Jason Reynolds: Long way down

erschienen bei: dtv, ab 14 Jahren

Vielfaltsmerkmale:

Erfahrungen mit Gewalt und Tod

KIMI-Faktor:

Auf sehr poetische Art und Weise wird Jugendlichen in diesem Werk nähergebracht, dass Gewalt und Rache nur zu noch mehr Gewalt und Rache führen. Und es wird aufgezeigt, dass es einen Ausweg aus der Gewaltspirale gibt.

Inhalt: In Wills Welt gibt es drei feste Regeln: 1. nicht weinen, 2. niemanden verpfeifen und 3. sich rächen. Deshalb ist er fest entschlossen, den vermeintlichen Mörder seines Bruders zu finden und zu erschießen. Mit einer Waffe im Gepäck macht er sich auf und steigt in den Fahrstuhl nach unten, der auf jeder Etage hält. Über acht Stockwerke steigen Personen ein, die ihre eigenen Geschichten über Gewalt, Rache und Mord erzählen und Will dazu bewegen können, sein Vorhaben zu überdenken. Kann er sich aus den Fesseln der Gewalt befreien?

Jurystimme: „Der Jugendroman „Long Way Down” – langer Weg nach unten – von Jason Reynolds ist gar kein Roman, sondern ein langes Gedicht nicht in Kapiteln oder Strophen, sondern in acht Stockwerken. Das Gedicht dauert genauso lang wie die Aufzugfahrt des sechzehnjährigen Will vom achten Stock seines Wohnhauses bis nach unten: genau eine Minute. So long ist der way also gar nicht down – scheinbar! Denn in dieser einen Minute passiert Will in der engen Aufzugkabine unglaublich viel und so dauert es auch durchaus länger, das Buch zu lesen, als nur eine Minute. Damit hat das Buch etwas gemein mit dem berühmten Roman „Finnegans Wake“ von James Joyce, das unlesbar dick ist und den Aufwachvorgang von Finnegan begleitet und alles, was Finnegan währenddessen denkt. Noch etwas hat Finnegan mit Will gemeinsam: Er denkt so, wie er spricht, in seinem Dubliner Dialekt. Und Will erzählt seine Aufzugfahrt so wie man in seiner „Hood“ – seiner neighbourhood, seiner Nachbarschaft spricht. Und hier ist der Unterschied zwischen Finnegan und Will: ihre Hautfarbe. Wills Hautfarbe ist wahrscheinlich deutlich dunkler als die von Finnegan. Und da gibt es noch etwas: Wir wissen nicht, ob das, was Will passiert, er sich nur denkt oder es wirklich passiert. Entscheide selbst: In jedem Stockwerk hält der Aufzug an, und es steigt eine Person zu. Will kennt diese Personen (bis auf eine). Die Personen sind bereits gestorben. Die Personen sind alle erschossen worden. Manche sogar voneinander. Will ist auch auf dem Weg, jemanden zu erschießen. Das ist sein langer Weg nach unten. Nach unten im Aufzug aber auch nach unten in moralischer Hinsicht. Dabei befolgt er nur die drei Regeln: 1.) Nicht weinen, 2.) niemanden verpfeifen 3.) Rache: „Wird jemand den du liebst / getötet / finde den / der getötet hat / und töte ihn“. Will nimmt Rache. Wills Bruder war erschossen worden am Tag zuvor. Will meint den Mörder zu kennen. Er nimmt sich die Pistole seines toten Bruders, die mit 15 Kugeln geladen ist – eine Kugel fehlt – steckt sie sich in den Hosenbund und schleicht sich aus der Wohnung im achten Stock, damit seine Mutter ihn nicht aufhalten kann. Aber im Aufzug begegnen ihm die Menschen, die das tun wollten, oder wollen sie es wirklich tun? Entscheide selbst: Die Personen treten ein, beginnen zu rauchen und erzählen ihre Geschichten, wie es dazu kam, dass sie erschossen wurden. Und immer verlief alles nach den Regeln Nr. 1 bis 3. Aber man hat dabei nicht das Gefühl, dass es deshalb gut und richtig war, dass es nach den Regeln verlaufen ist. Unten am Ende des langen Wegs angekommen, geht die Tür auf, der Zigarettenrauch zieht voraus aus der Kabine, ihm folgen die Gestalten und nach ihnen Will. Wir wissen nicht, wo er hingeht. Reynolds hat seinen Roman als Gedicht geschrieben, weil er, wie er selbst sagt, so präzise wie möglich formulieren wollte. Dazu schien ihm Lyrik geeigneter als Prosa. Bis auf den Wortakzent genau könne man dort festlegen, wie man es meint, was man sagen will. Reynolds will also etwas sehr genau darstellen und keine Deutungsvarianten zulassen. Was ist es, was so völlig klar sein soll? Ich glaube nicht, dass er genau sagen will: Schaut mal, ganz genau so geht es schwarzen Jungs. Ich glaube er will sagen: Schaut, so sind die Regeln und so bleiben die Regeln und wenn man sie nicht durchbricht, dann bleibt man im Gesetz der Regeln. Aber: Entscheide selbst! – Es gibt ein weiteres großes literarisches Vorbild wo es um die Regeln von Ghetto-Gangs geht, die über Generationen unnütze Todesopfer fordern und aus guten Jungs Mörder machen. Nur dass dort die Straßen der Bandenkriege nicht die der Vorortblocks einer U.S.-amerikanischen Stadt sind, sondern die des mittelalterlichen Veronas: Shakespeares Romeo und Julia. Romeo und Julia brechen die Regeln, sie müssen dafür sterben – aber ihre Liebe ist unsterblich! Oder wer kennt Romeo und Julia nicht? Leonard Bernstein hat in seiner Westside-Story das Romeo-und-Julia-Thema wieder aufgenommen und für die U.S.A. aktualisiert. Reynold hat es in der Innenschau des jungen Will ausbuchstabiert in genauester, nächstgehender Lyrik. Ich verstehe nur nicht, ob Will mit den anderen im ersten Stock oder im Erdgeschoss aussteigt. Es gelingt mir nicht das eindeutig aus dem Text zu ermitteln. Ob das eine Bedeutung hat? Entscheide selbst!“

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