Jan von Holleben & Jörg Isermeyer & Arne Jørgen Kjosbakken: Meine wilde Wut

30 Seiten, Beltz & Gelberg,  12,95 €, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Kinder of Color

Der KIMI-Faktor:
Das Buch setzt sich mit kindlichen Gefühlen rund um das Thema Wut auseinander – und wertet dabei nicht.
Die Charaktere sind recht vielfältig, es gibt Kinder of Color.
Mädchen werden als aktive Charaktere gezeigt. Auf das Klischee “Mädchen sind zickig” wurde verzichtet.

Inhalt:
Schon das Cover stellt „Wut“ anschaulich dar: wir sehen ein Kind mit wütendem Gesicht, aus dem Kopf lodern verschiedene Gegenstände in Gelb und Rot. Die folgenden Seiten zeigen fantasievolle Fotomontagen von Kindern verschiedener Hauttöne in typischen Situationen, die wütend machen (können): beim Streit um einen Teddybären, wenn etwas nicht gelingt, weil es zu schwer ist oder wenn Papas Aufmerksamkeit beim Handy liegt und nicht beim Kind.

Assoziative Texte laden dazu ein, mit Kindern über Wutanfälle ins Gespräch zu kommen. Ob dieses Fotobuch bewusst aus dicker Pappe produziert ist, damit es auch kindliche Wutanfälle aushält?

Das sagt die Kinder-Jury:
Die Reaktionen auf das Buch waren sehr unterschiedlich: Einigen Kinder haben vor allem die Bilder gefallen, sie konnten sich mit den dargestellten Emotionen identifizieren, haben die Verhaltensweisen nachgeahmt – stampften mit dem Fuß, guckten grimmig – und wollten das Buch unbedingt für die Kita anschaffen.
Andere Kindern viel es schwer, einen Zugang zum Buch zu finden, weil die Texte für sie nicht verständlich waren und sich ihnen der übertragene Wortsinn nicht erschlossen hat. Die Bildbetrachtung ohne den Text hat dann aber auch diese Kinder zu Gesprächen über Gefühle angeregt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die Fotos sind sehr ausdrucksvoll und stark, es gibt gleich viel männlich wie weiblich zu lesende Charaktere und es gibt Kinder of Color – leider fehlen Kinder mit weiteren Vielfaltsmerkmalen. Auch beim Thema Geschlechterrollen hätten sich die Macher ruhig mehr trauen können: Ein Mädchen wird mit zerdeppertem rosa Geschirr gezeigt, ein Junge mit Autos, Lichtschwert, technischen Geräten und groben Arbeitshandschuhen. Mädchen haben lange Haare, tragen rosa oder rot-geringelte Kleidchen oder T-Shirts, Jungs tragen typische Jungenkleidung.
Es gibt keine Kinder, deren Geschlecht nicht eindeutig zuzuordnen ist.
Die Texte haben uns zum Teil ratlos zurückgelassen: “Hunger brennt, Wut raucht, wenn Mama nicht rennt, Kind faucht.” Muss Mama jetzt rennen?
Nicht nachvollziehbar für uns ist das Gedicht „Die fliegende Roberta“ am Ende des Buches. Hier wird der Versuch unternommen, das Gedicht „Der fliegende Robert“ aus dem Struwwelpeter“ umzudeuten in einen Akt der Befreiung. Dies ist immer problematisch, weil auf diese Weise auch das ursprüngliche Setting mit all seinen negativen Implikationen wieder ins Bewusstsein gerufen wird.
Vielleicht wäre das Buch ohne Text sogar besser und Kinder könnten den Situationen Worte aus eigener Erfahrung geschöpft schenken.

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Jason Reynolds: Patina. Was ich liebe und was ich hasse

übersetzt von Anja Hansen-Schmidt, 256 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook (dtv/Reihe Hanser) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Vielfaltmerkmale: People of Color, soziale Benachteiligung

Der KIMI-Faktor: Die Hauptfigur der spannend erzählten Coming-of-Age-Geschichte ist ein heranwachsendes Schwarzes Mädchen, das früh Verantwortung für seine Familie übernehmen muss. Patinas Ängste und Sorgen stehen dabei beispielhaft für die Unsicherheiten sozial benachteiligter Jugendlicher und People of Color.

Patina rennt. Sie rennt für ihre Mutter, die durch eine Diabeteserkrankung beide Beine verlor. Nicht der erste Schicksalsschlag, den Patina erleben musste. Zuvor verstarb bereits ihr Vater und da ihre Mutter sich nun auch nicht mehr um die beiden Töchter kümmern kann, leben Patina und ihre kleine Schwester bei ihrem Onkel und ihrer Tante. Diese geben ihnen ein liebevolles Zuhause und ihre Mutter besuchen sie regelmäßig. Dennoch fällt es Patty schwer, die Verantwortung für ihre kleine Schwester abzugeben. Auch in der neuen Schule fühlt sie sich fremd und bleibt auf sich gestellt. Nur in ihrem Laufteam fühlt sie sich wohl. Durch ihren großen Ehrgeiz steht sie sich jedoch auch hier im Weg und vergisst dabei sogar ihre Mannschaft. Ihr Trainer bringt sie schließlich dazu, am Staffellauf teilzunehmen – eine Sportart, bei der man sich auf andere verlassen muss.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

: Dass die jugendlichen Protagonist*innen krasse Schicksäle erfahren, war ein erstes Fazit aus der Jugendjury. Die einschneidenden Erfahrungen von Patina und Ghost berührten und ihre Geschichten wurden von den Jugendlichen gerne verfolgt. Es fiel ihnen nicht schwer, mit den beiden Protagonisten mitzufühlen. Trotz der vielen schweren Themen, die beide Bücher enthalten, empfanden die Jugendlichen Reynolds‘ Schreibstil als einfach und gut besbar. Die Schicksale von Ghost und Patina über den Laufsport zu verbinden ist ungewöhnlich. Es bleibt spannend, welche Geschichten sich hinter den anderen beiden neuen Mannschaftsmitgliedern verbergen. Auch von außen überzeugte Jason Reynolds‘ Reihe die Jugendjury: Eine coole Covergestaltung, die super zum Inhalt passt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die ersten beiden Bände dieser vierteiligen Reihe überzeugen durch die flotte Sprache und die vielschichtigen Porträts der Charaktere. Reynolds gelingt es, authentisch die Perspektive Schwarzer Jugendlicher aus der den USA wiederzugeben, die alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen leben. Anschaulich vermittelt das Buch ihre Sorgen und Kämpfe, aber auch ihre Hoffnungen. Spannend und mit einer Prise Humor erzählen die beiden Bände auch von Widerstandsgeist und der Kraft der Solidarität. Patinas Geschichte zeigt den Leser*innen, dass es sich lohnt, Vorurteilen und Klischees zu misstrauen. Freundschaften können unerwartet über ethnische und soziale Trennlinien hinweg entstehen – und dann wird die „blonde Langhaarzicke“ zur überraschenden Mitstreiterin…

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Martin Muser: Kannawoniwasein! Manchmal muss man einfach verduften

176 Seiten, Carlsen, 12 Euro, ab 10 Jahren

Auch als E-Book (Carlsen) und Hörbuch (Hörbuch Hamburg) erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Geschlechterrollen, Familienkonzept, gegen Adultismus

Der KIMI-Faktor:
Die Geschichte ist ein klares Signal gegen Adultismus: Erwachsene üben Entscheidungsmacht aus gegenüber Kindern – und liegen damit jedes Mal falsch. Die beiden kindlichen Hauptcharaktere beschließen, sich gegen die Vorschriften und Pläne des Schaffners, der Polizei, der Fast-Food-Verkäuferin usw. zu verhalten – und treffen in den meisten Fällen gut überlegte eigene Entscheidungen. Natürlich ist das Buch eine fantasievolle Geschichte und keine Tatsachenbeschreibung und manche Situation wäre im wahren Leben möglicherweise weniger glimpflich verlaufen: Dabei bleibt es trotzdem ein Mut-Mach-Buch für Kinder, Verbote und Gebote von Erwachsenen zu hinterfragen.
Geschlechterklischees werden ganz selbstverständlich über den Haufen geworfen: Jola ist die mutige Draufgängerin, Finn eher sensibel und zurückhaltend.
Auch verschiedene Familienkonzepte werden sehr authentisch beschrieben, Finns Eltern sind getrennt, Jolas Eltern sind verheiratet und wenden bei ihrer Tochter einen strengen Erziehungsstil an, was Jola immer wieder erzählt, negativ sieht und in Frage stellt.
Menschen mit Migrationshintergrund dürfen in einer Geschichte in und um Berlin nicht fehlen: So stammt Jolas Familie ursprünglich aus Polen und der Freund von Finns Mama heisst Mukhtar – und lässt einen möglichen Migrationshintergrund erahnen, ohne dass dies zum Thema gemacht wird.

Inhalt:
Der neunjährige Finn pendelt zwischen den Wohnorten seiner getrennt lebenden Eltern – zwischen Berlin und einem brandenburgischen Dorf. Zum ersten Mal soll er die Strecke allein mit dem Zug fahren. Ein bisschen mulmig ist Finn schon, aber eigentlich freut er sich, dass Papa ihm zutraut, die Bahnfahrt alleine zu schaffen. Und was soll auch schon passieren: Papa setzt ihn in den Zug und Mama wird ihn Berlin Hauptbahnhof am Bahnsteig abholen.
Aber dann geht eben alles doch gehörig schief: Auf der Fahrt

wird er von dem sonderbaren Mitreisenden „Hackmack“ in ein Gespräch verwickelt, der Finn schließlich seinen Rücksack klaut: Mit allem, was Finn benötigt – der Fahrkarte, dem Handy, Papas Spezialstullen gegen plötzlichen Hunger und noch mehr.
Als der verzweifelte Finn vom Schaffner kontrolliert wird, wirft dieser Finn aus dem Zug und übergibt ihn der Polizei. Als das Polizeiauto in einen Unfall verwickelt wird, lernt Finn die zehnjährige Jola kennen, die ihm den Rat gibt, es sei besser zu “verduften”.
Und jetzt nimmt die Geschichte so richtig Fahrt auf und wird zur abenteuerlichen Roadnovel: Finn und Jola hauen ab und machen sich gemeinsam auf den Weg in die “Tzitti”.
Sie verstecken sich in einem Müllcontainer, fahren Traktor, bis der Diesel ausgeht, schlafen im Wald, treffen auf einen Wolf und Motorrad-Rocker – und schließlich bekommen sie sogar Finns Rucksack zurück und es gibt ein tolles Happy End in Berlin.
Rasant, komisch, aber durchaus tiefgründig. Es stellt sich heraus, dass wahr ist, was viele Kinder schon immer vermuten: Es sind schon hauptsächlich die Erwachsenen, die die Probleme bereiten und falsche Entscheidungen treffen.
Jola und Finn sind keineswegs überzogenene Held*infiguren, sondern einfach zwei Kinder, die den Mut haben oder sich nehmen, den Aufgaben und Problemen, die sich ihnen stellen, den Kampf anzusagen. Dabei ist Jola durchaus die mutigere von den beiden und Finn eher zurückhaltend und nachdenklich.
Ein Roman, der die Leser*innen in die Freiheit mitnimmt.

Das sagt die Kinder-Jury:
Mit was für großer Begeisterung wurde dieses Buch gelesen! Noch beim Nacherzählen und Austauschen wurde viel gelacht. Die Kinder fanden die Geschichte von Jola und Finn spannend und vor allem lustig erzählt. Sie konnten sich sowohl in die selbstbewusste und abenteuerlustige Jola, als auch in den etwas schüchternen Finn gut hineinversetzen. Dass dies so gar nicht den gängigen Geschlechterrollen und Klischees entspricht, nahmen die Kinder ganz selbstverständlich an. Martin Musers erzählerische Beiläufigkeit machte es den Kindern leicht, dies wie auch andere Vielfaltsaspekte als die normalste Sache der Welt bzw. einfach die alltäglichen Lebensumstände anderer Kinder anzusehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Mit viel Situationskomik wird der abenteuerliche Roadtrip zweier Kinder erzählt. Von den Erwachsenen anfangs im Stich gelassen, setzen sie sich couragiert über Verbotenes hinweg und meistern so knifflige Situationen. Unterwegs treffen sie immer wieder für sie auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Menschen, die ihnen selbstverständlich zur Seite stehen. Ein Kinderbuch voll Witz, das zeigt, dass sich ein gewisses Maß an Chuzpe bewährt und dass ein kreativer Umgang mit Regeln durchaus sinnvoll sein kann. Ganz selbstverständlich wird hier mit Geschlechterklischees gespielt, wenn Jola den Ton angibt und Finn sich noch überwinden muss, den Mut für manche schwierige Situation zu entwickeln.

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Malala Yousafzai & Kerascoët: Malalas magischer Stift

übersetzt von Elisa Martins, 48 Seiten, NordSüd, 16 Euro, ab 5 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Klassismus, Armut, People of Color, Geschlechterrollen

KIMI-Faktor:
Das Buch schafft es, harte Realität mit fantastischen Elementen zu kombinieren – so sind die Themen Armut, Krieg, Geschlechterdiskriminierung an sich sehr schwer für Kinder, in dem Zusammenspiel mit Malalas magischem Stift aber zu ertragen.

Inhalt:
Malala Yousafzai ist mittlerweile weltbekannt als Aktivistin für die Rechte von Kindern, besonders für die von Mädchen.
In diesem Buch erzählt sie in Ich-Form von ihrer Kindheit in Pakistan. Sie erinnert sich, wie sie sich, angeregt durch eine Fernsehserie, einen magischen Stift wünschte, um eine friedvolle Welt zu schaffen ohne Unterdrückung und Ausbeutung.

Erschrocken erkennt Malala, dass in ihrem Land nicht alle Mädchen zur Schule gehen können, sondern stattdessen für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen müssen.
Mit der Herrschaft der Taliban ändert sich auch Malalas Leben. Viele ihrer Mitschülerinnen wagen es nun nicht mehr, zur Schule zu gehen.
Malala entdeckt ihren tatsächlichen magischen Stift: Sie schreibt einen Blog über ihre Angst, über ihre Leidenschaft fürs Lernen und über die Gewalt der Taliban gegen die Menschen. „Ich sprach für all die Mädchen in meinem Tal, die nicht für sich selbst sprechen konnten.“ Weltweit werden Menschen auf sie aufmerksam. Sie wird zu einem Symbol des Widerstands. Ungebrochen kämpft Malala weiter, sie ist überzeugt: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern.“
Die Illustrationen des Buches sind comic-artig und lassen die Betrachtenden einen realistischen Einblick in Malalas Welt und Umgebung in Pakistan gewinnen – auch die Armut mancher Menschen wird ungeschönt dargestellt. Die mit dem magischen Stift gezeichneten Wünsche heben sich Bronzefarben von den Illustrationen ab – so vermischen sich auf schöne Weise Wirklichkeit und Wunschdenken.
Auf den letzten Seiten des Buches gibt es ein Nachwort von Malala und eine kurze Biografie, in der auch das Attentat der Taliban auf sie beschrieben wird – im Bilderbuchbereich wird dieses Detail nur angedeutet.

Das sagt die Kinder-Jury:
Für die Kinder war schwer nachzuvollziehen, dass Mädchen nicht das Recht haben, zur Schule zu gehen. Einige fanden die „bösen Männer“ sehr angsteinflößend, sie konnten nicht verstehen, wieso sie „keiner einsperrt“. Die angesprochenen Themen Armut, Hunger, Krieg, Diskriminierung sind sehr komplex für diese Altersgruppe.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Die beeindruckende Geschichte eines heldenhaften Mädchens wurde von dem Künstlerpaar Kerascoët zauberhaft illustriert.
Malalas herausragende Tapferkeit inspiriert. Sie beweist, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit möglich ist. Dieses Buch macht Mut, sich einzusetzen für eine gerechtere Welt, im Großen und im Kleinen.
Möglicherweise ist das Buch eher für Kinder im Grundschulalter geeignet.

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Jenny Westin Verona & Jesύs Verona: Kalle und Elsa. Ein Sommerabenteuer

32 Seiten, Bohem, 16,95 Euro, ab 3 Jahren

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Geschlechterrollen, vielfältige Körperformen

KIMI-Faktor:
In dem Buch geht es um starke Kinder, die beiden handeln eigeninitiativ, die Erwachsenen spielen kaum eine Rolle. Die Kinder sind divers in Bezug auf Hauttöne und Geschlechterrollen: Elsa ist mutig und initiativ, Kalle darf weinen und sich trösten lassen.

Inhalt:
Kalle und Elsa fahren zusammen mit Elsas Eltern an den Strand. Dort wollen sie das tiefste Loch der Welt graben. „Wir bauen eine Falle!“ freut sich Elsa. Sie finden die beste Stelle für die Falle und fangen an zu graben. Die beiden überlegen, welche Tiere sie fangen möchten und die Seite wird fantasievoll bevölkert von einem Löwen, einem Katzenhai und einem Seelöwen.

Sie erleben wilde Abenteuer im Meer: Bauen am Strand eine Burg aus Sand, Seeigeln und Seeanemonen und wehren sich gegen den Tintenfisch mit den tausend Armen, der ihre meterhohe Burg zerstören will. Doch als Elsa Kalle aus Versehen weh tut, weint Kalle und Elsa rennt weg. Mit Hilfe des Seehunds, der Kalle tröstet, überwinden sie diese schwierige Situation und Elsa kann sich bei Kalle entschuldigen – und die gemeinsamen Abenteuer können weitergehen.

Das sagt die Kinder-Jury:
Alle Kinder hörten konzentriert zu und haben die Geschichte verstanden. Der Text wurde von einigen Kolleg*innen ins Türkische übersetzt, damit es die Kinder mit türkischer Erstsprache besser verstehen können. Doch allein die Bilder sind sehr sprachanregend und die Kinder haben viel dazu erzählt. 
Der dreijährige Julian hört aufmerksam zu und sagt auf die Frage, wie er das Buch findet: „Die Seite mit dem Tintenfisch und den Hai mag ich nicht. Ich habe Angst.“ Trotzdem möchte er das Buch für seine Kindergruppe haben, sein Freund Amadou auch. Sie verstehen noch nicht, dass die Bilder die Phantasie von Elsa und Kalle widerspiegeln. Sie glauben, dass alles genauso passiert, wie es im Buch steht. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Ein Kinderbuch, in dem Vielfalt beiläufig auftaucht, ohne problematisiert zu werden. Beide Protagonist*innen haben unterschiedliche Hauttöne, auch die Geschlechterrollen sind nicht stereotyp. Im Vordergrund steht ein Tag am Strand, wir erleben die Perspektive der Kinder, in der Wirklichkeit und Phantasie verschwimmen. Die detailreichen, farbenprächtigen Illustrationen machen Lust, das Buch anzugucken und regen dazu an, ins Gespräch zu kommen. 

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Jason Reynolds: Ghost. Jede Menge Leben

übersetzt von Anja Hansen-Schmidt, 224 Seiten, dtv/Reihe Hanser, 14,95 Euro, ab 12

als eBook (dtv/Reihe Hanser) und Hörbuch (Hörcompany) erhältlich

Ghost ist schnell. Das rettete ihm in seiner Kindheit das Leben, als er vor seinem Vater davonrannte, der ihn und seine Mutter erschießen wollte. Der Gedanke, Laufsport zu betreiben, kam ihm nie in den Sinn. Zufällig gerät er jedoch in die Aufnahmeprüfung einer Laufmannschaft und der Trainer überzeugt ihn, dem Team beizutreten. Bis dahin war Ghosts Leben vor allem eins: schwierig. Seine Mutter und er haben wenig Geld, in der Schule wird er wegen seiner Klamotten ausgelacht und er reagiert darauf, indem er Mist baut. Durch den Einfluss des Trainers verändert sich Ghosts ganzes Leben und das Laufen beginnt ihm zu gefallen. Überraschenderweise findet er Halt bei den anderen neuen Mitgliedern der Mannschaft. Lu, Patty, Sunny und Ghost unterstützen sich gegenseitig und schon bald steht der erste Wettkampf an. Ghost geht in seinem neuen Mannschaftstrikot an die Startlinie, seine Mutter sitzt stolz im Publikum und Ghost möchte jetzt nur noch eins: Gewinnen!

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Dass die jugendlichen Protagonist*innen krasse Schicksäle erfahren, war ein erstes Fazit aus der Jugendjury. Die einschneidenden Erfahrungen von Patina und Ghost berührten und ihre Geschichten wurden von den Jugendlichen gerne verfolgt. Es fiel ihnen nicht schwer, mit den beiden Protagonisten mitzufühlen. Trotz der vielen schweren Themen, die beide Bücher enthalten, empfanden die Jugendlichen Reynolds’ Schreibstil als einfach und gut zu lesen. Die Schicksäle von Ghost und Patina über den Laufsport zu verbinden ist ungewöhnlich. Es bleibt spannend, welche Geschichten sich hinter den anderen beiden neuen Mannschaftsmitgliedern verbergen. Auch von außen überzeugte Jason Reynolds’ Reihe die Jugendjury: Eine coole Covergestaltung, die super zum Inhalt passt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die ersten beiden Bände dieser Trilogie überzeugen durch die flotte Sprache und die vielschichtigen Porträts der Charaktere. Reynolds gelingt es, authentisch die Perspektive Schwarzer Jugendlicher aus der den USA wiederzugeben, die alle in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen leben. Anschaulich vermittelt das Buch ihre Sorgen und Kämpfe, aber auch ihre Hoffnungen. Spannend und mit einer Prise Humor erzählen die beiden Bände auch von Widerstandsgeist und der Kraft der Solidarität.

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Baptiste Paul & Jacqueline Alcántara: Das Spiel

übersetzt von Thomas Bodmer, 32 Seiten, NordSüd, 15 Euro, ab 4 

Vielfaltsmerkmale: Gelebte, lebendige Mehrsprachigkeit im gemeinsamen freundschaftlichen Alltag der Kinder

Kimi-Faktor: Mehrsprachige Bücher, die Sprachmischungen als gelebte selbstverständliche Sprachpraxis zeigen

Von der Einbandgestaltung bis zur letzten Seite ist dieses Buch in Bewegung. In kräftigen Farben gezeichnet rennen Kinder einem Ball hinterher, Kühe stehen auf der Weide, selbst gebastelte Tore werden aufgestellt. Mädchen und Jungen spielen mit vollem Körpereinsatz auf einer Wiese Fußball. Die Kinder sind ein gutes Team, auch als der Regen einsetzt und die Wiese in Schlamm verwandelt, spielen sie weiter, bis die Mütter zum Abendessen rufen. Die Illustratorin setzt mit kräftigem und bewegtem Pinselstrich die Geschichte, die auf einer der karibischen Inseln spielt, um. Der Text sowie einzelne Wörter wirken wie in die Bilder „hineingeworfen“ und unterstützen so die Bewegung der Geschichte. Deutsche und kreolische Wörter stehen nebeneinander und werden miteinander gelesen, so dass ganz nebenbei in beiden Sprachen gelesen wird. „Shoo! Weg da!“ ruft ein Kind den Kühen zu und „Annou ale! Los!“ rufend, schiebt ein anderes die Ziege zur Seite. 

Dieses Bilderbuch zeigt: es braucht nicht viel, um einen guten Tag zu haben. Freund*innen, einen Ball und Platz zum Spielen. Die Geschichte lässt eine*n mitfiebern. Es spielen Kinder unterschiedlichen Alters, Mädchen und Jungen. Das Geschlecht ist nicht wichtig, es wird nicht genannt. Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es nicht viele zweisprachige Bücher mit der französisch-kreolischen Sprache. Manche Wörter klingen vertraut und erinnern an französische, englische oder türkische Wörter. Im Glossar finden sich ein Text des Autors über seine Kindheit auf einer der karibischen Inseln, die Aussprache der Wörter und die deutsche Übersetzung. 

Das sagt die Kinderjury: 

Alle Kinder waren begeistert von dem Buch! „Wir sind in die Halle gegangen, als es geregnet hat. Wir haben nicht draußen weitergespielt.“ sagt Ella, 4 Jahre alt. Die anderen erzählen vom Fußball spielen und sind aufmerksam dabei. Sie lassen sich von den Ausrufen anstecken und gemeinsam rufen wir: „Vini! Komm!“ und lernen „Bol“ – Ball, „Soulye“ – „Schuhe“, Goal – Tor.“ 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Ein wunderbares Buch, eindrucksvoll illustriert. Ein Buch vor allem auch zum gemeinsamen Angucken. Jede*r im Buch kann mitspielen, es geht weniger um Gewinnen als um Freude an der Bewegung, was allen deutlich anzusehen ist. Besonders gut hat uns auch gefallen, dass Wörter aus dem französischen Patois in den Text eingefügt sind, einer Sprache, die sonst im hiesigen Kinderbuch nicht auftaucht. 

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Rüdiger Hansen & Raingard Knauer: Leon und Jelena – ein Name für den Fisch

32 Seiten, Bertelsmann Stiftung, 3 Euro, ab 4 Jahren
Auch als e-Book erhältlich

Vielfaltmerkmale:
People of Color, Geflüchtetenhintergrund

KIMI-Faktor:
Das Buch thematisiert das Leben geflüchteter Kinder in Deutschland, ihr mögliches Bedürfnis nach Sicherheit, indem sie sich die Jacke in der Kita nicht ausziehen wollen. Das Thema Flucht wird eher oberflächlich angedeutet – überfordert so nicht und regt zum Nachfragen an.
Die Kinder in der Kita sind vielfältig im Bezug auf Hautfarben dargestellt, wobei die weißen Kinder zahlenmäßig eindeutig überwiegen.

Eines der zahlreichen Büchlein zu Partizipation in Kindertagesstätten, die Rüdiger Hansen und Raingard Knauer in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung herausgeben. Diesmal stehen die Kinder vor der Frage, welchen Namen der neue Fisch bekommen soll, den die Pädagog*in fürs Aquarium gekauft hat. Die Kinder haben viele Vorschläge, aber welcher davon ist der beste? In der Kinderkonferenz entscheiden sie sich dafür, das arabische Wort für Fisch „samak“ zu nehmen, damit die beiden neu zugewanderten Kinder aus Syrien eine Erinnerung an ihre Heimat haben.

Das sagt die Kinder-Jury:
Die Kinder waren sehr begeistert vom Büchlein. Sara gefielen besonders die bunten Farben, während Bilya mit leuchtenden Augen auf ein schwarzhaariges Kind zeigte: „Das bin ich – und das ist Hatice!“. Aufmerksam hörten die Kinder zu. Der Satz aus dem Buch: „Samak ist das arabische Wort für Fisch“ stieß auf besonderes Interesse und wurde von ihnen eifrig kommentiert. Die Kinder erzählten, was Fisch in ihren Familiensprachen Urdu, Italienisch, Russisch, Bulgarisch bedeutet, nannten die entsprechenden Wörter und versuchten sie nachzusprechen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Leicht verständlich wird anhand einer alltäglichen Situation gezeigt, wie Partizipation auch mit jungen Kindern gelingen kann. Die bunten Illustrationen ergänzen den Text. Die abgebildeten Kinder sind vielfältig in Bezug auf Hauttöne, ein Kind trägt eine Brille, die Mutter der neuzugewanderten Kinder ein Kopftuch. Weitere sichtbare Vielfaltsaspekte gibt es nicht. Kritisch anzumerken ist, dass die neuzugewanderten Kinder als „syrische Kinder“ bezeichnet werden, obwohl ihr Lebensmittelpunkt in Deutschland ist. Auf diese Weise wird ihre Zugehörigkeit unnötigerweise in Frage gestellt.

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Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze

übersetzt von Thomas Bodmer, 44 Seiten, NordSüd, 15 Euro, ab 4 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Vielfältige Wahrnehmungen, vorurteilskritische Sichtweise

Der KIMI-Faktor:
Das Buch regt dazu an, die eigenen Sichtweisen und Perspektiven kritisch zu hinterfragen – und zu erkennen, dass unterschiedliche Betrachter*innen Dinge und Situationen unterschiedlich wahrnehmen können.

Inhalt:
Eine Katze geht durch die Welt. Das Kind sieht die Katze mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten. Es sieht die Katze so, wie wohl die meisten Menschen das Tier sehen. Aber wie sieht die Katze für die verschiedenen Tiere aus? Für die Schlange erscheint sie in grellbunten Farben, das Stinktier sieht sie

schwarz-weiß. Auch Hund, Fuchs, Fisch und Maus sehen die Katze ganz unterschiedlich. Mal gefährlich, mal dick, von oben ganz klein oder riesengroß von unten betrachtet. Es hängt immer von der eigenen Perspektive ab, wie sie gesehen wird, von der Beschaffenheit der Augen und davon, ob sie eine Gefahr darstellt oder als Nahrungsquelle dient. Der Text wiederholt sich und regt so zum Mitsprechen an. Die Abbildung der Katze, die aus den verschiedenen Blickwinkeln der Tiere und des Kindes zusammengesetzt ist, regt zum genauen Nachschauen an, welchen Teil die verschiedenen Tiere gesehen haben. Am Ende werden alle Tiere nochmals aufgezählt.
Und schließlich sieht die Katze sieht sich selbst im See in ihrer ganz eigenen Weise. 

Das sagt die Kinderjury: 
Das Buch kam bei den 4-jährigen gut an. Anfangs war für sie nicht so einfach zu verstehen, warum die Katze immer anders aussieht. Als sie es dann verstanden hatten, machte es ihnen viel Freude, das jeweilige Bild der Katze ganz genau zu betrachten. Auch beschrieben sie die Bilder gerne. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Großflächig und farbenfroh illustriert der Autor, wie verschieden etwas wahrgenommen werden kann und regt zum Nachdenken und Philosophieren über unterschiedliche Perspektiven und Realitäten an. Abhängig von der eigenen Verfasstheit erscheint das Gegenüber unterschiedlich. Und jede Sicht ist richtig. 

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Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären

übersetzt von Ulrike Brauns, 288 Seiten, Dressler, 16 Euro, ab 12

als eBook erhältlich

Sheherazade, deine Worte verändern die Welt! Sie ist 17, lebt in Dänemark, ein Mädchen und die einzige Muslima an ihrer Schule. Sie hat es schwer und ihre Mutter feste Pläne für die Zukunft ihrer Tochter. Zudem wird die Mutter von Tag zu Tag religiöser. Ihr Vater leidet an den Erinnerungen an die Schrecken des Krieges und der Flucht. Schließlich muss er ins Krankenhaus. Das einzige, was Sheherazade hilft zu leben, sind ihre eigenen Worte, ihre Texte, die sie kunstvoll-provokativ mit Bildern verwebt. Und dann ist da zum Glück auch noch Thea. Als zunehmend Vertraute zeigt sie Sheherazade neue Blickwinkel auf das Leben. Und plötzlich hat sie keine Lust mehr zu schweigen, sondern möchte endlich für ihren Willen und ihre Freiheit einstehen. Sprachlich brillant erzählt und angereichert mit collagehaften Bildern einer mutigen Protagonistin.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Kein leichter Einstieg für so manche Leser*in in der Jury, da der Beginn der Geschichte als recht zäh und langweilig erlebt wurde. Dann aber nimmt sie deutlich Fahrt auf und löste starke Gefühle aus: viel Mitgefühl für Sheherezades schwierige Familiensituation, aber auch Wut über die Ungerechtigkeiten, die sie erlebt. Eine empowernde Geschichte, die eventuell Mädchen in ähnlichen Situationen Mut macht, freier zu sein. Besonders das zine-artige Layout bzw. die tagebuchartigen Illustrationen kamen gut an.