Beatrice Alemagna: Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte

übersetzt von Anja Kootz, 46 Seiten, Beltz & Gelberg, 14,95 Euro, ab 5 Jahren

Vielfaltmerkmale:
Familienkonzept, Geschlechterrollen

Der KIMI-Faktor:
Der*die Held*in des Buches ist keinem eindeutigen Geschlecht zuzuordnen – und dieses Buch beweist, dass das Geschlecht eines Charakters gar keine Rolle spielen muss bei einer überzeugenden Geschichte.
Die Mutter des Kindes ist berufstätig, muss auch im Urlaub arbeiten und hat somit keine Zeit für das Kind – eine Lebensrealität, die vielen Familien entspricht.
Das Buch lässt offen, ob die Eltern des Kindes getrennt sind – oder der Vater einfach gerade woanders ist und bietet hier vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Sehr sensibel wird beschrieben, wie das Kind seinen Papa vermisst – aber auch die schöne Vertrautheit zwischen Mutter und Kind am Ende des Tages.
Das Thema Unterhaltungselektronik wird aufgegriffen – der Zwiespalt zwischen Erwachsenen und Kindern, wenn die Erwachsenen dem Kind Spielekonsole, Handy o.ä. verbieten, aber selbst am Computer sitzen. Und was Schönes passieren kann, wenn die Spielekonsole plötzlich verloren geht und die Augen sich für die Natur öffnen.

Inhalt:
Ist es nicht furchtbar langweilig, wenn man in den Ferien ist und es den ganzen Tag regnet? Papa ist nicht da und Mama arbeitet die ganze Zeit am Computer. Was bleibt dem Kind da anderes übrig, als auf der Mini-Spielekonsole Marsmännchen zu töten? Obwohl die Mutter selbst am Computer sitzt, möchte sie nicht, dass das Kind stundenlang vor dem Gerät sitzt und nimmt ihr das Spiel weg. Heimlich holt sich das Kind die Konsole zurück und verschwindet nach Draußen. Am Teich passiert es dann:

Die Konsole landet unwiederbringlich im Wasser! Und fast wie von selbst öffnen sich dem Kind die Schätze der Natur: es wühlt in der Erde und spürt Körnchen und Wurzeln, es trinkt den Regen, führt Fantasie-Gespräche mit Schnecken, sammelt bunte Steine, erlebt kleine Abenteuer und kehrt schließlich patschnass ins Haus zurück. Bei einer heißen Tasse Schokolade sehen wir das Kind und die Mama beieinander sitzen. „Es brauchte nur das. Sonst nichts. An diesem magischen, unglaublichen Tag voller Nichts.“
Auf großflächigen Bildern begleiten wir das Kind auf seiner Entdeckungsreise durch den Wald. Seine leuchtend orange Jacke sticht deutlich aus den erdigen Tönen der Natur hervor. Ganz nah kommen wir dabei dem Kind in seinem sinnlichen Naturerleben, das die Geschichte als Ich-Erzähler*in mit uns teilt. Und auch wir lernen dabei, dass es nur den genauen Blick braucht, um die interessanten Dinge zu entdecken, die uns umgeben

Das sagt die Kinder-Jury:
Vielen Kindern hat das Buch sehr gut gefallen, für sie waren Bilder und Text sehr sprachanregend. Sie hatten viele Ideen, was das Kind machen könnte, nachdem die Spielekonsole ins Wasser gefallen ist. Andere Kinder haben nur schwer Zugang zum Buch gefunden und fragten, wo der Vater sei – waren aber an den Bildern interessiert.

Das sagt die Erwachsenen-Jury:
Das Buch ist optisch anregend durch das Farbenspiel: Kind in knalligem Orange und Umgebung in Erdtönen. Der Titel lässt Fragen im Kopf entstehen “Warum sollte man ein Buch über einen Tag machen, an dem fast nichts passierte”? Man bekommt Lust, zu erfahren, was das soll.
Ganz nebenbei kann man das Thema Trennung der Eltern erahnen – und den Schmerz des Kindes darüber, dass der Vater nicht da ist.
Auch nicht selbstverständlich in vielen Bilderbüchern: Die Mutter ist berufstätig und muss auch im Urlaub am Computer arbeiten. Das entspricht gerade in Ein-Elter-Familien oft der Lebensrealität.
Nicht viele Kinderbücher haben Held*innen, die eine Brille tragen. Auch ist das Kind von seinem Äußeren her und im Dialog mit der Mutter keinem Geschlecht zu zuordnen.
Das Buch erzählt eine stimmige und überzeugende Geschichte, in der verschiedene, durchaus schmerzhafte Kindeserfahrungen eingewoben wurden: Vermissen eines Elternteils und das Erleben, dass der anwesende Elternteil keine Zeit hat und arbeiten muss, obwohl man zusammen in den Ferien ist.

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