Holly Bourne: Spinster Girls – Was ist schon normal? (Band 1)

übersetzt von Nina Frey, 416 Seiten, dtv, 10,95 Euro, ab 14

als eBook erhältlich

ISBN-10: 3423717971 ISBN-13: 978-3423717977

Vielfaltsmerkmale: Leben mit einer psychischen Störung, Sexismus, Freundschaft, Identität

Kimi-Faktor: Das Buch sensibilisiert für den Umgang mit psychischen Störungen und zeigt, dass es nicht an Aufklärung, sondern eher an Distanzlosigkeit mangelt. Vorschnell werden Störungszuschreibungen vorgenommen, die ernsthafte Erkrankungen maginalisieren.

“Spinster Girls – Was ist schon normal” ist das erste Buch einer dreiteiligen Reihe, in der jeweils eine von drei Freundinnen die Hauptrolle spielt. In Band 1 ist das Evie. Sie möchte endlich ein “normales” Teenagerleben führen. Daran war bisher nicht zu denken, aufgrund einer Zwangsstörung ist ihr Leben komplett aus den Fugen geraten. Was das heißt? Evie hat mit dem Essen aufgehört, weil sie glaubte, dass in Lebensmitteln krankmachende Erreger stecken. Egal was sie anfassen musste, überall fasste sie in Krankmachendes. Eine kurze Erlösung war das sich Waschen. Immer und immer wieder. Jetzt können die Medikamente jedoch langsam abgesetzt werden und Evie freut sich darauf, sich zurück ins Leben zu stürzen. Auf ihre beste Freundin muss sie dabei jedoch verzichten: Jane hat nur noch Augen für ihren neuen Freund. Zum Glück trifft Evie da bei ihrem ersten Date (das sich als Katastrophe herausstellt!) auf Amber und Lottie. Genervt von den ganzen Jungsproblemen gründen sie den Spinster Club: Hier diskutieren sie über feministische Themen und machen sich gegenseitig stark. Dabei diskutieren sie heftig u.a. auch darüber, ob heterosexuelles Verlieben kompatibel sein können mit Feminismus, und wenn ja, was bedeutet das konkret? Von ihrer Krankheit erzählt Evie ihren neuen Freundinnen jedoch nichts – auch nicht, als es zu einem Rückfall kommt. Der über alles stehende Wunsch nicht aus der Norm zu fallen hindert Evie daran, sich ihrer Familie und ihren Freundinnen anzuvertrauen und bringt sie an ihre Grenzen. Nach und nach lernt Evie mit ihren negativen Gedanken umzugehen, lernt ihre Gedankenwelt selbst zu steuern, unterstützt durch ihre Familie, ihre Freundinnen und ihre Therapeutin, einen für sie machbaren Weg zu finden. Am Ende stellt Evie fest: Was ist denn eigentlich schon normal? Was das Buch auch zeigt, ist, dass der Umgang mit psychischen Erkrankungen gegenwärtig teilweise respektlos ist. So sind Menschen in unserer Gesellschaft zwar über einige psychische Krankheiten gut aufgeklärt, aber Wörter wie Zwangsstörung oder Panikattake werden maginalisiert und verharmlost, wenn sich Jede*r, die gern Ordnung hält und Angst vor einem Referat als „Zwangi“ oder als Mensch mit einer Panikattacke bezeichnet.

Das sagt die Jugendlichen-Jury:

Große Begeisterungsstürme für die Spinster Girls! Die ersten beiden Titel dieser Trilogie wurden von der Jury heiß geliebt. Die Idee, in jedem Band aus der Sicht eines der Spinster Girls zu erzählen kam bei den Jugendlichen gut an und es fiel ihnen leicht, sich in die beiden Mädchen hineinzuversetzen. Nicht nur der Schreibstil gefiel, auch das große verbindende Thema der Reihe „Feminismus“ wurde gut in die Geschichten integriert und regte die Leser*innen oftmals zum Nachdenken an. Während der zweite Teil vielen die Augen in Bezug auf Alltagssexismus öffnete, bot der erste Band zudem eine realistisch anmutende Darstellung des Themas Zwangserkrankung und schnitt das Thema Integrierung in der Gesellschaft an. Auch die Cover überzeugten die Jury auf ganzer Linie: Coole Covergestaltung und treffende Titelformulierungen. Der dritte Band wird sehnlichst erwartet.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:

Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft durchaus noch immer tabuisiert. Der Autorin gelingt es, einen Jugendroman zu schreiben, in dem Evies Zwangsstörung einfühlsam und nicht überpräsent thematisiert wird. Evie steht vor der gleichen Herausforderung wie alle Jugendlichen: das Finden einer eigenen Identität, das Bedürfnis nach Freundschaft und die Sehnsucht nach Liebe. Durch das Lesen dieses Buches bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, ein Jugendleben irgendwo zwischen scheinbarer Normalität und psychischer Erkrankung zu führen und eine Zwangsstörung neben allen sonstigen Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zu meistern. Die flotte Sprache und humorvolle Szenen lockern das Buch auf und beweisen, dass auch tabuisierte Themen spannend erzählt werden können.

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