Yaroslava Black: Zug der Fischer

illustriert von Ulrike Jänichen, erschienen bei Carlsen, ab 5 Jahren

Vielfaltskriterien: Eurowaisen, Familienkonstellationen

KIMI-Faktor: Der Journalist Keno Verseck appelliert an die Emigrations- und Immigrationsländer, wirtschaftlich enger zusammenzurücken und dafür zu sorgen, dass der Arbeitsmarkt in den osteuropäischen Ländern gestärkt wird. Das größte Problem jedoch sei die Ignoranz der Situation seitens der Europäischen Union, die es hinnimmt, dass Millionen Kinder ohne Eltern aufwachsen müssen.

Inhalt: Marika wächst in Brusturiv in der Ukraine auf. Die Bewohner Brusturivs „kennen sich alle wie eine große Familie. Wenn jemand Geld vergessen oder vertrunken hat, zahlt immer einer für den anderen in Not.“ Im Sommer geht sie Blaubeeren in den Karpaten sammeln, um sie anschließend auf dem Mark zu verkaufen. Wenn sie alle Beeren verkauft, und viel spart, kann sie sich auch eine Kleinigkeit für sich selbst kaufen. Irgendwann wird sie die Harry Potter – Bücher lesen, denn der ist – so wie Marika – ohne Eltern aufgewachsen. Nur sind ihre Eltern nicht tot, sondern in einem anderen Land, um dort Geld zu verdienen. Manchmal schicken sie ihr per Western Union Geldscheine, damit sie sich warme Kleider und Kuhfutter oder etwas für Großmutter kaufen kann. Das ist in Brusturiv keine Seltenheit, viele Kinder aus ihrer Schule leben bei ihren Großeltern oder kommen bei anderen Verwandten oder Nachbarn unter. Die Kinder vermissen ihre Eltern natürlich, aber hier fehlt es schlicht und einfach an Arbeit. „Marika hat unter ihrem Kissen alle Briefe der Mutter liegen, zwei Lebenszeichen pro Jahr: einmal zum Geburtstag und einmal zu Weihnachten“. Auch dieses Weihnachten kommt Marikas Mutter nicht nach Hause, aber sie hat wieder einige Dollar-Scheine geschickt. Am Fluss stößt sie auf die anderen Kinder im Dorf, die ebenfalls Scheine von ihren Eltern bekommen haben. Zusammen bemalen sie ihre Scheine mit dem Jesuskind und der Heiligen Maria und versehen sie mit einer Botschaft an ihre Eltern. Dann lassen sie die blauen Geldnoten in den Fluss fallen. „Sobald die Scheine das Wasser berühren, verwandeln sie sich in blau glänzende Fische und schwimmen davon, schwimmen zum Meer, nach Italien, in die müden Hände der Mütter“. „Komm zurück!“, steht auf Marikas Schein, denn ohne ihre Eltern ist Christus’ Geburt nur ein ganz gewöhnlicher Tag.

Jurystimme: „Zug der Fische“ ist eines der wichtigsten Kinderbücher, das ich bislang gelesen habe. Es beleuchtet ein Thema, das kaum Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft erhält und doch so gravierend für viele Familien und die gesamte Europäische Union ist.“