, Verlag Urachhaus, 14 Euro, ab 7

Als E-Book erhältlich 

Uli zieht mit seinen Eltern in eine neue Stadt. Er ist vor allem traurig, seine Großeltern nun nicht mehr regelmäßig sehen zu können. Doch es sind große Ferien und im selben Wohnhaus findet er rasch Anschluss an die Nachbarskinder, mit denen er einen wunderbaren Sommer im Freibad verbringt. Eigentlich ist es doch gar nicht so schlecht im neuen Zuhause – bis die Schule beginnt. Denn als er sich dort seiner neuen Schulklasse vorstellt, verhaspelt er sich stotternd vor lauter Aufregung bei seinem Namen und wird von allen nur noch U-u-uli gerufen. Auch die Schwimmbadfreundschaften erweisen sich als wenig hilfreich und Uli wird mit jedem Tag mehr zum gemobbten Außenseiter. Bis ein Mädchen namens Uli neu in die Klasse kommt und sich mutig auf seine Seite stellt.

Das sagt die Kinder-Jury:

Das Cover hat den Kindern sehr gut gefallen, weil es viele verschiedenartige Kinder zeigt und das Thema „Ausgrenzung“ bereits darstellt bzw. vorab auf die Thematik vorbereitet. Die Geschichte des schüchternen Uli ist spannend erzählt und bildet die Wirklichkeit und vor allem die Dynamik einer Gruppe, die sich gegen eine*n Einzelne*n stellt gut ab. Die Auflösung des Konfliktes und auch das dem Buch beiliegende Poster, das die neuen Regeln zum gemeinsamen Umgang in Ulis Klassengruppe auflistet, kannten einige Kinder so ähnlich aus ihrem Schulalltag. Insofern empfanden sie ihre Lebensrealität glaubwürdig wieder gespiegelt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein Buch zu einem wichtigen Thema. Glaubwürdig wird die Gruppendynamik, die für Mobbing charakteristisch ist, dargestellt. Wünschenswert wäre gewesen, der Bewältigung und dem Prozess der Aufarbeitung am Ende mehr Raum zu geben. Nützlich ist das beigefügte Plakat mit Regeln, die dazu beitragen können, Mobbing zu verhindern.

Marguerite Abouet & Mathieu Sapin: Akissi. Auf die Katzen, fertig, los!

übersetzt von Ulrich Pröfrock, 96 Seiten, Reprodukt, 18 Euro

Akissi lebt mit ihren Eltern, ihrem großen Bruder Fofana und ihrer großen Schwester Victorine in der ivorischen Metropole Abidjan. Was sie hier alles erlebt, wird in 14 kurzen Comic-Geschichten erzählt: Akissi verfolgt gemeine Katzen, die ihr den Fisch für Tante Victo abgeluchst haben, macht sich große Sorgen, als ihre kleiner Affe Bubu verschwindet und findet heraus, dass sich Bandwürmer hervorragend eignen um ihren Bruder zu ärgern. Sie holt sich Läuse bei einer Freundin um in Zukunft eine praktische Kurzhaarfrisur tragen zu können und versucht die kleine Maus, die eines Nachts im Kinderzimmer auftaucht, als Kuscheltier zu adoptieren. Nicht immer geht es gut aus für Akissi, doch davon lässt sie sich nicht beirren. Auch wenn ihre Mama ab und an mit dem Kopf schüttelt und ihr Bruder sich manchmal wünscht, seine kleine Schwester irgendwo zu verlieren: Akissi geht ihren Weg. 

Das sagt die Kinder-Jury:

„Das ist so witzig!“, war die einhellige Meinung der Kinder nach der Lektüre. Das Lesen der Comic-Strips machte den Kindern großen Spaß und sie fanden es toll, in dem Buch viele verschiedene Geschichten über Akissi zu finden. Auch die kolorierten Zeichnungen von Mathieu Sapin wurden positiv hervorgehoben. Sehr bemerkenswert fanden die Kinder, dass alle Personen in der Geschichte Schwarz sind und die Geschichten den Alltag eines Kindes an der Elfenbeinküste zeigen. Die Kinder konnten sich nicht erinnern, dies aus anderen Büchern zu kennen. Besondere Freude kam auch bei der Wahl der Hauptfigur auf: Akissi ist ein Mädchen – und zwar ein freches Mädchen, das sich nichts sagen lässt!  

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Das ist rar auf dem hiesigen Buchmarkt: Akissi, sozusagen “die kleine Schwester” der erfolgreichen Comic Serie Aya aus Youpogon, ein äußerst witziger Comic angesiedelt am Stadtrand der westafrikanischen Metropole Abidjan! Akissi ist ein aktionsstarkes, ein unabhägiges und entscheidungsmutiges „anarchistisches“ kleines Schwarzes Mädchen. Kreativ und unerschrocken händelt Akissi die Herausforderungen ihres Alltags und gewährt uns einen authentischen Einblick in das Leben einer ivorischen Mittelschichtsfamilie. Akissi ist super chaotisch und dennoch selbstbewusst. Sie hat kein Interesse, dass andere über sie reden oder bestimmen. Weder ihren etwas größeren Bruder Fofana, noch seine Runde von gleichaltrigen Jungen – die sie zu klein finden, um mit ihr in der Nachbarschaft herumzuziehen, noch die Erwachsenen Zuhause und in der Schule sollen bestimmen, was Akissi nicht machen kann – sie will viel lieber mitmischen! In den kurzen Episoden des Kindercomics sprüht Akissi geradezu vor Ideen, die meisten davon können aber als ‚folgenreich’ bezeichnet werden. Akissi handelt dabei solidarisch, in vielen Fällen aber sehr kurzsichtig. Sie wirkt jedes Mal erneut eiskalt von ihren Fehlern und deren Konsequenzen erwischt. Akissi und ihre Mutter handeln beide auf ihre je eigene Art humorvoll. Ihr Umgang mit der Aushandlung von Freiräumen für Akissi, aber auch mit den Konsequenzen von Akissis Aktionen ist augenzwinkernd partnerinschaftlich. Insgesamt ist die Kinderwelt, in der Akissi sich selbst und ihre Umgebung handelnd erschließt, sehr stark geprägt von intensiven, gemeinsamen Aushandlungen unter den Kindern selbst. Es ist eine Welt voller selbstverwalteter Kinderfreundschaften. Sowohl die Mädchen als auch die Jungs, sowohl kleinere als auch ältere Kinder werden aushandlungsstark gezeichnet. Sie bringen ihre Vorstellungen, Ideen und Wünsche ein und streiten gegebenenfalls darüber, wie sich diese umsetzen lassen. Viele Rezensionen im europäischen Raum bezeichnen Akissis Lebenswelt als „Dorf“, respektive „Village“. Dabei zeigt Akissi selbst im Glossar am Ende des Comics auf die Landkarte. Sie zeigt auf Abidjan mit ihrer gewohnten eindringlichen Ansprache: „GENAU HIER! HIER WOHNE ICH!“. Das macht die Vielschichtigkeit dieser Graphic Novel aus, sie ist tiefgründig und durchdacht, ohne belehrend zu wirken. Sie zeigt Möglichkeiten auf anstatt sie vorzuschreiben. Sie ist „unapologetically African“, ganz selbstverständlich und selbstbewusst afrikanisch. Eine wunderschöne und kraftvolle Darstellung einer facettenreichen Normalität in afrikanischen Gesellschaften.