Issa Watanabe: Flucht

erschienen bei Carl Hanser, ab 3 Jahren

Vielfaltskriterien: Flucht, Individualität, Menschenrechte

KIMI-Faktor: Diese Geschichte ohne Text vermittelt ein universelles Bild zu den Themen Flucht und Migration, Furcht und Mut, Verbundenheit und Menschlichkeit.

Inhalt: Am Anfang steht der Tod. Er ist durch seinen Totenschädel gekennzeichnet, trägt einen schönen Umhang und sitzt auf einem hinreißenden blau gefiederten Vogel mit rotem Schnabel und roten Storchenbeinen. Auf der nächsten Doppelseite finden beide einen kleinen, verlassenen Koffer. Dann sieht man den Tod mit dem Koffer, der einer Gruppe von Wesen folgt, deren Menschenkörper unterschiedliche Tierköpfe tragen. Sie gehen aufrecht und haben Stoffe um die Schultern geschlungen, führen kleinere Tiere an der Hand, die nicht zusammenpassen: Eine große Häsin führt einen kleinen Elefanten an der Hand, der wiederum einen Frosch. Tiere aus verschiedenen Kontinenten, Wölfe und Löwen, Eisbären und Gänse, wandern einträchtig durch einen Wald aus kahlen Bäumen. Der Tod folgt ihnen auf ihrem Weg; es werden immer mehr, eine Fuchsfrau trägt einen kleinen Hasen in einem Tuch auf dem Rücken. Als sie sich für eine Weile niederlassen, wachsen zwischen den kahlen grünen Stämmen und Ästen wunderbar rote Bäumchen mit grünen Blättern. Hoffnung? Ein Moment der Ruhe und des Ankommens? Schulter an Schulter schlafen die Tiere in ihre Umhänge gehüllt, der Papagei beim Wolf, die Maus beim Krokodil, das Schaf beim Elefanten. Schließlich stehen die Wesen an einem steil abfallenden Berg und wissen ebenso wenig wie der*die Betrachtende, wohin diese schiefe Ebene führt. Blättert man um, sieht man ein Boot auf dunkelblauem Untergrund, auf das die Wesen zueilen. Das Boot schwimmt überfüllt auf dem Wasser, der Tod folgt ihm auf seinem blauen Vogel. Es kommt, was kommen muss, das Boot kentert, die Tiere schwimmen verzweifelt im Wasser, versuchen sich mithilfe der zerborstenen Planken zu retten und halten einander fest. Wenn man nun auf die Details achtet, sieht man, dass der Eisbär das Pfötchen der Hasenfrau festhält, damit sie nicht untergeht, aber auf der übernächsten Seite, als die Überlebenden in ihren Umhängen bekümmert und mutlos wieder auf festem Boden stehen, liegt die Hasendame auf der Erde, betrauert vom Wolf und den anderen. Auf der letzten Seite gelangen die Figuren aus dem düsteren, aber inzwischen mit grauen Blüten bedeckten Wald zu grünen Bäumen mit roten Blättern und ihre Erleichterung darüber ist so anrührend, dass man sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss.

Jurystimme: „Im Unterricht könnte man die Bilder von den Schüler*innen beschreiben lassen – sie werden große Freude daran haben, immer wieder Neues ausfindig zu machen – und unterschiedliche Deutungen besprechen, denn wie jede große Kunst bieten auch Issa Watanabes Bilder Interpretationsspielräume. Neben der kreativen Auseinandersetzung mit den Bildern, sollte man auch auf die realen Hintergründe verweisen und Fluchtursachen sowie das Thema Migration besprechen. Ein ehrgeiziges Projekt wäre die vollständige Verschriftlichung der Bilder in einer Gruppenarbeit, sodass ein ganzes Buch entstünde. Außerdem könnte man manchen Doppelseiten reale Fakten und Zusammenhänge zuordnen, z. B. auch in einer Art Collage.“