KIMI-Siegel 2019 – her mit den Buchvorschlägen!

Nach der Siegelvergabe ist ja sofort schon wieder vor der Siegelvergabe – nämlich der des KIMI-Siegels 2019!
Liebe Verlage, Autor*innen, Illustrator*innen, Bücherliebhaber*innen: Teilt uns mit, welche tollen, spannenden, diskriminierungssensiblen und vielfältigen Kinder- und Jugendbücher 2019 bereits erschienen sind oder noch erscheinen werden.
Ansprechpartnerin für die Juryarbeit ist ab sofort Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert: jury(at)kimi-siegel.de

Bucheinreichungen an:
Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam
z. Hd. Prof. Dr. Sandra Niebuhr-Siebert
Kennwort: KIMI
Hermannswerder 8a
14473 Potsdam


Wir sind schon voller Vorfreude, uns bald durch vielfältige Büchermassen zu wühlen!

Ein Mädchen of Color betrachtet ein Bücherregal.

KIMI 2018 – die ausgezeichneten Bücher

Die erste Siegel-Verleihung

Zum ersten Mal wurde am Donnerstag, den 9. Mai 2019 das KIMI-Siegel für Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur bei einem Festakt in der Werkstatt der Kulturen verliehen.

Das Grußwort zur Veranstaltung sprach Margit Gottstein, Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung beim Berliner Senat, die betonte, wie wichtig das KIMI-Siegel sei und dass es sich eigentlich um eine “überfällige Initiative” handele, um Menschen in ihren Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Die Veranstaltung wurde mit viel Verve und wunderbar kurzweilig moderiert von der Schauspielerin Joana Adu-Gyamfi und Tim Gailus, bekannt aus Timster auf Kika. Über 150 geladene Gäste, darunter Multiplikator*innen aus der pädagogischen Arbeit, Buchhandel und Verlagswesen kamen zur feierlichen Preisverleihung in die Werkstatt der Kulturen nach Berlin.

Aus der Vielzahl an Neuerscheinungen aus dem Jahr 2018 wurden insgesamt 40 Bücher ausgewählt, die Geschichten in vielfältiger, diskriminierungssensibler Weise erzählen bzw. darstellen. Zu den Kategorien gehören das Bilderbuch, das erzählende Kinderbuch und das Jugendbuch. Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit Diskriminierungserfahrungen als Teil der Jurys ist ein wichtiger und entscheidender Aspekt im Konzept des KIMI-Siegels – viele Mitglieder der Jurys nahmen am Festakt teil.

„Wir sind sehr glücklich, dass aus der Idee zum einem Festival für Diversität in Kinderbüchern im Jahr 2018 das KIMI Siegel entstanden ist“, betont Gabriele Koné (ISTA/Fachstelle Kinderwelten), „Damit wird jährlich im Bereich Kinder-und Jugendliteratur ein sichtbares Zeichen für Diversität gesetzt. Wir möchten damit für das Thema sensibilisieren, aber auch zu mehr vielfältiger Literatur verhelfen.“

Die ausführlichen Bewertungen zu allen ausgezeichneten Büchern sind hier auf unserer Website zu finden. Das KIMI-Plakat liegt den kommenden Ausgaben unserer Medienpartner BÜCHERmagazin, Eselsohr und BuchMarkt bei.

Mareike Krügel: Zelten mit Meerschwein

illustriert von Nele Palmtag, 158 Seiten, Beltz & Gelberg, 11,99 Euro, ab 8
Auch als eBook erhältlich.

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Armut, Mobbing, Geschlechterklischees

Der KIMI-Faktor:
Das Buch beschäftigt sich u.a. mit dem in der Kinderliteratur oft vernachlässigten Thema Armut und zeigt den jungen Leser*innen konstruktiv, wie man mit Armutssituationen umgehen kann. Dabei bleibt es authentisch und realistisch: Es gibt keine „Erlösung“ aus, sondern einen guten Umgang mit der Situation. Außerdem zeigt es, dass auch Jungs-Charaktere, die nicht den üblichen Klischee-Merkmalen „stark, durchsetzungsfähig, laut“ entsprechen, tolle Kinderbuchhauptcharaktere sein können, mit denen man sich gerne identifiziert.
Das Thema Trennung der Eltern wird realitätsnah und nicht probematiserend behandelt.

Inhalt:
Endlich Ferien. Sechs lange Wochen. Anton ist 9 Jahre alt und vieles läuft gerade überhaupt nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt, in der Schule wird er von Ben und dessen Clique gemobbt. Außerdem sei der „Welpenschutz“ jetzt vorbei, sagt seine Lehrerin und das Zeugnis hat er sich gar nicht erst angeschaut.
Anton möchte jetzt einfach nur Ruhe. Zum Glück gibt es Meerschweinchen Pünktchen, das Anton tröstet. Leider laufen auch die Ferien nicht wie geplant.

Der Vater sagt den Papa-Sohn-Urlaub ab, weil er arbeiten muss. Mama hat gerade ihre Arbeit verloren und deswegen kein Geld, um zu verreisen – und das Auto ist auch kaputt.
Aber Antons Mutter findet eine Lösung für das Ferien-Dilemma: Zu Fuß sind sie zusammen mit Meerschwein unterwegs zum nächsten Campingplatz. Als der ausgebucht ist, zelten sie kurzerhand (unerlaubt) wild im Wald, was immer wieder zu aufregenden Situationen führt. Anton lernt im Wald ein Mädchen kennen, das auch einiges an innerem Ballast mit sich herum trägt.
Obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie Freunde – und schließlich rettet Anton dem Mädchen sogar das Leben. Und dann ist plötzlich das Meerschweinchen verschwunden und Antons Mutter kommt vom Einkaufen nicht mehr zurück… Eine ungewöhnliche und actionreiche Sommergeschichte, die Kindern Mut macht.
Anton wird in diesen Ferien, die so unschön begannen, selbstbewusster und stärker – ohne sich dabei zum Superhelden zu entwickeln. Anton bleibt Anton, aber fängt an, sein Potential auszuschöpfen.

Am Schluss des Buches wird die Geschichte vom Meerschweinchen Pünktchen, das Prinzessin werden möchte, als Extra abgedruckt. Es ist Antons Einschlafmärchen, das von seiner Mutter jeden Abend im Zelt weitererzählt wird.

Zentrale Themen des Buches sind Trennung der Eltern, Mobbing und Armut.
Außerdem zeigt es, wie ein schüchterner Junge, der es lieber ruhiger mag und Ärger aus dem Weg geht, seinen Weg findet. Kinder, die sich wie Anton viele Gedanken machen und nicht zu den Lauten zählen, können sich wahrscheinlich gut mit dem Hauptcharakter identifizieren.

Das sagt die Kinder-Jury:
Einige Kinder hatten zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzukommen. Sobald dies jedoch überwunden war, wurde das Buch gerne gelesen. Ein besonderes Highlight war das kleine Lese-Extra: ein Meerschweinchen-Märchen am Buchende! 

Die Kinderjury fand es etwas Besonderes, dass ein ängstlicher, ruhiger Junge sich mit einem mutigen und sogar älteren Mädchen anfreundet. Antons familiäre Situation und auch die Mobbing-Thematik wurden von den Kindern zudem als sehr realitätsnah wahrgenommen. 

Große Diskussionen löste jedoch das Wort „Indianer“ aus: Darf ein Buch, welches dieses diskriminierende Wort enthält, das KIMI-Siegel verliehen bekommen? Hier war sich die Jury nicht einig. Letztendlich überwogen jedoch die vielen positiven Merkmale, die der einmaligen Nennung des Wortes gegenüberstehen. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
“Zelten mit Meerschwein” zeigt, dass es möglich ist, unterhaltsame Bücher zu schreiben, mit einem Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht die Kriterien für “supercool” erfüllt. Antons Ängste und Sorgen werden einfühlsam und nachvollziehbar geschildert und die Leser*innen sind nah dran an seinen schließlich doch auch spannenden Ferienabenteuern. Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag sich an aktuellen diskriminierungssensiblen Diskursen orientiert und für eine nächste Auflage die diskriminierende Bezeichnung für “Native Americans” ersetzt. 

Karuna Riazi: Paheli. Spiel um alles oder nichts

übersetzt von Cornelia Panzacchi, Thienemann, 288 Seiten, 14,99 Euro, ab 10

Was für ein Abenteuer! Das Brettspiel, das Farah ihrem jüngeren Bruder Ahmad zum Geburtstag schenkt, entpuppt sich als Zauberwerk: plötzlich verschwindet Ahmad ins Spielfeld! Farah und ihren Freund*innen bleibt nur ein kurzer Augenblick des Zögerns, dann springen sie hinterher und landen in einer märchenhaften Stadt. Um die Stadt wieder verlassen zu können, müssen die Freund*innen drei schier unlösbare Herausforderungen bestehen. Gleichzeitig müssen sie auch noch unbedingt Ahmad finden… Ob ihnen das gelingt? Dabei ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Geheimnisvolle Sagengestalten bewohnen die Stadt und es gibt sogar eine mysteriöse Verbindung zu Farahs Lieblingstante. Der Mut und der Zusammenhalt der Kinder werden auf eine harte Probe gestellt, doch mit viel Schläue und Witz besiegen sie den Fluch, unter dem die Stadt leidet. Die Familie der Geschwister stammt aus Bangladesh. Die bengalischen Begriffe, die immer wieder ins Buch eingestreut sind, sind in einem Glossar am Ende des Buches erklärt.

Das sagt die Kinder-Jury:

Leseglück auf Umwegen! Gerade die Jungen haben sich vom Cover des Buches überhaupt nicht angesprochen gefühlt und es erforderte einige „Überzeugungsarbeit“. Cover und Titel sind irreführend, denn die Geschichte handelt ja keineswegs von einem Mädchen namens Paheli. Das Cover der englischen Originalausgabe gefiel Jungen wie Mädchen deutlich besser, weil es drei verschiedene Kinder zeigt und damit entspräche es auch dem Inhalt besser. Nach der Lektüre waren die Kinder entsprechend allesamt überrascht – und begeistert: Die Geschichte bietet eine abwechslungsreiche Handlung und Spannung pur, sowie durch die sehr unterschiedlich angelegten Charaktere der Kinder ein hohes Identifikationspotential jenseits üblicher Geschlechterrollen für viele verschiedenartige Kinder – das ist sehr empowernd! Und … das Lesen mit Hilfe des bengalischen Glossars war sehr interessant!

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine spannende Fantasy-Geschichte, in der eine Gruppe von Kindern unterschiedlicher Charaktere und Fähigkeiten abenteuerliche Herausforderungen bewältigen muss. Paheli und ihr Bruder sind PoC. Kritisch anzumerken ist aus unserer Sicht, dass der jüngere Bruder Pahelis Symptome von ADHS zeigt, was aber im weiteren Verlauf der Geschichte nicht weiter aufgenommen wird und die Eltern Paheli viel Verantwortung für ihren Bruder übertragen. Besonders gut hat uns gefallen, dass es am Ende eine nachvollziehbare Erklärung für den „bösen“ Gegenspieler gibt. Schade, dass das Cover der deutschen Ausgabe so exotisierend ist, ebenso wie das altertümliche Setting der „orientalischen“ Stadt.  

Nikola Huppertz & Tobias Krejtschi: Meine Mutter, die Fee

36 Seiten, Tulipan, 15 Euro, ab 4

Ein sehr poetisches Buch über eine depressive Erkrankung! Von Anfang an durchzieht das Buch eine sehr melancholische Atmosphäre. Wir sehen die Mutter niedergeschlagen im Nachthemd auf dem Sofa liegen und den ratlosen, traurigen Blick von Fridi, der Tochter, die gerade aus der Schule gekommen ist. Vergeblich versucht Fridi, die Mutter aufzuheitern. Überall an den Wänden hängen für ein Familiendomizil eher ungewöhnliche Bilder: Böcklins „Toteninsel“, der „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich und die „Abendlandschaft mit zwei Männern“. Auch die gedämpfte Farbgebung und der leichte Grauschleier, der die sparsamen großflächigen Illustrationen überzieht, unterstreichen die triste Stimmung, die in der Familie herrscht. Als die Mutter sich immer mehr zurückzieht und auch ihre Musikschüler*innen vor der Tür stehen lässt, erklärt der Vater Fridi, dass die Mutter eine Fee sei. Das will die Tochter nicht glauben, denn ihrer Ansicht nach sind Feen schön, und das sei die Mutter mit ihrem Nachthemd und den verstrubbelten Haaren nicht. Erst als sie sich an innige Moment mit der Mutter erinnert, als sie gemeinsam Gedichte gelesen haben oder die Mutter Querflöte spielte, kann sie diese Erklärung akzeptieren. Als die Mutter „verreist“ und lange abwesend ist, wohl in die Psychiatrie eingeliefert wird, was im Buch so nicht benannt wird, tröstet dieses Bild der „guten Fee“ die Tochter in dieser schweren Zeit. Fridi weiß nämlich, „dass eine Fee für immer zu den Menschen gehört, denen sie sich zu erkennen gibt“, wie auch das Familienbild aus glücklichen Tagen auf der Kommode beweist.

Das sagt die Kinder-Jury:

Einige Kinder waren sehr irritiert darüber, dass die Mutter eine Fee ist. Sie diskutierten heftig darüber, ob das wirklich sei, ob ihre Flügel „echt seien und was das alles bedeute“. Für andere Kinder war der Vater die interessantere Figur.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Aus unserer Sicht wäre es notwendig, dass Fridi neben der tröstenden Erklärung, dass die Mutter eine Fee sei, doch auch eine sachlich richtige, altersangemessene Begründung für den Seelenzustand ihrer Mutter erhält. Möglicherweise ist dieses Buch eher für Kinder im Grundschulalter empfehlenswert.

Julie Völk: Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh

32 Seiten, Gerstenberg, 16,95 Euro, ab 4

Ein Buch ganz ohne Text! Farbenfrohe Buntstiftzeichnungen illustrieren den morgendlichen Schulweg zweier Geschwister, unterwegs treffen sie ihre Schulkamerad*innen. Wir sehen immer wieder, wie sich die verschiedenen Kinder von ihren Eltern verabschieden und zu den anderen Kindern stoßen. Viele Häuser sind offen, sie gewähren so einen Einblick ins Leben ihrer Bewohner*innen und zeigen vielfältige Wohnsituationen: die Kinder leben auf einem Bauernhof, in einem Zirkuswagen, die Eltern haben eine Bäckerei oder eine Zoohandlung. Einige Menschen stehen gerade auf, andere schlafen noch, während einige schon ihre Arbeit begonnen haben. Die Illustrationen sind voller fantastischer Details, die es zu entdecken gilt: in der Autowerkstatt befinden sich Krokodile, im Birkenwald verstecken sich Zwerge, sogar die Litfaßsäule wird von einem Mann bewohnt…Auch die Personen sind vielfältig, wir begegnen kleinen und großen, jungen und alten, dicken und dünnen Menschen verschiedener Hauttöne, Frisuren und Kleidungsstile. Ein Kind benutzt einen Rollstuhl. Allerdings bleibt offen, wie es dieses Kind in die Schule schafft – am Eingang gibt es weder eine Rampe noch einen Fahrstuhl!

Das sagt die Kinder-Jury:

Den Kindern machte das Buch großen Spaß, sie haben auf den Seiten immer wieder etwas Neues entdeckt. Sie haben die verschiedenen Bewegungen der Kinder nachgemacht und viel erzählt.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Im Buch wird Vielfalt auf beiläufige Art und Weise dargestellt. Kritisch aus unserer Sicht ist, dass wieder einmal das einzige Kind, das eine offensichtliche Behinderung hat, das Kind ist, das einen Rollstuhl benutzt. Wünschenswert wäre, dass auch Menschen mit weiteren Formen von Behinderung dargestellt werden. Fraglich ist auch, ob einzelne Aspekte von Pippi Langstrumpf unbedingt im Buch erscheinen müssen – die Debatte um die problematischen Inhalte dieses beliebten Kinderbuchs steht einer unproblematischen Bezugnahme entgegen. D

Jutta Wilke: Stechmückensommer

208 Seiten, Knesebeck Verlag, 15 Euro, ab 12

„Eine Made ist weiß. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made. Mir ist das egal. Sie können mich nennen, wie sie wollen. Ich höre sowieso nicht hin. Eigentlich heiße ich Madeleine. Ich bin fast vierzehn.“

Madeleine soll eigentlich ihre Zeit im Ferienlager in Schweden genießen. Aber auch dort kann sie nicht von ihren Erfahrungen in der Schule und ihrer Familie abschalten. In der Schule wird sie gemobbt, weil sie nicht ins typische Mädchenbild passt. Als sie auf einem Ausflug zufällig von dem Teenager Julian entführt wird, weil der einen VW-Bus brauchte, um ans Nordkap zu kommen, geht ihre Reise los. Mit Vincent, einem Jungen mit Down-Syndrom, nimmt das Abenteuer richtig Fahrt auf. Ein spannender Road-Trip durch Schweden, der so abrupt beginnt, wie er endet.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

In sehr schöner und verdichteter Sprache werden in diesem spannenden Roadmovie die Konflikte von drei Jugendlichen einfühlsam beschrieben. Verschiedene Vorurteile, z. B. Fatshaming und gegen geistig behinderte Menschen, werden benannt, aber hinterfragt und erklärt. Dabei fanden die Jugendlichen der Jury diese, wenn auch realistisch, doch teilweise in zu krass diskriminierender Sprache reproduziert. Da den Vorurteilen und Diskriminierungen aber stets unmittelbar und auch von den Betroffenen selbstbewusst gekontert und widersprochen wurde, sodass sie in den Situationen ausgeräumt wurden, hat sich die Jury dennoch für das Siegel zum Buch entschieden.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Eine nicht alltägliche Ausgangslage: Drei Jugendliche, die alle in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen, treffen in der schwedischen Wildnis aufeinander und schlagen sich mit viel Kreativität und Courage durch. Verständlich, dass dabei gewisse Regeln nicht immer eingehalten werden können. Die gemeinsame Reise wird auch zu einer Art Entwicklungsprozess. Denn die Jugendlichen hegen zu Beginn durchaus Vorurteile gegeneinander und lernen im weiteren Verlauf, dass diese den eigenen Blick einengen und die andere Person verletzen. Indem es ihnen gelingt, die eigenen Vorurteile aufzulösen, können sie Vertrauen zueinander aufbauen und die Herausforderungen meistern, die ihnen begegnen. Ohne moralischen Zeigefinger führt das Buch einfühlsam vor Augen, dass jede Person, ungeachtet ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer psychischen Verfasstheit, Stärken und Fähigkeiten hat.

Ein großartiger Einblick in die Gefühlswelt eines Mädchens, das nicht in die Erwartung anderer Menschen passt. Außerdem eine spannende Reise dreier Teenager, die sich selbst suchen und ganz nebenbei die Bedeutung von Freundschaft entdecken. Nicht zuletzt schafft es das Buch auch noch, eine Hauptfigur mit Down-Syndrom zu haben, ohne sie deswegen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Mehr davon.

Pija Lindenbaum: Pudel mit Pommes

übersetzt von Kerstin Behnken, 32 Seiten, Oetinger, 15 Euro, ab 4 

Drei große Hunde und der kleine Wauwau leben auf einer Insel. Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen: Kartoffeln, einen Pool, schönes Wetter.  Doch dann bleibt der Regen aus und irgendwann gibt es kaum mehr Kartoffeln und auch aus dem Wasserhahn kommen nur noch ein paar Tropfen. Die Hunde entschließen sich dazu, die Insel in einem Boot zu verlassen. Es ist eine gefährliche Überfahrt, die sie fast mit dem Leben bezahlen. Doch sie haben Glück, völlig erschöpft erreichen sie eine Insel, auf der drei Pudel leben. Dort gibt es alles im Überfluss: Kartoffeln, ein großes Haus, Wasser. Doch einer der Pudel möchte die drei Geflüchteten nicht aufnehmen und vor allem den eigenen Reichtum nicht mit ihnen teilen. So riecht es zwar wunderbar nach Pommes, doch die drei Neuankömmlinge bekommen nur eine kleine Kartoffel und müssen draußen im Zelt schlafen. Zum Glück entscheiden die zwei „netten Pudel“, sich mit den Neuen anzufreunden. Am Ende gibt der „blöde Pudel“ seine störrische Haltung auf und es entsteht eine neue Gemeinschaft.

Das sagt die Kinder-Jury:

„Vielleicht sollten die Blöden auf die Netten hören und nicht die Netten auf die Blöden“ kommentiert Anna das Buch. Sehr interessiert und aufmerksam hörten die Kinder zu, stellten Fragen und kommentierten. Das Schicksal des kleinen Hundes berührte sie sehr und sie waren erleichtert, dass er nicht gestorben war. Auch die Ungerechtigkeit im Buch nahmen sie wahr. Ayla empört sich: „Der Hund lässt sie nicht rein, obwohl das Haus so groß ist und sie so viele Kartoffeln haben!“ Die Frage, ob sie das Buch für die Gruppe haben wollten, bejahten alle. 

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Die Geschichte erinnert an die Fluchtgeschichten vieler Menschen, die in kleinen Schlauchbooten über das Mittelmeer kamen, um eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder zu finden. Anhand der drei Hunde wird die Not sehr gut deutlich und auch ihre Entscheidung, ihr Zuhause zu verlassen, ist gut nachvollziehbar. Warum sich der „blöde Pudel“ am Ende anders entschieden und die drei Neuen aufgenommen hat, wird hingegen nicht so richtig verständlich. Ob es sinnvoll ist, das Thema „Flucht“ anhand von Tieren darzustellen, damit sich Kinder vielleicht besser in die Not anderer einfühlen können, kann diskutiert werden. 

Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon typisch Mädchen? (Band 2)

übersetzt von Nina Frey, 416 Seiten, dtv, 10,95 Euro, ab 14

Lottie ist entsetzt vom Sexismus, der ihr immer wieder im Alltag begegnet. Sie beschließt etwas zu unternehmen: vier Wochen lang wird sie auf jede sexuell diskriminierende Situation mithilfe einer Hupe aufmerksam machen. Unterstützt wird sie dabei natürlich von den Spinster Girls. Um noch mehr Aufmerksamkeit auf Lotties Aktion zu lenken, ist Will als Kameramann dabei. Dieser kann mit Feminismus nicht viel anfangen, möchte jedoch Filmemacher werden. Die von ihm im Internet veröffentlichten Clips verhelfen Lottie über Nacht zu landesweiter Bekanntheit. Die Aktion verlangt trotz des großen Erfolges einiges von Lottie ab. Sie ist verwirrt, da sie plötzlich Gefühle für Will entwickelt. Als ob das alles nicht schon genug wäre, steht auch noch das Vorstellungsgespräch an der Cambridge Universität an. Auf dieses Gespräch bereitet sie sich seit Jahren vor. Doch jetzt ist sie sich gar nicht mehr so sicher, welchen Weg sie eigentlich gehen möchte.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Große Begeisterungsstürme für die Spinster Girls! Die ersten beiden Titel dieser Trilogie wurden von der Jury heiß geliebt. Die Idee, jeden Band aus der Sicht eines der Spinster Girls zu erzählen, kam bei den Jugendlichen gut an und es fiel ihnen leicht, sich in die beiden Mädchen hineinzuversetzen. Nicht nur der Schreibstil gefiel, auch das große verbindende Thema der Reihe „Feminismus“ wurde gut in die Geschichten integriert und regte die Leser*innen oftmals zum Nachdenken an. Während der zweite Teil vielen die Augen in Bezug auf Alltagssexismus öffnete, bot der erste Band zudem eine realistisch anmutende Darstellung des Themas Zwangserkrankung und schnitt das Thema Integration in der Gesellschaft an. Auch die Cover überzeugten die Jury auf ganzer Linie: coole Covergestaltung und treffende Titelformulierungen. Der dritte Band wird sehnlichst erwartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

In diesem Band steht ein anderes Mädchen der Spinster Girls im Fokus: hier ist es Lottie, die den Kampf gegen den alltäglichen Sexismus aufnimmt. Natürlich sind auch die Freund*innen dabei. Der Handlungsverlauf war aus unserer Sicht in diesem Band nicht immer völlig überzeugend, und auch die Liebesgeschichte zwischen Lottie und Will wirkte etwas konstruiert. Dennoch ein wichtiges Buch, das Denkanstöße gibt!

Jan von Holleben & Jörg Isermeyer & Arne Jørgen Kjosbakken: Meine wilde Wut

30 Seiten, Beltz & Gelberg,  12,95 €, ab 4

Schon das Cover stellt „Wut“ anschaulich dar: wir sehen ein Kind mit wütendem Gesicht, aus dem Kopf lodern verschiedene Gegenstände in Gelb und Rot. Die folgenden Seiten zeigen fantasievolle Fotomontagen von Kindern verschiedener Hauttöne in typischen Situationen, die wütend machen (können): beim Streit um einen Teddybären, wenn etwas nicht gelingt, weil es zu schwer ist oder wenn Papas Aufmerksamkeit beim Handy liegt und nicht beim Kind… Assoziative Texte laden dazu ein, mit Kindern über Wutanfälle ins Gespräch zu kommen und was in derartigen Situationen hilfreich sein könnte. Ob dieses Fotobuch bewusst aus dicker Pappe produziert ist, damit es auch kindliche Wutanfälle aushält?

Das sagt die Kinder-Jury:

Eine Kindergruppe hat keinen Zugang zum Buch gefunden, für sie war der Text schwer verständlich, weil sich ihnen der übertragene Wortsinn nicht erschlossen hat. Die Bildbetrachtung ohne den Text hat die Kinder zu Gesprächen über Gefühle angeregt. Einigen haben vor allem die Bilder gefallen, sie haben die dargestellten Verhaltensweisen nachgeahmt, stampften mit dem Fuß, guckten grimmig und wollten das Buch unbedingt für die Kita anschaffen.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Nicht nachvollziehbar für uns ist das Gedicht „Die fliegende Roberta“ am Ende des Buches. Hier wird der Versuch unternommen, das Gedicht „Der fliegende Robert“ aus dem Struwwelpeter“ umzudeuten in einen Akt der Befreiung. Dies ist immer problematisch, weil auf diese Weise auch das ursprüngliche Setting mit all seinen negativen Implikationen wieder ins Bewusstsein gerufen wird.