Oliver Jeffers: Die Fabel von Fausto

erschienen bei NordSüd, ab 6 Jahren

Vielfaltskriterien: Menschlicher Egozentrismus, Machtmissbrauch, Habgier, Hochmut des Menschen

KIMI-Faktor: Was will der Mensch? Was sind seine Ziele? Wie (rücksichtslos) geht er vor, seine Ziele zu erreichen? Die Fabel erzählt, was Habgier aus einem Menschen macht.

Inhalt: Fausto glaubt, dass ihm die Welt gehört. Rücksichtslos eignet er sich alles an. Er befiehlt der Blume, dass sie ihm gehören solle, selbiges macht er mit dem Schaf, dem Baum, dem See. Besitz erfüllt ihn mit tiefer Genugtuung. Falls jemand sich weigert, spielt er sehr deutlich seine Macht aus, indem er beispielsweise schreit oder mit den Füßen auf den Boden stampft. Als Letztes soll ihm das Meer gehören, doch in der Weite des Meeres endet seine Gier im Nirgendwo. Als Fausto dem Meer zeigen will, wer das Sagen hat, steigt er aus dem Boot und da er nicht schwimmen kann, geht er unter. Fortan gehen alle wieder ihres Weges, so als ob es Fausto nie gegeben hätte.

Jurystimme: „Ein Bilderbuch, welches Leser*innen zum Nachdenken anregt. DieFabel vom Hochmut des Menschen setzt der Autor mit klaren und ausdrucksstarken Worten um, begleitet von Bildern mit bestechender Präzision.“

Jean-Claude Grumberg: Die große Moschee von Paris

illustriert von Ulrike Möltgen, erschienen bei Astrolab, ab 6 Jahren

Vielfaltskriterien: Religion, Krieg, Solidarität, Hilfe, Judenverfolgung

KIMI-Faktor: Dieses Bilderbuch für ältere Kinder erzählt von Menschlichkeit und Mut.

Inhalt: Während der Besetzung von Paris durch die Nazis waren Jüd*innen vor der Verhaftung und Deportation in ein Konzentrationslager nicht sicher. Nur wenige Pariser*innen waren bereit, ihr eigenes Leben zu riskieren, um ihnen zu helfen. Dennoch fanden viele Verfolgte Zuflucht in dem weitläufigen Komplex der Großen Moschee von Paris. Dieses Bauwerk war nicht nur ein Ort der Verehrung, sondern auch ein Gemeindezentrum. Er war ein ideales vorübergehendes Versteck für entkommene Kriegsgefangene und Juden jeden Alters, einschließlich Kinder.

Jurystimme: „Ein wichtiges Stück Geschichte, was bisher kaum erzählt wurde.“

Michael Sieben: Das Jahr in der Box

erschienen bei Carlsen, ab 13 Jahren

Vielfaltskriterien: Mobbing, Homosexualität, dysfunktionale Familienkonstellationen, Freundschaft, Trauer, Gewalt, Glück, Wut und erste Liebe

KIMI-Faktor: Ein Jugendroman, der vielfältige Charaktere beschreibt, der zeigt, wie man sich wehren kann, der Stellung bezieht und Leser*innen nicht verschont.

Inhalt: Es ist die Geschichte von Paul, 16 Jahre alt, der schon wieder mit seiner Mutter umziehen muss, wie schon so oft, diesmal aus dem Haus seines Opas hinaus, der gestorben ist. Er soll seine Sachen packen, tut sich aber schwer damit. Er sitzt vor einer Schachtel mit Dingen, die ihn an das letzte Jahr erinnern: das Kennenlernen seiner ersten Liebe, viel Mobbing, echte Freundschaft und ein Todesopfer. In der Klasse tut Paul sich mit den anderen zwei Mobbingopfern zusammen, alles Einzelgänger, aber Leidensgenossen. Ken ist ein schmächtiger, zappeliger Junge aus reichem Hause, ein Großmaul, aber kreativ und hilfsbereit, Mehmet ein dicker, schüchterner türkischer Junge und eine treue Seele. Sie ergänzen sich in ihren Stärken und Schwächen sehr gut und wagen es, sich zu wehren. Bei einer gefährlichen Aktion in einem ruinösen verlassenen Gebäude stürzt Mehmet durch ein Loch im Boden und kommt dabei zu Tode. Und erst jetzt stellt sich heraus, dass er in Paul verliebt war – dabei half er ihm, sich dem Mädchen zu nähern, in das er, Paul, sich verliebt hatte.

Jurystimme: „Das Buch ist spannend bis zur letzten Zeile.“

Ted van Lieshout: Sehr kleine Liebe

Illustriert von Brigitte Püls, erschienen bei Susanna Rieder Verlag, ab 14 Jahren

Vielfaltskriterien:

Sexueller Missbrauch an Minderjährigen

 

KIMI-Faktor:

Das Buch erzählt poetisch und leise. Der sexuelle Missbrauch wird fast übersehen, aber wenn er einem bewusst wird, dann schneiden die Worte ins Herz und nehmen einem den Atem. Sexueller Missbrauch an Minderjährigen ist sexueller Missbrauch und darf nicht passieren. Wenn doch, dann sind die Beteiligten Opfer und Täter – wenn sie sich dazu machen oder machen lassen.

Ohne Selbstmitleid oder Schuldzuweisungen zeigt der Autor, dass Missbrauch nicht zwangsläufig zur Zerstörung führen muss. Missbrauch kann man überleben. Menschen mit Missbrauchserfahrungen sind nicht verloren. Das leuchtet ein, ist aber doch eine sehr mutige Position.

 

Inhalt:

In Gedichten und Briefen erzählt Ted von seiner Freundschaft zu Herrn M., die irgendwann weiter geht, als eine Freundschaft zwischen einem Jungen und einem erwachsenen Mann gehen darf. Doch worum genau es geht, wird den Leser*innen in den ersten Gedichten noch gar nicht ganz klar.

Berührung: Ich war ein Junge, doch nicht länger war ich mir allein. Auch Ihnen musste ich sein um zu dulden, dass sie mich anrührten. Dass Sie an mir sich rührten. Sie rührten mich an. Sehen Sie, Sie berührten mich.

Anfangs ist es nur ein etwas eigenartiges Gefühl, das einen beim Lesen überkommt. Erst in den Briefen, die sich Herr M. und Ted 25 Jahre später schreiben, wird klar, was man zuvor erahnt hat: Die beiden haben eine ungleiche und doch von beiden Seiten gewollte Beziehung geführt, eine Beziehung, die beiden Partnern gut getan hat – dem einen körperlich und dem anderen psychisch. Missbrauch wird im Buch als Bedürfnis dargestellt, dass nicht missbrauchen heißt, sondern die Folge einer Sehnsucht nach Berührung ist. Missbrauch wird dargestellt als eine Form von Liebe und Aufmerksamkeit. Das auszusprechen, ist mutig.

„Als ich ein Junge war, bin ich einem Mann begegnet. Er schenkte mir Aufmerksamkeit und damit das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Das gefiel mir. Als er mehr von mir wollte, fand ich, er hätte das auch verdient. Als Belohnung sozusagen. Aber eigentlich ist er zu weit gegangen. Darum bin ich eines Tages gegangen und nicht wiedergekommen.“ Der Autor gibt dem Leser / der Leserin eine neue Sichtweise auf Missbrauch. Missbrauch schadet, das ist unbestritten. Aber, was Beschädigte in ihrem Leben daraus machen, das liegt bei Ihnen selbst.

Im Buch heißt es: „Ich konnte und wollte es nicht vergessen. Ob ich dadurch einen Schaden davongetragen habe, lässt sich nur schwer sagen, aber wenn dem so ist, dann bedeutet das noch nicht, dass ich diesen Schaden rückgängig gemacht haben will. Alles, was mir widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, ist nun mal Teil meiner Existenz, Teil der Person, die ich geworden bin – und das lasse ich mir nicht mehr abnehmen.

 

Jurystimme:

„Das Buch klingt lange nach.“

„Dieses Buch vergesse ich nicht“

Jesper Lundqvist: Kivi & der Monsterhund

illustriert von Bettina Johansson, erschienen bei Maria Benson Verlag, ab 3 Jahren

Vielfaltskriterien: geschlechterneutrale Sprache

KIMI-Faktor: Eines der wenigen und ersten Bücher mit dem geschlechtsneutralen Pronomen hen. Beim Erzählen einer Geschichte wird aufGeschlechterzuschreibungen verzichtet.

Inhalt: Das Vorwort beginnt mit der Frage „Wozu hen?“. Die einzigartige Geschichte wurde von Jochen Barthel übersetzt. Das geschlechtsneutrale Pronomen hen wurde, ohne Veränderung vom Schwedischen ins Deutsche in „Kivi & Monsterhund“ übertragen.In Kivi & Monsterhund geht es um Kivi, ein Kind mit einem großen und starken Wunsch. Hen wünscht sich so sehr einen Hund, dass die ganze Familie damit verrückt gemacht wird. Als hen eines Morgens wach wird, steht Monsterhund vor der Tür. Riesig, hässlich, schlabbernd und stinkend, raubt Monsterhund allen die Nerven- besonders Kivi. Die Situation mit Monsterhund spitzt sich so zu, dass sogar die Polizei und die Feuerwehr anrücken müssen.

Jurystimme: Es braucht hen, schon allein deshalb, weil mit Kivi jeder für sich nachspüren kann, wie gern wir Kivi zu einem Er oder einer Sie und manchmal zu etwas dazwischen machen wollen. Kivi zeigt, dass mit einer geschlechtsneutralen Sprache, das Geschlecht in den Hintergrund und der Mensch mit seinen vielen anderen Eigenschaften in den Vordergrund rückt.“

„Wir danken allen die an „Kivi & Monsterhund“ beteiligt waren und somit den Schritt gewagt haben, etwas Neues und gleichzeitig so Überfälliges in die Kinderbuchliteratur zu bringen. Wir hoffen auf weitere Bücher in geschlechtsneutraler Sprache und auf kreative Lösungen um weg zu kommen von dem binären Geschlechtssystem.“

Die Juryarbeit startet!

Wir sind dankbar und sehr glücklich euch mitteilen zu können, dass uns wieder zahlreiche Bücher erreicht haben. Unsere Jurymitglieder*innen starten jetzt mit dem Lesen und wir können gespannt bleiben.

Falls ihr auch Lust habt ein Teil unserer Jury zu werden, dann Augen auf und weiterlesen!

Für unsere Jugendjury suchen wir noch fleißige Leser*innen

Bewerben könnt ihr euch mit einer Mail an folgende Adresse: Kimi-jury@web.de Wir freuen uns auf euch!

KIMI-Siegel als Download

Die Siegel stehen für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Medien, den ausgezeichneten Verlagen, Autor*innen und Illustrator*innen kostenfrei zur Verfügung.

Sollten Sie ein anderes Format benötigen, wenden Sie sich an margarete.goj@kimi-siegel.de.

Wir freuen uns über Ihre Presse-Beleg-Hinweise für unseren Pressespiegel(Gern als Mail an margarete.goj@kimi-siegel.de)

4. Bücher-Konferenz

Am 20. März 2020 fand die 4. Buchkonferenz in kleinem Rahmen statt.
Es erfolgte die Auswertung aller Fragebögen der Erwachsenen- und der Jugendjury. Nominiert sind nun 9 Longseller, über 130 Bücher und Hörbücher, die das KIMI-Siegel erhalten, sowie 40 positive Erwähnungen.
Vormerken: die Bekanntgabe erfolgt im Mai!

Hier eine kurze Impression zu dem Treffen.